Samstag, 6. Dezember 2014

Bushido und die ehrenwerte Gesellschaft

Der Berliner Rapper hat offenbar per Generalvollmacht sein gesamtes Vermögen an ein Mitglied eines berüchtigten arabischen Clans überschrieben. Die Verbindungen sind enger als bisher bekannt




Gerüchte darüber hat es schon lange gegeben, jetzt ist es offenbar Gewissheit. Der Rap-Musiker und umtriebige Geschäftsmann Bushido ist weit enger mit einer berüchtigten Berliner Großfamilie verbunden, als bislang bekannt. Dem Nachrichtenmagazin "Stern" liegt eigenen Angaben zufolge eine Generalvollmacht Anis Ferchichis alias Bushido vor, in der er einem Mitglied der Familie eine umfassende Vollmacht über sein eigenes Vermögen einräumt. "Der Bevollmächtigte soll ermächtigt sein, jede Rechtshandlung, welche ich selbst vornehmen könnte (…) für mich und in meinem Namen mit rechtsverbindlicher Kraft vorzunehmen", heißt es laut "Stern" in der Vollmacht, die auch über den Tod des Rap-Musikers hinaus Gültigkeit habe.

Das Ausstellen einer derart weitreichenden Vollmacht ist selten und bestenfalls unter Eheleuten üblich. Verboten ist sie nicht. Nach Angaben der Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt die Justiz gegen Bushido wegen des Verdachts eines Steuerdeliktes. Dies bestätigte Justizsprecher Martin Steltner auf Anfrage. Details zu dem Verfahren nannte Steltner aus "ermittlungstaktischen Gründen" nicht.

Mit der neuerlichen Enthüllung erhält das schillernde Bild des Rappers eine weitere Facette. Vom kiffenden Gymnasiasten aus dem beschaulichen Stadtteil Tempelhof schaffte er es zunächst an die Spitze der deutschen Musikszene, zur Zeit lässt er ein Haus in Kleinmachnow umbauen. Aber schon immer hing dem Deutsch-Tunesier auch der Hauch des kriminellen Milieus an, zum großen Teil aus Imagepflege für seine Glaubwürdigkeit in der Gangsta-Rapszene – den er mit der Generalvollmacht für ein Mitglied der Großfamilie nun unterstreicht.





Buschkowsky: "Aufgabe des eigenen Willens"

Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), der Angehörige der Familie kennt, weil sie in seinem Bezirk leben, sagte am Mittwoch: "Bushido hat seine Zukunft offensichtlich in die Hände der Familie gelegt. Ich habe die Familienmitglieder immer für Bodyguards von Bushido gehalten, aber offenbar sind es seine Adoptiveltern." Eine ungewöhnliche Vollmacht sei das, die der Rapper geleistet habe, so Buschkowsky. "Das ist die Aufgabe des eigenen Willens, des gesamten eigenen Lebens."

Innensenator Frank Henkel (CDU) sagte der Berliner Morgenpost: "Es ist schon häufiger spekuliert worden, dass es engere Verflechtungen gibt zwischen Bushido und diesem Familien-Clan, der eine Reihe polizeibekannter Mitglieder hat. Offenbar bewegt sich Bushido aber noch viel tiefer in diesem Milieu." Das legten die neuen Enthüllungen nahe. Henkel fügte hinzu: "Kann jemand, der sich in einem solchen Dunstkreis bewegt, wirklich Träger eines Integrations-Bambis sein? Für mich ist das mehr als fragwürdig. Ich denke, dass der verantwortliche Verlag eine Aberkennung prüfen sollte. Das sind nicht die Werte, die unserer Jugend vorgelebt werden sollten."




Ermittler des Berliner Landeskriminalamtes hatten seit vielen Jahren Hinweise auf die Verstrickung des populären Sängers in die Geschäfte von Mitgliedern der berüchtigten arabischen Großfamilie. "Es gab Berichte aus der Szene, wonach Bushido sich schon zu Beginn seiner Kariere verpflichtet haben soll, einen nicht unerheblichen Teil seiner Einkünfte an Mitglieder des Clan abzugeben – gewissermaßen als Schutzgeld", berichtet ein Beamter des Landeskriminalamtes (LKA). "Diese Herrschaften haben ihm gewissermaßen seinen Weg geebnet und ihn aufgebaut, weil sie nicht nur brutal gegen Konkurrenten vorgehen, sondern auch einen guten Riecher in Sachen Geschäfte haben."


Im Bereich der organisierten Kriminalität

Einzelnen Familienmitgliedern des Clans wird nachgesagt, in allen Bereichen der Organisierten Kriminalität aktiv zu sein – Ermittler sprechen von Drogen- und Waffenhandel, Schutzgelderpressung, Prostitution. Ein ähnliches Verhalten sagt man auch den Hells Angels nach, und offenbar gab es auch zwischen diesen und Clanmitgliedern geschäftliche Verbindungen. Nach Informationen der Berliner Morgenpost sollen im Auftrag von Clanangehörigen Kontakte zu den Hells Angels unter der Führung des türkischen Ex-Boxers Kadir P. aufgenommen worden sein.

Ziel war es damals, mit einer Maschinenpistole einen Anschlag auf den Promi-Bodyguard Michael Kuhr verüben zu lassen. Kuhr hatte die Verantwortung für das Poker-Tunier am Potsdamer Platz im Jahr 2010, als eine zunächst unbekannte Gruppe von Tätern einen Überfall verübte und Beute machte. Später wurde ein Clanmitglied als Kopf der Bande verurteilt, Kuhr hatte bei Gericht ausgesagt und sich offenbar so den Groll des Clans zugezogen.

Die Familie gehört zahlreichen szenekundigen Polizeiführern nach zu den Machthabern der organisierten Kriminalität in Berlin. Im Landeskriminalamt kursiert eine Sammlung erkennungsdienstlicher Fotos der Clan-Mitglieder – "nur für den Dienstgebrauch" – auf dem 15 Männer abgebildet sind. Einer von ihnen ist Bushido, der mit der Generalvollmacht, so die Vermutung der Ermittler, zum Familienmitglied geworden ist. "Sie stehen für Verbrechen, Gewalt und Angst", so ein Beamter.




"Schlimm genug, dass es in seinen Texten um Gewalt geht. Dass eine Sprache verwendet und gesellschaftlich geduldet wird, die man den eigenen Kindern verbietet. Nun hat sich gezeigt, was der Mann wirklich ist – nichts weiter als ein Krimineller, ein Mafiamitglied." Bushidos "Bambi" müsse ihm aberkannt werden.


SPD-Poltiker: "Abstand zu Bushido halten"

Diese Meinung vertritt auch Thomas Kleineidam, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. "Allein schon seine Liedtexte sind Grund genug, zu dem Mann Abstand zu halten", sagte Kleineidam am Mittwoch in Hinblick auf Diskussionen über die Seriosität des Rappers, als Bushido 2011 einen Bambi als Vorbild für Integration bekam. Im vergangenen Jahr machte der Rapper ein kurzes Praktikum beim CDU-Bundestagsabgeordneten Christian von Stetten. Auch Fotos mit Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) existieren. Beide Unionspolitiker waren für Stellungnahmen am Mittwoch nicht zu erreichen.

"Bushido taugt nicht zum Integrationsvorbild, auch wenn er ein erfolgreicher Rapper mit Migrationshintergrund sein mag", sagte auch der Linken-Abgeordnete Hakan Taş. "Es ist äußerst schade, wenn Prominente die Nähe zu fragwürdigen Vereinigungen suchen und dadurch den Eindruck erwecken, bei Kriminalität handele es sich um einen erstrebenswerten Lifestyle", sagte Piraten-Fraktionschef Christopher Lauer. Alle Innenpolitiker betonten am Mittwoch aber auch, die Vorwürfe müssten noch genauer geprüft werden.





Der Grünen-Abgeordnete Benedikt Lux regte an, das Thema mafiöser Strukturen in einigen Clans bald noch einmal im Innenausschuss zu besprechen, um vom LKA auf den neuesten Stand gebracht zu werden. Zuletzt beschäftigten sich die Innenpolitiker vor zweieinhalb Jahren intensiver mit dem Themenkomplex "Straftaten von Angehörigen arabischer Großfamilien in Berlin". Der damalige LKA-Chef Peter Michael Haeberer berichtete dem Ausschuss damals, es gebe etwa 20 bis 30 arabische Großfamilien in Berlin, mit 50 bis 500 Familienmitgliedern.


Absage der Tournee wegen Tod der Mutter

Bushido selbst zeigte sich zuletzt nicht von einer rohen, sondern einer ganz sanften Seite. Nach dem Tod seiner Mutter Anfang dieses Monats sagte Bushido seine Tournee kurzfristig ab. Der Rapper müsse aus gesundheitlichen Gründen alle Konzerte verschieben, hieß es dazu aus seinem Management. Insgesamt waren elf Auftritte geplant. Neue Termine für die Konzerte würden in Kürze bekannt gegeben, teilte der Veranstalter weiter mit. Ob das nach dem Bekanntwerden seiner aktuellen Verstrickungen auch noch so ist, ist derzeit noch unklar.

Bushidos Stern als Skandal-Rapper war 2001 mit dem ersten Album des Musikers aufgegangen. Mit seiner Autobiografie erzielte er vier Jahre später einen Bestseller, der auch verfilmt wurde. Bushido spielt darin sich selbst. In Buch und Film wird die Nähe zwischen dem Sänger und Mitgliedern der Großfamilie lediglich angedeutet. Demnach habe sie ihm geholfen, aus einem Knebelvertrag seiner ersten Plattenfirma herauszukommen.

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