Samstag, 25. Oktober 2014

Eine Mafia-Patin wird entlassen

von Linda Wurster

Die Mafia gilt als männerdominiert. Doch an der Spitze einiger der mächtigsten Clans stehen Frauen. Das Buch „Die Stunde der Patinnen“ zeigt besonders einflussreiche Mafia-Chefinnen. Eine von ihnen ist Maria Licciardi, die als „Lady Camorra“ ein Imperium aufbaute – und es bis zum Letzten verteidigte.




Um die Verbrecherorganisation der italienischen Mafia ranken sich viele Geschichten. In ihnen spielen meist Männer die Hauptrolle - Frauen tauchen allenfalls als loyale Ehefrauen und hingebungsvolle Mütter auf. Doch die Realität sieht längst anders aus.


„Lady Camorra“ Maria Licciardi

Am 14. Juni 2001 zwingen Sonderheiten der italienischen Polizei ein Fahrzeug zum Anhalten. Aus dem Auto steigt Maria Licciardi. Spitzname: „Lady Camorra“. Die 50-Jährige steht auf der Liste der 30 meistgesuchten Verbrecher Italiens. Autorin Schwabeneder-Hain beschreibt Licciardi als „kleine, energische und sphinxhafte Frau“. Und als „echte Patin: ein Camorra-Boss mit Verbindungen rund um den Globus“.  

Aufgewachsen ist Licciardi in einem Problemviertel von Neapel. Ihr Vater ist ein lokaler Boss innerhalb der Camorra, der neapolitanischen Mafia. Unter Führung von Marias Bruder Gennaro gewinnt der Clan der Familie an Macht. Als innerhalb der Camorra ein Richtungsstreit zwischen verschiedenen Gruppierungen entbrennt, schmiedet Gennaro ein mächtiges Bündnis: die Alleanza di Secondigilano. Stets an seiner Seite: Schwester Maria.


Eiskalt und dominant

Als Gennaro 1994 an einer Blutvergiftung stirbt, legt er die Führung des Clans in die Hände seiner Schwester. Sie wird als eiskalt und dominant beschrieben. Wenn sie einen Befehl erteilt, duldet sie keinen Widerspruch. Die neue Patin macht sich daran, ein Imperium aufzubauen. Dabei beschränkt sie sich nicht nur auf die typischen Mafia-Domänen wie Drogen- und Schutzgelderpressung. Sie erschließt neue Geschäftsfelder wie Markenpiraterie, Abfall-Transport und Waffenhandel.  

Laut Aussagen von verhafteten Camorra-Mitgliedern geschieht zu dieser Zeit nichts ohne Licciardis Zustimmung. Bei ihr laufen alle Fäden zusammen. Sie „integriert“ weitere Familien in den Clan, in dem sie ihnen Geld anbietet. Wer nicht kooperieren will, bekommt den Zorn von „Lady Camorra“ zu spüren. Ein Zeuge berichtet von blutverschmierten Tapeten in Licciardis Wohnung, die ersetzt werden mussten.

„Lady Camorra“ ist extrem vorsichtig und lässt nur wenige Menschen an sich heran, heißt es in „Die Stunde der Patinnen“. Ihr Ehemann genießt ihr volles Vertrauen, doch die Rollen sind klar verteilt: Sie ist der Boss, er ihr Finanzleiter. Mit Geld und Drohungen versucht sie zu verhindern, dass verhaftete Mitglieder auspacken.

In den 90er-Jahren tobt ein brutaler Bandenkrieg zwischen Licciardis Alleanza di Secondigliano und dem Clan Guiliano-Samo Misso. Hunderte Menschen werden ermordet, am hellichten Tag schlagen Killerkommandos auf offener Straße oder in Cafés zu. Immer wieder sterben auch unbeteiligte Bürger.

1997 wird Maria Licciardis Lieblingsneffe Vincenzo von einem rivalisierenden Clan ermordet – angeblich aus Versehen. Der Zwanzigjährige trug einen Mopedhelm. Es heißt, man habe ihn mit einem Killer verwechselt. Für die Patin ist das ein schwerer Schlag. Sie hatte den Neffen als ihren Nachfolger ausersehen.


Ihr brutaler Rachefeldzug

Sie beginnt einen brutalen Rachefeldzug. Die Familie verfasst eine Liste mit allen Namen derer, die für den Mord an Vicenzo verantwortlich gemacht werden. Die sogenannte „Liste der Auferstehung“ wird an die Tür der Auferstehungskirche von Secondigliano geschlagen. Wer darauf steht, ist aufgefordert, sich den Licciardis zu stellen. Innerhalb weniger Tage lässt Maria 14 Menschen ermorden.

1998 wird ihr die Gefahr, verhaftet zu werden, schließlich zu groß. Sie taucht unter. Doch nach dem Tod ihres Neffen geht Licciardi noch erbarmungsloser vor als zuvor. Ehemalige Mafiosi beschreiben sie als verhärtet. Sie soll die Frau eines gegnerischen Bosses allein deshalb ermorden lassen haben, weil sie einen heftigen Streit mit ihr hatte.


Nach ihrer Festnahme 2001 wird sie zu acht Jahren Haft verurteilt. Der italienische Staat schätzt „Lady Camorra“ als so gefährlich ein, dass für sie als eine von wenigen Frauen die verschärften Haftbedingungen für Mafia-Angehörige gelten: Sie wird beinahe völlig isoliert, damit sie ihre Geschäfte nicht aus dem Gefängnis heraus weiterführen kann. Inzwischen jedoch ist Licciardi wieder auf freiem Fuß.

http://www.focus.de/panorama/welt/serie-mafia-patinnen-teil-1-14-morde-in-wenigen-tagen-der-blutige-rachefeldzug-von-lady-camorra_id_4225629.html
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