Montag, 5. Januar 2015

Rom - gefährlicher als Palermo.

Der Humus, aus dem Buzzis Reich so üppig wuchs, hatte nach einhelligem Befund der Kommentatoren zwei Schichten. Roms, wo gut und böse, Freund- und Seil- und Komplizenschaft, öffentliche Ordnung und privater Profit so ineinander verschwimmen, dass keiner mehr eine klare Unterscheidung treffen kann. „Alle tun, was alle tun“, sagt ein Fahnder, „innere Bremsen gegen das Abrutschen in illegale und/oder mafiöse Kulturen gibt es nicht.“



Die zweite Schicht ist der „schwarze“, der rechtsextreme Sumpf, über den in Italiens Hauptstadt bis heute nur recht dünne Bretter führen. Massimo Carminati hat eine prominente Vergangenheit als führender Rechtsterrorist in den „NAR“, den „Bewaffneten Autonomen Zellen“ der späten siebziger Jahre. Und nicht nur eine Vergangenheit. Fahnder berichten von den Abhöraktionen, dass selbst Carminati darüber gestaunt habe, welche Bekanntheit und welches Drohpotenzial allein sein Name noch immer besitzt: „Da laufen die Leute weg, wenn du mit ihnen reden willst“, sagte er: „Sie wissen eben, wie die Dinge wirklich stehen.“


Das Netzwerk "alter Kameraden" ist noch intakt

Jener Kronzeuge, der die Polizei auf Carminatis und Buzzis Spuren gebracht hat, sagte darüber hinaus, der Kreis der „alten Kameraden“ sei in Rom noch intakt: „Da ist noch ein Gefühl füreinander da. Die einen sind zwar Politiker geworden, die anderen Banker, aber sie sind in diesem Ambiente aufgewachsen. Es ist immer noch leicht, sich gegenseitig um einen Gefallen zu bitten.“

Carminati, dem man außer kleineren Raubüberfällen nie etwas hatte nachweisen können – und wenn er doch einmal zu drei oder vier Jahren Haft verurteilt worden war, dann kam er immer wieder aufgrund von allgemeinen Amnestieregelungen frei. Er betrieb in Roms Norden mit seiner Lebensgefährtin ein Modegeschäft.

Zwanzig Jahre alt ist der Sohn, eine ruhige Familie – nach außen hin. Doch im Verborgenen hat es Carminati nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft geschafft, aus den verbliebenen Mitgliedern seiner alten Zelle und aus jenen Stadt-Kriminellen der „Magliana-Bande“, die in den achtziger Jahren Rom terrorisierte, eine ebenso diskrete wie gefürchtete Mafia-Gruppe zu formen. Ziel: maximales Geldverdienen. 

Das Mittel: Buzzis verschachteltes, allgegenwärtiges Imperium, finanzielle 
„Freundschaftsdienste“ für Betriebe, die in wirtschaftliche Not gerieten und dann – nach klassischer mafiöser Manier – die schleichende Übernahme der Firma: „Worauf ich abziele“, sagte Carminati am Telefon ganz offen, „ist gleichberechtigte Teilhabe zu gegenseitigem Vorteil. Die Sache ist ja die: Aus der Freundschaft folgt, dass wir gemeinsame Geschäfte machen. Das sage ich allen: Die Unternehmer müssen Sachen für uns ausführen. Sie müssen für uns arbeiten.“


Rom ist gefährlicher als Palermo, sagt ein Mafia-Experte

Der erfahrene Mafia-Reporter Lirio Abbate, der sich seit seiner Arbeit auf Sizilien nur mehr unter Polizeischutz fortbewegen kann und Rom heute für gefährlicher als Rom, hatte im August 2013 Wind von den Umtrieben Carminatis bekommen. In seiner Reportage, über deren Zeitpunkt mancher Ermittler gar nicht glücklich war, zitierte er auch die Anwältin des Bosses. Sie sagte: „Würde all das stimmen, was man Carminati nachsagt, dann wäre er kein mächtiger Mann, sondern einer mit Superkräften, der die Zügel der römischen Wirtschaft in der Hand hält und die Politik beeinflussen kann. Und das alles mit nur einem Auge! Das sind doch nur Kino-Klischees!“ In diesen Tagen zeigt sich: So weit von der Wirklichkeit war diese Art von „Cinema Capitale“ nicht entfernt.


Aus der Untersuchungshaft in Rom haben sie Carminati jetzt nach Parma verbracht, in jenes Hochsicherheitsgefängnis, in dem auch Toto Riina einsitzt, der „Boss der Bosse“ der sizilianischen Cosa Nostra, der „Schlächter von Corleone“. Rom und Corleone, auf einer Ebene sozusagen. Welch ein Abstieg für eine Stadt, die sich noch immer gerne „Caput Mundi“ nennt: „Hauptstadt der Welt“.
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