Dienstag, 29. September 2015

Elfjähriger sagt gegen Mafia-Vater aus



"Papa hat im Clan gemacht, was er wollte, er war die rechte Hand vom Capo." Der Sohn des kalabrischen Mafia-Paten Gregorio Malvaso sagt gegen seinen Vater aus. Für die Ermittler hat er wertvolle Informationen.




Er weiß, wie man Schutzgeld erpresst, Drogen verkauft oder auch Waffen. "Klar weiß ich, was ein Mafioso macht", sagte der elfjährige Nicola* der stellvertretenden Antimafia-Staatsanwältin in Reggio Calabria, Giulia Pantano. "Ein Mafioso ist einer, der dealt, schießt, das ist normal." In seinem Dorf habe jeder von der 'Ndrangheta geredet, "auch meine erwachsenen Freunde".

Die Zukunft Nicolas* schien klar vorgezeichnet: Sein Vater war Mafioso, also würde auch er Teil der organisierten Kriminalität werden. Doch Gregorio Malvaso, 37, 'Ndrangheta-Boss aus dem Ort San Ferdinando in Kalabrien, wurde im Oktober 2014 verhaftet.

Die Mutter entschloss sich kurz darauf, mit den Ermittlungsbehörden zusammenzuarbeiten und sich als Kronzeugin zur Verfügung zu stellen. Den Berichten zufolge wollte sie Nicola und seinen beiden jüngeren Brüdern ein Leben in der Illegalität ersparen. Weil auch der Elfjährige mit den Antimafia-Experten der DDA spricht, wurde er zum jüngsten Informanten aller Zeiten. Wie nützlich seine Angaben letztlich sein werden, ist noch unklar - aber seine Aussagen füllen bereits zahlreiche Aktenordner.

Schon im frühsten Kindesalter habe er gelernt, mit Waffen umzugehen, erzählte Nicola* der römischen Tageszeitung "La Repubblica" zufolge. Und, ja, sein Vater sei Mitglied des Clans von San Ferdinando gewesen: "Papa hat innerhalb des Clans gemacht, was er wollte, er war die rechte Hand vom Capo."


"Die Drogen gehörten Papa"

Der kleine "Pentito", wie reumütige Mafiosi in Italien heißen, soll Namen und Funktionen verschiedener 'Ndrangheta-Mitglieder genannt haben, ein ganzes Organigramm des Clans sei damit erstellt worden, hieß es. Außerdem übergab er der Polizei eine Handykarte des Vaters mit wichtigen Kontaktdaten. "Ich habe gesehen, was sie alles gemacht haben. Ich habe Drogen gesehen, Waffen, vor allem Pistolen, nie Gewehre … die Drogen habe ich immer in der Garage gesehen."

Die Drogen hätten ohne Zweifel seinem Vater gehört. "Das weiß ich, weil sie ohne seinen Befehl gar nichts gemacht haben, die haben nicht einen Finger gekrümmt." Auch Abgesandte aus San Luca, dem Bergdorf, dessen Mafiafamilien einst in Duisburg in ein Massaker verstrickt war, seien ein- oder zweimal aufgetaucht.
Was aus Sicht der Ermittler ein Erfolg ist, bedeutet für die Mutter und ihre drei Söhne ein Leben im Untergrund. Seit etwa vier Monaten lebt die Familie weit weg von Kalabrien und schwer bewacht an einem unbekannten Ort. Die aus Kalabrien stammende 'Ndrangheta gilt als eine der mächtigsten weltweit operierenden Mafia-Gruppierungen. Abtrünnige sind selten, wer sich gegen seinen Clan stellt, kann sich seines Lebens nicht mehr sicher sein.


*Der Name ist ein Pseudonym, das die "Repubblica" dem Jungen gegeben hat, um ihn zu schützen

Donnerstag, 24. September 2015

Italienische Polizei fasst Camorra-Boss

Die italienische Polizei hat in der Nähe von Neapel einen seit längerem gesuchten Boss der kriminellen Camorra-Organisation gefasst. Der 30-jährige Alberto Ogaristi galt als der letzte noch flüchtige Anführer des sogenannten Casalesi-Clans, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. 



Er soll ein Vertrauter des zu lebenslanger Haft verurteilten früheren Casalesi-Paten Francesco Schiavone, alias "Sandokan", sein. Nachdem er bei einer Polizeioperation im März entkommen konnte, wurde er am Mittwoch in Roccamonfina rund 70 Kilometer nordwestlich von Neapel gefasst. Die Camorra ist in den Provinzen Neapel und Caserta beheimatet, operiert aber längst weltweit. Sie ist unter anderem im Drogenhandel, Glücksspiel und Schmuggel aktiv.


Montag, 21. September 2015

zwei Männer von der Mafia hingerichtet

Zwei Menschen wurden binnen 24 Stunden in Neapel und Umgebung von Killern der Mafia hingerichtet. Die Stadt fürchtet nun einen neuen Bandenkrieg.

Die Menschen in Acerra, einer kleinen Stadt 15 Kilometer nordöstlich von Neapel, rüsteten sich zum abendlichen Restaurantgang. Auf einer Bank an der um diese Zeit belebten Piazza San Pietro saß der 55-jährige Adalberto Caruso, als sich von hinten zwei Killer näherten. Mit einem einzigen Kopfschuss wurde der Mann getötet, jegliche Rettungsversuche kamen zu spät.


 Adalberto Caruso




Es war der zweite gezielte Mord im Raum von Neapel binnen 24 Stunden. Am Abend zuvor hatten Unbekannte den 26-jährigen Andrea Saraiello nahe dem neapolitanischen Flughafen Capodichino erschossen. Der junge Mann war auf einem Motorroller in Richtung eines US-Stützpunktes unterwegs, als ihn die tödlichen Kugeln trafen.

der 26-jährigen Andrea Saraiello


Während Caruso in Zusammenhang mit Drogengeschäften und Verbindung zur örtlichen Mafia polizeibekannt war, lag bislang gegen Saraiello nichts vor. Allerdings gibt es von ihm Fotos auf Facebook, die ihn mit einer goldenen Pistole zeigen. Auch die Tatsache, dass er aus dem von der Camorra beherrschten Stadtbezirk Secondigliano stammt, lässt auf eine Verbindung zu den Clans schließen.



Zeitgleich zu den jüngsten Morden hatte der Kardinal von Neapel, Monsignore Crescenzio Sepe, in einer Messe das Ende des Blutvergießens auf den Straßen Neapels gefordert. Der hohe Geistliche bezog sich dabei auf Taten Anfang September: Am 6. September wurde auf der Piazza Sanita im historischen Zentrum der 17-jährige Gennaro Cesarano erschossen. Die Polizei fand mehr als 20 Projektile unterschiedlicher Kaliber. Dies deutete auf einen Streit zwischen unterschiedlichen Clans hin.

der 17-jährige Gennaro Cesarano


Möglicherweise kam das junge Opfer per Zufall ums Leben. Etwa zur selben Zeit wurde ein 30-Jähriger in der Nähe ermordet. Die Polizei berichtete, dass mehr als 50 Patronenhülsen vom Kaliber 7,62 gefunden wurden - Munition, wie sie gewöhnlich bei Kalaschnikows benutzt wird.

Nicht zuletzt die jüngsten Fahndungserfolge der Antimafiaeinheiten - in zwei Aktionen der vergangenen Woche wurden etwa 90 Personen in und um Neapel festgenommen - bringen Unruhe in die Camorrastrukturen. Nicht auszuschließen ist eine neue Clanfehde ähnlich der von 2004. Damals ging es um die Machtaufteilung des Di-Lauro-Clans. Der auch schon in diese "Faida di Scampia" genannten Fehde verwickelte Mariano-Clan war in der jüngsten Verhaftungswelle stark betroffen.




Möglich, dass nun konkurrierende Camorra-Arme neue Positionen abstecken wollen. Dazu würde auch ins Bild passen, dass vor allem jugendliche Drogenkuriere diszipliniert oder, wenn sie auf eigene Rechnung arbeiten, exekutiert werden.

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Donnerstag, 17. September 2015

Mafiosi nach zwei Monaten wieder auf freiem Fuß

Anfang Juli hatte die Polizei acht mutmaßliche Mitglieder der Mafia-Organisation 'Ndrangheta festgenommen. Die Männer sollten ausgeliefert werden - stattdessen sind sechs wieder frei.




Die Männer im Alter von 40 bis 69 Jahre waren im Rahmen der Operation Rheinbrücke in mehreren Orten im Bodenseekreis festgenommen worden. Sie sollten nach Italien ausgeliefert werden. Nach Angaben des Recherchezentrums "Correctiv" wurde die geplante Auslieferung jedoch Anfang September in sechs Fällen für unzulässig erklärt. Als Begründung habe das Oberlandesgericht Karlsruhe auf Anfrage angegeben, dass die Straftaten, die den Männern zur Last gelegt worden waren, nach deutschem Recht verjährt seien.

Die Männer sollen der berüchtigten Mafia-Gruppe 'Ndrangheta aus Kalabrien angehören - ein Umstand, der in Italien ausreicht, um sich strafbar zu machen. In Deutschland ist die Gruppierung vor allem im Westen und in Baden-Württemberg aktiv.

Nach der Festnahme hatte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft erklärt, die Behörden müssten nun einen Antrag auf ein Auslieferungsverfahren beim Oberlandesgericht Karlsruhe stellen. Dann komme es darauf an, welche Einwendungen die Beschuldigten machten. Das Verfahren könnte sich Monate hinziehen.

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Schweiz / Mafia-Dealer müssen nicht in Knast

Das Bundesstrafgericht der Schweiz hat am Dienstag drei mutmaßliche Mitglieder der Mafia-Organisation 'Ndrangheta in Bellinzona wegen Drogenhandels zu mehrmonatigen Freiheitsstrafen auf Bewährung verurteilt. Ursprünglich hatte die Bundesanwaltschaft 13 Personen im Visier.



Die Beschuldigten wurden zu sieben, acht und neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt mit einer Probezeit von drei Jahren, wie die Bundesanwaltschaft am Mittwoch mitteilte. Das Urteil war am Dienstag gefallen. Ihr Handeln habe die Gesundheit zahlreicher Personen gefährdet, heißt es. Konkret sollen sie bandenmäßig mit Kokain gehandelt haben.

Bereits Anfang Dezember 2014 wurde ein 49-jähriger Tessiner aus dem Kreis der Verdächtigen vom Bundesstrafgericht zu einer Haftstrafe von zwölf Monaten auf Bewährung verurteilt. Über einen Zeitraum von fünf Jahren hatte er Schusswaffen und Munition illegal vom Tessin nach Italien ausgeführt, wie es im Urteil heißt.
Der unter dem Namen «Quatur» bekannt gewordene Fall hat eine lange Vorgeschichte:

Die verschiedenen Strafuntersuchungen gehen zurück bis ins Jahr 2002. Den Beschuldigten wurde vorgeworfen, seit 1994 vor allem im Rauschgift- und Waffenschmuggel auf der Achse Zürich-Tessin-Italien tätig gewesen zu sein.
Doch das Bundesstrafgericht wies die Anklage der Bundesanwaltschaft zwei Mal zurück. Das erste Mal waren die Richter in Bellinzona zum Schluss gekommen, dass Verteidigerrechte verletzt wurden, ein zweites Mal war gemäß Richtern ein Großteil der Abhörprotokolle unbrauchbar.

Weil der Hauptverdächtige in Italien vom Vorwurf der Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation freigesprochen wurde, ließ die Bundesanwaltschaft diesen Vorwurf gegen einen Teil der Beschuldigten fallen.

Insgesamt wurden in dieser Strafsache bereits neun Personen verurteilt, wie die Bundesanwaltschaft auf Anfrage erklärte. Im Hauptverfahren wurde im Januar gegen fünf Beschuldigte eine neue Anklage erhoben. In einem weiteren Verfahren sind noch Anklagen gegen drei andere Personen anhängig.


Die 'Ndrangheta ist eine kalabrische Mafia-Organisation, deren Aktionsradius ganz Europa, Nord- und Südamerika sowie Russland und Australien umfasst. Unter den Begriff Mafia fallen auch die sizilianische Cosa Nostra, die neapolitanische Camorra und die apulische Sacra Corona Unita.
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Mittwoch, 16. September 2015

Mafia-Boss beim Zellen -Sex erwischt

Menschenrechtler kümmern sich in vielen Gefängnissen sehr ehrenwert um die Haftbedingungen der Insassen. In Russland ist eine Frau mit ihrer Fürsorge allerdings zu weit gegangen, wie die Aufnahmen einer Überwachungskamera belegen.



Ein russischer Mafia-Boss ist in seiner Gefängniszelle beim Sex mit einer Menschenrechtsaktivistin gefilmt worden. Die Frau war eigentlich regelmäßig in das Gefängnis gekommen, um die Haftbedingungen des Mannes zu überprüfen. Weil ihre Besuche aber immer länger dauerten, wurde die Gefängnisleitung zunehmend misstrauisch. Ein Gefängnisbeamter sagte: "Es wurde festgestellt, dass ihre Beratungsgespräche länger dauerten als üblich." Daraufhin entschloss sich das Gefängnispersonal, in der Zelle des Mafia-Paten eine Überwachungskamera zu installieren.


Die Bedenken der Strafvollzugsbehörden waren offenbar berechtigt. Denn bei der Auswertung der Video-Aufnahmen wurde schnell klar, was die Besuchszeit so in die Länge zog. Auf den Bildern ist deutlich zu sehen, dass sich die blonde Frau nicht lange mit Gesprächen über das Befinden des Häftlings aufhält. Stattdessen kümmert sie sich auf spezielle Weise um bessere Haftbedingungen für den Mafiaboss. Im Anschluss an das Stelldichein ziehen sich beide wieder an.



Liebesleben in der Luxuszelle


Das Rendezvous, das wahrscheinlich im April im Gefängnis von Swerdlowsk in Zentralrussland stattfand, löste nach seinem Bekanntwerden heftige Empörung aus. Bis zu den Aufnahmen soll die Frau den Gangsterboss regelmäßig besucht haben.


Zornige Bürger stießen sich aber nicht nur an dem Liebespiel in der Zelle, sondern auch an deren opulenter Ausstattung. Der Gangster, der wegen seiner Verbindungen zur Organisierten Kriminalität verurteilt wurde, lebe in einem Komfort, der für russische Gefängnisse eher unüblich ist. So habe er ein Holzbett statt der Standard-Gefängnispritsche, außerdem Stühle, einen Couchtisch und Gemälde an der Wand.


Der Vorfall soll nun untersucht werden. Die Identität der Frau wurde bisher nicht bekannt. Auch wie die Aufnahmen der Überwachungskamera an die Medien gelangten, ist noch unklar

Dienstag, 15. September 2015

Großeinsatz der Polizei gegen Camorra-Familie

Italiens Polizei schloss Spielhallen und beschlagnahmte 3.200 Videopoker- und andere Glücksspielgeräte. Außer Mitgliedern der Camorra, die mit der Mafia vergleichbar ist, wurde auch ein Jockey wegen Wettbetrugs festgenommen.




Die italienische Polizei hat am Dienstag einen Großeinsatz gegen das organisierte Verbrechen im Süden des Landes gestartet. Insgesamt 44 Personen seien festgenommen worden, meldete die Nachrichtenagentur AdnKronos aus Neapel.

Fünf Spielhallen in mehreren Städten seien zwangsweise geschlossen und 3.200 Videopoker- und andere Glücksspielgeräte beschlagnahmt worden. Außer Mitgliedern der Camorra, die mit der Mafia vergleichbar ist, sei unter den Festgenommenen auch ein namhafter Jockey, der in Wettmanipulationen verwickelt sei.


Capo Schiavone sitzt lebenslang

Die Aktion richtete sich den Berichten zufolge in erster Linie gegen die Familie Russo, die in den vergangenen Jahren immer stärker die Führung des sogenannten Casalesi-Clans in der Provinz Caserta übernommen hatte. Dessen früherer Boss Francesco Schiavone, alias "Sandokan", sitzt eine lebenslange Haftstrafe ab.

Die Camorra ist in den süditalienischen Provinzen Neapel und Caserta beheimatet, operiert aber längst weltweit. Sie ist unter anderem im Drogenhandel, Glücksspiel und der illegalen Müllentsorgung tätig. In Neapel hat die kriminelle Gewalt in jüngster Zeit wieder stark zugenommen. "Baby-Gangs", Jugendbanden die untereinander um Einflusszonen kämpfen, liefern sich dort wilde Schießereien. Dabei sollen auch Unbeteiligte getötet worden sein.

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Samstag, 12. September 2015

Mächtige Mafiosi und resignierte Bürger

In der Heimat der 'Ndrangheta ist die Armut groß und der Staat kaum präsent. Platì und andere Dörfer in Südkalabrien werden seit Jahren zwangsverwaltet und von der Politik vernachlässigt.



Seit Jahren hat Platì keinen gewählten Bürgermeister mehr und wird durch einen «Commissario» zwangsverwaltet. Der Gemeinderat des Orts mit 3700 Einwohnern an der Südspitze Kalabriens ist in den letzten zwölf Jahren dreimal wegen Mafia-Infiltration aufgelöst worden. Bei den Kommunalwahlen 2014 schaffte es die einzige eingereichte Liste nicht, das nötige Quorum zu erreichen. Beim letzten Urnengang im Mai trat erst gar keiner mehr an.

Politiker leben in Platì, der Heimat der 'Ndrangheta, gefährlich. Domenico Demaio, der letzte Bürgermeister, der es wagte, sich der organisierten Kriminalität entgegenzustellen, bezahlte seinen Mut 1985 mit dem Tod. Der kleine Platz vor dem Gemeindehaus wurde vor ein paar Jahren nach ihm benannt und eine Gedenktafel zu Ehren «des Helden der ehrlichen Bürger von Platì» angebracht. An den Machtstrukturen im Ort hat sich dadurch wenig geändert.


Schutzgelder

Platì und seine Nachbargemeinde San Luca sind in ganz Italien bekannt, oder besser gesagt berüchtigt. Die kalabresische Mafia war hier im 19. Jahrhundert aus Gruppen von Briganten heraus entstanden (wie Räuber und Gesetzlose damals genannt wurden). Traditionell waren Entführungen und Erpressungen die Haupteinnahmequellen der Clans. Mittlerweile verdienen diese ihr Geld vor allem mit Drogenhandel und Geldwäsche.

Der kometenhafte Aufstieg der 'Ndrangheta in den letzten Jahrzehnten hat Platì allerdings wenig gebracht. Wohltätigkeit gehört nicht zu ihrem Programm. Die Herrschaft der Clans beruht auf dem Konsens weniger und der stillen Duldung vieler, die sich aus Angst oder Eigeninteresse den Kriminellen unterwürfen, anstatt Anzeige zu erstatten. Die Machenschaften der Mafia kosten Kalabrien laut der Studie 1,2 Milliarden Euro im Jahr. Rund 40 000 Firmen seien gezwungen, Schutzgelder zu zahlen.




Auch viele Politiker und Beamte sind korrupt oder stecken mit der organisierten Kriminalität unter einer Decke. Sonst ist der Staat hier wenig präsent, einmal abgesehen von Repressionsmaßnahmen. Die Locride, das Gebiet zwischen den schönsten Stränden Italiens am Ionischen Meer und dem atemberaubenden Bergmassiv des Aspromonte, hätte großes touristisches Potenzial. Doch die jahrzehntelange staatliche Vernachlässigung hat Spuren hinterlassen. In einigen Vierteln Platìs gibt es bis heute kein fließendes Wasser. Die Straßen sind in einem katastrophalen Zustand.

Am Fuße des Ortes im Tal steht das Skelett einer geplanten Schnellstraße auf Betonpfeilern, das inmitten eines Feldes endet. Das Bauwerk wirkt wie ein Mahnmal der Perspektivlosigkeit. Das Großprojekt war um die Jahrtausendwende in Angriff genommen worden, um die Ost- und die Westküste Kalabriens zu verbinden und damit der Isolation der bitterarmen Locride ein Ende zu setzen. Doch seit Jahren steht die Bauarbeit still.

Die Menschen hier leben von ihren Olivenbäumen und ihrem Vieh. Doch in der Landwirtschaft lässt sich immer weniger verdienen, und andere

Erwerbsmöglichkeiten gibt es kaum. Die Arbeitslosigkeit ist noch höher als in anderen Ecken Süditaliens. «Jeder zweite Jugendliche hat keine Arbeit», erklärt der Anwalt Antonio Pangallo. «Und was sollen junge Leute hier in der Freizeit tun? Es gibt weder einen Fußballplatz noch ein Kino.» Wer könne, verlasse Platì, sagt der Mittvierziger. Er sei aus Überzeugung geblieben. Aus seiner ehemaligen Schulklasse lebe sonst kaum noch einer hier. Der von Rom entsandte Zwangsverwalter, Luca Rotondi, tut, was er kann, um den Bürgern mit den beschränkten Mitteln, die er zur Verfügung hat, das Leben zu erleichtern. Bald würden alle Haushalte fliessendes Wasser haben, erklärt er stolz.


Vorurteile und Sippenhaftung

Niemand im Ort stellt Rotondis gute Absichten infrage. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern ist der zupackende Neapolitaner populär. «Trotzdem wollen wir nicht länger zwangsverwaltet werden», sagt Giuseppe Lentini. «Wir wollen endlich wieder einen gewählten Bürgermeister!»




Der ehemalige Vizebürgermeister hat eine unglaubliche Wut im Bauch. Im November 2003 war er bei einer Großrazzia verhaftet und nach 22 Tagen aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen worden. Alle damals Verhafteten seien unschuldig gewesen, behauptet der 67-Jährige. Dem dürfte zwar kaum so gewesen sein. Bei der Aktion scheint aber tatsächlich vieles schiefgelaufen zu sein. Von über 140 Verhafteten kamen am Ende 19 vor Gericht; 8 von ihnen wurden verurteilt, der Rest kam wegen Verjährung frei.

Justiz und Polizei konnten im Kampf gegen die 'Ndrangheta in den letzten Jahren allerdings auch einige Erfolge verzeichnen. Zahlreiche Mafiabosse – unter anderem aus Platì – wurden verurteilt und Vermögen im Wert von Milliarden beschlagnahmt. Heute vergeht kaum ein Tag, an dem die Medien nicht über Polizeiaktionen gegen die kalabresische Mafia irgendwo im Land berichten. Dennoch scheint diese kein Nachwuchsproblem zu haben. Söhne, Brüder und Cousins der Verurteilten führen die Geschäfte weiter, und wenn die Bosse ihre Strafe abgesessen haben, steigen sie meistens sofort wieder ein.

Wegen der starken lokalen Verwurzelung der 'Ndrangheta ist in Platì fast jeder direkt oder indirekt mit einem verurteilten oder gesuchten Mafioso verwandt. Das Innenministerium scheint deshalb die gesamte Bevölkerung eines politischen Amtes für unwürdig zu halten.

Und Platì ist kein Einzelfall. «Als ich Vizebürgermeister war, wurde der Gemeinderat mit fragwürdigen Argumenten aufgelöst», so schimpft Lentini. «Wir werden hier kollektiv als Verbrecher abgestempelt. Selbst wenn mein Onkel ein Krimineller wäre, könnte aber doch ich ein ehrwürdiger Mensch sein!»

Auch Rosario Rocca, Bürgermeister des benachbarten Benestare, kritisiert die Auflösung gewählter Lokalverwaltungen. Der Staat könne nicht ganze Gemeinden in Sippenhaftung nehmen, sagt der 38-Jährige, der ein bequemes Leben als Lehrer in Turin aufgegeben hat, um in seiner Heimatgemeinde die Dinge zu verändern. Platì sei ein Sinnbild für das Scheitern des Staates in der Region. Die Rechte der Bürger würden hier seit Jahren mit Füssen getreten. Damit spiele der Staat der Mafia in die Hände, anstatt das Volk auf seine Seite zu ziehen.


Resignierte Bürger

Auf einem Schild über der Kasse in dem kleinen Lebensmittelgeschäft von Platì steht: «Kein Einkauf auf Kredit!» Früher habe man anschreiben lassen, erklärt der junge Verkäufer. Doch immer mehr Leute könnten ihre täglichen Einkäufe nicht mehr bezahlen, und irgendwie müsse man ja selbst über die Runden kommen. Platì ist ein Kaff. Jeder kennt jeden. Besucher werden misstrauisch beäugt, Journalisten sowieso. Von den Medien erwartet man nichts Gutes. Die verbreiteten nur Lügen, erklärt uns Lentini über einem Bier. Er nimmt sich immerhin die Zeit, uns seine Sicht der Dinge darzulegen. Die anderen Männer, die an diesem Abend in der Bar an der Hauptstraße Karten spielen, schauen uns nur grimmig an.

Die Menschen in Platì fühlen sich als Opfer. Als Opfer der Justiz, der Politik, der öffentlichen Meinung und wahrscheinlich auch jener, denen sie dies alles verdanken. Doch das wagt keiner laut zu sagen. Unter der Mafia litten die Dörfler nicht, nur unter dem Staat, sagt Pangallo. Auch Lentini leugnet das Problem: «Was sehen Sie hier? Macht? Reichtum? Nur bittere Armut gibt es!» Die Mafia finde man dort, wo es Geld zu verdienen gebe, fügt er hinzu, im Finanzsektor und in der Politik.

In der Tat wirkt Platì nicht gerade wie die Hochburg des einflussreichsten Verbrechersyndikats Europas. Die Clans scheinen hier kaum wirtschaftliche Interessen zu verfolgen. Die Heimat bleibt laut Ermittlern aber ein wichtiges Rekrutierungszentrum und ein Rückzugsort für gesuchte Mafiabosse. Platì ist ihr Zuhause, und solange hier ein politisches Vakuum herrscht, können sie sich sicher fühlen.

Die Parlamentarierin Doris Lo Moro spricht von einer schweren Krise der Beziehung zwischen Bürgern und staatlichen Institutionen. Gemeinden, die von der Mafia infiltriert seien, brauchten dringend mehr staatliche Hilfe, sagt die aus Kalabrien stammende Senatorin. Es reiche nicht, einen «Commissario» zu entsenden und diesen dann sich selbst zu überlassen. Damit gebe man die Ortschaften der Mafia preis, und die Bürger fühlten sich zu Recht vom Staat im Stich gelassen.


Ein mutiger Bürgermeister

Dass es anders geht, hat Rosario Rocca bewiesen. Er und sein Team von Gemeinderäten wurden 2009 in Benestare gegen den Widerstand der lokalen Mafia gewählt und im letzten Jahr mit überwältigender Mehrheit bestätigt. Wie überall in der Region sei die 'Ndrangheta auch in seiner Gemeinde allgegenwärtig, sagt er. Doch sei es ihm gelungen, diese aus öffentlichen Aufträgen und anderen Gemeindeangelegenheiten herauszuhalten.




Er wolle den Rechtsstaat stärken und eine gewisse Normalität für die 2500 Bewohner schaffen, sagt Roca. Das passe den Mafia-Clans natürlich nicht. Dreimal hätten sie sein Auto angezündet und wiederholt auch seine Familie bedroht. Mehrere Male seien zudem Kehrichtwagen der Gemeinde zerstört worden. Er habe seinen Feinden aber klargemacht, dass er sich durch Einschüchterungsversuche nicht von seinem Kurs abbringen lasse, fügt der noch immer sehr motiviert scheinende 36-Jährige hinzu.

Die Unterstützung der Bevölkerung gebe ihm den Mut, weiterzumachen.
«Der demokratische Staat hat in Kalabrien kläglich versagt», kritisiert Rocca. «Lokalpolitiker bekommen kaum Unterstützung. Die Institutionen auf Distrikt- und Regionalebene sind schwach oder unterwandert. Die Verbrechen der Mafia bleiben ungesühnt. Nur dank diesem institutionellen Vakuum konnte die 'Ndrangheta hier so stark werden.» Sein wichtigstes Projekt war die Schaffung von Quartierkomitees, mit denen er die Teilnahme am öffentlichen Leben stärken will. «Die Bürger haben resigniert. Ich will sie politisch wieder einbinden und zeigen, dass positive Veränderungen selbst in einem Ort wie Benestare möglich sind.»


Eine engagierte Politikerin

Auch die aus einem Küstenort der Locride stammende Maria Grazia Messineo sieht die politische Klasse in der Pflicht, allen voran ihren Partito Democratico. «Bei den Regionalwahlen im Mai haben die Demokraten und seine Verbündeten in Platì über 70 Prozent der Stimmen erhalten. Dennoch haben wir es nicht geschafft, Kandidaten auf lokaler Ebene aufzustellen. Wie ist das möglich?», fragt die Jungpolitikerin.
«Die Justiz und die Polizei können den Kampf gegen die Mafia allein nicht gewinnen. Sie sind auf die Unterstützung der Politik angewiesen», sagt die 26-Jährige.




Die Mehrheit der Bewohner von Platì seien ehrliche Menschen. Im Gegensatz zur Mafia seien sie aber nicht organisiert. Das wäre eigentlich die Aufgabe der Parteien, doch diese seien hier seit Jahrzehnten nicht mehr präsent. Die Rechtsstudentin organisiert in Platì regelmäßig Bürgerversammlungen und ist überzeugt, dass sich im Ort durchaus wählbare Kandidaten für politische Ämter finden würden. Einen kleinen Erfolg konnte sie bereits verbuchen, wie sie sagt. Mit Unterstützung von Parteikollegen aus Rom wurde im Juni in Platì ein Parteisitz eröffnet. Das Büro steht allerdings noch immer leer, weil die Regionalsektion der Demokraten es bisher nicht geschafft hat, einen Sekretär zu ernennen.

Der Regierungschef Renzi sei angetreten, um die korrupten politischen Strukturen im Land zu «verschrotten», erklärt Messineo. Kalabrien habe seine Politik der Erneuerung leider noch nicht erreicht.

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Die Mafia sitzt im italienischen Fernsehen

Das Prunkbegräbnis eines Mafia-Paten löste in Rom einen Skandal aus, der noch nicht zu Ende ist. Auf Rai Uno preisen zwei Mitglieder des berüchtigten Casamonica-Clans den Toten wie einen Heiligen.




Das hat Italien noch nie gesehen: Zur besten Sendezeit und im ersten staatlichen Sender Rai Uno durfte sich in einem der bisher angesehensten politischen Fernseh-Salons die berüchtigte römische Mafia-Familie Casamonica präsentieren: Bruno Vespa bot in seiner Talkshow „Porta a Porta“ der Tochter Vera und dem Enkel Vittorio jun. des verstorbenen Clanchefs Vittorio Casamonica eine offene Bühne.

Der Zuschauer traute seinen Augen kaum: Da konnte im schwarzen schulterfreien T-Shirt über einem weißen langen Rock und schwarzen Stöckelschuhen Vera Casamonica ihren Vater mit Papst  Johannes Paul II. vergleichen; der Verstorbene sei für sie und die Familie wie ein Heiliger gewesen, befand sie.

 Die Staatsanwaltschaft hingegen sieht den Verstorbenen als Padrone eines Sinti-Clans, der es mit Rauschgift- und Menschenhandel, mit Erpressung und Betrug zu einem Vermögen von etwa neunzig Millionen Euro gebracht hat. Mehr als ein Dutzend Angehörige des Clans saßen oder sitzen zurzeit in Haft.


Der Enkel des Paten schweigt

Mutmaßlich weil einer der Söhne dieses Padrone daheim in Hausarrest bleiben muss, hatte Vespa neben der stolzen Vera noch den Enkel Vittorio eingeladen. Der saß neben ihr im schwarzen Hemd und schwarzen Jeans und wusste offensichtlich nicht so recht, wie man sich in einem Fernsehstudio benimmt. Der Junior schwieg meist. Doch wenn beide nicht schlagfertig genug waren, mischte sich der Anwalt der Familie ein.

Dabei verwickelte Bruno Vespa seine Gäste keineswegs in ein Kreuzverhör. Vielmehr ging es ihm offenbar vor allem darum, den weißen Anzug, in dem der Tote auf einer meterhohen Leinwand bei der Trauerfeier gezeigt worden war, optisch in die Nähe zum weißen Habit des Papstes zu rücken; und da hatten es die Casamonicas leicht: Nun gut, sagte Vera, aber das war ein normaler Straßenanzug und nichts mehr. Dabei hätte man gerne gewusst, wie man zum Beispiel die Polizei so an der Nase herumführt, dass man eine sechsspännige Kutsche zum Transport des Sargs in einem langen Zug von Luxuskarossen mit den Trauerkränzen durch die Stadt schicken und aus einem Hubschrauber rote Rosen auf den Sarg regnen lassen kann.


Verbrechen salonfähig gemacht

Seit die Regierung von Matteo Renzi an der Macht ist und so etwas wie stabile Verhältnisse in Italiens Politik eingetreten sind, haben es politische Talkshows schwer. Bruno Vespa, der als Mentor dieser Art von Debatten-Kultur gilt und bei dem früher sein Freund Silvio Berlusconi und dessen gesamte politische Brut stets ein offenes Forum hatten, wurde wegen dieser Normalität mit seiner Sendung „Porta a Porta“ kaum mehr beachtet. Das muss ihn so gekränkt haben, dass er nun zur Hebung der Zuschauerzahlen zum Äußersten griff. 1,34 Millionen Zuschauer sahen dann auch seine Sendung; fast so viele wie die am Abend zuvor mit dem Studiogast Renzi.

Aber nun muss sich der aalglatte Vespa der Kritik von fast allen Seiten stellen. Roms Bürgermeister Ignazio Marino sagte, man sollte die Sendung verschrotten. Er werde nie mehr „Porta a Porta“ sehen, denn Vespa habe die Würde der Stadt verletzt. Diese Sendung habe nicht informiert, sondern versucht, das Verbrechen salonfähig zu machen. Darauf entgegnete Vespa: „In der Tat hat Rom seine Würde verloren, aber doch nicht durch diese Sendung, sondern durch die Politik.“


Juristisch lasse sich womöglich nichts gegen diese Sendung machen, sagte der Präfekt von Rom, Franco Gabrielli; Vespa habe sich freilich als jemand entlarvt, der den Kontakt zur Mafia nicht scheue. Berlusconis Forza Italia hat derweil nichts an der Sendung auszusetzen. Sein Fraktionssprecher im Abgeordnetenhaus Renato Brunetta meinte, Vespa sei ein guter Journalist, der seine Zuschauer zu informieren wisse. Der Vorsitzende der parlamentarischen Kontrollkommission der Rai, Roberto Fico, stellte hingegen fest: Auch wer beim staatlichen Fernsehen arbeitet, ist nicht unantastbar. Die nächste Kommissionssitzung kommt bestimmt.
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