Samstag, 17. Mai 2014

'Ndrangheta greift Monaco an

Ein Anschlag auf die Milliardenerbin eines Immobilienimperiums erschüttert das Fürstentum. Die Ermittler vermuten die ’Ndrangheta oder die Camorra hinter der Tat.
Bei einem Anschlag im südfranzösischen Nizza ist die Erbin eines monegassischen Immobilienimperiums schwer verletzt worden. Ein Unbekannter feuerte laut Polizeiangaben am Dienstagabend auf den Wagen der 77-jährigen Hélène Pastor, als dieser ein Krankenhaus verließ. Auch ihr Fahrer wurde schwer verletzt. Der Täter und ein Komplize konnten zu Fuß fliehen.





Ein VIP-Leben lang war Hélène Pastor diskret, mied Anlässe mit Scheinwerferlicht und Kameras. Diskretion war gar das prägendste Markenzeichen dieser reichen und strengen monegassischen Immobilienerbin. Es gibt nur wenige öffentliche Fotos von ihr, das jüngste ist 16 Jahre alt. Ihrer prominenten Kundschaft gefiel das so. Wem Pastor eine ihrer teuren Wohnungen vermietete, der wusste, dass die Angelegenheit vertraulich bleiben würde. In Monaco, dem Paradies der Steueroptimierer, ist das nun mal eines der wichtigsten Kriterien. Die Pastors beherbergen viele dieser reichen Teilzeit-Monegassen. Es gehört ihnen ein Drittel aller Immobilien im Fürstentum. Geschätztes Familienvermögen: 19 Milliarden Euro.




Nun aber prangt das alte Bild von Hélène Pastor in allen Zeitungen, die Schlagzeilen dazu sind düster. Seit einer Woche liegt die 77-jährige Frau im Koma. Lebensbedrohlich getroffen am Hals, am Brustkorb, am Kiefer. Überrascht von einem Auftragsmörder, der ihr auf dem Parkplatz vor einem Spital in Nizza aufgelauert hatte. Ihr Chauffeur und Butler, ein Ägypter, der seit 30 Jahren für sie ­gearbeitet hatte, starb an den Verletzungen, die er im Kugelhagel erlitt.

Und Monaco, diese kleine Welt an der Riviera, weiß nicht, wie ihr geschieht. Fürst Albert II. schreibt in einem Communiqué von seiner «tiefen Bestürzung» über die dramatischen Ereignisse. Die Pastors sind enge Freunde der herrschenden Grimaldis, seit vielen Generationen schon. Beide Dynastien haben italienische Wurzeln, sie teilen sich gewissermaßen die Macht. In Monaco nennt man die Pastors «die zweite Fürstenfamilie».




Auf den ersten Blick scheint vieles rätselhaft an dieser Kriminalgeschichte. Schon die Tat an sich: Die Ermittler haben zwar viel Material von Videoüberwachungskameras und von einem Dutzend Augenzeugen, von denen manche die Szene auf dem Parkplatz mit ihrem Handy gefilmt haben. Doch allzu viele Elemente verwirren die Fahnder. Der Täter kam mit dem Taxi. Er wartete hinter einer Mauer, bis Hélène Pastor aus dem Krankenhaus trat, in dem sie ihren rekonvaleszenten Sohn besucht hatte. 





Sie setzte sich auf den Beifahrersitz. Der Täter näherte sich dem Wagen, unmaskiert, zog sein Jagdgewehr aus der Tasche und schoss durchs Beifahrerfenster. Mehrmals. Dann vergewisserte er sich, ob er auch getroffen hatte, schaute dafür durchs Fenster, schoss noch einmal. Auf dem Armaturenbrett, leicht greifbar, lag Pastors Handtasche. Der Täter ließ die Tasche dort liegen, drehte ab, ohne Hast, setzte sich auf das Motorrad eines Komplizen, der auf ihn wartete, und fuhr weg.

In den Lokalzeitungen wähnt man sich an Vergeltungsmorde erinnert, wie man sie so in Frankreich sonst aus dem Drogenmilieu von Marseille kennt: brutal, ohne Aufhebens um Zeugen. Nur dass sie in Marseille mit Kalaschnikows zugange sind, nicht mit Jagdgewehren. Zunächst wurde spekuliert, dass der Fahrer das Ziel des Anschlags gewesen sein könnte. Doch der hatte schon seit zwei Stunden im Auto gesessen. Der Schütze schritt erst zur Tat, als Pastor dazu kam. Und er schoss zuerst gezielt auf sie. Nur, warum?


Die Hand der Clans

Am plausibelsten erscheint den Ermittlern die These, wonach die kalabrische Mafia, die ’Ndrangheta, oder die neapolitanische Mafia, die Camorra, hinter der Tat stehen könnte. Dass Clans womöglich ein Zeichen setzen, einen Widerstand brechen wollten. Seit etlichen Jahren schon warnen die italienischen und französischen Behörden vor einer Infiltrierung der Clans weit über die Grenzen hinaus: nach Menton, Monaco, Nizza, Antibes, Cannes, Saint-Tropez. Allein in den letzten Wochen wurden an der Côte d’Azur mehrere mutmaßliche Emissäre der Mafia festgenommen, solche auch, die Verbindungen zu berühmten italienischen Politikern haben.

Die Mafia kauft sich offenbar gerade massiv und aggressiv in den Immobilienmarkt ein, um Geld zu waschen. Auch russischen Investoren gefällt die Gegend über die Massen gut. Im Luxussegment von Monaco führt kein Weg vorbei an den Pastors. Hélènes Großvater Jean-Baptiste, ein ligurischer Steinhauer, war 1880 ins Fürstentum ausgewandert. Er war es, der das Fundament des Imperiums legte.

Der große Coup gelang aber seinem Sohn Gildo, dem Vater Hélènes, der nach dem Zweiten Weltkrieg für wenig Geld viel unbewohntes Land kaufte auf dem Larvotto, einem Stück monegassischer Küste. Als Fürst Rainier das Land in Zonen einteilte, zog Gildo Pastor dort eine Reihe Hochhäuser mit schönen ­Namen und unverbaubarer Meersicht hoch. Der Quadratmeterpreis hat sich seither versechzigfacht.




Von Gildos drei Kindern, die den Immobilienpark erbten, lebt nur noch Hélène. Victor Pastor starb vor zwölf Jahren. Und Michel Pastor, ehemals Präsident des örtlichen Fußballvereins, der AS Monaco, erlag vor einigen Monaten einer langen Krankheit. Hélène ist bekannt dafür, dass sie das Vermögen nur verwalten möchte. Mieten eintreiben, das reicht ihr. Bauen mag sie nicht, verkaufen auch nicht. Gab es womöglich deshalb Reibungen? Versuchten die Clans, Pastor zum Verkaufen zu drängen, und scheiterten? Trachteten sie nun danach, die Familie in ihrem fragilsten Moment zu treffen? Und wie stehen die nachrückenden Generationen zum Geschäft? Solch niedere und trübe Fragen umwehen das Paradies.

http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/Mord-Mafia-und-Monaco/story/20047417
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