Donnerstag, 16. Oktober 2014

Eine Stadt am Vesuv besiegt die Camorra

Von Jan-Christoph Kitzler

In Herculaneum am Vesuv, heute Ercolano, tobte vor wenigen Jahren noch einer der blutigsten Mafia-Kriege Italiens. Heute gilt die Region als schutzgeldfreie Zone. Doch dafür mussten sich die Einwohner in Gefahr begeben.




Die Via 4 Novembre geht mitten durch das 60.000-Einwohner-Städtchen. Und genau hier verlief bis vor kurzem noch die Grenze: unsichtbar, aber abweisend wie die Berliner Mauer. Die Grenze zwischen zwei mächtigen Clans. Auf der südlichen Seite kontrollierten die Leute des Birra-Clans, im Norden die vom Clan Ascione.

Mit Angela Nocerino kann man heute entspannt unterwegs sein. Die junge Frau mit den dunklen langen Haaren, erzählt gern von den Erfolgen in Ercolano. Dabei ist sie selbst das beste Beispiel dafür, dass es weiterhin gefährlich ist. Vor dem Haus ihrer Eltern, in dem wohnt, stehen rund um die Uhr die Carabinieri. Ihr Vater ist Bauunternehmer und hat sich als Kronzeuge gegen die Camorra zur Verfügung gestellt. Gleich in mehreren Prozessen sagt er gegen die Clans aus, nicht nur in Ercolano. Seitdem muss die Familie mit dem Zeugenschutzprogramm leben:

"Wir haben die Militärs direkt vor dem Haus. Und das bedeutet, dass sich Dein Leben ändert. Angefangen bei den kleinen Dingen. Du gehst nicht mehr in die Bar, um einen Kaffee zu trinken, denn in Deiner Nähe sind immer noch zwei andere. Für die Person, die geschützt wird, ist das ganz sicher eine verheerende Veränderung. Also: Für meinen Vater, aber auch für die ganze Familie." 

Aber Angela Nocerino hat keine Angst in der Via 4 Novembre. Auch, weil hier ihre Mitstreiter leben. Sie organisiert den Verein, der die Anti-Mafia-Aktionen koordiniert. Ercolano hat sich verändert:

"Es war schrecklich, überall gab es Tote. Weil Ercolano zweigeteilt war, gab es fast jeden Tag einen Toten, denn sie brachten sich untereinander um. Überall fand man Tote, und dann gab es Leute, die ganz entspannt mit dem Maschinengewehr herumliefen."


Heute merkt man nichts von der Vergangenheit

Wenn man heute durch Ercolano läuft, merkt man als Außenstehender nichts von dieser Vergangenheit. Aber schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war die Gegend im Fokus des organisierten Verbrechens. Der berühmte Mafiaboss Lucky Luciano war aus New York nach Italien zurückgekehrt und hatte Ercolano zu einem seiner Umschlagplätze erklärt. In Stoffballen aus Altkleidern wurden in großem Stil Waffen, Drogen und Alkohol geschmuggelt.

In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde Ercolano zu einem der wichtigsten Märkte für Heroin. Dann kamen Schutzgeld, Erpressung, Wucher hinzu – die Camorra mischte auch kräftig mit bei öffentlichen Bauaufträgen. Das übliche, einträgliche Geschäft.

Der Clankrieg hatte schon Ende der 80er-Jahre begonnen, mit dem Aufstieg der Birra, die dem Ascione-Clan ihre Macht streitig machen wollten. Richtig heftig wurde es im neuen Jahrtausend, erinnert sich Nino Daniele. Der stattliche Mann mit dem Schnurrbart und dunklen Anzug verantwortet heute den Bereich Kultur in der Kommunalverwaltung von Neapel – 2005 wurde er in Ercolano zum Bürgermeister gewählt.

"Als ich Bürgermeister wurde, tobte schon seit einiger Zeit ein Krieg unter den Hauptclans um die Herrschaft über das Gebiet. Und besonders heftig ist es 2006 geworden. Ein blutiger Krieg, eine der blutigsten Fehden in ganz Kampanien. Denn von 2006 bis 2009 gab es allein im Gebiet von Ercolano um die 60 Menschen, die ermordet wurden."


Keimzelle des Widerstands

Ein Besuch bei Raffaela Ottaviano in ihrem Laden. Hier ist die Keimzelle des Wiederstands gegen die Camorra. Raffaela ist eine schon etwas ältere Dame, gerade ist sie nicht besonders gut zu Fuß. Aber hinter der weißen Brille blitzen die Augen immer noch angriffslustig. So muss es auch vor ein paar Jahren gewesen sein, als die Schutzgelderpresser in ihren Laden kamen:

"Im ersten Moment habe ich gar nicht kapiert, was die von mir wollten. Dann habe ich gesagt: Ah, ich habe verstanden, aber ich bin die Falsche. Gehen Sie sofort, auf der Stelle! Die wollten mir sogar die Summe nennen und haben gesagt: es sind drei Läden, was sollen wir tun? Gar nichts, sagte ich, denn ich bin an Eurem Produkt nicht interessiert, das habe ich ihnen gesagt. Und jetzt tun Sie mir den Gefallen und gehen hier raus!"

Drei Boutiquen hat Signora Ottaviano in Ercolano, sie wundert sich selbst, warum die Schutzgelderpresser erst so spät zu ihr kamen. Hier im Laden stapeln sich die Kleider bis unter die Decke. Und neben der Chefin steht ihr sichtlich stolzer Mann. Raffaella hatte es nicht dabei belassen, die Schutzgelderpresser aus dem Laden zu werfen, sie war richtig in Fahrt geraten und tat etwas Unerhörtes.

"Ich habe das nicht akzeptiert, ich bin sehr wütend geworden und habe dann Anzeige erstattet. Darum habe ich diesen Schritt getan. Ich bin aus dem Laden und zu den Carabinieri in Ercolano gegangen und habe Anzeige erstattet, kurz nachdem die Männer weggegangen sind."

So etwas hatte es noch nie gegeben: eine Anzeige gegen die Clans.

Wieder auf der Straße mit Angela Nocerino, der Tochter des Mafia-Kronzeugen und Aktivistin. Alle haben damals  "il Pizzo", das Schutzgeld gezahlt in Ercolano, sagt sie. Die Camorra war hier eine Art Ersatz-Staat: mit den Oberhäuptern der Clans, die regierten, mit ihren Soldaten, die Mafia-Recht durchsetzten und mit dem "Pizzo", den man zahlte wie eine Steuer. Dabei ging es gar nicht mal um große Summen: die dicken Geschäfte macht die Mafia längst woanders. Es ging um Kontrolle, denn wer zahlt, erkennt die Macht der Clans an.

"Du zahlst als wäre das etwas ganz Normales. Der entscheidende Schritt war, den Leuten verstehen zu geben, dass das falsch war, nicht normal, dass  nirgendwo steht, wir müssen eine Steuer zahlen, die es nicht gibt. Denn das ist ja auch keine Steuer, in Wirklichkeit ist das keine Pflicht und zum Glück bekämpfen wir das."


Er wollte den Verräter sterben sehen

Weiter geht’s zum Corso Resina, Nr. 62. Früher war das Birra-Gebiet und hier, in diesem eher unscheinbaren Mehrfamilienhaus wohnte der Clan-Chef Giovanni Birra.
2001 trat er eines Tages hinaus auf den kleinen Balkon, um zuzusehen, wie vor seiner Haustür Raffaele Filosa mit drei Pistolenschüssen regelrecht hingerichtet wurde. Für Giovanni Birra war er ein Verräter – weil er sich in die Tochter von Mario Ascione verliebt hatte, die Tochter vom Bruder des Bosses des anderen Clans. Birra hatte den Mord in Auftrag gegeben, das hat der Killer inzwischen gestanden. Und: er wollte den "Verräter" sterben sehen, zuschauen wie im Theater.

In der Wohnung des Bosses machen sie jetzt Radio. Radio Siani genauer gesagt: benannt nach Giancarlo Siani, einem jungen Journalisten, den die Camorra 1985 in Neapel umgebracht hatte. Weil er zu viele Fragen gestellt hat. Auf der Website von Radio Siani gibt es unter anderem ein Archiv der unschuldigen Opfer der Mafia – fast 400 Namen und ihre Geschichten.

Unter den Radiomachern ist auch Giuseppe Scognamiglio:

"Die Tatsache, dass wir in dieser beschlagnahmten Wohnung diese Art von Radio machen, ist eine Botschaft an die Leute, die die Angst vor der Camorra noch nicht überwunden haben. Oder auch diese Art der Camorra, aktiv zu sein, was viel zu lange Zeit in unserer Gegend sehr präsent war und in den Köpfen der Leute, das ist schwer zu untergraben."   

Radio Siani sendet nicht nur gegen die Camorra: Sie machen hier ein Programm für junge Leute, mit viel Musik. Aber, sie sind auch in eine krasse Lücke gestoßen: bis 2007 sendete hier auf der UKW-Frequenz 90,1 Radio Nuova Ercolano, auch „Radio Camorra“ genannt. Bis es von den Behörden geschlossen wurde:

"Es war ein regelrechter Kommunikationskanal, den die Camorra nach Belieben nutzen konnte. Da wurden Informationen durch Lieder, Widmungen oder geheime Botschaften ausgetauscht. Sei es nun für die Camorristi im Gefängnis, oder für die, die in der Gegend wohnten. Zum Beispiel: „Es sind Einsatzkommandos unterwegs“, „Es gibt Straßensperren“, „Die Carabinieri kontrollieren“. Oder: „Die Drogen sind angekommen“, „Der Mord wurde verübt“, und so weiter…

Diese Clans haben sich um die Kontrolle über das Gebiet gestritten. Denn das ist sicher: Es gibt keine Camorra ohne Herrschaftsgebiet. Das ist ein angeborener Aspekt jeder Mafia-Organisation. Jede Mafia muss Kontrolle ausüben, muss die Kontrolle über ein Gebiet haben, muss Wurzeln schlagen oder - in Anführungszeichen - einen eigenen Staat besitzen."

Und Nino Daniele machte sich daran, dem richtigen Staat wieder Geltung zu verschaffen. Ganz einfach schon durch physische Präsenz: am Anfang ging Daniele mit der Schärpe des Bürgermeisters und mit dem Chef der Carabinieri an der Seite oft durch die engen Gassen, zu den Einzelhändlern – um eine Botschaft zu senden: der Staat ist da.

Händler, die Anzeige erstatteten, bekamen Steuern erlassen. Und auf den Straßen sollte wieder das Gesetz des Staates gelten, bei ganz banalen Dingen: in vielen Mafia-Gebieten fahren Motorradfahrer ohne Helm. Die Clans wollen wissen, wer da unterwegs ist, die Regel ist: mit Helm fahren nur die Killer. Nino Daniele sorgte dafür, dass es viele Straßenkontrollen gab und jedem, der keinen Helm hatte, wurde das Motorrad eingezogen:

Ich war des Öfteren bei diesen Kontrollen dabei, zusammen mit den Carabinieri und der Polizei, und erinnere mich noch an einen Passanten, der  sagte: "Donnerwetter Herr Bürgermeister! Dann kommandieren Sie hier ja tatsächlich!" Damit wollte er sagen, jetzt hat der Staat wieder die Zügel in der Hand. Wenn also diese Botschaft ausgesendet wird, dann finden die Bürger auch den Mut sich den Clans zu widersetzen – und die Kaufleute fangen an, Anzeigen zu erstatten.


Den Bürgern Mut gemacht gegen die Mafia

Nino Daniele hat die Bedingungen dafür geschaffen, dass die Bürger, die sich gewehrt hatten, nicht mehr allein da standen – und er hat vielen Mut gemacht. Die Mafia versucht, ihre Opfer zu einsamen Menschen zu machen. Davon kann Sofia Ciriello berichten.
Ihr Laden in der Innenstadt läuft gut – die Leute sagen: Sofia macht das beste Brot in Ercolano. Die junge Frau war auch ein Opfer der Clans – als die Birra und Ascione hier noch das Kommando hatten, war Angst ihr ständiger Begleiter. Aber bis zu dem Punkt, an dem Sofia ihren ganzen Mut zusammengenommen hat, musste viel passieren. Auch zu ihr kamen Ende 2009 die Schutzgelderpresser. Erst nur einer, dann mehrere. Sie verlangten die "Steuer" für Ihren Boss, der hier das Kommando habe:

"Ich fragte zurück: „Kommando, gibt es hier irgendwen, der das Kommando hat? Ich weiß davon nichts, ich mache Brot, ich bin eine Bäckerin.“ Als ich auf ihre Forderungen nicht eingegangen bin, haben sie angefangen, mit Waffen in die Backstube zu kommen. Sie drohten mir mit einer Pistole, ich dürfe das Geschäft nicht öffnen, wenn ich das Schutzgeld nicht zahlte. Es war schlimm! Und nach 20 Tagen haben sie dann diese Bombe geworfen…"

Zum Glück ohne, dass es Verletzte gab. Aber für Sofia war das der Punkt, an dem sie nicht mehr weiter konnte. Auch sie ist dann zur Polizei gegangen und hat Anzeige erstattet.

"Am selben Abend noch bin ich zu den Carabinieri gegangen, ich habe nicht einmal nachgesehen, wie es um die Backstube stand. Ich habe Anzeige erstattet. und seitdem geht es mir gut. Seit dem Moment, in dem ich alles erzählt, alles herausgelassen habe, war alles vorbei. Von dem Moment an, als ich mich den Carabinieri anvertraut habe, ging es mir gut. Und tatsächlich: Mittwochs, am 10. November, habe ich Anzeige erstattet und bereits am Samstag, den 14., haben sie sie verhaftet."

Wenn man sich heute in Ercolano umschaut, dann sieht man nichts von den Kämpfen, von dem Mut einzelner, von den Rückschlägen. Aber 2009 war das Jahr, in dem der Kampf gegen die Camorra so richtig Fahrt aufgenommen hat. Sophia Ciriello war nicht die einzige, die damals Anzeige erstattet hat, 40 weitere Händler taten es ihr gleich. Es gab hunderte Festnahmen. Damals wurde Radio Siani gegründet und auch der Verein gegen das Schutzgeld, der den Antimafia-Kampf koordiniert.


1000 Jahre Haftstrafe für die Clans

Seitdem gab es gleich mehrere große Prozesse: Beim vorerst letzten haben vor kurzem rund 100 Angehörige der Clans zusammen etwa 1000 Jahre Haftstrafen bekommen. Bei den Gerichtsterminen versuchen die Kämpfer gegen die Camorra zusammen aufzutreten und den Clans in die Augen zu schauen. Auch Nino Daniele versucht dann zu kommen, obwohl er nicht mehr Bürgermeister ist:

"Wir gehen alle zum Prozess, denn die Situation hat sich umgedreht, deshalb gibt es nicht mehr den armen isolierten Händler, das Opfer. In vielen Vierteln herrscht der Mythos vom Boss, das sind eigentlich Feiglinge, das mussten wir den Leuten erstmal erklären. Wer dafür sorgt, dass du hinterrücks überfallen wirst, der ist alles andere als ein Mythos."

Und so hat Ercolano zwar mit Dutzenden Toten bezahlt. Aber hunderte Camorristi sitzen hinter Gitter. Auch Giovanni Birra, der Boss, der vom Balkon seiner Wohnung dem Morden zusah, wird  wohl den Rest seines Lebens im Gefängnis sitzen. Es laufen noch weitere Prozesse gegen ihn.