Dienstag, 1. Juli 2014

Banken und Regierungen die wahre Mafia?

Die Fälle sind oft weniger spektakulär. Etwa der eines vermeintlichen Bauunternehmers in einem osteuropäischen Land, der mit einer «Firma» den Bau von 100 Kilometer Eisenbahntrassen anbietet. Der «Unternehmer» verfügte indes nicht einmal über einen Briefkasten. Die Telefonnummer endete in einer Telefonzelle im Vorort einer Großstadt. Der «Chef» war ein auf freier Basis arbeitender, verunfallter Lastwagenfahrer.




Das Volumen der Wirtschaftsverbrechen ist riesig: Laut UNO-Angaben summieren sich Korruption, Betrügereien und Geldwäsche jährlich auf 15'000 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Der «Umsatz» der Mafia-Organisationen ist nur ein Zehntel so groß. Die Internetkriminalität erreicht allenfalls ein Hundertstel dieser Summe. Somit stellt sich auch die Frage, wer die „eigentliche“ Mafia ist. Etwa Banken? Regierungen gar?

Delinquenten sind laut Scalaris-Eci, einer auf Informationsbeschaffung spezialisierten Firma mit Sitz in Bachenbülach bei Zürich, die Angestellten von Firmen, ihre Kunden und ihre Lieferanten: Sie bestechen und lassen sich kaufen, sie spionieren sich gegenseitig aus und klauen Geschäftsgeheimnisse, und sie unterlaufen Sanktionen. Alleine die französische Großbank BNP Paribas hatte für die Geschäfte mit Embargoländern zwischen 2002 und 2009 Dreißigmilliarden Dollar umgesetzt. Die Komplexität von großen Geldwäschereinetzen steht denen von Firmen in nichts nach, «gewaschen» wird mit den üblichen Mitteln wie Glücksspiel, dem Kauf teuren Schmucks und Scheinrechnungen.


NSA und Swift als Quellen

Nur schwach geschützt ist die Privatwirtschaft. «Staatliche Organisationen sind zwar gut bei der Aufklärung über allgemein zugängliche und menschliche Quellen, über Fernmeldeaufklärung, über Bild- und Videoaufzeichnungen, über Waffen und über Radar- sowie weitere Aufklärungsmethoden», sagt Andrea Galli, Geschäftsführer bei Scalaris-Eci. «Aber ihre Macht endet meistens an Landesgrenzen und die firmeneigenen Stellen haben weder Ressourcen noch die Möglichkeiten, eigene Aufklärungen vorzunehmen.»

In diese Lücke springen Firmen wie Scalaris-Eci. «Private Nachrichtendienste wie wir sind vor allem bei Informationsbeschaffung über allgemein zugängliche Quellen unverzichtbar.» In diese Kategorie fallen alle möglichen staatlichen Register, die Datenbanken von staatlichen und halbstaatlichen Einrichtungen, von Firmenregistern, Banken und bankenähnlichen Organisationen. «Sehr viele Informationen, die man für die Verbrechensaufklärung benötigt, sind bei speziellen Datenbanken frei verfügbar», so Galli. Gerade in Russland, wo es einen großen Registerbetreiber gibt, sei es einfach, Information über verdächtige Firmen zu bekommen, denn, entgegen landläufiger Meinung seien viele Informationen einsehbar – wenn man die Landessprache beherrscht.


Käufliche Angestellte

Wo die offiziellen Register nicht weiterhelfen, werden die Angestellten bei Banken und Ämtern angezapft. Es ist laut Fachleuten einfach, Informationen von praktisch allen Stellen zu bekommen, inklusive von Swift, der Organisation, mit der Banken untereinander den internationalen Zahlungsverkehr abwickeln. Ein Teil der Informatikangestellten, die in Genfer Privatbanken arbeiten, kommt aus Frankreich. Diese sind vergleichsweise schlecht bezahlt, haben aber Ausbildungen auf Militärakademien genossen und sind offen für weitere Tätigkeiten. Private Dienste stopfen solche Lecks auch.

Selbst der US-Geheimdienst ist löchrig: NSA-Angestellte verkaufen Informationen genauso weiter wie die Mitarbeiter von Firmen, an die der NSA bestimmte Aufgaben ausgelagert hat. Die besten Kunden von Galli und seinen Experten sind Banken, vermögende Geschäftsleute und Industriefirmen. «Unsere Aufklärungsquote liegt bei 95 Prozent», so Galli. «Wenn das Budget im Hinblick auf die Aufgabe stimmt.»

Der Aufwand ist viel kleiner als der mögliche Schaden: So unterließ es eine Großbank, in Osteuropa genau abzuklären, wer eigentlich der Vermieter der Büros war, die man beziehen wollte. Erst in letzter Sekunde stellte sich heraus: Es war die Mafia.