Dienstag, 28. Juli 2015

Kronzeuge der 'Ndrangheta: "Ständige Angst"

Mord, Entführung, Erpressung, Drogen, Korruption – mit 44 Milliarden Euro Jahresumsatz ist die kalabrische 'Ndrangheta-Mafia der größte "Familien-Betrieb" der Welt. Im "Krone"-Interview spricht einer der wenigen Kronzeugen, Giuseppe Di Bella – der nun mithilfe von Autor Gianluigi Nuzzi in Buchform auspackt. Jetzt wurde "Metastasen" in Wien präsentiert.


"Krone": Herr Di Bella, welche Aufgaben hatten Sie als Mafioso?

Guiseppe Di Bella: Meine Hauptaufgabe war es, von Geschäftsleuten Schutzgeld einzutreiben. Koste es, was es wolle. Nach und nach bin ich in der Hierarchie dann immer weiter nach oben gekommen.





                 Kronzeuge Giuseppe Di Bella 



"Krone": Warum sind Sie vor zehn Jahren als Kronzeuge aus der 'Ndrangheta ausgestiegen?


Di Bella: Damals töteten sie ein Kind und lösten es in Salzsäure auf. Ab diesem Moment habe ich das Mafia-System abgrundtief gehasst.

"Krone": Sie haben seitdem schon einige 'Ndrangheta-Bosse hinter Gitter gebracht. Angst vor Rache?

Di Bella: In jeder Sekunde! Mein Alltag und der meines Sohnes ist von ständiger Angst geprägt. Ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass ich keinen natürlichen Tod sterbe. Die Familie verlässt man nicht - und auf Verrat steht sowieso die Todesstrafe.

"Krone": Gießen Sie mit dem Buch dann nicht Öl ins Feuer?

Di Bella: Natürlich. Ich bin jetzt 100-mal gefährdeter als vorher. Aber ich hab' meiner Frau vor zwei Jahren am Totenbett versprochen, dass ich reinen Tisch mache. Und das nicht nur mit der Justiz.

"Krone": Welche Rolle spielt Österreich für die 'Ndrangheta?
Di Bella: Zu meiner Zeit keine wesentliche. Das hat sich jedoch geändert.

"Krone": Herr Gianluigi Nuzzi, Ihre Recherchen über Österreich als Autor von "Metastasen" haben was ergeben?

Gianluigi Nuzzi: Die 'Ndrangheta besorgt hier vor allem ihre Waffen. Dank des strikten Bankgeheimnisses wurde das Land auch für Transaktionen und Geldwäsche zur Anlaufstelle Nummer eins. Und natürlich spielt auch der Kokain-Verkauf eine große Rolle.
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Zum Hintergrund

Jahre nach dessen angeblichem Tod wird der Fall um Gianni Versace neu aufgerollt. Gemäß einem Insider soll sich dieser gar nicht in Miami befunden haben, als er dort ermordet wurde.

 
Gianni Versace († 50)


Am 15. Juli 1997 wurde Gianni Versace († 50) von einem Geistesgestörten erschossen. Das hieß es während der letzten vierzehn Jahre. Ausgerechnet das soeben veröffentlichte Mafia-Buch «Metastasen» bringt allerdings neue Details ans Licht. Das einstige 'Ndrangheta-Mitglied Giuseppe Di Bella behauptet, der Tod von Versace sei inszeniert gewesen: «Als er in Miami ermordet wurde, war Versace in Zürich.»

Di Bella sollte es wissen. War er es doch, der die Asche des angeblich Verstorbenen hätte verschwinden lassen sollen - «damit man die DNS nicht abgleichen kann». Die Bellas Versuch scheiterte, die Asche Versaces wurde nie untersucht. Und der Mörder Andrew Phillip Cunanan richtete sich Tage nach der Tat im Gefängnis selbst. Aber warum täuschte die kalabrische Mafia Versaces Tod vor?


 Boss Coco Trovato



Laut Di Bella war der Modeschöpfer eng mit dem Boss Coco Trovato befreundet. Seit den 80er-Jahren soll Versace für ihn Geld gewaschen haben. Schließlich sollte er mit dem angeblichen Mord in Sicherheit gebracht werden, um fortan ein normales Leben führen zu können.
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