Montag, 20. Oktober 2014

Olivenöl gegen die Macht der Mafia

Konfiszierte Besitztümer der Cosa Nostra schaffen Arbeitsplätze in landwirtschaftlichen Kooperativen auf Sizilien. Eine Chance vor allem für viele Jugendliche in der von Rekordarbeitslosigkeit geplagten Region.

Es war im November 1991, als Rita Atria, Tochter einer alteingesessenen Mafia-Familie, zum ersten Mal mit den Gesetzen ihrer Heimat brach. Die Siebzehnjährige aus Partanna im Herzen Siziliens beschloss, die Ermordung ihres Vaters und Bruders zu rächen, indem sie vor der Justiz gegen ihren ganzen Heimatort aussagte.




Sie wurde für die Mafia gefährlich, weil sie nicht nur einzelne Verbrechen, sondern ganze mafiöse Strukturen aufdeckte und ihre Anklage bis auf den korrupten örtlichen Parlamentsabgeordneten ausdehnte. Ein Jahr lang hielt Rita, mit einer neuen Identität ausgestattet, unter Polizeischutz in Rom durch, bis Angst und Verzweiflung über die Ermordung ihres „Ersatzvaters“, des Staatsanwalts Paolo Borsellino – er kam bei einem Sprengstoffschlag ums Leben – überhandnahmen und sie in den Selbstmord trieben.

Die mutige Rita Atria ist auf Sizilien eine Symbolfigur. Auf ihrem Grabstein sind die Worte eingraviert: „Die Wahrheit lebt.“ Das tragische Schicksal des Mädchens, das allein gegen die Mafia rebelliert hat, inspiriert viele Menschen auf Sizilien. Ihre Revolte gegen die Cosa Nostra ist zum Beispiel für viele sizilianische Jugendliche geworden, die sich nicht vor der Präpotenz der Clans und dem Gesetz des Schweigens – der Omertà – beugen wollen.

Genossenschaft. Nach der heldenhaften Rita, die Licht in die Dunkelheit der mafiösen Organisation bringen wollte, ist jetzt eine neue landwirtschaftliche Genossenschaft benannt worden, die ab November die Verwaltung eines der aus dem Besitz der Mafia konfiszierten Grundstücke unweit der sizilianischen Stadt Trapani übernimmt. Die Kooperative will auf dem Land Bio-Olivenöl produzieren. Dabei sollen neue Arbeitsplätze entstehen, die im von einer Rekordarbeitslosigkeit geplagten Sizilien Jugendlichen eine solide Alternative zu den Fängen der organisierten Kriminalität bieten sollen.

Widerstandslos sieht die Mafia aber nicht zu, wie ihr fruchtbares Land entzogen wird. Im Sommer wurden Teile der Olivenhaine in Brand gesetzt. Traktoren und Landwirtschaftsmaschinen wurden zerstört, was der jungen Genossenschaft großen finanziellen Schaden zufügte. Solche Angriffe stärken jedoch Trotz und Selbstbehauptungswillen der Genossenschaftsmitglieder. „Wir lassen uns nicht entmutigen, wir wissen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Einschüchterungsaktionen seitens der Mafiosi motivieren uns nur noch mehr, uns für dieses Projekt zu engagieren“, sagt Francesco Citarna, Initiator des Projekts.
Die Genossenschaft Rita Atria gehört dem Verband Libera Terra (Befreites Land) an, einer Antimafia-Initiative, der sich neun Genossenschaften angeschlossen haben und die in Süditalien 1400 Hektar Land verwaltet und circa 140 Personen beschäftigt.



Es war die Idee des Pfarrers Luigi Ciotti, die vom Staat konfiszierten und oft brachliegenden Mafia-Besitztümer wieder der Gemeinschaft zurückzugeben. Musterbeispiel für ehemaliges mafiöses Land, das wieder in die legale Wirtschaft überführt wurde, ist die von Libera Terra initiierte Agrargenossenschaft Placido Rizzotto.

Sie bewirtschaftet die Felder rund um die Cosa-Nostra-Hochburgen Altofonte, Camporeale, Corleone und Monreale und beschäftigt Dutzende Jugendliche. Angebaut werden Weizen, Wein, Öl, Honig und Melonen – alles kontrolliert ökologisch. Erwerben kann man die Produkte in vielen Supermärkten in ganz Italien, in Geschäften des fairen Handels, sowie in den Verkaufsräumen von Libera Terra. „Unsere Produkte sind mehr als nur Lebensmittel. Sie sind ein Zeichen des Widerstands gegen die Macht der Mafia“, erklärt Pater Luigi Ciotti, der vor 20 Jahren den Anti-Mafia-Verband gegründet hat.


Pater Luigi Ciotti


Auf dem freien Markt. 70 verschiedene Produkte, darunter Pasta, Backwaren und Konserven, werden inzwischen von Libera Terra produziert. Die neun Genossenschaften haben 2013 5,8 Millionen Euro erwirtschaftetet, und der Trend ist steigend. „Allein im vergangenen Jahr konnten wir ein Plus von 20Prozent bei den Ausfuhren ins Ausland melden. Dies bezeugt, dass man auch außerhalb Siziliens unsere Waren und Produktionsphilosophie schätzt“, meint Citarna. Für den Sprecher von Libera Terra ist es besonders wichtig, dass die Produktion auf den von der Mafia konfiszierten Feldern auf dem freien Markt konkurrenzfähig ist.

„Unser Ziel ist, die Qualität unserer Produkte immer mehr zu steigern und zugleich schwarze Zahlen zu schreiben. Wir hoffen somit, dass andere Landwirtschaftsunternehmen unserem Beispiel folgen. Wir beweisen, dass man auf Sizilien auf ehrliche Weise arbeiten kann“, betont der 32-Jährige. Auf der von einer Jugendarbeitslosigkeit von 44Prozent geplagten Insel fühlt sich Citarna dank seines Engagements bei Libera Terra als Privilegierter. „Ich habe eine Arbeit, der ich mit Leidenschaft nachgehe und die zum sozialen Neustart meiner Region beitragen kann. Und ich bin im Gegensatz zu vielen Gleichaltrigen nicht gezwungen, meine Insel zu verlassen“, sagt Citarna.

Mafiagüter im Wert von 14 Milliarden Euro wurden in den vergangenen 20 Jahren der Gemeinschaft zurückerstattet. Pater Ciotti, ein moderner Robin Hood, der den ehrlichen Süditalienern das zurückgeben will, was die Kriminellen ihnen genommen haben, hat 1996 in wenigen Monaten genügend Unterschriften gesammelt, um eine Gesetzesänderung zu erwirken. Seitdem müssen enteignete Mafiagüter sozialen Zwecken und Einrichtungen zugutekommen. „Die Mafia zittert, wenn ihr die Früchte ihrer kriminellen Geschäfte entzogen werden. Die Mafiosi wollen nicht akzeptieren, dass auf ihren einstigen Grundstücken Jugendliche ehrlich arbeiten“, sagt Ciotti.

Immer wieder warnt er vor der „Mafia in weißen Handschuhen“, die nicht mehr mordet, aber in Norditalien und im Rest Europas die Einnahmen krimineller Aktivitäten wie Drogen- und Waffenhandel, Prostitution und Erpressung wäscht. „Heute ist der Mafioso ein Unternehmer, er diversifiziert seinen Geschäftsbereich und bewegt sich gewandt in der Finanzwelt“, berichtet der 69-jährige Priester, der in Italien zur Ikone der Antimafia-Revolte des ehrlichen Siziliens aufgerückt ist.

Die Mafia kaufe sich auch da ein, wo die Wirtschaft noch wächst, etwa in der Lebensmittelindustrie. Das zerstöre die gesunde Wirtschaft und Arbeitsplätze. In ganz Italien seien rund 5000 Lokale beschlagnahmt worden, weil sie im Besitz der Mafia standen. „Heute warten unzählige Güter, Immobilien, Ländereien und mehrere tausend Unternehmen auf neue Nutzer“, meint Ciotti. 11.238 Immobilien und 1708 Unternehmen wurden vom italienischen Staat der Mafia abgenommen, 42 Prozent auf Sizilien, der Rest in anderen italienischen Regionen.

Was der Staat den Bossen wegnimmt, darf nicht verkauft oder gewinnbringend genutzt werden. Die Gefahr, dass die Mafia-Familien zurückkehren, wäre allzu groß. Die Genossenschaften arbeiten deswegen gemeinnützig. Gemeinden, die Häuser übertragen bekommen, müssen diese für soziale Zwecke nutzen, für Familienwohnungen, Schulen, Bibliotheken. Ein Beispiel ist die konfiszierte Villa der langjährigen Nummer eins der Mafia, Salvatore Riina, in der Paten-Hochburg Corleone, die in eine Berufsschule umgewandelt wurde. In einem anderen Anwesen Riinas wurde eine Polizeistation eingerichtet. „Ich glaube, in ganz Italien gibt es keine so prunkvolle Polizeistation mit Marmorböden und goldenen Türklinken“, scherzt Ciotti.


ehemalige Residenz des Mafia-Paten Riina - heute Polizeistation in Corleone


Drohungen. Seine unermüdliche Arbeit ist den Clans, die ihn immer wieder bedrohen, ein Dorn im Auge. So wurden zuletzt die Sicherheitsvorkehrungen um den Priester aus dem Dolomiten-Ort Pieve di Cadore verschärft, nachdem sich die Drohungen gegen ihn vermehrt hatten, was aber eine Solidaritätswelle auslöste. Staatspräsident Giorgio Napolitano rief den Priester an, um ihm den Rücken zu stärken.


Der Geistliche ist jedoch ohnehin kein Mann, der sich einschüchtern lässt: „Mein Kampf gegen die Mafia wurzelt direkt im Evangelium. Ich bin nur ein Priester, diese Arbeit wäre nicht möglich, wenn viele Menschen ihre Kräfte nicht vereinen würden, um für Gerechtigkeit zu kämpfen. Libera ist heute eine derart solide Bewegungen, dass sie auch ohne mich weiter wachsen kann. Nicht das ,Ich‘, sondern das ,Wir‘ zählt.“
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