Dienstag, 8. März 2016

Besuch im Mafia-Dorf Fabrizia

Das ländliche Idyll trügt. Im kalabrischen Dörfchen Fabrizia verstecken sich ganz üble Burschen. Mit Kontakt in die Schweiz.





Der Weg führt durch Kastanienwälder. Weg von der Küste in die einsame Natur der Serra. Die Straße hat tiefe Narben. Wir fahren im Zickzack um die Schlaglöcher. Unser Ziel: das Mafia-Nest im kalabrischen Fabrizia (I). Im 2314-Seelen-Ort des gebirgigen Hinterlandes wurde die Frauenfelder Zelle der ’Ndrangheta organisiert, von hier aus wurden die Fäden zur Spitze der kalabrischen Mafia gesponnen. Man schätzt, dass etwa 80 Prozent der Einwohner zur Mafia-Familie gehören. Auch die zwei am 22. August in Italien verhafteten Thurgauer, Chauffeur Antonio N.* (65) und Taxifahrer Raffaele A.* (74), stammen von hier.

Fabrizia scheint ein Ort wie jeder andere. Kirche, Schule, Bäcker, Metzger, Kriegerdenkmal. Ein Café, in dem die Männer hocken, die Hauptstraße im Blick. Die gefährliche Seite des Dorfes erkennen wir am Ortsschild: «Willkommen in Fabrizia», steht auf Deutsch darauf. Daneben Einschusslöcher und blutrote Farbtropfen. Vermutlich Überbleibsel der Mafia-Fehde von 2003 bis 2005 im Ort. Bilanz damals: zwei tote Bosse. Ein Cousin von Antonio N. entkam nur knapp einem Attentat.



Wir geben uns als Touristen aus. Nicht auffallen, keine Interviews machen, hat uns der Polizeichef geraten. Die ’Ndrangheta sei sehr aggressiv. Vor einer Woche sei in Kalabrien ein deutsches TV-Team bedroht, zuvor ein italienischer Kollege mit Fußtritten aus der Kirche befördert worden.

Wir halten uns an den Rat. Antworten gäbe es eh keine. Hier herrscht Omertà, die Schweigepflicht der Mafia. Als wir bei einer Häuserzeile anhalten, kommt ein Mann auf uns zu. «Nicht fotografieren! Wer seid ihr? Wo kommt ihr her? Ein weißer Fiat Panda folgt uns. Er hält, als wir anhalten. «Sie kontrollieren jeden, der nicht aus dem Dorf stammt», sagt der Journalist Francesco Ranieri (37), der schon bedroht wurde.

In Fabrizia haben immer mächtige Männer geherrscht. Erst Prinz Fabrizio im 16. Jahrhundert, welcher dem Ort den Namen gab. Der letzte war Mafia-Boss Giuseppe Antonio Primerano (69). Er wurde 2013 zu 13 Jahren Haft verurteilt. Der Schweizer Antonio N. rapportierte direkt an ihn.



Die kalabrische Mafia wird hierarchisch geführt. Der Spitze, dem Crimine, unterstehen drei Organisationen, die Mandamenti: Reggio Calabria, Tirrenica, Ionica. Das Mafia-Nest Fabrizia zählt zur Tirrenica. Sie ist für den Kokainhandel zuständig, auch international. Sollte Frauenfeld zum Drogenumschlagplatz werden? Im von der Bundesanwaltschaft in Wängi TG aufgenommenen Video spricht Antonio N. zu den Mitgliedern: «Arbeit ist da. Erpressung, Kokain, Heroin. Zehn Kilo, 20 Kilo. Bring ich euch. Persönlich.»

Fabrizia – verborgen in kalabrischen Kastanienwäldern. Fremd und fern. Und doch erschreckend nah zur Schweiz.