Historie







"La mafia non esiste." - "Es gibt sie nicht, die Mafia!" Zur Geschichte der italienischen Verbrechensorganisation gehört, dass ihre Existenz totgeschwiegen oder abgestritten wird. Denn das Gesetz der "omertà" gebietet den Mafia- Mitgliedern Schweigen, wenn ihnen ihr Leben lieb ist. Wo Angst und Verschwiegenheit herrschen, ist es nicht leicht, Ursprünge herauszufinden. Und dennoch lassen sich die Wurzeln der Mafia vermuten und ihre Geschichte zurückverfolgen bis hinein ins 19. Jahrhundert.







Mafia - & ihre Entwicklung


Der Mann singt von den Gesetzen der Mafia, von Blut, Ehre und Verschwiegenheit. Cosa Nostra nennen die Sizilianer ihre Mafia - "unsere Sache". Eben eine Sache, die nur sie, die Sizilianer, verstehen. So wie es der Mafia-Boss Michele Greco erklärt:

"Die Mafia ist in den kleinen sizilianischen Dörfern auf dem Land entstanden. Da hat es immer eine Person gegeben, die besonders intelligent und weise war, um kleine Streitigkeiten zu schlichten. Eben eine Respektsperson. Das ist die eigentliche Bedeutung des Wortes."




Mafia-Boss Michele Greco


Das Wort "Mafia" wurde erstmals 1658 schriftlich erwähnt. Es steht für Wagemut, Hunger nach Macht und für Arroganz. In der Mitte des 19. Jahrhunderts schlossen sich in Sizilien erste Banden zusammen. Sie kämpften gegen den spätfeudalen Adel und gegen den Staat.

Schnell wurden sie respektiert, das Wort des Mafiabosses war Gesetz, und das größtmögliche Verbrechen war und ist der Verrat. Die Zeiten haben sich gewaltig verändert. Aus der Hüterin von Recht und Ordnung in einem Dorf ist die blutrünstige Riesenkrake Mafia geworden.

Die Organisation sitzt an den Hebeln der italienischen Macht. Gerichte führen zwar immer wieder Prozesse gegen die „cosa nostra“, doch Politiker und Richter gehorchen oft den Bossen der Mafia.

1982 kürt die Regierung in Rom Alberto de la Chiesa zum obersten Mafia-Jäger. Da la Chiesa ist Carabinieri-General und hat erfolgreich den Links-Terrorismus bekämpft. Im Mai 1982 wird er Präfekt von Sizilien und sagt der Mafia den Kampf an.

Chiesa: "Es gibt nur eine Macht, die des Staates, seiner Institutionen und Gesetze. Diese Macht können wir nicht abtreten, weder an die Verbrecher, noch an die Gewalttätigen, noch an die Unehrlichen."

Da la Chiesa fordert vom Staat besondere Vollmachten. Er meint es ernst mit dem Kampf gegen die Mafia und deren Bosse wissen das. Am Abend des 3. September 1982 - nur 100 Tage ist er da la Chiesa im Amt - schießen zwei Killer auf ihn. Mitten in Palermo stirbt der General im Kugelhagel zweier Kalaschnikows. Da la Chiesa wurde Opfer, weil der Staat ihn hilflos in Sizilien zurückließ. Die Tochter des Präfekten, Rita da la Chiesa erhebt im Gerichtssaal schwere Vorwürfe.

Rita da la Chiesa: "Als ich in der Aufbahrungshalle der Präfektur ankam, sah ich auf dem Sarg meines Vater den Kranz der Region Sizilien. Ich habe diesen Kranz entfernen lassen. Ich erinnerte mich an das, was Vater 
oft zu uns sagte: 'Wenn die Mafia jemanden umbringt, ist der erste Kranz immer der des Auftraggebers.'"

Vor Gericht steht der Chef der sizilianischen Cosa nostra, Nito Santa Paula. Er soll die Killer für da la Chiesa angeheuert haben. Der Mafia-Boss bekommt lebenslänglich, doch in der zweiten Instanz wird er freigesprochen. Bis heute trägt keiner die Verantwortung für den Tod von Alberto de la Chiesa. Sein Sohn Nando:

"Es gibt keine Verantwortlichen für den Tod meines Vaters. Die Justiz in Italien funktioniert so: Erst werden die Politiker aus den Prozessen entlassen, um die wirklich Kriminellen zu verurteilen, dann kommen auch diese frei."

Alberto da la Chiesa war nur 100 Tage im Amt, sein Tod schockt Italien. Sein Nachfolger bekommt endlich die Sondervollmachten, und am 7. September 1982 wird das Gesetz gegen die Mafia verabschiedet.

Nun ist schon die Mitgliedschaft in der Cosa nostra strafbar. Außerdem kann der Staat den Besitz der Mafia beschlagnahmen. Das neue Gesetz zeigt Wirkung: In den 1980er Jahren werden zahlreiche Strohmänner enttarnt. Unter ihnen sind auch immer wieder mächtige Politiker, wie der Bürgermeister von Palermo.

1987 beginnt in Palermo der "MAXI-Prozess", in dem über 300 Mafiosi verurteilt werden. Wer vor Gericht aussagt, der gilt als Kronzeuge und bekommt eine mildere Strafe und eine neue Identität. Die meisten der Urteile aus dem Maxi-Prozess werden aber doch wieder von der zweiten Instanz aufgehoben. Das ist scheinbar üblich in Italien. Die Richter dort sind von der Mafia gekauft.

Einer der Ankläger im Maxi-Prozess ist Giovanni Falcone. Zehn Tage bevor ein Mafia-Killer ihn erschießt, zeichnet Falcone noch einmal ein Bild von der italienischen Wirklichkeit:

Falcone: "Die Vorstellung eines Frontalkrieges zwischen Politik und Mafia lässt sich schlecht auf die Bekämpfung einer kriminellen Organisation übertragen. Man muss schon zufrieden sein, wenn man die illegalen Aktionen der Mafia auf ein weniger schreckliches Maß reduzieren kann."




Die Ursprünge der Mafia

Mafia - dieser Begriff steht heute für organisiertes Verbrechen weltweit, für Schutzgelderpressung, Drogenhandel und Mord. Die Anfänge der italienischen Mafia liegen vermutlich auf Sizilien, wo sie Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sein soll. Man vermutet, dass der Typ des Mafioso aus der Schicht der sogenannten "Gabelloti" hervorging: Die Gabelloti pachteten Land von Großgrundbesitzern und verpachteten es weiter an die Bauern vor Ort. Als Wächter und Aufseher sorgten sie auf den Plantagen für Sicherheit, zwangen aber die Bauern gleichzeitig zur Abgabe des "pizzu", einem Teil ihrer Ernte. Es war die erste Form von Schutzgeldzahlung. Die Gabelloti wurden im Lauf der Zeit immer mächtiger, eigneten sich Polizeiaufgaben an und stellten ihre eigenen Schutztruppen. Ihre Macht sicherten sie durch Androhung von Gewalt. Nach und nach entstand ein kriminelles Netzwerk, das von Sizilien aus auf die anderen Regionen Süditaliens übergeschwappt sein soll.






Die "ehrenwerte Gesellschaft"

Nach der Einigung Italiens 1861 galten Roms Gesetze auch für Sizilien. Zu diesen Neuerungen gehörten zum Beispiel das Steuersystem und die allgemeine Wehrpflicht. Die Sizilianer zeigten sich wenig begeistert von dieser neuen Situation. Wahrscheinlich hatte auch die Jahrhunderte dauernde und ständig wechselnde Fremdherrschaft dazu geführt, dass die Einwohner jeder neuen Obrigkeit misstrauten. Anstatt die Institutionen des italienischen Staates aufzusuchen, wandten sie sich an die Gabelloti. Aus dem System der Gabelloti entstand im Lauf der Zeit eine Art Schattenregierung, die "onorata società" genannt wurde - die "ehrenwerte Gesellschaft."






Treue bis in den Tod

Noch immer pflegt die Mafia den Mythos, eine Art Kämpfer für die Unabhängigkeit zu sein - auch wenn sie die Menschen schon immer mit Gewalt unterdrückt hat und auch vor Mord nicht zurückschreckte. Ihr oberstes Gebot und ein Garant ihrer Macht war die Einhaltung der "omertà", das Gesetz des Schweigens. In einem blutigen Aufnahmeritual schwören Neuzugänge der Organisation ihre Treue bis in den Tod. Bis heute gilt: Wer die omertà bricht, hat sein Leben verwirkt.






Ein Staat im Staat

Oberstes Ziel der Mafia war es seit jeher, Geld und Macht zu erlangen. Um dieses Ziel zu erreichen, suchte sie die Nähe zu einflussreichen Politikern. Sie hat es nur allzu oft verstanden, bis in die höchsten Etagen der Politik vorzudringen. Auch den Staatschefs Giulio Andreotti und Silvio Berlusconi wurden Verstrickungen mit der Mafia nachgesagt, doch sie wurden freigesprochen. Die Verbindungen zur Politik fielen umso leichter, je schwächer und bestechlicher der Staat war. Schon direkt nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts 1881 besorgte die Mafia die erforderlichen Stimmen für konservative Politiker. Als Gegenleistung verhinderten die gewählten Abgeordneten Gesetze zur Bekämpfung der kriminellen Organisation. Mafia und Politik wuchsen enger zusammen. Darum wird die Mafia auch als Staat im Staat bezeichnet.



Der Duce gegen die Mafia

Einzig dem faschistischen Regime unter Benito Mussolini wäre es beinahe gelungen, die Mafia auszuschalten. Der “Duce“ hatte den “eisernen Präfekten“ Cesare Mori nach Sizilien entsandt. Dieser Mann ging mit allen Mitteln eines autoritären Staates gegen das organisierte Verbrechen vor: Tausende ließ er inhaftieren - oft zu Unrecht Verdächtigte und häufig ohne Prozess. Doch selbst Mussolinis Feldzug gegen das organisierte Verbrechen konnte die “ehrenwerte Gesellschaft“ nicht auslöschen.





Wiedergeburt der Mafia

1943 verpflichtete sich die Mafia, die Invasion der Alliierten auf Sizilien zu unterstützen. Ihren Einfluss auf der Insel und auf dem italienischen Festland konnte sie dadurch noch ausbauen. Zudem baute die sizilianische Mafia nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Kontakte in die USA aus und sicherte sich so eine Vormachtstellung im internationalen Drogenhandel. Auch die Mafia-Organisationen Camorra in und um Neapel und die `Ndrangheta in Kalabrien gewannen nach dem Krieg wieder rasch an Macht und Einfluss




Hierarchie
der sizilianischen Mafia

Cosca - oder auch Clan des berüchtigen Bosses Lo Piccolo


Einige, wichtige Begriffe


Cosca 
bezeichnet die Familien, aus denen sich die Mafia zusammensetzt (innerer Kern). Der Ausdruck geht auf das sizilianische Wort für Artischocke zurück, die als Symbol für den Zusammenhalt stehen soll. Der innere Kern der Cosca besteht in erster Linie aus der Verwandtschaft.

Omertà 
bedeutet im Sizilianischen "Schweigepflicht". Ein Mitglied der sizilianischen Mafia verpflichtet sich dazu, auch unter Todesgefahr keine Geheimnisse preiszugeben.

Pizzo
 bedeutet Schutzgelderpressung. Allein in Italien soll die Mafia schätzungsweise 100 Milliarden Euro jährlich erwirtschaften - doppelt so viel wie der Autohersteller Fiat.

Vendetta 
(sizilianisch: "Blutrache") ist ein traditionelles Sozialritual auf Sizilien. Sie erlaubt es im Mafia-Kodex, abseits des offiziellen Strafrechts privat Rache zu nehmen. 
Infamita bedeutet gemeiner Verrat, auf den die Todesstrafe steht.

Pentiti 
sind Verräter, (Kronzeuge) die bei Gericht oder der Polizei aussagen.




Hierarchiche Struktur







Begriffserklärung


Capo dei tuttel le capi
Oberster Boss

"Commissione" genannt "cupola"

Consigliere
Berater der Cupola bzw. Capo dei capi

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 Comissione Provinciale
Provinzkomission mit allen Capi mandamenti.
bei einer Krisensitzung (mindestens 3 capi mandamenti wird ein Sekretär ernannt, der die Funktion des „Primus Interpares“ inne hat


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 Capodecina
Führt bis zu 10 Capi mandamenti


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Capo mandamento
Repräsentant von mindestens 3 Cosche (capodecina - Familien)

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Sotocapo 
(Unterführer)

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Capo della famiglia, auch genannt "Rappresentante"
Führt einen Familien-Clan – Stadthalter oder Stadtteil-Führer

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"Uomini d'onore" o "soldati" 
(Picciotti)

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Vicino alla famiglia 
(Vertrauter der Familie, Unterstützer)

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 Campanelli 
(Knöpfe)






Hoheitsgebiete der Clans
Die heutige Verteilung der Mandamenti



Ehrenmänner, Macht und kaltblütige Morde  




Die Wurzeln der Mafia reichen bis Anfang des 19. Jahrhunderts auf Sizilien zurück. In der Historie galt der Geheimbund als Gegenmacht zur staatlichen Willkürherrschaft. Später mauserte er sich zu einem florierenden Wirtschaftsunternehmen. 





Das ist die Mafia heute mehr denn je.  Cosa Nostra (zu deutsch: „unsere Sache“) ist der Name der Mafiaorganisation in Sizilien. Dort wird sie seit langer Zeit auch „Societá Onorata“ („Ehrenwerte Gesellschaft“) genannt. Dieser Beiname rührt daher, dass die Cosa Nostra sehr strenge Ehrenregeln hatte. Wie das Verbot, sich gegen Frauen und Kinder zu richten, war zum Beispiel auch der Ehebruch, die Zuhälterei und der Drogenhandel damals durch sizilianische Familien streng untersagt.




Die zehn Gebote der Mafia


1. "Man stellt sich unseren Freunden nicht allein vor - dies geht nur über die Vermittlung eines Dritten."

2. "Lass die Finger von den Ehefrauen unserer Freunde."

3. "Wir machen keine Geschäfte mit Sicherheitskräften. Wir kaufen sie."

4. "Wir besuchen weder Tavernen noch Clubs."

5. "Es ist Pflicht, der Cosa Nostra jederzeit zur Verfügung zu stehen. Auch wenn die Frau kurz vor der Entbindung steht."

6. "Verabredungen werden kategorisch eingehalten."

7. "Die Ehefrau muss respektiert werden."

8. "Wenn man nach etwas gefragt wird, was man weiß, muss man die Wahrheit sagen."

9. "Es ist verboten, sich Gelder anzueignen, die anderen oder anderen Familien gehören."

10. "Wer nicht der Cosa Nostra angehören kann:
- Wer einen engen Angehörigen bei den Sicherheitskräften oder der Justiz hat
- Wer Fälle von Untreue in der Familie hat
- Wer sich schlecht verhält - und sich nicht an moralische Werte hält."




1816

Traditionelle Subkultur auf Sizilien

Die Mafia hat ihre Ursprünge auf Sizilien. Die Insel steht jahrhundertelang unter Fremdherrschaft, 1816 bildet sich das Königreich beider Sizilien (Sizilien und Neapel); der Feudalismus prägt das Land. Die eigentlichen Herren sind die landbesitzenden Barone, die es allmählich in die großen Städte zieht. Ihre Ländereien bestellen Großpächter, so genannte Gabellotti. Zum Schutz und zur Wahrung ihrer Interessen setzen die Gutsherren bewaffnete Wächter, Campieri oder Bravi genannt, ein. Schon früh nutzen diese Wächter aber auch willkürlich ihre Macht, um beispielsweise Bauern zu erpressen.





Gabellotti um 1870



Die fast uneingeschränkt regierenden Großgrundbesitzer im Inneren und Westen Siziliens begannen Ende des 18. Jahrhunderts ihren Hauptwohnsitz nach Palermo oder Neapel zu verlegen. Ihre Ländereien sicherten sie mit eigenen Schutztruppen ab, deren Führer oft zu der Schicht der Großpächter (Gabellotti) aufstiegen, die das Land für eine jährliche Pachtsumme vom Großgrundbesitzer pachteten und dann vor Ort an die Bauern unterverpachteten.


1861

Italienische Einigung

Die entscheidende Entwicklung der Mafia erfolgt nach der italienischen Nationalstaatsgründung 1861 (Risorgimento). Der neuen Regierung gelingt es nicht, das abgelegene Sizilien unter ihrer Kontrolle zu haben. Gabellotti und Bravi gewinnen immer mehr Einfluss, teilweise schließen sie sich zusammen. Später perfektioniert die Mafia diese Tendenz, Verbindungen aufzubauen. Die Bevölkerung hält zu diesen Machthabern. Es bildet sich quasi ein Staat im Staat, in dem das Volk die Mafia anerkennt. Bis heute ist diese antisoziale Parallelgesellschaft das Gefährliche an der Mafia. 





Eine nur mangelnde Umsetzung des staatlichen Herrschaftsanspruchs, die mit hohen Kosten verbunden gewesen wäre, erleichterte es den Gabelloti ihre Stellung als informelle Machthaber zu festigen, bis sie im Laufe des 19. Jahrhunderts schließlich oft die alten Großgrundbesitzer verdrängten, die z.T. unter Druck und Erpressungen der Gabellotti den Großteil ihrer Ländereien verkauften. Einzige Käufer waren wiederum die Gabellotti, die das nötige Kapital besaßen und Gewalt als Abschreckung einsetzten.






Die Macht der Gabellotti und der Pizzu

Die Gabellotti auf Sizilien üben im Laufe der Zeit einen immer stärkeren Druck auf die Barone aus. Sie zahlen eine geringere Pacht an die eigentlichen Eigentümer der Ländereien. Mehr und mehr übernehmen sie Polizeiaufgaben und Gerichtsbarkeit - meist auch mit Gewalt. Im Zuge ihrer willkürlichen Herrschaft zwingen sie die Bauern, ihnen einen Teil der Ernte als Gebühr abzugeben. Wer Schutz will, muss zahlen. Diese feudalen Rechte, die sich bis ins 20. Jahrhundert erhalten haben, sind die Urformen des mafiösen Pizzu, des heute sogenannten Schutzgeldes. 

Der Typ des Mafiosi entstand in den Privattruppen dieser Gabelloti. Wächter und Aufseher auf den Plantagen der Großgrundbesitzer sorgten für Ruhe und Sicherheit in einer Zeit der zunehmenden Gesetzlosigkeit und des Banditentums. Gleichzeitig aber zwangen sie die Bauern zu den berüchtigten pizzu (ein Teil der Ernte als Schutzgebühr).  




Pizzini - kleine Zettelchen mit verschlüsselten Nachrichten -
so kommuniziert die Mafia auch heute noch!
Was man schreibt, kann man nicht abhören....



Entscheidend für die Durchsetzung als Mafiosi war aber eine charismatische und gewalttätige Persönlichkeit, die eine Klientel aufbauen konnte und ein hohes Ansehen bei der Bevölkerung erlangte, da sie sich kongruent zu den sizilianischen Werten verhielt, allerdings in der extremsten Form. Die Gewalt als Grundprinzip genügte nicht zum Aufstieg zu einem Mafioso; Autorität, verbunden mit Vorsicht, Ausgeglichenheit und Schlauheit waren wichtig, wenn der Mafiosi seine Position als Vermittler, Ratgeber, Richter und Beschützer wirkungsvoll  ausüben wollte. Sein Ansehen stieg dabei mit der Anzahl der Personen, die sich ihm anvertrauten. 


1890 

Cosa Nostra, Camorra und 'Ndrangheta entstehen 

Seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1950er-Jahre entwickeln sich organisierte Banden. Die sizilianische Mafia nennt sich Cosa Nostra. Die Banden weiten sich über Sizilien hinaus aus; in der Gegend um Neapel bildet sich die Camorra, in Kalabrien die 'Ndrangheta und in Apulien die Sacra Corona Unita. Mit der Mafia etablieren sich deren Werte und Strukturen, deren Normen, Macht- und Gewaltvorstellungen bei den Bürgern. Zur selben Zeit formiert sich die US-amerikanische Mafia, wegen der meist sizilianischen Herkunft ihrer Mitglieder auch Cosa Nostra genannt.







1900

Sizilien und die Mafia 

In der sizilianischen Gesellschaft war die Gewalt ein akzeptiertes soziales Regulativ in den sozialen Beziehungen, ein normales Mittel zur Interessendurchsetzung und somit ein Maßstab für Ansehen und Ehre. Typisch für Gesellschaften mit fehlendem staatlichen Schutz und mangelnder Rechtssicherheit ist auch das Primat der Privatsphäre. Der Familismus war das dominante gesellschaftliche Wert- und Handlungsmuster. Klientelbeziehungen sowie fehlendes Verantwortungsgefühl und fehlender Gemeinschaftssinn bestimmten das Handeln der Sizilianer. 






Der ferne Staat wurde als korrupter Komplex angesehen, der nicht im Dienste der Bürger stand. Potenziert wurde diese antistaatliche Haltung in Sizilien, als nach der Staatseinigung von 1861 die allgemeine Wehrpflicht und das "norditalienische" Steuersystem in Sizilien eingeführt wurden. Auch das Justizwesen wurde als oktroyiert betrachtet, da es mit einer anderen Normenvorstellung in die Normenwelt des Südens eingriff. 

Die Mafia verkörperte diese sizilianische Mentalität in der extremsten Form und wurde gleichzeitig gefürchtet und respektiert. Auf der einen Seite beutete sie die Bevölkerung durch harte Pachtverträge und erzwungene Abgaben (pizzu) aus, aber andererseits besetzte der Mafiosi in diesem weitgehend staatsfreien Raum die Rolle eines Beschützers, Vermittlers, Ratgebers und Richters , der bereit ist Gewalt anzuwenden, damit die geltenden kulturellen Werte und Normen eingehalten werden. 


1920

Kriminalisierung der Mafia in den USA

Verschiedene Auswanderungswellen bringen zahlreiche Italiener und Mafiosi nach Amerika. Für die italienischen Einwanderer - als ethnische Minderheit suchen sie sich - steht anstatt des traditionellen Ehrbegriffs vor allem der Prestige- und Profitgewinn durch Geld und Vermögen im Fokus ihres Handelns. So kommt es zu illegalem Glücksspiel, Prostitution, während der Prohibition von 1920 bis 1933 zu Alkoholschmuggel, zu Herstellung und Import illegaler Drogen



1934

Der italienische Staat und die Mafia

Das Verhältnis zwischen dem Staat und der Mafia war im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts jedoch nicht von einer Abschottung gekennzeichnet, denn der Staat akzeptierte die Mafia als eine Stütze des Status Quo, die für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung sorgte und das gesellschaftliche Konfliktpotential senkte. Nichtkonformes Verhalten wurde von der Mafia in der Regel sanktioniert. Diebe, Landstreicher, Homosexuelle, Banditen und Huren wurden wirkungsvoll bekämpft. 

Andererseits bemühte sich die Mafia um eine Annäherung an staatliche Institutionen und an die Staatsvertreter vor Ort, um ihre informelle Machtposition langfristig abzusichern und sich einen privilegierten Zugang zu den staatlichen Befugnissen zu verschaffen. Erleichtert wurde dies durch die schrittweise Erweiterung des Wahlrechtes, das ihnen als Patronen einer großen Klientel Einfluss auf bestimmte Politiker sicherte. 

Die Mafia war also fest in der sizilianischen Volkskultur verankert und besaß eine höhere Legitimität als der ferne Staat, der als Fremdkörper erschien. Dies machte die Verfolgung der Mafia so schwierig, denn eine Aufhebung der mafiösen Strukturen hätte schwerwiegende Veränderungen in der sizilianischen Gesellschaft vorausgesetzt. 



Der Faschismus

Dass es eine Möglichkeit gab, die Mafia weitgehend auszuschalten zeigte die Periode des Faschismus von 1922- 1943. Nach der Konsolidierungsphase der Faschisten (1922 bis 1925) wurde C. Mori als Mafiabekämpfer (1925- 29) mit sehr weitreichenden Befugnissen ausgestattet.  





Erstmals zeigte der italienische Staat in ganz Sizilien seine Präsenz und setzte seinen Machtanspruch durch, da der faschistische Staat keine Machtquelle neben sich duldete. Mit staatlichem Terror riesigen Ausmaßes gelang es die Mafia als Organisation weitgehend auszuschalten. Ihren informellen Einfluss auf Teile der Bevölkerung konnten die Mafiosi jedoch behalten, da auch der Faschismus als eine Art Fremdherrschaft angesehen wurde.


1938 


Zurückdrängen der Mafia während des Faschismus 

Lediglich während des Faschismus kann die Mafia eine kurze Zeitspanne erfolgreich zurückgedrängt werden. Benito Mussolini sagt den Mafia-Bossen den Kampf an. Er erkennt die Gefahr ihrer Macht für ihn. So wird der totalitäre Staat aktiv und bekämpft die Mafia mit ihren eigenen Mitteln. 


Er überwacht, bietet Schutz und regelt das soziale und wirtschaftliche Leben, wobei willkürliche Maßnahmen nicht ausgeschlossen werden. Auf Sizilien macht sich der Polizeipräfekt Cesare Mori als Mafiabekämpfer mit sehr weitreichenden Befugnissen einen Namen. 


1945 


Rückkehr der Mafia nach dem Zweiten Weltkrieg
 
Das schnelle Wiedererstarken der Mafia nach dem Zweiten Weltkrieg spiegelt ihren Einfluss und ihre tatsächliche Bedeutung in der Gesellschaft wider. Die Alliierten tun ihr übriges: Bei der Besetzung und neuen Verwaltung Siziliens sichern sie sich beispielsweise die Zusammenarbeit mit den alten Mafia-Bossen. Sie sorgen erneut für Ordnung, gewinnen zunehmend an Macht und Einfluss. 





1955 

Die moderne Mafia 

Die einst traditionelle Mafia wird in den 50er- und 60er-Jahren von der modernen, unternehmerischen Mafia abgelöst. Aus kaltblütigen Mördern werden Geschäftsmänner. Palermo, das im Krieg komplett zerstört wurde, muss neu errichtet werden. Autobahnen werden gebaut. Die Wirtschaft boomt. Die Mafia entdeckt ihre Möglichkeiten im Baugewerbe, bei EU-Subventionen und bei der Ausschreibung öffentlicher Aufträge. Sie ist am Profit interessiert, mehr und mehr an Drogengeschäften, Prostitution, am Waffenhandel. Dabei sichert sie sich die Zusammenarbeit mit einflussreichen Personen und Politikern.



1970 

"Sacco di Palermo" und der Einfluss in die Politik 

Nach dem Zweiten Weltkrieg dulden die Alliierten aus Angst vor dem Kommunismus eine Allianz zwischen der Partei Democrazia Cristiana (DC) und der Cosa Nostra. Später werden dem DC-Politiker Giulio Andreotti Verbindungen zur Mafia per Gericht nachgewiesen. Herausragend für das Zusammenwirken von Politik und Mafia ist aber der "Sacco di Palermo" - die Plünderung Palermos. Vito Ciancimino und Salvatore Lima - er wird 1992 erschossen - machen als Bürgermeister von Palermo bis in die 70er-Jahre mafiose Geschäfte. Dabei werden in Palermo ganze Stadtteile niedergerissen und neu aufgebaut. 






1980 

Die großen Mafiakriege

Zu spektakulärer Berühmtheit gelangt das sizilianische Örtchen Corleone. Nach dem ersten großen Mafiakrieg in den 60er-Jahren holt der neue Boss des Clans der Corleonesi, Luciano Liggio, Anfang der 80er-Jahre zu einem erneuten Schlag aus. Er will die absolute Macht über Palermo und beginnt einen Vernichtungskrieg gegen andere Mafia-Familien. Die großen Mafiakriege zählen zahlreiche Tote. Die Leichen werden für immer beseitigt, oft in Säure aufgelöst. Weitere Opfer: Pio La Torre, der Gesetze zur Bekämpfung der Mafia auf den Weg brachte und der General und Mafia-Gegner Alberto Dalla Chiesa. 







1984

Der erste Pentito

Nach den spektakulären Mafiakriegen kommt es 1984 zu einer entscheidenden Wende im Kampf gegen die Clans. Tommaso Buscetta ist der erste Pentito, der erste reuige Kronzeuge, der bereit ist, Informationen über Handeln und Struktur der Mafia preiszugeben. Zuvor hatte der italienische Staat die Möglichkeit der Straffreiheit und einer neuen Identität für gesprächige Mafiamitglieder geschaffen. Buscetta stirbt im Jahr 2000 an Krebs in New York. 




1986

Die Maxi-Prozesse

In den sogenannten Maxi-Prozessen gelingt den beiden Untersuchungsrichtern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino ein großer Schlag gegen die Mafia. Von Februar 1986 bis Dezember 1987 werden mehr als 400 Personen angeklagt. Der Vorwurf lautet unter anderem: Zugehörigkeit zur Mafia, Mord, Drogenhandel, Schutzgelderpressung. Einer der bekanntesten Angeklagten: der Boss der Corleonesi, Luciano Liggio. Die Mafia-Größen Salvatore Riina und Bernardo Provenzano sind zu dieser Zeit auf der Flucht. Es ist das erste Mal, dass die Urteile nicht in den nachfolgenden Instanzen wieder aufgehoben werden. 






1992

Ermordete Richter Falcone und Borsellino

Die Reaktion der Mafia auf die Maxi-Prozesse ist gnadenlos. Im Mai 1992 wird der Untersuchungsrichter Giovanni Falcone mit seiner Frau und Leibwächtern in die Luft gesprengt. Nur wenige Wochen später, am 19. Juli 1992, sterben Paolo Borsellino und seine Mutter durch eine Autobombe. 






2002

Antonio Giuffre, Marcello Dell'Utri und Silvio Berlusconi

Im April 2002 wird Antonio Giuffre, neben Provenzano die damalige Nummer zwei der Cosa Nostra, verhaftet. Bei seinen Vernehmungen beschuldigt er einzelne Politiker der Partei Forza Italia, unter ihnen Silvio Berlusconi und dessen rechte Hand Marcello Dell'Utri. Es geht unter anderem um Wahlhilfe der Mafia für Kandidaten des Berlusconi-Bündnisses. Dell'Utri wird 2010 wegen Mafiazugehörigkeit in zweiter Instanz zu sieben Jahren Haft verurteilt. Bei Berlusconi kommt es immer wieder zu Anklagen, die aber mit Freispruch, Verjährung oder mit Verurteilung und anschließender Amnestie enden. 






April 2006

Mafia-Boss Provenzano nach 40 Jahren Flucht gefasst

Nach den blutigen Ereignissen der 80er- und 90er-Jahre setzt der neue Cosa Nostra-Boss Provenzano auf eine veränderte Strategie: Großes Aufsehen durch öffentliche Anschläge und Morde gilt es zu verhindern. Stattdessen soll die Mafia komplett untertauchen und nur noch im Hintergrund agieren. Für großes Medieninteresse sorgt die Verhaftung Provenzanos im April 2006 in Corleone. Der inzwischen 73-Jährige war 43 Jahre lang auf der Flucht. Als sein Nachfolger gilt der bis heute flüchtige Matteo Messina Denaro. 






2013

Matteo Messina Denaro

...noch immer auf der Flucht

Matteo Messina Denaro (* 26. April 1962 in Castelvetrano auf Sizilien ist ein Anführer der sizilianischen Cosa Nostra. Er wird auch Diabolik oder Rolex genannt. In Sizilien ist sein Vater Francesco Messina Denaro bekannt unter dem Namen Don Ciccio. Nach der Verhaftung von Salvatore Lo Piccolo 2007 gilt er als möglicher alleiniger Nachfolger von Bernardo Provenzano und damit als Nummer 1 der sizilianischen Mafia. 

Neben der italienischen Polizei wird er auch vom amerikanischen FBI gesucht. Das FBI sieht in ihm einen der gefährlichsten Drogenhändler der Welt und fahndet nach ihm. Er soll enge Kontakte zu großen Drogenhändlern in Kolumbien und zur kalabrischen ’Ndrangheta unterhalten. Seit der Verhaftung von Bernardo Provenzano im Jahr 2006 gilt er als ein möglicher neuer Kopf der Cosa Nostra. 




Messina Denaro ist der Capomafia der Provinz Trapani, seit Vincenzo Virga im Jahr 2001 festgenommen wurde. Bis dahin nur capo-mandamento von Castelvetrano und dem umgebenden Territorium, schweißte Messina Denaro die ganze Provinz zu einem einzigen Mandamento unter seinem Kommando zusammen. 
    
Insbesondere nach der Festnahme Salvatore Lo Piccolos im Jahr 2007 soll er zudem auch an Einfluss in der Provinz Palermo gewonnen haben. Mit der Familie von Brancaccio (einem Stadtteil von Palermo) unterhält er enge Verbindungen; mit Giuseppe und Fillippo Guttadauro, den Regenten der Familie, ist er durch Heirat verwandt. Im Jahr 2000 entging er nur knapp der Festnahme auf dem Territorium von Brancaccio; zudem fand man heraus, dass er sich eine Zeitlang auch in der traditionellen Mafia-Hochburg Bagheria versteckt gehalten hatte. Mitte 2010 wurde Salvatore Messina Denaro verhaftet, der als Mittler und enger Vertrauter für seinen Bruder Matteo fungierte.


Italienischen Ermittlern zufolge hat Denaro im Lauf seiner Verbrecher-Karriere mindestens 50 Menschen persönlich umgebracht oder umbringen lassen. Einmal soll er mit eigenen Händen eine schwangere Frau erdrosselt haben. Hierbei handelt es sich um den Mord an Vincenzo Milazzo und Antonella Bonomo. Milazzo war ein Mafiakollege auf der gleichen Seite wie Messina Denaro, allerdings hatte er das Vertrauen seiner eigenen Leute verloren. Tatsächlich aber waren eine ganze Reihe von Mafiamitgliedern, unter anderem auch Leoluca Bagarella, der Schwager Salvatore Riinas, an dem Doppelmord beteiligt, zum Erwürgen der Frau nutzten sie ein Seil. Ob Bonomo schwanger war oder hoffte, durch das Betteln um das Leben ihres ungeborenen Kindes, könne sie ihr eigenes Leben retten, lässt sich heutzutage nicht mehr sagen. 

Denaro gilt als Vertreter der „neuen Generation“ der Cosa Nostra. Er rühmt sich selbst damit, mit seinen Opfern einen ganzen Friedhof füllen zu können. Bekannte von früher berichten, der junge Matteo Messina Denaro sei gern mit einem Porsche voller Champagner-Flaschen aus seinem Heimatort Castelvetrano hinab an die Strände von Selinunt gefahren, um dort rauschende Partys zu feiern.