Montag, 5. Mai 2014

Sohn eines Camorra-Bosses terrorisiert italienischen Fußball

Alte Dämonen holen den italienischen Fussball ein. Sie haben Vor- und Nach­namen, manche sogar Übernamen. So bekannt sind sie. Und berüchtigt. Und scheinbar unantastbar.



Gennaro De Tommaso, Sohn eines Clanchefs der Camorra,
hatte beim Cupfinal das Stadion lange Zeit im Griff.


Am Samstagabend, als in Rom der Cupfinal zwischen Napoli und Fioren­tina (letztlich 3:1) auf dem Programm stand, mit vielen Prominenten und politischen Würdenträgern auf der Ehren­tribüne, inklusive Ministerpräsident Matteo Renzi, waren sie wieder da, die Dämonen. Und einmal mehr fragen sich die Italiener, ob ihr Fussball, der Calcio, überhaupt sanierbar sei, erlösbar von seinen gewaltbereiten, von Politik und organisierter Kriminalität unterwanderten Ultras. 70 000 führt die Polizei in ihren Registern. Das seien genug, um das Land in Feuer und Flammen zu stecken, schreibt der «Corriere della Sera». Zwei von ihnen spielten je eine Hauptrolle in dieser guerillaartigen Nacht in und rund um das Stadio Olimpico mit mehreren teils Schwerverletzten.

Der Römer Daniele De Santis alias «Gastone», 48 Jahre alt, ein Chef der rechtsextremen Ultras der AS Roma, stand in seinem Kiosk am Tiber, als Fans aus Napoli vorbeigingen. Die Dynamik dessen, was dann passierte, ist noch rätselhaft. Die Polizei glaubt, De Santis habe die Fans provoziert, die hätten reagiert, hätten ihn umzingelt. De Santis soll dann gebrüllt haben: «Ich bringe euch alle um.» Zog eine Pistole aus der Tasche, ­Kaliber 7,65, und schoss. Vier-, fünf-, vielleicht siebenmal. Er traf drei Neapolitaner. Eine Kugel drang durch die Lunge des 30-jährigen Ciro Esposito aus Scampia, einem schwierigen Vorort von Neapel. Als man ihn später operierte, fand man die Kugel in seiner Wirbelsäule. Esposito schwebt in Lebensgefahr. 


Genny die Bestie

Drinnen im vollen Stadion kursierten bald wilde Gerüchte über das Ausmass der Gewalt draussen. Eine Weile hiess es, Gruppen bewaffneter, maskierter ­römischer Hooligans hätten Neapolita­nern aufgelauert, was sich als Erfindung erweisen sollte. De Santis, der später wegen Mordversuchs festgenommen wurde, hatte wohl allein gehandelt, ohne Plan. Doch kurz vor Spielbeginn war das nicht klar. Und so trat eine ­andere bekannte Figur aus der Welt der ­Ultras ins Rampenlicht: Gennaro De Tommaso, in Neapel auch als «Genny die Bestie» bekannt, Sohn eines Clanchefs der Camorra. Er sass herrisch auf dem Zaunrand der Curva Nord. De Tommaso behauptete, der angeschossene Fan sei tot, das Spiel gehöre annulliert. Wenn nicht, garantiere er für nichts.





Aus der Kurve regnete es nun Petarden auf die Laufbahn, die sich um den Rasen des Olimpico zieht. Ein Brandsatz traf einen Feuerwehrmann. Das ­Stadion stand schnell im dichten Rauch. De Tommaso hatte es fest im Griff. Italiens Premier, der Präsident des Senats, der Vorsitzende des Fussballverbands – sie alle schauten von der Ehrentribüne ohnmächtig zu, wie der Sohn eines ­Camorrista zur besten Sendezeit den Calcio in Geiselhaft hielt. 


Der Präzedenzfall

Die Szene erinnerte stark an einen ähn­lichen Vorfall vor zehn Jahren, als «Gastone», der Schütze vom Kiosk, mit einigen anderen Anführern der Ultras ein ­Römer Derby verhindern konnte. Sie ­behaupteten, bei Strassenschlachten mit der Polizei sei ein Kind von einem Polizeiwagen getötet worden. Sie verhandelten mit Francesco Totti, dem Captain der Roma. Dramatisierten, demonstrierten ihre trübe Macht. Bis sich alle ihrem ­Gesetz beugten. Später gab es einen Prozess, verurteilt wurde niemand. Nun machte «Genny» also auf «Gastone». ­Napolis Captain Marek Hamsik trat unter die Kurve und hörte sich die Argumente des Ultra-Chefs an, als taugte der zum ­legitimen Verhandlungspartner. Der ­Cupfinal fand trotzdem statt, mit 46 Minuten Verspätung, in einer surrealen Stimmung. Diesmal widersetzten sich die Organisatoren dem Gebot der Ultras.






Krisengipfel gefordert

Die «Gazzetta dello Sport» fordert ­Matteo Renzi auf, einen Krisengipfel zum Calcio einzuberufen. Allenthalben wird ­moniert, gewalttätige Ultras müssten wie normale Gesetzesbrecher behandelt werden. Das wäre neu. Stadionsperren – viel mehr hatten sie bisher nicht zu ­befürchten. Wenn überhaupt. Es ist um­gekehrt: Italiens Fussballwelt fürchtet die Ultras und deren Erpressungspotenzial. Die Vereine lassen sie gewähren, stecken ihnen da und dort sogar Geschäfte mit Fanartikeln zu, Tickets, Reisen zu Auswärtsspielen. Damit sie nur ruhig sind. So wachsen sie, entwickeln ihr mafiöses Business. Mit Fussball hat das oft gar nichts mehr zu tun. Manchmal hat es sogar nur noch mit Kriminalität zu tun.
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