Montag, 18. August 2014

Vor diesem Pater zittert die Mafia

Paten bedrohen ihn, aus der Kirche kommt Widerstand – Don Ciotti lässt sich nicht beirren: Er gibt den Bürgern zurück, was die Mafia genommen hat. Eine Begegnung mit Italiens mutigstem Geistlichen.




Luigi Ciotti ist an diesem Morgen aus Turin gekommen. Nach Rom, in die italienische Hauptstadt, die in der Hitze brütet. Viele Bewohner sind Mitte August auf dem Land oder am Meer. Urlaubszeit. Ciotti hat keine Ferien. Der 69-Jährige steigt durch das schmale Treppenhaus in den sechsten Stock, immer drei Stufen auf einmal. Haartolle in der Stirn, blaues Polohemd, Jeans. Er hat etwas Jungenhaftes.

Einen Priester stellt man sich anders vor. Und das gilt auch für ein Haus wie dieses.
Niemand würde ahnen, dass das unscheinbare Gebäude an der Via IV Novembre mitten in der Altstadt gegenüber der Vertretung der Europäischen Union "früher ein Haus für Verabredungen war", wie Don Ciotti das einstige Luxusbordell diskret umschreibt, und dessen "Eigentümer der Camorra-Boss Michele Zaza". Stolz klingt da mit.

Zazas' Haus ist jetzt seins oder besser: Es ist die Zentrale von Libera, einem Netzwerk aus 1600 Bürgerinitiativen, das sich dem Kampf gegen Mafia und Korruption verschrieben hat. Don Ciotti hat es 1995 gegründet. Dass der jetzige Hausherr einer der erbittertsten Gegner der Mafia ist, daran lassen die Bodyguards, die ihn ständig begleiten, keinen Zweifel. Denn "Libera" hat ein sehr konkretes Ziel: der Mafia sprichwörtlich den Boden unter den Füßen wegziehen.

Die Paten fürchten Ciotti inzwischen so wie der Sheriff von Nottingham einst Robin Hood. Ciotti ist Missionar im eigenen Land, "mit der Bibel in der einen und der Verfassung der Republik in der anderen Hand", wie er sich selbst beschreibt. Dafür braucht er vor allem viel Mut und seine Energie, weniger den Talar.


Mafiagüter im Wert von 14 Milliarden Euro

Don Ciotti leistet seit 50 Jahren kirchliche Basisarbeit. Landesweit bekannt wurde er mit der Gruppo Abele, einer Gemeinschaft für Drogenabhängige, die er in den 70er-Jahren gegründet hat.

Mit dem "Libera"-Netzwerk will er den Bürgern zurückgeben, was die Kriminellen ihnen genommen haben: Werte – in Italien wurden in 20 Jahren 14 Milliarden Euro in Form von Mafiagütern dingfest gemacht – "aber auch Menschen- und Grundrechte".
"Italien war 1992 nach einer Terrorwelle der Mafia in eine tiefe Krise gestürzt", sagt Ciotti. Mafiakriege forderten Hunderte Opfer in wenigen Jahren, auch Richter, Politiker, Polizisten, Journalisten, Geistliche. Viele Paten konnten gefasst werden, aber ihre Macht blieb wegen ihres ungeheuren Reichtums ungebrochen.


Blühende Landschaften statt verbrannter Erde

Ciotto brachte es fertig, in wenigen Monaten genügend Unterschriften für eine Petition zu sammeln, mit der er 1996 eine Gesetzesänderung erwirken konnte: Seitdem müssen enteignete Mafiagüter sozialen Zwecken und Einrichtungen zu Gute kommen.

Blühende Landschaften statt von der Mafia verbrannte Erde, das hat "Libera" seitdem bereits realisiert. Viele haben hohen Symbolwert, liegen in Orten, die weltweites Synonym für die Paten waren: Corleone, San Giuseppe Jato, Piana degli Albanesi im Herzen Siziliens. Aber auch in Casal del Principe bei Neapel, bekannt aus Roberto Savianos Bestseller "Gomorrha", und im reichen Norden, insgesamt an mehr 30 Orten.

Aus einstigen Mafia-Ländereien wurde "Libera Terra", Freies Land. Kooperativen produzieren Wein, Pasta und Konserven, die in Supermärkten im ganzen Land angeboten werden. "Wir haben schon 1000 Arbeitsplätze geschaffen", sagt Ciotti.


Eine Abtrünnige wird aus Rache verbrannt

Szenenwechsel nach Kalabrien: Marilena Teri, 23, und ihre Schwester Paola, 19, aus Mailand haben gerade im kalabrischen Cutro auf Ländereien, die früher einem Mafiaclan gehörten, eine Gemüseplantage angelegt. Sie sind nur zwei von Tausenden Jugendlichen aus ganz Italien und Europa, die jeden Sommer auf den "Libera"-Ländereien helfen.

Am Nachmittag kommen die Freiwilligen zu Workshops, wo Themen wie Umweltpolitik und Erziehung zur Legalität theoretisch beackert werden. Paola Teri sagt über Don Ciotti: "Ihm ist es zu verdanken, dass der Kampf gegen die Mafia in Italien heute konkret ist."

Die Schwestern engagieren sich auch zu Hause in Mailand, führen eine Solidaritätsaktion für ihr Altersgenossin Denise Garofalo. Sie ist die Tochter von Lea Garofalo, Ehefrau eines Bandenchefs aus Mailand, die auspackte und aus Rache verbrannt wurde. Jetzt ist Leas Leben bedroht.


Die Macht des Clans Grande Aracri

Papa Giuseppe Teri ist Sizilianer, heute zu Besuch in Cutro. "Ich engagiere mich seit 1984, als der Journalist Giuseppe Fava in meiner Heimatstadt Catania erschossen wurde", erklärt er. Heute koordiniert Gymnasiallehrer Teri Aufklärungsarbeit von "Libera" in Schulen und für Unternehmer in Norditalien.


Der Arcari-Clan richtet ein Massaker an


Cutro ist Mafiahochburg, liegt nicht weit vom türkisblauen Meer an der Südküste Kalabriens: unverputzte Häuser, Schlaglöcher in den Straßen, typische Einöde aus Zement im Süden. Marilena staunt, dass auch junge Leute sich hier "mit der Präsenz der Mafia einfach abgefunden haben. Sie leugnen nicht mal deren Existenz, empfinden das alles als ganz normal."

Der gefürchtete Clan Grande Aracri ist hier zu Hause. Er gehört zur kalabrischen 'Ndrangheta, heute eine der weltweit mächtigsten Mafia-Organisationen. Mit Gastarbeitern aus Cutro gelangte die Mafia auch in den Norden. Die stärkste Kolonie gibt es um die Kleinstadt Reggio Emilia.


Mafia in weißen Handschuhen

Erst kürzlich warnte der Vizechef der Nationalen Antimafia-Fahndung, Roberto Pennisi vor dem römischen Parlament: Der Clan Grande Aracri habe dort "das Kommando", verseuche unaufhaltsam die lokale Wirtschaft. Firmen, die wegen der Krise vor der Pleite stehen, rette sie mit satten Investitionen, und "die Unternehmer gucken weg".

Zurück nach Rom, ins Büro von Don Ciotti. Er erzählt von der "Libera"-Studie über den Einfluss der Familie Grande Aracri in dieser Gegend. Er warnt vor der "Mafia in weißen Handschuhen", die nicht mehr mordet – aber zu "wandelnden Leiche" mache, wer sich in ihren Maschen verfängt. "Heute ist der Mafioso ein Unternehmer", sagt Don Ciotti, "er weiß zu diversifizieren, bewegt sich gewandt in der Finanzwelt. "

Die Mafia kaufe sich auch da ein, wo die Wirtschaft noch boomt, etwa in der Lebensmittelindustrie. Das zerstöre die gesunde Wirtschaft und Arbeitsplätze, oft genährt vom "Appetit korrupter Politiker", und "so haben wir sie bald auch auf unseren Tellern", warnt er. In Rom seien über 50 Lokale beschlagnahmt, in Italien rund 5000.


Ehemalige Mafiabetriebe werden Start-ups

Don Ciotti hat Klarsichthüllen vor sich ausgebreitet, kleine Stapel handgeschriebener Notizen. Zahlen statt Worte. Hier in Rom verwaltet "Libera" ein gigantisches Archiv. "Heute warten weitere 55.000 solcher Güter, Immobilien, Ländereien und mehrere Tausend Unternehmen auf neue Nutzer. "

"Ein Potenzial für die Wirtschaft in Sizilien", sagt Leoluca Orlando, Bürgermeister von Palermo, der Stadt, in der die meisten Mafiagüter beschlagnahmt wurden. Gerade hat er mit "Libera" ein Abkommen unterzeichnet: Ehemalige Mafiabetriebe sollen Start-ups werden.

Orlando empfängt im Rathaus. Die Atmosphäre ist geladen. Vor dem Eingang stehen Bodyguards neben Orlandos gepanzertem Auto. Wenige Tage ist es erst her, dass er erneut eine Morddrohung erhielt.


Papst Franziskus exkommuniziert alle Mafiosi

"Ich bin für viele unbequem", sagt er. Seit zwei Jahren schuftet Orlando, um die Pleite der Stadt abzuwenden, für die sein Vorgänger, der Berlusconi-Politiker Diego Cammarata, verantwortlich sein soll. Trotz Haftstrafe wegen Amtsmissbrauchs ist der heute Herr über den lokalen Ableger der Behörde für Mafiagüter. Orlando hat bei Premier Renzi protestiert. "Praktiken werden verschleppt, das Gesetz wird ausgehöhlt", schimpft er.

Auch Don Ciotti bekommt oft Widerstand zu spüren. Als Staatspräsident Giorgio Napolitano ein Büfett im Quirinalspalast nur mit "Libera"-Spezialitäten ausrichten ließ, brannten am Tag darauf in ganz Italien die Betriebe der Organisation. Und längst nicht alle Priester stehen hinter ihm. "Es gibt noch Grauzonen, wo Zwiesprache und heimliche Pakte vorherrschen", sagt Ciotti.

Doch Ciotti hat einen neuen Verbündeten: Papst Franziskus. Bei einer Messe im Juli in Kalabrien hat der kurzerhand alle Mafiosi exkommuniziert. Als Franziskus im März zum "Libera"-Tag der Erinnerung für Mafiaopfer gekommen war, nahm Don Ciotti ihn ohne Scheu an die Hand, hängte dem Papst zur Messe die Stola des 1994 von der Mafia ermordeten Priesters Don Beppino Diana um.

"Warum nicht", sagt Don Ciotti mit der für ihn typischen Schlichtheit. "Wir müssen uns doch die Hand reichen, nur so können wir helfen!"

http://www.morgenpost.de/vermischtes/article131344881/Vor-diesem-Priester-zittern-die-Mafia-Bosse.html?mobile=no