Donnerstag, 30. Oktober 2014

Mafia plant Mord an Priester

Von Julius Müller-Meiningen

Der Geistliche Luigi Ciotti gilt als Italiens am meisten gefährdete Person. Er sieht sich als Kämpfer gegen das Böse - und er weiß, wie man dem organisierten Verbrechen wehtut.





Mit seinem grauen Haar und seiner lauten, unerschütterlich klingenden Stimme ginge Luigi Ciotti auch als Polizist durch, als Staatsanwalt oder Richter. Einige Beamte in Zivil sind immer in seiner Nähe, sie suchen jeden Raum, den der große Mann betritt, nach Gefahren ab. Ciotti gilt als Italiens meist gefährdete Person. Mehreren Staatsanwaltschaften liegen Hinweise auf ein Attentat gegen den 69-Jährigen vor. Die italienische Mafia hat den katholischen Priester im Visier.


Ciotti sieht sich als Kämpfer gegen das Böse

Bei seinen öffentlichen Auftritten erscheint Don Ciotti meist in hellblauem Hemd und dunklem Baumwollpullover. Einen Priesterkragen trägt er nicht. Ciotti hat wenig übrig für Symbole, er empfindet sich vielmehr als tatkräftigen Kämpfer gegen das Böse. „Libera“ („Frei“) hat er den von ihm bereits 1995 gegründeten Verein genannt, in dem sich heute hunderte Italiener gegen die in Italien tief verwurzelten kriminellen Organisationen engagieren. „Wenn die Mafia nur ein kriminelles Problem wäre, würden Polizei und Staatsanwaltschaft zu ihrer Bekämpfung ausreichen“, sagt Ciotti mit der Stimme eines Predigers. Er sieht ebenso die Zivilgesellschaft in der Pflicht. Dass Cosa Nostra, ’Ndrangheta und Camorra schon so lange Erfolg hätten, sei vor allem ein kulturelles Problem.




Ciotti ist das Aushängeschild und Sprachrohr von Libera. Ursprünglich verstand sich der Verein als Interessenvertretung für die bis heute rund 3500 Mafia-Opfer in Italien. Heute verwaltet der Verein rund 450 der vom Staat konfiszierten Mafia-Güter. Auf einigen Ländereien der Bosse werden heute Produkte wie Olivenöl, Wein oder Pasta erzeugt und teilweise sogar außerhalb Italiens unter dem Label „Libera Terra“ verkauft. Viele Jugendliche nehmen an den Sommercamps der Organisation teil. „Wenn ein Boss die Kontrolle über sein Territorium verliert, treibt ihn das zum Wahnsinn“, erklärt Don Ciotti. Es ist das Erfolgsrezept von Libera. Die Organisation ist Bossen deshalb aber auch ein Dorn im Auge.


Verbrecherorganisationen ächten ihn

Der Priester reist beinahe täglich vom italienischen Norden in den Süden. „Die Mafia hat ihre Wurzeln im Süden, erntet aber im Norden“, sagt Ciotti über die bis nach Nordeuropa verzweigten Geschäftswege der Bosse. Er kann sich schon lange nicht mehr unbewacht oder gar spontan durch sein Heimatland bewegen. Wenn er öffentlich auftritt, wird der Ort vorher mehrmals inspiziert, um Bombenanschläge zu verhindern.

Zuletzt war es Toto Riina, der seit 1993 inhaftierte Superboss der sizilianischen Cosa Nostra, der den einflussreichen Priester ächtete. In abgehörten Gesprächen mit einem Mithäftling ließ sich Riina über Ciotti aus, nannte ihn „niederträchtig“ und „feige“ und forderte seinen Tod. Staatsanwälte in Ciottis Heimat Turin sowie in Palermo und Caltanissetta haben offenbar konkrete Hinweise auf ein Attentat. Bewegt sich Ciotti auf Sizilien, wird sein Personenschutz verdoppelt.

Ciotti fordert ein effektives Anti-Korruptionsgesetz in Italien. „Auch die Kirche muss mutiger sein“, sagt er und lobt Papst Franziskus für seinen Kurs. Furchtlose Priester hat es schon vor ihm gegeben. Pino Puglisi und Giuseppe Diana wurden Anfang der 90er Jahre wegen ihres Engagements gegen die Mafia ermordet. 






Don Ciotti sagt über die Bedrohung: „Sie können auch das Leben einer einzigen Person auslöschen, aber mit Libera ist ein ganzer Kosmos entstanden, der nicht mehr so leicht zu besiegen ist.“