Samstag, 29. August 2015

Italiens Regierung stellt Rom unter Kuratel

Von Paul Kreiner - Stuttgarter Zeitung

Mafia, Chaos, Heiliges Jahr: Die italienische Regierung stellt die Hauptstadt Rom jetzt unter Kuratel. Der neue Präfekt Franco Gabrielli soll’s richten. Der Ex-Geheimdienstmann gilt als ausgesprochener Troubleshooter.


Präfekt Franco Gabrielli soll den Mafiafilz beseitigen. 


So tief im Schlamassel hat Rom schon lange nicht mehr gesteckt. Der Sinti- und Mafiaclan Casamonica sorgt mit der pompösen Beerdigung seines „Königs“ für nacktes Entsetzen. Mafia-Verdacht richtet sich gegen zahlreiche Politiker und Funktionäre der Stadt; einige schmoren in Untersuchungshaft. Vor lauter Mafiafilz sind die Hafenvorstadt Ostia und ihre derzeit von Millionen Badetouristen belagerten Strände quasi unregierbar.

In der Stadtkasse finden sich statt Geld nur Löcher, und der Stress, vor der ganzen Welt „bella figura“ machen zu müssen, wächst: Am 8. Dezember will Papst Franziskus sein „Heiliges Jahr der Göttlichen Barmherzigkeit“ starten. Erwartet werden 25 Millionen Pilger, aber die Empfangs- und Infrastruktur ist so löchrig wie die römischen Straßen. Zu allem Überfluss hat sich Italiens strapazierte Hauptstadt auch noch um die Olympischen Spiele 2024 beworben.

Jetzt ist die Regierung massiv eingeschritten. Innenminister Angelino Alfano hat die Stadtverwaltung unter Kuratel gestellt. Der ungeliebte, wenn auch unbelastete Bürgermeister Ignazio Marino (60), der just die heißesten Tage seiner mittlerweile zweijährigen Amtszeit ungerührt im USA-Urlaub verbringt, ist laut Regierungsbeschluss vom Donnerstag praktisch nur noch für den Verkehr zuständig.

Den Rest der Stadtverwaltung übernimmt Präfekt Franco Gabrielli (55). Das ist der frühere Geheimdienstmann, der sich mit der Bewältigung der Erdbebenfolgen in L’Aquila, mit der erfolgreichen Beseitigung des Costa-Concordia-Wracks und mit der Führung des nationalen Katastrophenschutzes empfohlen hat.


Roms Hafenstadt Ostia ist unregierbar geworden

Mit der weitreichenden Entmachtung der demokratisch gewählten Stadtführung vermeidet die Regierung am Rand ihrer gesetzlichen Befugnisse eine weit drastischere Maßnahme: die gänzliche Auflösung von Marinos Bürgermeisterriege sowie des Stadtparlaments, wie sie für mafiaverseuchte Gemeinden in Italien normalerweise vorgesehen ist. Aufgelöst wird dennoch: Zumindest der Stadtteil Ostia kommt für vorerst 18 Monate unter die Leitung eines im Kampf gegen die Mafia erfahrenen Regierungskommissars.

Ostia mit seinen 100 000 Einwohnern ist die zweitgrößte Kommune Italiens, der diese Behandlung widerfährt. Größer war nur die süditalienische Regionalhauptstadt Reggio Calabria. Deren Verwaltung musste 2012 wegen Verquickung mit der „Ndrangheta“ entlassen werden. Damals behaupteten Polizeifunktionäre und Politiker noch, in der Hauptstadt Rom gebe es keine Mafia.


Ostia - Badestrand


Es gab sie durchaus, wie die Verhaftungswelle in Ostia schon wenige Monate danach zeigte. Nur war – so merkt die frühere Justizministerin Paola Severino an – in Rom die „omertà“ viel stärker ausgeprägt als selbst im Mezzogiorno: „Man hat die Mafia flächendeckend und kollektiv verschwiegen, weil sich Rom als stolze Hauptstadt nicht eingestehen wollte, dass sie davon befallen war.“ Und „Antikörper“, so heißt es heute resigniert, habe Roms Gesellschaft auch nicht entwickelt.

die frühere Justizministerin Paola Severino


Dabei wusste man schon 2011 aus Parlaments- und Gerichtsakten, wer die Casamonica waren: Eine Großfamilie, deren Mitglieder sich dem Finanzamt gegenüber als mittellos ausgaben, bei der die Fahnder aber regelmäßig Vermögen, Villen, Luxusautos im Millionenwert beschlagnahmten. Die Casamonica lebten und leben von Drogenhandel, Schutzgelderpressung und Wucher; sie machten sich in städtischen Sozialbauten breit und, terrorisierten die Nachbarn. Sie verkauften, wenn’s sein musste, auch die illegal besetzten Wohnungen und arbeiteten mit anderen Verbrecherorganisationen zusammen.


Die Beerdigung des „Königs von Rom“

82 Clanmitglieder, so teilt die Polizei in diesen Tagen mit, befänden sich derzeit unter „spezieller Beobachtung“. Trotzdem haben sämtliche Kontrollen versagt, als die Casamonica vor einer Woche ihren als „König von Rom“ titulierten Boss Vittorio begruben.

Der kilometerlange Leichenzug auf einer der größten Ein- und Ausfallstraßen Roms, die barocke, sechsspännige Kutsche, der Hubschrauber, der ganze Wolken roter Rosenblütenblätter über dem Kirchplatz abwarf – das war als provokative Inszenierung alles minutiös geplant. „Aber von den örtlichen Sicherheitskräften sind keine Informationen nach oben gegeben worden“, hält der Sicherheitschef Gabrielli fest.

Geschlafen hat Rom lange auch in Ostia, wo sich einheimische Clans und die sizilianische Cosa Nostra die Geschäfte teilten: millionenschwere Lizenzen für Strandbetriebe, für Kinos und Klubs und Restaurants. Nach außen unauffällig, verfilzt mit der Stadtteilverwaltung, hofften sie alle auf den ganz großen Brocken: Auf die vom früheren Bürgermeister Gianni Alemanno geplante, monströse „Waterfront“ aus Einkaufsmeilen und Unterhaltungsbetrieben. Die „Waterfront“ ist abgeblasen, gegen Alemanno wird ermittelt.

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