Mittwoch, 7. Mai 2014

Die Psychologie der Mafiosi

Die Mafia von innen - ein Gespräch mit dem Psychologieprofessor Girolamo Lo Verso




Girolamo Lo Verso ist Ordinarius für Psychotherapie an der Universität Palermo und stand uns netterweise während unserer Exkursion einige Stunden lang Frage und Antwort. Nach einer freundlichen Begrüßung, führte uns Signore Lo Verso in einen Konferenzraum der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät, wo wir uns alle an einem ovalen Tisch versammelten. Professor Lo Verso gab uns eine Einführung in seine Arbeit mit Mafiaangehörigen und sogenannter „pentiti“, immer wieder unterbrochen von Fragen unsererseits.

Lo Verso begann sich vor etwa 15 Jahren – konkret nach den großen Richterattentaten im Jahre 1992 auf Giovanni Falcone und Paolo Borsellino – mit der Frage nach der mafiosen Psyche zu beschäftigen. Der Anlass war mehr oder weniger ein Zufall: Viele seiner ehemaligen Studenten und Studentinnen arbeiteten in Einrichtungen des Gesundheitsdienstes, etwa in der Psychiatrie, und wurden nun erstmals mit außergewöhnlichen Patienten konfrontiert: Immer häufiger kamen Ehefrauen und Kinder von im Gefängnis einsitzenden oder ermordeten Mafiosi in Behandlung und suchten aufgrund schwerwiegender psychischer Probleme professionelle Hilfe nach.

Die zahlreichen Verhaftungen in Folge der Attentate von 1992 hatten innerhalb der Mafia zu einem enormen Druck geführt. Gerade die Familienangehörigen litten unter dem Verlust ihres Familienoberhauptes, aber auch der negativen Resonanz in der Bevölkerung auf die Attentate. Auf diese Weise setzte dann die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Mafia auch seitens der Psychologie ein.




Auf die Frage nach dem methodischen Vorgehen erklärte der Psychologieprofessor, Informationen direkt aus der Welt der Mafia seien aufgrund des in der Organisation geltenden omerta-Gesetzes (=Schweigegesetz) nicht zu erhalten. Man habe mit Familienangehörigen gearbeitet, aber auch mit im Gefängnis einsitzenden Mafiaaussteigern – zumindest bis die Regierung Berlusconi den Psychologen die Erlaubnis zu Gesprächen mit pentiti (=Reumütigen) entzog. Außerdem arbeite man auch mit Geschäftsleuten und Unternehmern, welche kein Schutzgeld (mehr) bezahlen wollten; weiter mit Polizisten, Staatsanwälten und Richtern.

Ferner werden an seinem Lehrstuhl Diplomarbeiten zu verschiedenen Aspekten des Phänomens der Mafia angefertigt. Viele Studenten und Studentinnen kennen aus ihrem persönlichen Umkreis insofern der Mafia nahe stehende Personen, als sie mit ihnen zusammen aufgewachsen sind. Dies erleichtert in jedem Fall den Vertrauenserwerb und damit den methodischen Zugang zum Feld. Auf diese Weise gelang also die Erforschung der Mafia „von innen heraus“, aus klinischer Perspektive betrachtet. Die harte Reaktion des Staates nach den Richterattentaten von 1992 löste, so Lo Verso, eine Art „psychologischer Revolution“ aus: Viele ehemalige Mafiosi und deren Angehörigen begannen erstmals zu reden, und zwar ohne dass sie daraufhin sofort umgebracht worden wären. Dies wäre früher unvorstellbar gewesen, da die Mafia als absolut omnipotent galt. Lo Verso verglich die Mafia mit einem „Staat im Staat“, da sie über Eigenschaften verfüge, welche eigentlich einen Staat auszeichneten, so etwa ein eigenes Heer, eine eigene Steuererhebung und schließlich eigene Gesetze. Dieser Meinung war auch Falcone, welcher sagte, der Kampf sei erst dann gewonnen, wenn die Mafia zu einer normalen Kriminellenorganisation herabsinken würde – vergleichbar mit der Camorra in Neapel.

 Lo Verso verglich die großen süditalienischen Mafiagruppierungen in bezug auf ihre aktuelle Macht: Danach agiert seiner Meinung nach heute die in Kalabrien vorfindbare ’Ndrangheta nach wie vor relativ unangefochten als „Staat im Staate“, die sizilianische Cosa Nostra hat Machtverluste hinnehmen müssen und die kampanische Camorra gleicht fast einer normalen Kriminellenorganisation.

Sehr großen Raum innerhalb unseres Gesprächs mit Professor Lo Verso nahm die Frage nach der Herausbildung der mafiosen Psyche, und damit der mafiosen Sozialisation, ein. Am Anfang der Debatte stand zunächst die Definition eines „Mafioso“. Lo Verso erklärte, er beziehe sich auf die sog. pungiuti (= Gestochene), also auf diejenigen Personen, welche mittels des althergebrachten Initiationsrituals in eine der zahlreichen mafiosen Banden aufgenommen worden sind. Damit schließt er die zahlreichen Hintermänner der Mafia in der „besseren Gesellschaft“ aus. Die Zahl dieser pungiuti wird gegenwärtig auf ca. 5000 geschätzt. Dabei sei allerdings zu beachten, dass die Zahl der Helfershelfer und der Unterstützer der Mafia ungefähr zehnmal so hoch sei.

Die überwältigende Mehrheit der Mafiosi nehme das mafiose Erbe nicht erst mit der Muttermilch auf, sondern werde bereits 100 Jahre vor der Geburt zum Mafioso gemacht. Damit wollte Lo Verso ausdrücken, dass Mafiosi üblicherweise Familien entstammen, in denen bereits der Vater, Großvater, Urgroßvater usw. Mafiosi waren. Von Geburt an werden die zukünftigen Kriminellen dann bereits wie zukünftige Mafiosi behandelt – auch und gerade seitens der Mütter. Den Kindern werden traditionelle sizilianische Werte wie Verschwiegenheit, Familientreue, Ehrbewusstsein und noch viele weitere – zumindest im sizilianischen Sinn als positiv einzuschätzende -Werte anerzogen, welche die Mafia zum Schutze ihrer eigenen Subkultur instrumentalisiert hat.

Entwickelt sich der Junge wunschgemäß, d. h. er ist schweigsam, lässt sich nichts von anderen gefallen, verhält er sich kaltblütig und hat nie Angst, weist keine homosexuellen Tendenzen auf (Homosexuelle gelten in der Cosa Nostra als nicht vertrauenswürdig) usw., dann wird er – häufig von einem Onkel – allmählich an die Organisation herangeführt. Dies geschieht bereits in einem Alter von etwa neun bis zehn Jahren. Der Onkel führt dann regelmäßig Gespräche mit dem Jungen, erklärt ihm allmählich einige der wichtigsten Verhaltensregeln der Mafia.

Lo Verso betonte, dass sehr häufig die Onkel eine sehr wichtige Rolle bei der Erziehung der zukünftigen Mafiosi spielen.

Dieser stelle die Jungen mit Anweisungen wie etwa: „Nimm diesen Stock und schlag das Kind damit!“ auf die Probe. Die Gewaltbereitschaft der angehenden „Ehrenmänner“ werde mit zunehmendem Alter gesteigert, etwa in dem man dem Jungen eine Waffe gebe und ihn einen Hund oder ein Pferd erschießen lasse. Später nehme man den Jugendlichen dann zu einem Mord mit, lasse ihn zunächst nur zusehen, später dann selbst auch auf die Leiche schießen und schließlich dann selbst den ersten eigenen Mord begehen. Irgendwann wird der junge Mann dann rituell in die Cosa Nostra aufgenommen und hat fortan die Möglichkeit, innerhalb der hierarchisch und patriarchalisch strukturierten Organisation aufzusteigen.

Gute Chancen haben dabei solche Mafiosi, welche über den Ruf eines „guten Killers“ verfügen. Zu guten Killern entwickeln sie sich fast zwangsläufig dank ihrer besonderen Sozialisation. Sie werden zu einer Art „Gefühlsroboter“ erzogen, welchen ihre Gewalttaten weder ein schlechtes Gewissen noch Albträume verursachen. Die mafiose Sozialisation schaltet, so Lo Verso, jegliche Individualität vollkommen aus. Stattdessen entwickeln die Mafiosi im Verlaufe ihrer Erziehung eine kollektive Identität, eine Wir-Identität. Sie identifizieren sich vollständig mit dem mafiosen Universum und sind als Persönlichkeiten nicht mehr existent.

Lo Verso bezeichnet die Mafia als eine Art „Fundamentalismus“, vergleichbar mit dem Faschismus oder islamischen Fundamentalismus, in dem es ebenfalls keinen Platz für Individualität gebe. Da das Kollektiv im Mittelpunkt stehe, sehe sich der Mafioso keinesfalls als Verbrecher, sondern als Beschützer seiner (mafiosen) „Familie“, mit dem Recht und der Pflicht, diese zu beschützen und ihre Rechte durchzusetzen. Diese unbedingte Überzeugung lässt den Mafioso tatsächlich zu einem „Roboter“ werden, einem kleinen „Rädchen im Kollektiv“, welches unhinterfragt und ohne schlechtes Gewissen alle ihm aufgetragenen Befehle ausführt. Die pathologische „Mafiafamilie“ lässt keinerlei Autonomie ihrer Mitglieder zu.

Ein Mafioso hat tatsächlich keine Angst, außer vor anderen Mafiosi. Diese Angst, das berechtigte Misstrauen gegenüber den „Kollegen“ und die darin sich widerspiegelnde Paranoia veranschaulicht folgendes Sprichwort: „Der Tod steht immer hinter der Tür“. Gegenüber der nicht-mafiosen Außenwelt aber gibt es keine Angst: Sogar noch bei der Verhaftung bewahrt ein Mafioso die Ruhe und zittert auch nicht. Erst wenn er längere Zeit von seiner gewohnten Umgebung – von der Herkunftsfamilie und von seinen Mafiafreunden – getrennt ist bzw. wenn er sich im Stich gelassen fühlt, kann seine mafiose Identität zu wanken beginnen. Dies umso mehr, falls allmählich ein anderes moralisches System an Relevanz zu gewinnen beginnt. In diesem Fall kann es vorkommen, dass der Mafioso in eine schwere Identitätskrise gerät, dass seine bisherige Mafiaidentität „zerplatzt“ und somit ein Vakuum entsteht, in dem sich dann auch häufig Schuldgefühle einnisten können.

Jedoch sei die Faszination, welche von dem Mythos der Mafia ausgehe, teilweise immer noch ungebrochen. Die Existenz dieses Mythos schreibt Lo Verso dem „unternehmereigenen Pressebüro“ der Cosa Nostra zu, welche besagte Mythen perfekt verkaufe. Zu diesen Mythen gehört die Vorstellung, es habe einst eine „gute Mafia“, also mit ehrenhaften Absichten, gegeben. Von dieser Vorstellung hält der Psychologe wenig. Die Mafia sei nie gut gewesen und habe immer – mit allen Mitteln – nach Macht gestrebt. Macht ist für die Mafia ein zentrales Handlungsmotiv, was bis hin zur Aufgabe von Sexualität führe. Dabei nennt er das alte sizilianische Sprichwort: „Kommandieren ist besser als ficken“.

Gemäß Lo Versos Untersuchungen leben Mafiosi – und auch deren Frauen – ihre Sexualität nicht wirklich aus, da in der mafiosen Welt für Gefühle kein Platz ist. Nicht selten dauert dementsprechend der Geschlechtsakt bei Mafiosi nicht länger als fünfzehn Sekunden. Aus einer auf diese Weise praktizierten Sexualität können natürlich vor allem Frauen keine Befriedigung ziehen. Sie beklagen sich aber nicht, schließlich verleiht ihnen die Tatsache, Frau eines Mafioso zu sein, Respekt und eine hohe gesellschaftliche Stellung in ihrer Umgebung. Auch die Männlichkeit des Mafioso leidet nicht, da sich diese schließlich in erster Linie durch den Umgang mit der Pistole begründet.

Professor Lo Verso wurde dann von unserer Seite gefragt, ob und wie man einen Mafioso erkennen könne. Er erklärte, dies sei durchaus möglich und gab auch eine kleine pantomimische Demonstration. Laut Lo Verso existiert ein typisch mafioses Auftreten, welches sich in einer bestimmten Sprache, Mimik und Gestik äußert. Selbstverständlich können auch Nicht-Mafiosi mafios auftreten, während manche ranghohen Mafiosi von einem derartigen Verhalten aber bewusst Abstand nehmen. Üblicherweise sind es die „Kleinmafiosi“, also die Killer und Handlanger, welche ein solches Auftreten an den Tag legen.

Der Psychologieprofessor erzählte, dass nicht selten in Hochsicherheitsgefängnissen einsitzende Mafiosi keinerlei Probleme hätten, Botschaften mit Hilfe von Gesten oder sprachlichen Codes an ihre Besucher so weiterzugeben, ohne dass das Gefängnispersonal dies merken würde. Wenn beispielsweise eine Häftling seiner Frau während der Besuchsstunde sagen würde: „Mein Cousin Pippo macht sich immer viel zu viel Arbeit. Wie ärgerlich“ , dann könne dies – verbunden mit den richtigen Gesten – Pippos Todesurteil sein.


Auf unsere nächste Frage, ob er wegen seiner Arbeit seitens der Mafia schon einmal bedroht wurde, antwortete er mit „nein“ und begründete dies damit, dass der Mafia die wissenschaftliche Arbeit egal sei. Angst habe er nur einmal gehabt, und zwar als er öffentlich sagte, dass Mafiosi keine „echten Männer“ seien, sondern Roboter.