Mittwoch, 14. Mai 2014

Die Mafia ist dort, wo das Geld ist

Bayern und Baden-Württemberg sind der wichtigste Aktionsraum der Mafia in Deutschland. ’Ndrangheta und Camorra gehen dort ihren dunklen Geschäften nach. Der Schaden beläuft sich auf Milliarden.

Die internationale Fahndungsaktion hieß „Il Crimine 2“. Im baden-württembergischen Singen nahm eine Spezialeinheit des Landeskriminalamtes im März 2011 fünf mutmaßliche Mafia-Mitglieder fest. Im gleichen Zeitraum wurden in Kalabrien 28 Mitglieder und Drahtzieher festgesetzt. 



 Für ein paar Tage fiel ein Schlaglicht auf die Aktivität der kalabrischen Mafia-Organisation ’Ndrangheta in Baden-Württemberg. Viel mehr bekommen die Bürger von der italienischen Mafia zumeist nicht mit. Für den Laien ist nicht zu erkennen, ob er seine Pizza gerade in einem Restaurant bestellt, das unter dem Einfluss der Mafia steht, oder ob der Autohändler mit dem Verkauf von gebrauchten Alfa Romeos Geld wäscht. Der Südwesten ist aber - aufgrund seiner Nähe zu Italien und der prosperierenden Wirtschaft - das wichtigste Aktionsfeld der Mafia in Deutschland.

Ravensburg, Singen und Radolfzell gelten als Rückzugsräume der Mafia, auch Stuttgart, Waiblingen, Esslingen oder Fellbach sind nach Auffassung von Fahndern seit vielen Jahren Hochburgen kalabrischer ’Ndrangheta-Clans. Der Mordversuch an dem in Stuttgart bekannten Herrenausstatter Felix X. geht angeblich auch auf Rechnung der Mafia.

Der Personenkreis, der Mafia-Organisationen zugerechnet wird, ist nach Aussage von Ermittlern kaum größer geworden. „Gemessen an den Aktivitäten der Mafia im gesamten Bundesgebiet stellen wir fest, dass vor allem die ’Ndrangheta in Baden-Württemberg besonders aktiv ist“, sagt der baden-württembergische Präsident des Landeskriminalamtes, Dieter Schneider. „Von bundesweit 450 Personen, die der italienischen Mafia zugerechnet werden, sind es in Baden-Württemberg etwa 145. Die Erklärung hierfür ist einfach: Auch die Mafia investiert am liebsten dort, wo Geld zu verdienen ist.“


Aufklärung wird immer schwieriger

Der Schaden, der dem Staat durch Steuerhinterziehung, Abgabenbetrug und Produktpiraterie entsteht, wird auf zehn Milliarden Euro geschätzt. „Im Bereich der organisierten Kriminalität spielt die italienische Mafia weiterhin eine beachtliche Rolle. Mitglieder der Mafia betätigen sich auf den klassischen Feldern wie Rauschgiftkriminalität, Geldwäsche, Falschgeldhandel, Betrug, Produktfälschung oder Kfz-Kriminalität. Wir registrieren zunehmend auch komplizierte und verschachtelte Wirtschaftstransaktionen, und es liegen Erkenntnisse über illegale Aktivitäten der Mafia in der Bauwirtschaft vor“, sagt Schneider.

Mafia im Internet


Schneider und seinen Ermittlern im Landeskriminalamt bereitet es große Sorge, dass es dank des Internets, sozialer Netzwerke und vielfältiger Kommunikationsmöglichkeiten immer schwieriger wird, mafiöse Strukturen zu enttarnen. Ständig werden neue Verschlüsselungstechniken entwickelt, das Internet bietet der Mafia immer neue Möglichkeiten, im Verborgenen zu arbeiten. Schneider hält deshalb nicht nur V-Personen, verdeckte Ermittler, für unersetzlich, er fordert auch, an den Gerichten endlich auf „organisierte Kriminalität“ spezialisierte Strafkammern zu schaffen.


Leiter LKA - Dieter Schneider


Weiterhin fordert er, die Möglichkeiten deutlich zu erweitern, Verbindungsdaten auch mit Hilfe von „Trojanern“ auszuwerten. Immerhin gelang es den Beamten in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr, acht mutmaßliche Mafia-Mitglieder festzunehmen und in der Bodenseeregion eine von Killern organisierte Bestrafungsaktion sowie die „Eskalation von Clanstreitigkeiten“ zu verhindern.


Bayern als Rückzugsraum

Bayern hingegen wird von der italienischen ’Ndrangheta und der Camorra eher als „Rückzugsraum“ betrachtet. Mitglieder, die eine Zeitlang aus dem „operativen Geschäft“ herausgenommen werden müssten, würden oft nach Bayern geschickt, sagt Mario Huber, Leiter des Sachgebiets „Organisierte Kriminalität“ beim bayerischen Landeskriminalamt. „Die halten hier eher die Füße still.“ Die Personen setzten in der Regel alles daran, polizeilich nicht aufzufallen, sie gingen, wie Huber sagt, „noch nicht mal bei Rot über die Ampel“. So würden zum Beispiel Kellner, die man wegen Kokainbesitzes erwischt, sofort entlassen. Denn alles, was die Polizei auf den Plan rufen könnte, solle vermieden werden.


 Mario Huber, Leiter des Sachgebiets „Organisierte Kriminalität“
beim bayerischen Landeskriminalamt.


Etwa 100 „Clan-Mitglieder“ der italienischen Mafia, die sich in Bayern aufhielten, sind nach den Angaben der Polizei bekannt und werden beobachtet: Womit verdienen sie ihr Geld? Mit wem haben sie Kontakt? Die hauptsächlichen Einnahmequellen der ’Ndrangheta sind Geldwäsche und Kokainhandel. Die ’Ndrangheta habe sich in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren zum größten Kokainhändler der Welt entwickelt, sagt Huber. Illegale und legale Geschäfte vermischten sich häufig. Neu sei, dass immer stärker versucht werde, die Geschäfte ohne Mittelsmänner abzuwickeln. Dadurch, dass alle Geschäftszweige in einer Hand lägen, seien sehr große Gewinne zu erzielen.

In Bayern nutzten die Mitglieder vor allem das Allgäu als Rückzugsraum. Das ist nach Hubers Worten historisch gewachsen: In den fünfziger Jahren kamen viele Gastarbeiter aus Italien in die Region mit ihrer damals florierenden Textil- und Elektronikindustrie - besonders viele kamen aus Kalabrien. Weil es so schön war, kamen immer mehr, manche auch mit nicht so redlichen Absichten. „Während sich beispielsweise in Nordrhein-Westfalen historisch gesehen Mitglieder der Cosa Nostra niederließen, kamen Angehörige der ’Ndrangheta oft ins Allgäu.“


„Stagnation auf hohem Niveau“

In Bayern sind nach den Angaben vor allem zwei weitere Gruppierungen der organisierten Kriminalität nachweisbar mit Taten präsent. Neben Rocker-Banden sind das vor allem Mitglieder der „post-sowjetischen OK“. OK steht für „Organisierte Kriminalität“. Den Begriff „Mafia“ verwendet die Polizei nur für die italienischen Gruppen. Ohnehin würde der Begriff „Russen-Mafia“ zu kurz greifen, sagt Huber. Man treffe hier Kasachen, Kirgisen, Usbeken, kurz: alle Nationalitäten, die vormals unter dem Dach der Sowjetunion zusammengefasst wurden.

Mit den Wanderbewegungen der neunziger Jahre seien organisierte Gruppen nach Deutschland gekommen, die historisch gesehen in ihren Strukturen auf die Gefangenenorganisationen innerhalb der stalinistischen Lager zurückgingen.
Bandendiebstähle, Wohnungseinbrüche, Raubüberfälle und Schutzgelderpressungen seien die Delikte, die deren Mitglieder in Bayern überwiegend verübten.

Opfer von Überfällen und Erpressungen seien dabei meistens Angehörige derselben Ethnie: Diskothekenbetreiber oder Heroindealer. „Die erstatten oft keine Anzeige, weil sie diese Form der organisierten Kriminalität einfach als gegeben hinnehmen.“ Anders sehe es bei den Bandendiebstählen aus, die oft den Einzelhandel träfen: Hier hätten es die Banden auf hochwertige Kosmetika, Spirituosen und Tabakwaren abgesehen. Präventiv könnten hier nur bessere Sicherheitsvorkehrungen wirken, zum Beispiel mehr Videoüberwachung in den Geschäften.

Doch das Interesse des Einzelhandels an Investitionen sei gering. „Da werden die Mehrkosten durch die Verluste eher auf den Preis draufgeschlagen.“ Letztendlich, so Huber, betreffe die organisierte Kriminalität jeden Bürger. Es sei eine Kriminalitätsform, die hoch sensibel auf Marktentwicklungen und Verfolgung reagiere. „Ist der Druck zu hoch, wird das Terrain gewechselt.“ Eine Prognose der Ausbreitung anzustellen sei eher schwierig: „Im Moment erleben wir eine Stagnation auf hohem Niveau.“ Die Strafverfolgung sei dabei auch auf Kooperation mit Industrie und Handel angewiesen: Wo werden in großem Umfang Chemikalien für die Rauschgiftherstellung bestellt? Was geschieht auf den Bankkonten?


Bei allem Einsatz von moderner Technik sei jedoch auch der menschliche Faktor bei der Ermittlungsstrategie sehr wichtig: „Wir müssen uns in die Köpfe der Entscheider hineinversetzen. Was würde ich als Nächstes tun?“
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http://www.faz.net/aktuell/politik/organisierte-kriminalitaet-mafia-in-bayern-und-baden-wuerttemberg-12936087.html