Patinnen

...nein, so sehen sie nicht aus...






...so schon eher... Verhaftungen Juli 2014...








Italiens Justiz stellt die Familie über das Gesetz. Selbst wenn eine Ehefrau mehr als 20 Jahre lang mit einem Mörder untergetaucht war, gilt sie nicht als Komplizin, sie macht sich nicht mal der Beihilfe schuldig. Keine Ehefrau kann gezwungen werden, gegen ihren Mann auszusagen. Deshalb wurden bis vor kurzer Zeit Ehefrauen von Mafiaosi nicht einmal vor Gericht geladen.

Das macht die Frauen für die Mafia so wertvoll. "Ich weiß nichts von der Mafia. Ich weiß nichts von der 'Ndrangheta. Ich weiß nur etwas von meinen acht Kindern, sieben Söhnen und einer Tochter", sagte die Mutter von Sebastiano Nirta, einem der vier Mafiakiller von Duisburg.Frauen sind das Fundament der Mafisi. Sie sitzt mit ihm im Wohnzimmer, sie liegt mit ihm im Bett, sie isst am Tisch, sie erzieht seine Söhne und sie kehrt mit Blut an den Stiefeln nach Hause zurück. Man kann ihnen vorwerfen, dass sie lügen, vertuschen und schweigen. Nur eines nicht: dass sie nichts wissen.



Gina Alvaro 32, im Juli 2013 geschnappt, die am August 2014 zu 27 Jahren Haft wegen dreifachen Mordes verurteilt wurde.


Die Patinnen sind häufig die Witwen toter oder die Frauen verhafteter Mafiosi. Zwar übernehmen sie weiterhin traditionelle Rollen im Haus und bei der Kindererziehung - weniger blutig sind die Auseinandersetzungen der Clans deshalb nicht, im Gegenteil. Sie verteten weit kompromissloser ihre Interessen als ihre männlichen Pendents.




Die grausamen Patinnen der Camorra


Giuseppina Nappa

Gabriella Amato


Patrizia Bizzarro



Anna La Gionta






Sie führen ein Pseudonym wie «Dicke Katze» oder «Wildfang». Ihren Familienclan regieren sie mit eiserner Entschlossenheit. Sie ziehen die Kinder auf, kochen Pasta - und organisieren die Geschäfte der Camorra: In dem süditalienischen Verbrechersyndikat gibt es immer mehr «Patinnen». Denn während der Staat den Kampf gegen die Mafia verstärkt und bereits mehrere führende Mitglieder verhaftet hat, übernehmen zunehmend Frauen deren aktive Aufgaben im Geschäft. Und das meist effizienter, grausamer und stringenter.

«Entweder sind es die Witwen von Gangsterbossen oder Ehefrauen, deren Männer im Gefängnis sitzen. Sie sind es, die die Zügel in der Hand halten», sagt Gaetano Maruccia, Offizier der Carabinieri in der Region um Neapel. Mütter, Töchter, Schwestern und Schwägerinnen übernähmen immer mehr führende Rollen, sagt auch Staatsanwältin Stefania Castaldi, die das organisierte Verbrechen untersucht. Nachdem die beiden führenden Mafiafahnder Giovanni Falcone und Paolo Borsellino 1992 bei Bombenanschlägen in Sizilien ums Leben kamen, hat Italien die Gesetzte gegen Top-Mafiosi verschärft.


Luisa Terracciano, Frau des inhaftierten Clan-Chefs Pasquale Carotenuto,
wird in den Vororten von Neapel verhaftet


Dazu gehört auch die Einschränkung von Gefängnisbesuchen Angehöriger - was die Frauen der Camorra zu ihrem Vorteil zu nutzen wussten. «Die meisten Bosse wollten ihre Ehefrauen sehen», sagt Staatsanwältin Castaldi. «Meist sind es die Frauen, die die Befehle des Clanbosses weitergeben. So wird die Frau zum Bindeglied zwischen dem Geschehen im und außerhalb des Gefängnisses.» Und gewinnt damit an Prestige innerhalb des Clans.


Schießerei auf der Straße

Vielfach besetzen die Frauen der Camorra zwar nach wie vor die eher traditionelle Rolle und schneiden und verpacken Kokain und Heroin in ihrer Küche. Andere allerdings erpressen Schutzgelder von Händlern oder beteiligen sich direkt an millionenschwerem Drogenhandel, so Castaldi. Bei einem der blutrünstigsten Zwischenfälle trafen sich im Jahr 2002 Frauen rivalisierender Camorra-Clans in den Straßen von Lauro in der Nähe von Neapel. Zuerst warfen sie sich Beleidigungen an den Kopf, dann griffen sie zu Maschinengewehren und Pistolen. Zwei ältere Frauen und eine 16-Jährige kamen ums Leben.

Polizisten halten eine Frau zurück, nachdem ein
Mitglied ihres Clans verhaftet worden ist.


Der Grund für das Blutbad: ein Revierkampf, angeheizt durch den Mord an einem Vetter eines Clanbosses. Einige der Camorra-Patinnen stehen den Behörden zufolge den Männern im Verlangen nach Macht und Gehorsam in nichts nach. So auch Maria Licciardi, eine der Siegerinnen der langanhaltenden Blutfehde zwischen den Di Lauro und den Secondigliano, der vor einigen Jahren fast täglich mehrere Menschen das Leben kostete. «Signora Licciardi ist eine wirkliche Patin», sagt Castaldi. «Sie war die Schwester eines Bosses, sie saß mit anderen Bossen an einem Tisch und traf die Entscheidungen mit ihnen. Sie stand mit ihnen, was eine Seltenheit ist, auf einer Stufe.»


"Gefängnisse stellen kein Hindernis dar"

Die Behörden haben nachgewiesen, dass die Entscheidungen des Befehls zur Ermordung von 30 Rivalen von Maria Liccardi kam. Die unter dem Spitznamen «die Kleine» bekannte Licciardi wurde 2001 bei einer Straßenkontrolle festgenommen. Seit 1999 auf der Flucht, gehörte sie zu dieser Zeit zu den 30 meist gesuchten Verbrechern Italiens. Sie ist eine der wenigen weiblichen Kriminellen, die in Italiens härtestem Strafvollzug verwahrt werden und deren Kontakt zur Außenwelt streng beschränkt ist. «Auch wenn sie im Gefängnis sitzt, gibt sie nach wie vor Befehle. Gefängnisse stellen kein Hindernis dar» für die Camorra, sagt Anna Maria Zaccaria, Soziologin an der Universität Federico II in Neapel, die die Rolle der Frauen innerhalb des Verbrechersyndikats untersucht. Licciardi gelte als fähige Managerin, und ganz besonders werde ihre «Überzeugungskraft» geschätzt, so Zaccaria. Berichten zufolge soll sie potenziell abtrünnige Camorramitglieder dazu gebracht haben, weiterhin loyal zum Clan zu stehen.


Pasta kochen und Ehen arrangieren

Pasta kochen und Ehen arrangieren. Die Frau in der Camorra halte sich an die Rolle der Frau in der matriarchalischen neapolitanischen Gesellschaft, sagt Zaccaria. «Sie kümmert sich um die Haushaltausgaben und die Erziehung der Kinder.» Bei der Mafia heißt das: Die wöchentliche Zahlung von Taschengeld an die Nachbarskinder, damit sie nach der Polizei Ausschau halten. Die eigenen Kinder auf ein Leben als Kriminelle vorbereiten. Und Ehen zwischen Söhnen und Töchtern zu arrangieren, um neue oder engere Bindungen zu potenziell rivalisierenden Clans zu schaffen.

Während den Frauen der Camorra so allem Anschein nach kaum Grenzen bei einer kriminellen Karriere gesetzt sind, haben die Frauen der sizilianischen Cosa Nostra diese Möglichkeiten offenbar nicht. Der Historiker Ombretta Ingrasci aus Mailand, Autor eines Buches über Frauen in der sizilianischen Mafia, spricht von einer unsichtbaren Barriere: im Gegensatz zur familienorientierten Camorra scheint die Cosa Nostra im Wesentlichen ein Männerverein zu sein, der seine Mitglieder nicht nach Blutsverwandtschaft auswählt. Die Auswahl der ranghohen Mitglieder erfolgt in Sizilien nach anderen Kriterien.

Emanzipiert sind die Camorra-Frauen aber trotzdem nicht, wie Zaccaria an einem einfachen Beispiel erklärt: «Die Regeln der Camorra erlauben dem Boss, so viele Liebhaber zu haben wie er will, da dies seine Macht stärkt. Die Frauen der Camorra dürfen ihn dagegen nicht betrügen.»


...im Geschäft mit Blut, im Bett mit dem Tod


Die Macht der Mafia erstreckt sich auch auf Liebe und Sex. Die Frauen der Bosse leben nach einem archaischen Ehrenkodex. Wer ihn verletzt, dem droht ein schreckliches Schicksal.

Im Land des Verbrechens Frau zu sein ist heikel. Es gelten vertrackte Regeln, eherne Bräuche, unlösbare Bande. Dort, wo die Mafia regiert, sind Frauen einem starren, unverbrüchlichen Verhaltenskodex unterworfen, der sie zu einem riskanten Balanceakt zwischen Fortschrittlichkeit und Tradition, zwischen moralischen Zwängen und grenzenloser Kaltschnäuzigkeit in Geschäftsangelegenheiten nötigt. Sie dürfen Mordaufträge erteilen, aber keinesfalls fremdgehen oder ihren Mann verlassen. Sie dürfen nach Belieben in ganze Branchen investieren, aber sich nicht schminken, wenn ihr Mann hinter Gittern ist.

Während der Mafiaprozesse sieht man die Frauen häufig dicht zusammengedrängt im Zuschauerraum sitzen und den Angeklagten in ihren Stahlkäfigen Kusshände zuwerfen oder ihnen zuwinken. Es sind deren Ehefrauen, auch wenn sie aussehen wie deren Mütter. Sich gut zu kleiden, Nagellack und Make-up zu tragen, während der Ehemann sitzt, bedeutet, dass man es für andere tut. Sich die Haare zu färben kommt einem Geständnis zur Untreue gleich. Die Frau existiert nur des Mannes halber. Ohne ihn ist sie ein lebloses Ding. Eine halbe Sache.




Mafia-Patinnen auf dem Vormarsch




Giuseppa Nappa
Caserta, im September 2008: die Polizei fasst Giuseppina Nappa, die Frau des berüchtigten Camorra-Bosses Sandokan. Ihr wird vorgeworfen, jeden Monat Versorgungszahlungen des Clans für die Angehörigen von Inhaftierten angenommen zu haben.




Rosetta Cuttolo
Sie beherrschte Ende der 70er Jahre den Zigarettenschmuggel, das Schutzgeldgeschäft und kontrollierte die Vergabe von Baugenehmigungen. 1980 stieg sie ins Immobiliengeschäft und den Rauschgifthandel ein, kaufte Politiker und Richter. 1989 übernahm Rosetta die alleinige Führung des Clans.



Maria Licciardi

Maria  Licciardi kam als erste Frau an die Macht eines Camorra-Clans und Übernahm die Leitung, nachdem ihre zwei Brüder Pietro und Vincenzo sowie ihr Mann festgenommen wurden. Sie war die erste weibliche Camorrista und Chef des Licciardi. Der Tod von Gennaro Licciardi verursachte mehrere blutigen Auseinandersetzungen, in dessen Verlauf sie zwanzig Camorra -Clans unter ihre Kontrolle brachte. 




Luisa Terraccino
Luisa Terracciano, die Frau von einem der mächtigsten Führer der Camorra-Clans, wurde von der italienischen Polizei am 27. Mai 2009 verhaftet. Nach der Verhaftung ihrer Brüder übernahm sie den Clan und entwickelte ihn mit eiserner Faust zu einem der Gefährlichsten in Neapel. Ihre Strategie: Kleine Clans unterwandern und im Anschluss die Kontrolle übernehmen. Der Clan existiert trotz ihrer Verhaftung weiter und ist eine Hydra, die immer noch als gefährliches  Imperium weiter Angst und Schrecken verbreitet.


Die Frau in der Camorra halte sich an die Rolle der Frau in der matriarchalischen neapolitanischen Gesellschaft, sagt Zaccaria. “Sie kümmert sich um die Haushaltausgaben und die Erziehung der Kinder.“ Bei der Mafia heißt das: Die wöchentliche Zahlung von Taschengeld an die Nachbarskinder, damit sie nach der Polizei Ausschau halten. Die eigenen Kinder auf ein Leben als Kriminelle vorbereiten. Und Ehen zwischen Söhnen und Töchtern zu arrangieren, um neue oder engere Bindungen zu potenziell rivalisierenden Clans zu schaffen. Während den Frauen der Camorra so allem Anschein nach kaum Grenzen bei einer kriminellen Karriere gesetzt sind, haben die Frauen der sizilianischen Cosa Nostra diese Möglichkeiten offenbar nicht.




Teresa Strangio

Teresa Strangio, eine der drei Schwestern des mutmaßlichen Killers Giovanni Strangio, schritt nach ihrer Verhaftung erhobenen Hauptes die Treppen des Polizeipräsidiums von Reggio Calabria herab, den Blick in die Ferne gerichtet, als schmerzensreiche Mater Dolorosa. Handschellen verliehen ihr die Aura einer Märtyrerin. Die Polizisten, die sie abführten, würdigte sie mit keinem Blick."



Der Historiker Ombretta Ingrasci aus Mailand, Autor eines Buches über Frauen in der sizilianischen Mafia, spricht von einer unsichtbaren Barriere: im Gegensatz zur familienorientierten Camorra scheint die Cosa Nostra im Wesentlichen ein Männerverein zu sein, der seine Mitglieder nicht nach Blutsverwandtschaft auswählt. Emanzipiert sind die Camorra-Frauen aber trotzdem nicht, wie Zaccaria an einem einfachen Beispiel erklärt: “Die Regeln der Camorra erlauben dem Boss, so viele Liebhaber zu haben wie er will, da dies seine Macht stärkt. Die Frauen der Camorra dürfen ihn dagegen nicht betrügen.“





Donna Carmela Marzano



Sie heiratete im Alter von 13 Jahren den Camorra-Boss Luigi Giuliano. Nach dessen Verhaftung im Jahr 1997 kontrollierte sie 10 Jahre den gesamten Drogenhandel in Neapel mit beipielloser Brutalität. Ihr wurden 9 Morde zur Last gelegt, von denen ihr allerdings nur zwei nachgewiesen werden konnten.



Asunta Maresca
…genannt Pupetta, heiratete mit 17 Jahren den Mafia-Boss Pasquale Simonetti.  Drei Monate nach der Hochzeit wurde er  von seinem Rivalen Esposito erschossen. Pupetta rächte sich, erschoss Esposito und dessen gesamte Familie.  Kurze Zeit später  heiratete sie den Drogenbaron Ammaturo. Sie verbüßte nur ein Jahr Haft eine kurze Haftstrafe.




Giuseppa Sansone

Sie galt in Palermo als Dame von Welt, residierte in einer Villa und trug nur Designer-Kleider. Es gab kein gesellschaftliches Ereignis, zu dem sie nicht eingeladen wurde. Die Polizei konnte 1997 beweisen, dass sie eine der brutalsten Vertreterin der Mafia war. Sie befehligte mehr als 30 Killer. Unzählige Morde gehen auf ihr Konto!



Patrizia Ferriero
Die Ehefrau des Mafia-Paten Raffaele übernahm nach dessen Verhaftung  die Kokain-Geschäfte und versorgte nahezu ganz Italien. Sie wurde 1991 festgenommen. Die Polizei fand unter ihrem Haus einem unterirdischen Bunker und beschlagnahmte nahezu 100 Millionen Dollar.




Margherita di Giovine
Sie zählt zu den brutalsten Mafiafrauen.  Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Sohn Emilio brachte sie wöchentlich bis zu 200 Kilogramm reinstes Heroin ins Land. Sie war in mehrere Schießereien mit gegnerischen Clans verwickelt. Bei ihrer Verhaftung fand man ein riesiges Waffenlager, mehrere Panzer-Abwehrraketen, zwölf Millionen Euro in bar und dreitausend Kilogramm reinstes Heroin.






Giuseppa Condello

Sie war mit mit dem Mafia-Boss Nino Imerti verheiratet. Nach dessen Verhaftung 1984 übernahm sie mit ihrer Schwester Catarina die Geschäfte ihres Mannes (Schutzgeld) und kontrollierte ganz Kalabrien. Auf ihr Konto gehen 11 Morde. Ihr Sohn galt als einer der gefährlichsten Mafia-Killer und organisierte über Funk die Geldeintreibung.



Raffaella d'Alterio
Sie hat nach Angaben der Ermittler 2006 nach der Ermordung ihres Ehemanns die Führung des Mafia-Clans übernommen. Sie wurde am 26. Juni 2012 in Neapel verhaftet. Jahresumsatz mit Drogen, Erpressung, Falschgeld und Müll etwa eine Milliarde Euro 



Mama Cocaina

"Mama Cocaina" beherrschte das Drogengeschäft in und um Neapel. 

Im Jahr 2010 wurde sie 73-jährig von einem rivalisierenden Clan am hellen Tag erschossen Angela Rucco war noch mit 73 Jahren Banden-Chefin 

 



Wenn Don Raffaele Cutolo, der legendäre Boss der neapolitanischen Mafia, Camorra, auf dem Platz in Ottaviano bei Neapel vor seinem Hauptquartier spazieren gehen wollte, dann nahm er immer seine Frau und seine Kinder mit. Der letzte Auftritt des Bosses mit der ganzen Familie ist mehr als 20 Jahre her. Auch damals galt der Spaziergang mit Familie nicht unbedingt als ehrenhaft, aber als sehr sicher. Frauen und Kinder dienten als lebendes Schutzschild für die Gangster.

Es gab nicht einen Fall des organisierten Verbrechens, bei dem Frauen oder Kinder ermordet wurden. Don Raffaele, der längst im Gefängnis sitzt, würde heute den Spaziergang nicht mehr überleben. Die Polizei stellt seit einigen Jahren mit Entsetzen fest, dass Frauen und Kleinkinder umzubringen, kein Tabu mehr ist. Die Polizei glaubt jetzt auch zu wissen, warum: Es sind vor allem Frauen an den Schalthebeln der Mafia-Familien, die Frauen und Kinder ermorden lassen.




Ilenia Belocco

Die Karriere der 24-jährigen Bellocco, die derzeit jüngste bekannte Clanchefin Italiens - gilt als beispielhaft für viele andere Frauen, die nach der Festnahme ihrer Ehemänner, Brüder und sonstigen Familienmitglieder die Führung gleich selbst übernommen hätten. Mit Verweis auf Aussagen geständiger Mafiosi sei die Zahl der „Patinnen“ stark steigend. Darauf verweise auch, dass bei Anti-Mafia-Razzien auch immer öfter für Frauen die Handschellen klicken. Rund 130 Frauen sollen bereits unter Mafia-Verdacht in italienischen Hochsicherheitsgefängnissen sitzen.


Auf eine Frau zu schießen, galt nahezu ein Jahrhundert lang im Ehrencodex der Mafia als feige. Schwächere, also Frauen und Kinder zu töten, schien selbst für abgebrühte Mafia-Killer unvorstellbar. Doch ausgerechnet im Moment des größten Triumphs der Polizei, als ab dem Jahr 1989 nahezu alle großen Bosse der Mafia verhaftet wurden, musste die Polizei die ersten Leichen von Frauen im Mafia-Krieg in die Gerichtsmedizin bringen.





Cincia Lipari

Cincia Lipari ist die Tochter des berüchtigten Mafiabosses Giuseppe Lipari, der ehemalige "Schatzmeister" des Bernardo Provenzano. Sie wurde 2007 festgesetzt. Sie verwaltete bis zu 70 Millionen Euro und galt als gefühlskalt und berechnend. 



Am 23. November 1989 zerschoss ein Killerkommando mit sechs Pump-Guns den Wagen der Familie von Francesco Maria Mannoia in Bagheria bei Palermo. In dem Auto starben die Mutter, die Schwester und die Tante des Paten Mannoia. Der Mafia-Boss beschloss nach dem Attentat, als Kronzeuge auszusagen, um sich so an den Mördern zu rächen.

Zu diesem Zeitpunkt wusste die Polizei noch nicht, dass nach und nach Frauen an die Stelle von verhafteten Mafia-Paten rückten. Erst 1994 im Fall Riccardo Messina ließ sich beweisen, dass eine Frau den Befehl gegeben hatte, die Mutter und die Gattin Messinas, Agata und Liliana, zu erschießen. Eine Sondergruppe der Polizei, Deckname «Rosa», kümmerte sich seitdem um die Damen der Mafia.




Antonietta Bagarelle-Riina

Es stellte sich heraus, dass es zwei Typen von Frauenkarrieren innerhalb der Mafia gab: Frauen, die als Handlanger ihrer Ehegatten arbeiteten, und Frauen, die ohne Rücksicht auf Verluste alles unternahmen, um selbst einen Clan regieren zu können. Zum ersten Typ gehören Frauen wie Antonietta Bagarella-Riina, die Frau des Paten aller Paten, des 1991 inhaftierten Salvatore («Toto») Riina.


Während ihr Mann mehr als 28 Jahre lang die Polizei zum Narren hielt, war die Grundschullehrerin dem Paten eine treue Gefährtin. Sie wohnte mit ihm in den Verstecken, brachte Kinder zur Welt, die ordentlich getauft wurden und zur Schule gingen. Jahrzehnte war Antonietta die wichtigste Mitarbeitern von Riina. Sie mietete für ihn Wohnungen und kaufte Autos, sie war die legale Fassade des Paten. Im krassen Gegensatz dazu stand Maria Filippa Messina (30), die erste Frau, die wegen ihrer hohen Gefährlichkeit in die totale Isolationshaft eingewiesen wurde, die sonst nur den Spitzen der Mafia auferlegt wird.

Als ihr Ehemann, Antonio Cintorino, in Catalbiano bei Catania auf Sizilien verhaftet wurde, versuchte Maria Filippa zunächst als Botschafterin für ihren Mann zu arbeiten. Als aber die Stellvertreter ihres Mannes sie aus dem Clan boxen wollten, beschloss sie zurückzuschlagen. «Wir wissen, dass sie nicht nur ihren Mann vertreten, sondern selbst der Chef der Mafia-Familie werden wollte. Ihr Mann riet ihr, sich mit seinen Stellvertretern zu einigen. Sie wollte sie umbringen lassen, weil sie in ihnen Konkurrenten sah», sagte ein Sprecher der Anti-Mafia-Einheit in Catania.

Mit Entsetzen stellten die Polizeibeamten während der Nachforschungen fest, dass die Damen innerhalb der Mafia dazu neigten, noch erheblich brutaler vorzugehen als ihre Männer. So beschäftigte die sizilianische Mafia-Patin Concetta Fausciana vorzugsweise Kinder: Sie gab elf- bis 15jährigen umgerechnet 300 Euro im Monat und eine Pistole sowie 20 Schuss Munition. Dann schickte sie die Kinder los, um Schutzgelder von Geschäftsleuten zu kassieren und zahlungsunwillige Dealer zu erpressen. «Die Kinder erschossen sehr viel schneller Kunden, die nicht zahlen wollten, als ältere Killer. Sie konnten offenbar noch gar nicht übersehen, was sie da taten», so ein Polizeisprecher.




Patrizia Marano

Sie galt als einer der gefährlichsten Schutzgelderpresserinnen, die Händler außerhalb der Stadtgrenzen zwang, ihre Vermögenswerte zu veräußern, um die Schutzgelder aufbringen zu können. Wenn die Opfer bis zum Hals in den Schulden steckten, übernahm sie deren Geschäfte und Unternehmen.



Anna Mazza

Die als „Witwe der Camorra“ bekannte Anna Mazza, die nach Angaben des Nachrichtenportals Nanopress die erste verhaftete Frau in einer Führungsrolle der neapolitanischen Mafia sein soll. Mit der wegen einer Liebesaffäre in Untreue geratenen Antonella Madonna alias „Lady Camorra“ gebe es mittlerweile auch eine erste reuige weibliche Camorra-Führungsperson, die sich für die Kooperation mit der Justiz entschieden hat.


Als extremer Fall ging die Mafia-Karriere von Maria Serraino (64) aus Mailand in die Kriminalgeschichte Italiens ein. Die Dame stammt aus einer legendären Familie der kalabrischen Mafia N'drangheta. Sie versuchte in den 60er Jahren, sich und vor allem ihre Kinder aus dem Einflussbereich der Mafia zu bringen. Während ihr Onkel «Ciccio» Serraino ganze Landstriche Kalabriens kontrollierte, zog die Dame mit ihrer Familie nach Mailand um. Doch ihre Mafia-Geschichte holte sie ein. Sie versuchte zunächst, sich und ihre zwölf Kinder mit ehrlicher Arbeit durch zubringen, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte.





Maria Serraino



Doch dann organisierte sie in der Mailänder Via Belgioioso 2 eine eigene Bande. Die Mitglieder waren ihre Kinder. Sie bildete ihre Söhne und Töchter zu Erpressern und Mördern aus. Sie trieben im Auftrag der Mutter Schutzgeld ein und wurden entsprechend belohnt. Der älteste Sohn bekam für seine Arbeit Ferrari-Sportwagen und schicke Anzüge. Die Mutter beschaffte ihm sogar hübsche junge Mädchen, mit denen er sich in der Freizeit vergnügen konnte.

Der Clan der Dame wurde nur geknackt, weil es der Polizei gelungen war, eine Tochter der Patin «umzudrehen». Sie sagte als Kronzeugin vor Gericht gegen ihre Mutter aus. Die Mama schäumte: «Du ehrenlose Nutte, Du verkaufst dich an den Staat.» Die Polizeistatistiken zeigen, dass der Kampf des Staats gegen die Damen der Mafia weit schwerer zu gewinnen ist, als die Verfolgung der Herren. Die Männer, die es innerhalb der Mafia-Hierarchie bis ganz nach oben bringen, neigen zu geschmackloser Protzerei, kaufen sich teure Sportwagen und vergnügen sich mit jungen Damen in Nobel-Hotels. Die Frauen der Mafia wissen sich weit besser zu tarnen.

So galt Giuseppa Sansone (43), Mutter eines 19jährigen sehr begabten Jungen, in Palermo als Dame von Welt. Sie residierte in einer Villa mit Swimmingpool und Marmorbad und trug nur Designer-Kleider. Es gab kein gesellschaftliches Ereignis, zu dem sie nicht eingeladen wurde. Erst nach Jahren konnte die Polizei beweisen, dass Giuseppa eine brutale Mafia-Chefin war, die mehr als 30 Killer befehligte. Im Sommer 1995 mussten die Beamten feststellen, dass es offenbar keine Altersgrenze für Mafia-Patinnen gibt. In einer Villa nahm die Polizei Angela Rucco fest. Die 73jährige Dame kommandierte eine Mafia-Bande, die einen florierenden Drogenhandel mit Heroin betrieb.


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