Montag, 11. August 2014

Mafia kassiert Schutzgeld bei Filmproduktionen

In Italien hat die Mafia auch bei Filmproduktionen ihre Hände im Spiel. Wer in bestimmten Regionen drehen will, muss dem organisierten Verbrechen oft Schutzgeld zahlen.

Auf der Suche nach einem geeigneten Set für die erste Staffel der erfolgreichen TV-Serie «Gomorra» nach dem gleichnamigen Buch von Roberto Saviano hatte das italienische Produktionshaus Cattleya eine protzige Villa in einem Vorort Neapels gesichtet. In den mit reichlich Gold und Marmor geschmückten Innenräumen des opulenten Anwesens entstanden später die Szenen aus dem Leben der fiktiven Familie Savastano.

Es gleicht schon einem Treppenwitz, dass ausgerechnet Roberto Saviano die Zahlung von Schutzgeldern an die Camorra akzeptiert, jede Verbrecherorganisation, die er angeblich am meisten bekämpft.


Roberto Saviano mit seinem neuen Buch ZeroZero



Realität übertrifft Fiktion

Kaum war die erste von zwölf Folgen gedreht, verhafteten die Behörden im April 2013 den eigentlichen Hausbesitzer. Denn auch in der Realität war der Gastgeber der Anführer eines Camorra-Clans. Seither sitzt Francesco Gallo wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung hinter Gittern. Nun besteht der Verdacht, dass Cattleya für die Dreharbeiten Schutzgeld bezahlt hat.


Francesco Gallo - Camorra-Boss und Hausbesitzer
an ihn bzw seine Familie werden nach wie vor Schutzgelder bezahlt



Wie die Sondereinheit Direzione Distrettuale Antimafia (DDA) jüngst festhielt, hatte Cattleya die Villa für 30 000 Euro gemietet. Als der Mafia-Boss kurz nach dem Drehbeginn im Gefängnis landete, beschlagnahmte die Polizei auch seine Villa. Um die Dreharbeiten fortsetzen zu können, überwiesen die Produzenten die übrigen vier Raten des Mietzinses nicht mehr dem inhaftierten Eigentümer, sondern einem beauftragten Richter.

Laut den Ermittlungen soll indes das Produktionshaus eine zusätzliche Rate von 5000 Euro direkt der Familie Gallo als Schutzgeld bezahlt haben, statt den Erpressungsversuch der Justiz zu melden. Angeblich liegen abgehörte Telefonate vor, die den Verdacht bestätigen, dass drei Mitarbeiter von Cattleya mit den Camorristi verhandelt haben.


Regisseur Matteo Garrone 


Die Produktionsfirma hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Doch Cattleyas Präsident hat gleichzeitig bedauert, dass man im heiklen Umfeld der Dreharbeiten in Neapel nicht vorsichtiger gewesen sei.


Zu Besuch beim Boss

Schutzgeldzahlungen, um in einer Hochburg der Mafia zu drehen, sind kein neues Phänomen. Auch bei dem dieses Jahr an den Filmfestspielen in Cannes ausgezeichneten Kinofilm «Gomorra» leitete die Justiz Ermittlungen ein, um zu prüfen, ob Schutzgeld erpresst worden war. Der Film war in mehreren Kerngebieten der Camorra entstanden. Regisseur Matteo Garrone hatte zwar Erpressungsversuche abgestritten, aber zugegeben, dass die Darsteller und die Techniker seines Films von der Camorra Pässe erhalten hatten, um sich in Neapels Problemquartier Scampia bewegen zu können.

Garrone bestätigte auch, für die Dreharbeiten einen Camorra-Boss zu Hause besucht zu haben. Das Schutzgeld fordert die Camorra, weil unter anderem lange Dreharbeiten und verstärkte Polizeikontrollen auf dem Set sich negativ auf das illegale Geschäft, vor allem den Drogenhandel, auswirken.



 Oscarpreisträger Giuseppe Tornatore



Südlich von Kampanien ist die Situation ebenso dramatisch. In Sizilien steckt die Filmindustrie tief in der Krise, auch weil Produktionshäuser, die auf der Insel drehen wollen, ausnahmslos den sogenannten Pizzo an die Cosa Nostra bezahlen müssen. Diese Umstände hat jüngst auch der sizilianische Oscarpreisträger Giuseppe Tornatore bedauert. Filmproduktionen blieben nur wenige Wochen, bis sie vom Verbrechersyndikat um Schutzgeld erpresst würden, sagte der Regisseur von «Cinema Paradiso». Danach verließen sie die Insel. Für viele Produzenten sei es zu riskant, sich gegen die Forderungen des organisierten Verbrechens zu wehren.