Mittwoch, 21. Januar 2015

Italienische Polizei entdeckt den "Kodex von San Luca"

Blutige Klingen, verquaste Rhetorik: Die italienische Mafia praktiziert archaische Aufnahmeriten. Römische Ermittler haben jetzt eine schriftliche Anleitung für "Taufen" der kalabrischen 'Ndrangheta gefunden.


Trügerisches Idyll: 'Ndrangheta-Hochburg San Luca im Aspromonte


Ein erfolgreicher Tag für die Mafiajäger in Italien: Beamte der italienischen Finanz- und der Kriminalpolizei nahmen 31 mutmaßliche Mitglieder der kalabrischen `Ndrangheta fest. 600 Kilogramm Kokain und Haschisch wurden sichergestellt, außerdem zahlreiche Waffen.

Die Behörden in Rom gehen in letzter Zeit verstärkt gegen die 'Ndrangheta vor, die den Kokainhandel in der Hauptstadt in der Hand hat.

Der herausragende Fund allerdings ist ein anderer: Die Ermittler gaben bekannt, dass sie bereits vor Monaten ein kleines Heft mit Notizen gefunden hätten. Die drei Seiten langen Aufzeichnungen haben es in sich - sie beschreiben die Initiationsriten der kalabrischen Mafia aus San Luca, einem abgelegenen Bergdorf im Aspromonte, das als Hochburg der ‚Ndrangheta gilt.

Von hier stammen Opfer und Täter des Blutbades in Duisburg, das aus einer Fehde der Familien Strangio-Nirta und Pelle-Romeo resultierte. Am 15. August 2007 wurden sechs Menschen vor einem italienischen Restaurant erschossen. Der Haupttäter Giovanni Strangio wurde im Juli 2011 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der "Kodex von San Luca" beschreibt den Aufnahmeritus der 'Ndrangheta, jenen für manchen Mafioso geradezu heiligen Moment, in dem er Teil der kriminellen Organisation wird. Zu einer solchen Zeremonie sind in der Regel die wichtigsten Clanchefs geladen, das Gelöbnis des Neulings folgt einer immer der gleichen Dramaturgie mit traditionellen Leitsätzen.

"Wie erkennt man einen jungen Ehrenmann?", zitiert ein italienisches  Onlineportal. "An einem goldenen Stern auf der Stirn, einem Ritterkreuz auf der Brust und einer goldenen Palme in der Hand. Und wie kommt es, dass ihr diese schönen Dinge habt und man sie nicht sieht? Weil ich sie im Fleisch, auf der Haut und in den Knochen trage."

Experten zufolge wird hier Bezug genommen auf den Gründungsmythos der 'Ndrangheta. Der handelt von drei spanischen Rittern Osso, Malosso und Carcagnosso, welche die Ehre ihrer Schwester retteten, indem sie einen Mann töteten. Dafür wurden sie auf die sizilianische Insel Favignana verbannt. Am Ende ihrer Haft verfassten sie den ersten Verhaltenskodex sowie das Gesetz der "Omertà" und gründeten die Geheimgesellschaften - Osso die Cosa Nostra in Sizilien, Mastrosso die ‚Ndrangheta in Kalabrien, Carcagnosso di Camorra in Neapel.




Im aktuellen Fall haben sich die Mafiosi - wie es seit Langem üblich ist - Mühe gegeben, das Dokument für fremde Augen unlesbar zu machen: Auf den ersten Fotos der drei Seiten sind handschriftlich verfasste Zeichen zu erkennen, die an Hieroglyphen erinnern. "Der Inhalt ist alphanumerisch verschlüsselt", sagte der Chef der römischen Kriminalpolizei, Renato Cortese. Die Codierung erfolgte demnach nicht nur über Ziffern, sondern auch über beliebige Zeichen eines Alphabets.

Den Ermittlern in Rom sei es gelungen, den Code zu entschlüsseln - was sich als bedeutsam auch für andere Fälle erweisen könnte. Gefunden wurden die Aufzeichnungen bei Gianni Cretarola, einem Ex-Mafioso, der inzwischen mit den Strafermittlungsbehörden zusammenarbeitet.

Laut dem abtrünnigen Cretarola sind in der Regel fünf Personen bei einer Taufe anwesend. Man begrüße sich mit der Formel "Buon vespro", dann werde der Ort der Taufe zunächst vom "profanen" zum "heiligen, unantastbaren, unverletzlichen" erklärt, sagte Cretarola im August 2013 im Gespräch mit der Staatsanwaltschaft



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 "Wer immer diesen Ort verletzt, wird mit drei bis fünf Dolchstößen in den Rücken bestraft", so die Drohung.

Es folge der traditionelle Blutzoll des Neulings, der seinen Finger in ein Messer drücken müsse, um das Blut fließen zu lassen. Dann werde die formale Taufe vorgenommen. Die Anweisungen für das Ritual erteile ein dafür abgestellter Mafioso, "puntaiolo" genannt. Eine Taufe im Gefängnis durchzuführen sei logistisch weitaus schwieriger als in Freiheit, beklagte der Pentito.

400 Einsatzkräfte haben an diesem Dienstagmorgen in Rom und anderen Regionen Italiens Wohnungen und Häuser durchsucht. Ins Netz gingen namhafte Bosse, die sich neben der Zugehörigkeit zu einer mafiösen Gruppe wegen zahlreicher Delikte verantworten müssen, darunter Körperverletzung, Erpressung - und der Mord an einem gewissen Vincenzo Femia.




Der kalabrische Drogendealer war am 24. Januar 2013 von einem vierköpfigen Killerkommando erschossen wurden. Er war einer der wichtigsten Vertreter der mächtigen 'Ndrangheta-Familie Nirta und soll den gleichnamigen Clan aus San Luca angeführt haben. Auseinandersetzungen mit der rivalisierenden Familie Pizzata soll zu dem Mord geführt haben.

Bereits im August vergangenen Jahres hatten Ermittler das Video eines geheimen Mafiatreffens in der Schweiz veröffentlicht. Die archaischen Aufnahmeriten sind weiter fester Bestandteil der organisierten Kriminalität. Der erste schriftlich verfasste Kodex wurde bereits 1888 in Italien gefunden.


Die 'Ndrangheta gilt als die derzeit mächtigste italienische Mafiagruppierung. Sie agiert nicht nur im Norden Italiens, sondern weltweit. Schätzungen zufolge macht sie alleine (ohne die Cosa Nostra in Sizilien) im Jahr einen Umsatz von über 53 Milliarden Euro  - etwa 2,5 Prozent des italienischen Bruttosozialprodukts.

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/mafia-ndrangheta-polizei-entdeckt-den-kodex-von-san-luca-a-1014008.html