Samstag, 20. Februar 2016

Ein Friseur im Visier der Camorra

Er legte sich mit der Camorra an – seitdem ist der neapolitanische Friseur Salvatore Castelluccio für Politiker und Staatsanwälte ein Held. Seine Frau und die Kollegen sehen das anders.


Camorra-Boss Raffaele Trongone, genannt Lelluccio



Der kleine Platz trägt den bezeichnenden Namen Ecce Homo: „Siehe, der Mensch“. In der Tür eines Friseurladens steht ein solcher Mensch, auf den inzwischen viele seiner Nachbarn, Freunde und Bekannten – und auch nicht wenige Verwandte – mit dem Finger zeigen. Nicht etwa, um ihn zu loben, für das, was er getan hat, sondern, ganz im Sinn der römischen Soldaten, die auf Golgatha das „Ecce Homo“ an das Kreuz von Christus schlugen: um ihn zu brandmarken.

Auch Salvatore Castelluccio fühlt sich gebrandmarkt. Der 44-Jährige hat ein schweres Kreuz zu tragen. Castelluccio ist Damenfriseur, sein Salon Pianeto Donna liegt am Largo Ecce Homo im Herzen der Altstadt von Neapel, etwa zwischen den Vierteln Forcella und den Quartieri Spagnoli. „Ende 2015 platzte mir der Kragen“, berichtet er bei einer Zigarette vor der Tür seines Salons – aufmerksam bewacht von zwei bewaffneten Polizisten. „Ich ging zur Polizei und erstattete Anzeige wegen Erpressung gegen einige Personen“, sagt Salvatore, zieht lässig an seinem Glimmstängel und fügt hinzu: „Und danach fühlte ich mich so richtig wohl.“

Seit Jahren war der Friseur gezwungen worden, wie fast alle seine Kollegen und andere Geschäftsleute in Neapel an einen lokalen Boss ein in Italien „pizzo“ genanntes Schutzgeld zu zahlen. Die Bosse der Camorra garantieren im Gegenzug „Schutz“. Schutz vor sich selbst, denn wer sich weigert zu zahlen, dem wird nicht selten das Geschäft abgefackelt. In noch schlimmeren Fällen werden die Nichtzahlenden mit dem Tod bedroht.


Immer mehr Friseure verlassen Neapel

Aus diesem Grund verlassen immer mehr „Barbieri“ den Großraum Neapel. Wie Francesco F. aus dem Stadtteil Scampia. Seinen Nachnamen will er nicht genannt wissen. Francesco, 38, schneidet seit sieben Jahren in Rom die Haare. Er hatte es satt, von seinen Einnahmen monatlich rund 20 Prozent als Schutzgeld abzuzwacken. „Ich kenne mindestens zehn andere Kollegen“, berichtete Francesco, „die wie ich die Kurve gekratzt haben – nach Rom, nach Mailand, aber auch nach Duisburg oder München.“

Salvatore zahlte seinen „pizzo“, „in der Regel 200 bis 500 Euro im Monat“ an Raffaele Trongone, Lelluccio genannt, den Boss des Viertels. Lelluccios Frau ließ sich jede Woche die Haare bei Salvatore machen – selbstverständlich ohne dafür zu zahlen. Im vergangenen Frühjahr zwang der Boss den Friseur schließlich dazu, eine Verwandte anzustellen. „Der gefiel der Job nicht, sie schmiss das Handtuch“, erzählt Salvatore bei einer zweiten Zigarette vor seinem Geschäft, „und dann plötzlich zog Lelluccio das Schutzgeld an.“ Ab sofort hatte der Friseur 2000 Euro monatlich zu zahlen. Der Hinweis, dass er sich so ein Schutzgeld nicht leisten könne, stieß auf taube Ohren.

Noch am gleichen Tag ging Salvatore zur Polizei und erstattete Anzeige. Sehr zum Ärger seiner eigenen Frau. „Sie warf mir vor, unser Leben zu zerstören, denn hier zahlen doch alle!“ Er aber „hätte nicht mehr ruhig schlafen können, denn ein so hohes Schutzgeld hätte unsere Lebensgrundlage zerstört“. Die Polizei reagierte sofort. Am Tag, an dem Boss Lelluccio vorbeischauen wollte, um die 2000 Euro zu kassieren, saßen, als Kundinnen verkleidet unter Trockenhauben oder im Wartebereich des Salons, Polizistinnen.



Der Boss wurde laut, und die Beamtinnen nahmen alles mit Mikrofonen auf. Als Lelluccio Tage später zu einem verabredeten Termin noch einmal bei Salvatore erschien, schlug die Polizei zu. Der Boss und seine Kumpanen wurden verhaftet. Fortan galt der Friseur offiziell als Held. Politiker, Anti-Mafia-Kämpfer und Staatsanwälte waren voll des Lobes für seinen Mut.


Seit Wochen steht Castelluccio unter Polizeischutz

 

Nach der Verhaftung des Camorra-Bosses fuhren der Friseur und seine Familie für eine Woche Ferien nach Apulien. „Wir mussten uns von all dem erst einmal erholen, und ich musste meine Frau beruhigen, die jetzt mit dem Schlimmsten rechnete.“ Was dann auch eintrat. „Am Tag der Rückfahrt aus Apulien rief uns die Polizei an“, berichtet Salvatore, „um uns mitzuteilen, dass auf der Autobahn vor Neapel ein Polizeiwagen auf uns wartet, mit zwei Beamten, die fortan meinen Personenschutz garantieren würden.“

Und so werden der Friseur, sein Geschäft und seine Familie seit Wochen rund um die Uhr bewacht. Der in U-Haft einsitzende Boss hatte damit gedroht, den Friseur als Verräter ermorden zu lassen. „So was darf man hier bei uns nicht auf die leichte Schulter nehmen“, meint Salvatore ein wenig nervös und verweist dann auf seinen Salon, der völlig leer ist. „Seit dieser Drohung und seitdem Polizisten den Laden bewachen, kommen immer weniger Kunden.“ Salvatore berichtet auch davon, dass Freunde, Bekannte und selbst Verwandte nicht mehr mit ihm verkehren wollen. Stammkunden bleiben aus. „Die haben alle Angst vor einem möglichen mafiösen Anschlag.“

Und er wird seit kurzen selbst von neapolitanischen Kollegen gemobbt. „Die schneiden mich, die sprechen schlecht über mich“, erzählt Salvatore, schweigt einen Moment und fährt dann fort: „Einer von denen meinte zu mir, dass mein Verhalten die Bosse radikaler gegenüber Friseuren auftreten lasse, damit ja kein anderer von ihren so aufbegehrt wie ich.“ Seine Frau schlug ihm jetzt vor, das Geschäft zu schließen und nach Norditalien zu ziehen. Salvatore Castelluccio denkt darüber nach. Ist gezwungen darüber nachzudenken, denn: „Wie soll ich ohne Einnahmen meine Familie über Wasser halten?“
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