Samstag, 5. Juli 2014

Die Mafia panscht Olivenöl - Milliardengewinne

Rund 80 Millionen Liter kaltgepresstes italienisches Olivenöl kaufen wir jedes Jahr. Dummerweise gibt es in Italien nicht so viele Olivenbäume. Dahinter verbirgt sich ein gigantischer Lebensmittelbetrug.




In fast jedem deutschen Supermarkt steht gepanschtes Olivenöl im Regal. Meist ist es eine Mischung aus minderwertigen afrikanischen und türkischen Ölen, die dann als angeblich »100% Italia« verkauft wird.

Nahe der italienischen Stadt Siena sitzt im kleinen Dorf Monteriggioni die Firma Azienda Olearia Valpesana (AOV). Sie ist weltweit einer der größten Zwischenhändler für angeblich hochwertige Olivenöle. Im Oktober 2014 beginnt ein Betrugsprozess gegen die Firmenführung. Fast alle großen europäischen Discounter sollen von Valpesana betrogen worden sein. Bis heute. Gepanschtes Olivenöl bei REWE, bei Penny und anderen Supermärkten? Der Skandal um italienisches Olivenöl bei dem Prozess in Siena zieht schon jetzt weitere Kreise. Denn neben dem Marktführer für Olivenöl, deOleo, zu dem Marken wie Bertolli gehören, zählt auch die Supermarktkette REWE zu den Kunden der unter Betrugsverdacht stehenden Lieferanten von AOV.

Spitzenqualität aus Abfallprodukten? REWE bezog sein Öl über den Abfüller Oleificio Salvadori, der Öl von AOV verkauft. Für Firmen wie REWE sind die Schlagzeilen mehr als unangenehm. Die Unternehmensführung hat denn auch sofort eine Pressemitteilung verbreitet, in der es heißt: »REWE definiert in seinen Verträgen mit Lieferanten, Zwischenhändlern oder Abfüllern klare Qualitätsanforderungen, die sowohl durch den Vertragspartner als auch durch die unternehmenseigene Qualitätssicherung in Zusammenarbeit mit renommierten Fachlaboren kontrolliert werden.




Der Einsatz von minderwertigem Lampantöl ist dabei grundsätzlich untersagt.« Doch was von REWE untersagt war, ist offenbar doch passiert: Die toskanische Firma AOV hat in großem Stil minderwertige Öle zusammengemischt und als angebliche Spitzenqualität »extra vergine« abgefüllt. Produkttests brauchten die italienischen Betrüger nicht zu fürchten. Denn die Mischungen auf Rezept sind von den Chemikern so fein ausgetüftelt, dass Sensoren nicht herausfinden, ob Olivenöle das Ergebnis einer Mischung von industriellen Ölen sind oder nicht. Auf den Namen REWE stießen die Ermittler schon im Frühjahr 2012 bei einer Razzia, als sie dort Mischanweisungen eines Zwischenhändlers für ein für REWE bestimmtes Öl fanden.




Bei der REWE-Mixtur wurden demnach ohne Wissen des Unternehmens auch Ölqualitäten verwendet, die nicht für den menschlichen Verzehr geeignet sind. Das können Abfallöle von türkischem Haselnussöl sein oder Lampenöle. Wenn man sie mit anderen Ölen mischt, dann fällt der Betrug irgendwann nicht mehr auf. Häufig wird konventionelles und minderwertiges Olivenöl dann sogar noch als »Bio« deklariert, weil die Verbraucher dafür gern noch mehr Geld ausgeben. Aufgeflogen ist das alles nicht etwa, weil Qualitätstests die Panschereien entlarvten. Vielmehr gab es bei AOV eine Durchsuchung wegen Wirtschaftsstraftaten. Und dabei fanden die Ermittler Rezepturen und Anweisungen für das Panschen der Öle.»100 % natives Öl« kann nicht billig sein.




Als Verbraucher muss man wissen, dass die Produktion von einem Liter Olivenöl zwischen 1,90 und 2,40 Euro kostet. Darin ist noch nicht ein Cent Gewinn beim Produzenten und Zwischenhändler, nicht die Steuer, nicht die Verpackung und Abfüllung und auch nicht der Transport enthalten. Bei kaltgepresstem Olivenöl ist der Herstellungspreis fast doppelt so hoch. Wenn also, wie häufig in deutschen Supermärkten, kaltgepresstes »100% natives« Olivenöl pro Flasche für weniger als drei Euro angeboten wird, dann liegt der Verkaufspreis deutlich unter dem Herstellungspreis im Ursprungsland. Ein qualitativ hochwertiges Öl hat einen bestimmten Preis.


Die italienischen Ermittler verstehen jetzt langsam, warum alle Qualitätstests in der Vergangenheit versagt haben und die gepanschten Öle massenweise in unsere Supermärkte gelangten und aus anderen Firmen wohl noch weiter gelangen: Da wird für Supermärkte »Natives Olivenöl Extra« hergestellt – ohne auch nur einen einzigen Tropfen »Extra Nativ« zu verwenden. Die Betrüger nehmen dafür 52 Prozent importiertes Olivenöl, welches zu sauer ist, und mischen es mit 48 Prozent sogenanntem desodoriertem Öl. Das industriell aufbereitete desodorierte Öl hilft ihnen dabei, die chemischen Werte des Endprodukts zu stabilisieren.