Montag, 5. Januar 2015

Hells-Angels - Kadir der Perser packt aus

Der Berliner Hells-Angels-Boss zuckt am ganzen Körper und scheint sich nur mühsam beherrschen zu können. Kadir P. sitzt im Saal 500 des Berliner Landgerichts hinter Panzerglas. Mit dem 30-Jährigen sitzen noch zehn weitere Mitglieder des Rockerclubs auf der Anklagebank. Männer mit bulliger Statur, Boxernasen, Tätowierungen und kahl rasierten Köpfen, statt Rockerkutte tragen sie Trainingsjacke und kariertes Oberhemd.




Kadir P. ist der einzige, der eine Brille trägt, eine mit dickem schwarzen Rand. Den Männern wird gemeinschaftlicher Mord an Tahir Ö. vorgeworfen. Einer von ihnen ist Kassra Z. – und aus Sicht der Hells Angels begeht er Hochverrat. Es gehört zum Ehrenkodex der Rocker, niemals mit Polizei und Justiz zu kooperieren. Wer auspackt, gilt als Verräter. Kassra Z. packt aus.

Laut Anklage soll Rockerboss Kadir P. den Mord an dem 26-jährigen Tahir Ö. im Januar dieses Jahres in einem Wettcafé in Auftrag gegeben haben. Die Anklage geht von einem Racheakt aus. Hintergrund sei eine Messerstecherei vor einer Diskothek am Berliner Alexanderplatz im Oktober 2013 gewesen, bei der ein Hells Angel verletzt worden war. Kassra Z. berichtet, Kadir P. habe seine Hells Angels am 10. Januar aufgefordert, zu dem Wettcafé Expekt in Berlin-Reinickendorf zu fahren: „Fahrt mal hin ins Expekt, zeigt mal Präsenz und guckt, ob Tahir da ist.“




Vor dem Café habe Kassra Z. sich die Kapuze über den Kopf gezogen und sei mit den anderen hineingegangen. „Ja, und dann habe ich es knallen gehört“, verliest sein Anwalt die Worte von Z. vor Gericht. Der Todesschütze schießt achtmal, sechs Schüsse treffen Tahir Ö. Er stirbt noch am Tatort. Der Täter flieht durch die Hintertür. Die anderen Rocker verschwinden durch den Vordereingang, unter ihnen Kassra Z. Er sagt, er habe die Todesschüsse nicht gesehen. Als er den Knall gehört habe, sei er hinausgerannt.

Im Gerichtssaal sitzt Kassra Z., genannt „der Perser“, direkt gegenüber von Kadir P. Als einziger im Saal darf Z. eine Sonnenbrille tragen. Zu seinem Schutz sitzt der 27-Jährige in einer eigenen Panzerglaskabine, wird von bewaffneten Personenschützern bewacht und trägt eine schusssichere Weste unter dem weißen Sweatshirt. Kassra Z. muss um sein Leben fürchten. Seine Verteidiger tragen seit drei Verhandlungstagen vor, was er über die Hells Angels alles verraten hat. Stunde um Stunde muss sich Hells-Angels-Boss Kadir P. anhören, was sein einstiger Rockerbruder dem Landeskriminalamt und der Staatsanwaltschaft alles erzählt hat. Und das hat es in sich: Kassra Z. erklärt Aufbau und Struktur der Hells Angels, nennt Namen und weitere mutmaßliche Taten.


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Wer Hells Angels ist oder werden will, müsse einen monatlichen Mitgliedsbeitrag in Höhe von 110 bis 130 Euro zahlen, bar und pünktlich zum Ersten eines Monats, berichtet Kassra Z. den Ermittlern. Jedes neue Mitglied werde per E-Mail allen Clubs weltweit bekannt gegeben. Der Besitz einer Harley Davidson sei Pflicht, „das ist eine Weltregel“, sagt er. Denn: „Als Hells Angels fährt man nicht Bahn oder Bus.“ Es gebe Schriftführer, Logistiker und Schatzmeister. Der „Sergeant at Arms“ sei zuständig für Waffen. Die Bibel der Hells Angels, in der die Regeln der Rockergruppe geschrieben stehen sollen, nennt Kassra Z. schlicht: „das Buch“. Kadir P. jedoch habe nach seinen eigenen Regeln gehandelt. „Kadir hat immer völlig selbstständig und alleine entschieden.“ Niemand habe sich getraut, ihm zu widersprechen: „Kadir hatte die absolute Führung.“





Anfangs lächelt Kadir P. noch, als die Verteidiger die Protokolle der Aussage von Kassra Z. verlesen. Doch bald beginnt er, angespannt mit dem Kopf zu wippen. In der Anklageschrift wird Kadir P. als „Gastronom“ bezeichnet. Der Hells-Angels-Boss betreibt eine Shisha-Bar. Kassra Z. aber nennt noch ganz andere Einnahmequellen. Er spricht von Prostituierten, die dem Rockerboss „Standgeld“ zahlten, von Drogen- und Anabolikahandel und von Schutzgelderpressung. Er sagt auch: „Kadir war schon immer sehr vorsichtig, schon fast paranoid.“ Deswegen glaube er auch nicht, dass P. jemals vor anderen zum Mord auf Tahir Ö. aufgerufen hat. „Kadir ist kein Doofer. Der würde sich nicht vor 30, 40 Mann stellen und sagen: Bringt den mal um."

Wenige Stunden nach der Tat aber habe Kadir P. zu den Rockern, die bei der Tat dabei waren, gesagt: „Es ist das erste und letzte Mal, dass ich darüber rede. Es ist so, wie es ist. Nehmt euch einen Zettel und schreibt euren Anwalt darauf.“ Niemand solle jemals wieder über die Tat reden. Sein Anwalt kümmere sich fortan um alles. Kassra Z. hat schon damals nicht auf seinen Boss gehört. „Warum wurde da geschossen?“, habe er einen anderen Hells Angel gefragt. Dieser habe ihm Recep O. als Schützen genannt.




Im Gerichtssaal winkt Recep O., genannt Richy, seiner Familie im Zuschauerbereich zu und lächelt sie herzlich an. Der 25-Jährige wirkt vergnügt, nicht so, als leide er unter der Untersuchungshaft oder den Vorwürfen. Er ist der Einzige der elf Angeklagten, der keine Vorstrafen hat. Die Todesschüsse auf Tahir Ö. aber hat er gestanden. Er habe gedacht, Tahir Ö. ziehe eine Waffe, da habe er „Panik“ bekommen und geschossen, schrieb Recep O. der Staatsanwaltschaft in einem Brief. Hat Rockerboss Kadir P. also doch keinen Mord in Auftrag gegeben?




„Ich weiß nichts von einem solchen Auftrag“, sagt auch Kronzeuge Kassra Z. Die Ermittler haken nach. „Können Sie sich vorstellen, dass Recep aus eigenem Antrieb geschossen hat?“ Kassra Z. schaut sich während der Vernehmung das Video der Überwachungskameras an. Dann sagt er, er sei davon überzeugt, „dass Richy auf keinen Fall alleine gehandelt hat“.


Es ist erst der Anfang. Noch mehrere Hundert Seiten seiner Aussagen werden in den kommenden Wochen verlesen. Wegen Kassra Z. sind inzwischen weitere Strafverfahren gegen Hells Angels eingeleitet worden. Vor Kurzem hat ein Prozess wegen Mordes an einem Türsteher begonnen. Auch in dem Verfahren ist Kassra Z. der Kronzeuge.