Samstag, 26. Juli 2014

Die dunkle Macht von Mafia, Ndrangheta und Camorra

Sodom und Gomorrha

Gleich zweimal reist Papst Franziskus in den kommenden Tagen nach Süditalien. Dorthin, wo Mafia, Ndrangheta und Camorra ihre Wurzeln haben. Verschworene Gemeinschaften, die sich seit jeher mit der Nähe zu Glaube und Kirche rühmen.




Schon Franziskus' Vorgänger Benedikt XVI. (2005-2013) hatte 2010 bei seinem Besuch in Siziliens Hauptstadt Palermo und ein Jahr später in Kalabrien eindringlich vor der Macht der organisierten Kriminalität gewarnt.

Auch Johannes Paul II. (1978-2005) rief 2001 die Bevölkerung Siziliens auf, sich von der Mafia zu befreien. Aber keiner von ihnen fand so klare Worte gegen die Verbrechersyndikate wie Franziskus. Wer der Mafia angehöre, stehe außerhalb der kirchlichen Gemeinschaft, betonte er im Juni. Erstmals bezeichnete damit ein katholisches Kirchenoberhaupt Mafiosi als exkommuniziert.

Schwere Geschütze gegen verschworene Gemeinschaften, die sich seit jeher mit der Nähe zu Glaube und Kirche rühmen, wie zuletzt eine Marienfeier im Städtchen Oppido Mamertina zeigte. Demonstrativ hielt die Prozession vor dem Haus eines inhaftierten Clan-Chefs an. Die Verflechtungen der ehrenwerten Gesellschaft mit der Kirche sorgen mitunter auch für skurrile Momente. Der Top-Mafioso Bernardo Provenzano etwa, der über vier Jahrzehnte im Untergrund lebte, soll nur ein einziges Buch besessen haben: die Bibel, in einer Ausgabe der Vatikanischen Verlagsanstalt.
"Bibeltreue" Verbrecher.

Offenbar beeinflusste die Lektüre das Auftreten Provenzanos. Der langjährige Kopf der sizilianischen Mafia zeichnete seine schriftlichen Anweisungen gelegentlich mit einem "Der ich geboren bin zu dienen" ab. Gern und oft ließ er zudem Zitate aus dem Alten und dem Neuen Testament einfließen. Im Frühjahr 2006 wurde er unweit seines Geburtsortes Corleone gefasst. In dem Versteck des damals 73-Jährigen fanden die Ermittler besagte Bibel - und Unmengen jener "pizzini" genannten Kassiber, mit denen Provenzano die Geschicke der kriminellen Organisation lenkte und mehr als fünf Millionen Euro in bar.


Der Top-Mafioso Bernardo Provenzano


Die Zettelwirtschaft des alten Mannes sollte freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um einen kaltblütigen Killer handelte. Seinen Spitznamen "Binnu 'u tratturi" ("Binnu der Traktor") hatte er sich in den Augen von Freund und Feind redlich verdient. Er habe "geschossen wie ein Gott", aber besitze nur "das Gehirn eines Huhns", hieß es halb spöttisch, halb ehrfurchtsvoll in der Unterwelt. Zu erfahren ist das in dem Buch "M wie Mafia" des italienischen Schriftstellers Andrea Camilleri. Im Stil eines Lexikons und auf Basis der Notizzettel Provenzanos entwirft der erfolgreiche Krimiautor ein Psychogramm der Cosa Nostra, wie die Mafia auf Sizilien genannt wird.


Armut ist Nährboden für kriminelle Machenschaften

Derartige Veröffentlichungen finden sich seit einigen Jahren immer wieder in den Bestsellerlisten auch in Deutschland. Ein bekanntes Beispiel ist die Geschichte der sizilianischen Mafia des englischen Historikers John Dickie. Natürlich gehören dazu auch die Bücher des italienischen Journalisten Roberto Saviano. Der Autor, der wegen seiner Veröffentlichungen seit 2006 unter Polizeischutz leben muss, äußerte sich in der "Süddeutschen Zeitung" lobend über die Haltung von Papst Franziskus, mahnte aber zugleich an, auch jene Teile der katholischen Kirche zu isolieren, die immer noch wie verschweißt mit der Mafia-Kultur seien.

Dass freilich dieser Aspekt nur ein Teil des Problems ist, zeigen nicht zuletzt die Schilderungen von Aussteigern wie Giuseppina Vitale. Zusammen mit der Journalistin Camilla Costanzo schilderte sie 2010 in "Ich war eine Mafia-Chefin", wie ihr Clan mit der Mafia in Kontakt kam und in der Hierarchie immer weiter nach oben kletterte.


Die archaischen Strukturen im bäuerlichen Hinterland Siziliens, das inkonsequente Handeln der Behörden und das Fehlen jeglicher Perspektiven für die Jugend bilden den Nährboden für kriminelle Machenschaften, an die sich oft eine schnelle "Karriere" anschließt. So kamen auch die Vitales schon bald in direkten Kontakt mit Bernardo Provenzano. Ein bizarres Zusammentreffen blieb Guiseppina Vitale in besonderer Erinnerung: Um vor seinen Verfolgern unerkannt zu bleiben, hatte sich der bibelkundige "Boss der Bosse" als Bischof verkleidet.
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