Montag, 23. Mai 2016

Die Mafia meldet sich mit Paukenschlag zurück

Rom - Sizilien, eine vom Wald umschlossene Landstraße. Es ist tiefe Nacht, der Fahrer der gepanzerten Limousine erkennt vor ihm Steinbrocken und bremst. Plötzlich fallen aus dem Dickicht Schüsse, drei von ihnen dringen in die Hintertüre des Wagens ein. Ein Leibwächter wirft sich auf Giuseppe Antoci.

Steinbrocken auf der Straße, Schusslöcher in der Hintertür: der Wagen von Verwaltungschef Antoci nach dem Attentat.


Erst als zufällig ein zweites Auto mit zwei bewaffneten Polizisten anrollt, werden die Angreifer nach einem Feuergefecht in die Flucht geschlagen. Die Ermittler finden drei Molotowcocktails am Tatort. "Ich weiß genau, wer die Täter sind", wird Antoci am nächsten Tag sagen.


Finsterste Zeiten der Cosa Nostra

Nicht wenige Beobachter fühlen sich angesichts des Attentats in der vergangenen Woche auf der Straße zwischen Cesarò und San Fratello in die finstersten Zeiten der Cosa Nostra zurückversetzt. In diesen Tagen wird auf Sizilien der beiden vor 24 Jahren ermordeten Staatsanwälten Giovanni Falcone und Paolo Borsellino gedacht.

Diesmal war das Ziel der Chef des Nebrodi-Regionalparks, ein nur scheinbar unbedeutender Verwaltungschef in der Provinz Messina. Doch der 48-jährige Giuseppe Antoci hatte offenbar die millionenschweren Interessen der Bosse durchkreuzt. "Die Mafia erhebt wieder ihr Haupt", sagt Guido Lo Forte, Oberstaatsanwalt von Messina.

Der Drohbrief - wir werden dich schlachten und ans Kreuz nageln



Mafia organisiert sich neu

 

Laut Ermittlern dauert die Phase der Neuorganisation der Cosa Nostra weiterhin an. Mit der Verhaftung des Bosses Bernardo Provenzano 2006 in seinem Geburtsort Corleone bei Palermo gelang der Polizei ein entscheidender Schlag. Auch Nachfolger wie der Boss Salvatore Lo Piccolo konnten festgenommen werden. Der letzte große flüchtige Mafioso der Cosa Nostra ist der einflussreiche Matteo Messina Denaro, Beherrscher des Distrikts von Trapani und seit 23 Jahren auf der Flucht. Unklar ist, ob der jüngste Anschlag auf Antoci nur ein Einzelfall oder der Beginn einer neuen Serie ist.

Für Antoci ist das Attentat "der Beweis, dass wir den richtigen Nerv getroffen haben". Er hatte das Vergabeverfahren für die Pacht von Weideflächen im Nebrodi-Park, mit 86 000 Hektar eines der größten Naturschutzgebiete Europas, verschärft. 23 von 25 Antragstellern erhielten zuletzt keine Konzessionen mehr. Dank korrupter Verwaltungsangestellter hatten sich die Mafia-Familien Tausende Hektar Land zu Schleuderpreisen gesichert und staatliche Fördergelder en masse eingestrichen, auch aus Brüssel. "Das Geschäft mit den Ländereien übersteigt das mit Drogen", behauptete ein Mitglied der parlamentarischen Antimafia-Kommission in Rom. Es soll um etwa eine Milliarde Euro gehen.

Antoci ist seit drei Jahren Präsident des Regionalparks, seit zwei Jahren steht er unter Personenschutz. Einer der letzten Einschüchterungsversuche war ein anonymer Drohbrief gegen ihn und den Regionspräsidenten Rosario Crocetta. "Ihr werdet abgestochen", hieß es darin.

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