Samstag, 31. Mai 2014

Polizei nimmt Chef der Enkel-Mafia fest

Von Roman Lehberger und Andreas Ulrich

Ermittler haben einen der meistgesuchten Betrüger Deutschlands gefasst. Nach über zehn Jahren Fahndung sitzt Arkadiusz "Hoss" Lakatosz in Untersuchungshaft. Gemeinsam mit seinem Clan soll er Rentner um ihr Erspartes gebracht haben.




Eine schwarze Mercedes S-Klasse mit cognacfarbener Lederausstattung, frisch gewaschen und poliert, parkt im Innenhof einer bewachten Wohnanlage in der Warschauer Innenstadt. Bewaffnete Polizisten haben sich Sturmhauben über den Kopf gezogen, ein Wachmann öffnet ihnen leise die Haustür. Um Punkt sechs Uhr hämmern sie am Eingang zur Wohnung Nummer 68 im vierten Stock: "Aufmachen! Polizei!"

Ein Wehklagen hebt an, eine Frau schreit: "Mein Mann ist nicht da!" Stimmt aber nicht. Arkadiusz "Hoss" Lakatosz, Fahrer der S-Klasse, liegt verschlafen im Bett. Er klagt sofort über Kreislaufbeschwerden, die Polizei bestellt einen Rettungswagen. Er trägt Sportkleidung, als die Beamten ihn abführen, erst ins Krankenhaus und dann ins Gefängnis. Der Zugriff fand am Dienstag statt. Am Donnerstag wurde Lakatosz der Haftbefehl verkündet.


Hunderte Rentner in Deutschland sind Opfer der Bande

Das legere Outfit stand in krassem Gegensatz zum üblichen Auftreten von Lakatosz, der auf gepflegtes Äußeres achtet. Er schmiss Partys in Schlössern, ließ Sängerinnen auftreten und Feuerwerk zünden, Hubschrauber flogen Gäste ein. Den ganzen Prunk und Protz, glauben Ermittler, haben deutsche Rentner bezahlt. Auf ihr Erspartes, mitunter über Jahre angesammelt, hatten es Lakatosz und sein Clan abgesehen.

Hunderte Opfer gibt es in Deutschland, viele stürzte der Betrug in eine tiefe Krise, manche schämen sich so sehr, dass sie sich nicht zur Polizei trauen. Die Täter hingegen führten ein Leben in Saus und Braus.




Von Polen aus durchsuchten sie systematisch Telefonbücher nach Namen wie Elvira oder Emil, die auf ältere Menschen hindeuten. "Rate mal, wer hier ist!", begann so ein Gespräch. Wenn das Opfer einen Verwandten zu erkennen glaubte, zogen die Anrufer es in ihren Bann. Schnell kam dann eine Immobilie zum Schnäppchenpreis oder ein tragischer Unfall zur Sprache, was dringend und schnell Bargeld erforderte. Notfalls nahmen sie auch Schmuck.

Sobald Oma versprochen hatte, das Geld zu besorgen, informierte der Anrufer einen Komplizen, der ein Netz von Abholern in Deutschland dirigierte. Kuriere brachten das Geld sofort nach Polen.

Der Legende nach waren die Lakatosz-Brüder 1999 in Hamburg beim Versuch eines Telefonbetrugs auf den Trick gekommen. Die Masche erwies sich als äußerst erfolgreich. Nach einer Wohnungsdurchsuchung bei Lakatosz 2001 setzten er und sein Bruder Adam sich nach Polen ab und telefonierten von dort aus. Sämtliche Versuche deutscher Behörden, die polnischen Kollegen zur Zusammenarbeit zu bewegen, scheiterten. Als polnische Staatsbürger waren die Lakatosz-Brüder lange vor Strafverfolgung sicher.


Arzt attestierte ein Herzleiden

2007 sah es kurz so aus, als könne man ihnen das Handwerk legen. Lakatosz wurde aufgrund eines Haftbefehls aus Stuttgart festgenommen. Doch ein Arzt attestierte Haftunfähigkeit wegen eines Herzleidens. 25.000 Euro soll "Hoss" das Gutachten gekostet haben. Lakatosz machte munter weiter.

Der Geldbedarf der zu den Roma gehörenden Sippe war offenbar riesig. Alles ging drauf für Autos, Gemälde, Partys. Auf Youtube ist ein illegales Straßenrennen zwischen Hoss-Sohn Marcin, genannt Lolli, in einem Mercedes SLR McLaren gegen ein Familienmitglied im Ferrari in der Warschauer Innenstadt dokumentiert, bei dem Lolli die Kontrolle über seinen Wagen verlor und in parkende Autos raste. Die Bilanz des Unfalls: Mehrere Verletzte und Totalschaden an dem Mercedes im Wert von rund 500.000 Euro. Den Verlust dürften deutsche Rentner ersetzt haben.

Nachbarn waren der aufwendige Lebensstil, die teure Einrichtung und die lauten Partys der Lakatosz-Sippe nicht geheuer. Er handle mit Schmuck, rechtfertigte Hoss den Wohlstand. Doch wie Schmuckhändler sahen seine Söhne und Cousins nicht aus.


Die Polizei beschlagnahmte den Mercedes, Gemälde und Vasen

Im November 2012 beauftragte die Staatsanwaltschaft Hamburg die Spezialabteilung zur Bekämpfung organisierter Kriminalität im Landeskriminalamt mit neuen Ermittlungen. Allein in dem Verfahren geht es um Beute von rund zwei Millionen Euro. Auch die polnischen Behörden waren jetzt zu Ermittlungen bereit.

Eine gewisse Befriedigung war den Nachbarn in Warschau anzumerken, als Polizisten "Hoss" Lakatosz am Dienstag gegen 8 Uhr abführten, den Mercedes abschleppten, Gemälde, Vasen und Porzellan aus seiner Wohnung beschlagnahmten.

Zeitgleich wurden in Polen weitere Clan-Mitglieder verhaftet, darunter sein Bruder Adam in Posen. Auch in Deutschland schlug die Polizei zu, unter anderem in Hamburg, Essen und Duisburg. Bei den Verdächtigen wurden Autos wie Mercedes, Porsche und Ferrari sowie Gemälde und Schmuck beschlagnahmt.


http://www.spiegel.de/panorama/justiz/betrug-durch-enkel-trick-polizei-nimmt-bande-in-polen-fest-a-972412.html
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Berlusconi hat alle und alles korrumpiert

Von Bernhard Ott

Staat und Mafia sind in Italien lange Zeit identisch gewesen, sagt Leoluca Orlando, Bürgermeister von Palermo. Im Interview erzählt er, wie der Umbruch gelang.
Der 67-jährige Jurist Leoluca Orlando ist 2012 zum vierten Mal zum Bürgermeister von Palermo gewählt worden. In seiner ersten Amtszeit ab 1985 vollzog er als Vertreter der Democrazia Cristiana einen radikalen Bruch mit der Mafia. 1986 wurden in Palermo über 400 Mafiosi zu insgesamt 2500 Jahren Haft verurteilt.

Die Mafia schwor Rache und ermordete daraufhin Untersuchungsrichter Giovanni Falcone und Staatsanwalt Paolo Borsellino. Bürgermeister Orlando sollte der nächste sein und musste zeitweise untertauchen. Das Schweigen um die Mafia war jedoch gebrochen. Orlando war Mitglied des Europäischen Parlaments und ist Sprecher der Partei Italia dei Valori im italienischen Parlament. 


Leoluca Orlando


Frage: seit über 20 Jahren weiß ich nicht mehr, was es heißt, in Italien allein spazieren zu gehen», schrieben Sie im Jahr 2008. Können Sie heute wenigstens in der Schweiz allein spazieren gehen?

Orlando: In der Schweiz geht das. Aber in Italien bin ich seit meiner ersten Wahl zum Bürgermeister von Palermo im Jahr 1985 Tag und Nacht von Leibwächtern umgeben. Ich kann nicht spazieren gehen, Kaffee trinken oder ins Kino gehen ohne Bodyguards. Ich bin seither auch nie mehr selber Auto gefahren.

Frage: Sie werden stets von einem Chauffeur gefahren?

Orlando: Ich weiß gar nicht mehr, was Autofahren heißt. Ich werde immer von Polizeibeamten gefahren. Aber wichtiger als mein persönliches Schicksal ist die Veränderung in meiner Heimatstadt Palermo. Heute ist Palermo nicht mehr unter der Kontrolle der Mafia.

Frage: Was Ihr Verdienst ist.

Orlando:  Ich habe meinen Beitrag dazu geleistet wie viele andere auch. Aber zurück zu Palermo. Palermo und Sizilien sind Mosaike, keine Bilder. Im Unterschied zu einem Bild braucht ein Mosaik einen Rahmen. Die Bilder von Antonello da Messina (1430–1479) oder von Joan Miró (1893–1983) brauchen keinen Rahmen. Es sind auch so wunderschöne Kunstwerke. Ein Mosaik hingegen wäre ohne Rahmen bloss eine Ansammlung einzelner Steinstücke.

Frage: Der Rahmen des palermitanischen Mosaikes sind die Gesetze?

Orlando:  In einem normalen Land ist das so. In Palermo und Sizilien war das in der Vergangenheit aber anders. Hier bildeten über Jahrhunderte die aristokratischen Familien, die katholische Kirche und die Mafia den Rahmen. Sie haben eine Art gesellschaftlicher Harmonie garantiert, wenn es sich dabei auch um eine kriminelle Harmonie gehandelt hat. Danach kam der Faschismus, der mit Kirche und Mafia den neuen Rahmen gebildet hat. Und nach dem Zweiten Weltkrieg war es die Politik, die mit Kirche und Mafia die Dinge bestimmt hat.

Frage: Sie sind ja auch ein Politiker.

Orlando: Ja, aber ich kam nach meiner ersten Wahl zum Oberbürgermeister von Palermo rasch mit der Mafia und mit der Politik in Konflikt. Dabei hatte ich ja nicht die Funktion eines Polizisten oder Staatsanwalts inne. Meine Rolle war es nicht, die Bosse der Mafia ins Gefängnis zu bringen. Ich wollte Palermo vielmehr einen neuen Rahmen, ein neues Wertesystem geben. Dabei geriet ich aber zwangsläufig in Opposition mit den damaligen italienischen Ministerpräsidenten Giovanni Andreotti und Bettino Craxi, die einen Teil des traditionellen Rahmens bildeten. Ob sich diese Leute strafrechtlich verantwortlich gemacht haben, kann ich nicht sagen. Sie waren aber die politischen Beschützer des Systems der Mafia. Das hat mich auf die Todesliste gebracht. Nach der Ermordung von Richter Giovanni Falcone und Staatsanwalt Paolo Borsellino 1992 sollte ich der nächste sein.

Frage: Da ist die Attentatsserie zum Glück aber wieder abgebrochen. Seit der ersten Wahl Silvio Berlusconis zum Ministerpräsidenten 1994 ist es merkwürdig ruhig um die Mafia. Ein Zufall?

Orlando:  Die Mafia war kein Phänomen außerhalb der italienischen Geschichte und der staatlichen Institutionen. Die Mafia war Teil der Geschichte und Teil der staatlichen Institutionen seit der Bildung des Nationalstaates im 19. Jahrhundert. Die Mafia war Teil der Monarchie und des Faschismus. Sie hat der Landung der amerikanischen Truppen auf Sizilien 1943 zum Erfolg verholfen. Sie war Teil der Ersten Republik (1946–1994), Teil der diversen Regierungen der Democrazia Cristiana, als es in der Ära des Kalten Krieges darum ging, eine Beteiligung der kommunistischen Partei an der Regierung um jeden Preis zu verhindern. Und sie war schließlich Teil des Systems Berlusconi.

Frage: Vor Berlusconi gehörten Attentate aber zum Alltag. Ab 1994 jedoch nicht mehr. Warum?

Orlando: Berlusconi kam just zu einer Zeit, als die Mafia Ruhe benötigte. In den Jahren 1992/93 begriff die Mafia, dass die damalige Attentatsserie für sie zu einem Bumerang geworden war, weil das Schweigegebot, die Omertà, zerbrochen war. Die Menschen redeten über die Attentate und gingen erstmals in Massen auf die Straße, um gegen die Untaten der Mafia zu protestieren. Unter Berlusconi war es für die Mafia zudem gar nicht mehr nötig, zu gewalttätigen Methoden zu greifen. In den zwanzig Jahren, in denen Berlusconi an der Macht war, hat er eine politische Kultur im öffentlichen Leben Italiens installiert, die der Mafia nützlich war. Diese bestand aus kontinuierlichen Angriffen auf das Justizsystem. Er diskreditierte die Staatsanwälte als Extremisten und Kommunisten und als willkürlich. Berlusconi hat die Laster der Ersten Republik zu einer Volkskultur umgewandelt. In der Ersten Republik gab es viele Interessenkonflikte. Diese bestanden aber auf einer institutionellen Ebene. Es waren die großen Institutionen im Land involviert, wie zum Beispiel der Vatikan, die Mediobanca, die Investments in der Industrie finanzierte, große Unternehmen wie Fiat und andere. Mit Berlusconi wurde der Interessenkonflikt aber zum Volkssport.

Frage: Jeder hatte seinen kleinen Berlusconi in sich.

Orlando: Exakt. Die Unterschiede zwischen Kontrolleur und Kontrolliertem, zwischen Käufer und Verkäufer, zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Staat und Markt wurden verwischt. Auch in der Ersten Republik gab es Vulgarität, aber das geschah hinter vorgehaltener Hand, man hat sich dafür geschämt, man übte sich in der Kunst des Heuchelns. Mit Berlusconi wurde die Vulgarität zum Lebensstil erhoben.

Frage: Der siebenfache Ministerpräsident Giulio Andreotti, dem zumindest in der Anfangsphase Kontakte zur Mafia nachgewiesen werden konnten, war demnach ein diskreter Mann im Unterschied zu Berlusconi?

Orlando: Man kann vieles sagen über Andreotti, aber er war gewiss nicht vulgär. In der Ersten Republik gab es viele Korruptionsfälle. Mit Berlusconi wurde die Korruption zum System. Tausend geahndete Korruptionsfälle in einem funktionierenden politischen System sind weniger gefährlich als ein korruptes System mit hundert Korruptionsfällen, von denen viele ungeahndet bleiben. Berlusconi hat alle und alles korrumpiert.

Frage: Es gab aber auch direkte Kontakte zwischen Berlusconi und der Mafia. Diesen April wurde der Berlusconi-Getreue Marcello Dell’Utri, der wegen Kontakten zur Mafia verurteilt wurde, im Libanon verhaftet. Der ehemalige Staatssekretär für Wirtschaft, Nicola Cosentino, vor Monaten ebenfalls verhaftet worden ist.

Orlando: Diese Leute sind strafrechtlich verantwortlich. Die Beurteilung ihrer Taten ist Sache der Justiz. Das Problem ist aber, dass für diese Leute das System Berlusconi der Rahmen ihres Wirkens war und nicht das Gesetz. Berlusconi wie Andreotti haben sich anstelle des Gesetzes gesetzt. Im Rahmen des Systems Berlusconi konnte man «legal» illegal funktionieren. Der einstige Infrastrukturminister der Regierung Berlusconi hat gesagt, dass es im Interesse der Geschäfte notwendig sein könne, mit der Mafia zu leben. Ein Minister hat so etwas gesagt! Das ist ähnlich pervers, wie die Leugnung der Mafia durch den damaligen Erzbischof von Palermo in den Sechzigerjahren. Stellen Sie sich einmal vor, in welche Konflikte dies die Priester in Sizilien gebracht hat, die im Alltag mit der Mafia konfrontiert waren.

Frage: Bisher gab es immer eine Art unausgesprochenen Pakt zwischen Staat und Mafia. Der neue Ministerpräsident Matteo Renzi hat nun aber angekündigt, die Mafia zu bekämpfen. Besteht dabei nicht die Gefahr, dass der Pakt zerbricht und eine neue Serie von Attentaten ausgelöst wird?

Orlando: Es gab diesen Pakt erst in den letzten Jahren. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg waren Staat und Mafia in Süditalien identisch. Der Bruch trat erst bei der Attentatsserie von 1992/93 ein, weil die Mafia dem Staat den Krieg erklärt hatte. Danach erst gab es den von Ihnen erwähnten Pakt zwischen den staatlichen Institutionen und der Mafia. Ich bin Oberbürgermeister von Palermo und bin vom Volk gewählt. Meine Vorgänger aber waren Freunde des jeweiligen Mafia-Bosses, einer war sogar Bürgermeister und Mafiaboss in Personalunion. Berlusconi hat versucht, die Identifikation zwischen Staat und Mafia erneut zu installieren.

Frage: Berlusconi ist weg. Wird es wieder Attentate geben?

Orlando: Dieses Risiko besteht immer. Sicher ist, dass die heutige Regierung gegen die Mafia ist. Wer in der Ersten Republik oder unter Berlusconi die Identifikation von Staat und Mafia anprangerte, war entweder ein Heiliger oder ein Verrückter, auf jeden Fall erhielt er in seinem Kampf keine Unterstützung und blieb allein. Ich hoffe, dass es der neuen Regierung von Matteo Renzi gelingen wird, eine neue politische Kultur in Italien zu etablieren.

Frage: Das wird die Mafia doch provozieren?

Orlando: Die Mafia weiß, dass sie nicht mehr zu den Mord-Kampagnen in den frühen 1990er-Jahren zurückkehren kann. In Palermo ist es gelungen, eine selbstbewusste Zivilgesellschaft zu etablieren. Der heutige Rahmen des Mosaiks Palermo ist der Respekt vor den Menschenrechten. Seit meiner Wiederwahl zum Oberbürgermeister im Jahr 2012 versuche ich, das Bewusstsein für die Einhaltung der Menschenrechte zu schärfen. Ich bin stolz, Oberbürgermeister einer Stadt zu sein, in der im letzten Jahr die größte Gay Pride in Südeuropa stattfand.

Frage: Warum haben Sie 2012 zum vierten Mal als Bürgermeister von Palermo kandidiert? Warum haben Sie sich das angetan?

Orlando: Diese vierte Kandidatur war nicht meine ursprüngliche Absicht. Im März 2012 stellte ich mich öffentlich hinter die Kandidatur von Rita Borsellino, der jüngeren Schwester des 1992 ermordeten Staatsanwaltes Paolo Borsellino. Zwanzig Jahre nach der Ermordung Borsellinos wäre es ein starkes Zeichen gewesen, wenn dessen Schwester Oberbürgermeisterin Palermos geworden wäre. Dann wurde sie aber Orlando: Ende März von ihrer Partei, dem Partito Democratico (PD), aufgrund einer Manipulation von Stimmen nicht nominiert. Ich hatte Angst, dass meine Stadt durch die erneute Wahl eines ignoranten Politikers endgültig sterben könnte. Daraufhin habe ich mich in letzter Minute entschlossen, nochmals anzutreten. Bei den Wahlen zwei Monate später ist das Parteiensystem in Palermo und Sizilien regelrecht kollabiert. Die Koalition der Parteien, die mich unterstützt haben, erhielt nur 14 Prozent der Stimmen, ich selber erhielt aber 74 Prozent der Stimmen. Ich bin also nicht der Bürgermeister einer Koalition. Meine Partei ist Palermo.

Frage: Sie sagten bei Amtsantritt, dass Sie angesichts der riesigen Probleme der Stadt eigentlich die weisse Fahne hätten hissen müssen. Worauf spielten Sie damit an?

Orlando: Bei meinem Amtsantritt war die Stadt pleite. Ich hätte das hinnehmen und Palermo für bankrott erklären können. Ich war ja nicht schuldig an der Misere, die Stadt wurde während eines Jahrzehnts von einem Vertreter von Berlusconis Forza Italia regiert. Aber ich war angetreten, um die Stadtverwaltung zu reformieren und wollte als Erstes das Budget ins Gleichgewicht bringen. In den ersten zwanzig Monaten nach dem Amtsantritt war ich verrückt und hysterisch. Danach war ich nur noch verrückt.

Frage: Palermo, eine Stadt mit 700'000 Einwohnern, hatte bei Ihrem Amtsantritt 22'000 städtische Angestellte. Es standen zum Beispiel rund 100 Busfahrer auf der Lohnliste, die gar keinen Führerausweis für Busse besaßen.
 
Orlando: Das stimmt leider. Der Personalaufwand betrug 64 Prozent des Budgets. Bis heute ist es gelungen, ihn auf 47 Prozent zu senken. Die Investitionen wiederum beliefen sich auf weniger als ein Prozent des Budgets. Heute ist unser Budget gemäß oberstem Rechnungshof in Ordnung. Wir sehen Licht am Ende des Tunnels. Die Verbesserung der Lage zeigt sich auch im Anstieg des Zuflusses an EU-Geldern. Im Jahr vor meiner Wahl, 2011, erhielt die Stadt Subventionen von bloss 35'000 Euro von der Europäischen Union. Angesichts dieser lächerlichen Summe hätte es sich eher gelohnt, der EU den Krieg zu erklären und die Stadtpolizei nach Brüssel zu schicken. Das hätte Palermo zwar kein Geld, aber zumindest weltweite Publizität gebracht. Innerhalb von sechs Monaten ist es mir gelungen, EU-Gelder in der Höhe von 400 Millionen Euro für Palermo lockerzumachen.

Frage: In Palermo gab es eine Volksbewegung gegen den Pizzo, das Bezahlen einer Art von «Steuer», welche die Mafia mit Gewalt von Gewerbetreibenden eintreibt. Wird noch Pizzo bezahlt in der Stadt?

Orlando: Vor kurzem musste ich bei der Jahresversammlung der Vereinigung Addiopizzo sprechen. Das ist eine der zivilgesellschaftlichen Organisationen, vor denen ich regelmäßig Rechenschaft über meine Bemühungen ablege.

Frage: Was haben Sie den Leuten gesagt? Müssen die Ladenbesitzer nach wie vor Pizzo bezahlen?

Orlando: Ja, das gibt es nach wie vor. Aber früher bezahlten alle Pizzo, die nicht selber der Mafia angehört haben. Heute bezahlen nur noch diejenigen Leute Pizzo, die bisher schon Pizzo bezahlt haben. Neue Unternehmer sind kaum mehr erpressbar, auch wenn die Erpresser bisweilen drohen, sie im Falle einer Verweigerung bei der Polizei als Bezahler von Pizzo zu denunzieren.

Frage: Wie unterscheidet sich die neue von der alten Mafia?

Orlando: Die traditionelle Mafia hat die traditionellen Werte wie Ehre, Familie, Freundschaft und Glaube pervertiert. Die neue Mafia hingegen operiert global.

Frage: Welche Rolle spielt dabei die Schweiz?

Orlando: Die, eines wunderschönen, idealen Treffpunktes. Organisierte Kriminelle brauchen eine Bank, um illegales Geld in legales Geld zu transformieren und umgekehrt. Ich habe nichts gegen Geld, ich brauche Geld. Aber seit der Finanzkrise ist das Geld zum Gott in Europa geworden. Im Namen des Geldes gibt es keinen Unterschied zwischen Mafia und ziviler Gesellschaft mehr. Es gibt keinen Unterschied zwischen einem Mafia-Haus in Corleone und einer Bank in Frankfurt. Im neuen Europa sind die einzigen Werte das Geld und das Vermehren von Geld. Der Euro ist ein Dom zu Ehren des neuen Gottes. Die Produktion hat keinen Wert mehr. Das Produzieren von Möbeln, das Handwerk, das Gewerbe oder das Lehren von Wissen haben keinen Wert mehr.

Frage: Hat die Finanzkrise der Mafia geschadet?


Orlando: Die Mafia macht immer Geschäfte. Sie kennt keine Krise, weil sie Geld kontrolliert. Wir haben eine ökonomische Krise in Europa, aber die Finanzgruppen und die Banken sind reicher geworden. Die Kosten der Krise bezahlen nicht die Finanzgruppen, sondern der einfache Steuerzahler. Der wachsende Widerstand gegen den Euro in verschiedenen Ländern Europas ist eine Reaktion auf die Vergöttlichung des Geldes. Die neue Mafia pervertiert globale Werte. Sie braucht Freiheit ohne Regeln, sie braucht Reichtum ohne Entwicklung.

Schuldirektorin kämpft gegen die Mafia

Ein Gymnasium in Süditalien, im Stammland der kalabrischen Mafia ’Ndrangheta, ist dank der Direktorin Mariarosaria Russo zur Bastion gegen die Mafia geworden.

Man kann auf die Liebe der Familie nicht verzichten und sie verleugnen, doch man kann Veränderungen erwirken, indem man auf eine bessere Zukunft hinarbeitet“, erklärt Mariarosaria Russo ihren Schülern. Seit sieben Jahren leitet sie das Liceo Scientifico Raffaele Piria in Rosarno, einer Stadt inmitten des Einflussbereiches der ‚Ndrangheta. Hier sind die meisten Schülerinnen und Schüler Kinder und Enkel von Mafiosi. Jede Woche werden zwei oder drei von ihnen angeworben und nach einem archaischen Ritual in die Mafia aufgenommen. Eine Verbrechensspirale, gegen die Mariarosaria Russo nun etwas unternehmen will. 


Liceo Scientifico Raffaele Piria in Rosarno


Seit sie die Leitung des Gymnasiums übernommen hat, verfolgt sie nur ein Ziel: diesen Kindern eine Zukunft ohne Verbrechen zu ermöglichen. Deutlich erklärt sie, dass an diesem Ort kein Platz für Kriminelle ist. Obwohl sie schon vielfach bedroht wurde, lehnt Mariarosaria Russo, die ihre Schule in eine regelrechte Anti-Mafia-Bastion verwandelt hat, jede Form von Polizeischutz ab, um ihre Glaubwürdigkeit bei den Schülern nicht aufs Spiel setzen.


Ein Zufluchtsort für Mafia-Sprösslinge

Mariarosaria Russo ist nicht die Einzige in Kalabrien, die Kinder aus Mafia-Familien wieder auf den rechten Weg führen will. Der Richter Roberto di Bella hat ein Pilotprogramm ins Leben gerufen, um diesen Kindern einen Ausweg zu zeigen.


Direktorin Mariarosaria Russo

Wir mussten diesen Teufelskreis, in dem negative Werte von Generation zu Generation weitergereicht werden, irgendwie durchbrechen“, erklärte er der BBC. Der Vorsitzende des Jugendstrafgerichts von Reggio di Calabria beschloss daher, die Kinder mafiöser Eltern aus ihren Familien zu holen und sie in einer Betreuung unterzubringen, wobei sie – wenn sie möchten – die Wochenenden zuhause verbringen können.

Es ist immer eine sehr schwere Entscheidung, ein Kind aus seiner Familie zu reißen“, räumt er ein. Ihm ist es wichtig, den männlichen Mafia-Sprösslingen zu zeigen, dass es auch noch andere Lebensentwürfe gibt als die ihrer Väter, Großväter und Onkel.


’Ndrangheta macht mehr Gewinn als die deutsche Bank


Die vor allem im Drogengeschäft aktive ’Ndrangheta ist mittlerweile die meistgefürchtete kriminellen Vereinigung Italiens. Sie kontrolliert 80 % des europaweiten Kokainhandels und macht damit mehr Gewinn als die Deutsche Bank. Nach einer Untersuchung des italienischen Forschungsinstituts Demoskopika machte die kalabrische Mafia-Organisation im Jahr 2013 einen Umsatz von 53 Milliarden Euro, was 3,5 % des italienischen BIP entspricht. Aktuell zählt die ’Ndrangheta weltweit nicht weniger als 50 000 Mitglieder.
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Freitag, 30. Mai 2014

Schlag gegen Enkeltrick-Mafia


Keine Arbeit, aber Villa und Ferrari

Seit rund 15 Jahren sind der Polizei die Machenschaften des polnischen Clans bekannt, der ältere und oft hilflose Menschen anruft, ihnen vorgaukelt, nahe Verwandte zu sein und in einer Notlage zu stecken und nun dringend Geld benötigen würde. Nun gelang der Hamburger Polizei ein entscheidender Schlag gegen die Betrüger.

Es werde gegen knapp 50 Beschuldigte zwischen 16 und 63 Jahren in mehreren deutschen und polnischen Städten ermittelt. In Polen konnten Arkadiusz L. (46), Marcin K. (27) und Adam P. (44), drei der Haupttäter des Clans, verhaftet werden. "Das Besondere ist, dass es uns gelungen ist, eine organisierte Bande zu zerschlagen und an die Hintermänner herangekommen zu sein", sagte Oberstaatsanwalt Arnold Keller.


so protzen die Betrüger in Polen und Rumänien
Die beiden Häuser gehören den Enkletrickbetrügern


Wohnhaft in Polen, haben sie von dort aus gezielt ältere Menschen in Deutschland, Luxemburg und der Schweiz angerufen. Hierbei hätten sie vorgetäuscht, sich in einer finanziellen Notlage zu befinden und ihre Opfer dazu gebracht, Bargeld und andere Wertsachen herauszugeben.

Insgesamt haben nach Angaben der Staatsanwaltschaft Hamburg 170 deutsche und polnische Beamte 14 Haftbefehle vollstreckt und 30 Objekte in Hamburg, Essen, Duisburg, Gelsenkirchen und Limburgerhof sowie in Warschau, Posen, Legionowo und Lodz durchsucht. Dabei wurden Geld, Schmuck und Luxusautos sichergestellt.

"Fast alle Enkeltricktaten in ganz Europa werden von dieser einen Familie in wechselnder Beteiligung begangen. Wir kennen fast jeden der Täter, konnten aber aufgrund föderalistisch bedingter diffuser Zuständigkeiten, mangelhaften rechtlichen Rahmenbedingungen und unkooperativen polnischen Behörden selten wirkliche Erfolge verzeichnen", sagte der Bundesvorsitzende des Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Andre Schulz.


Andere Familienmitglieder springen ein


Allein in Deutschland gibt es jährlich mehrere Hundert Opfer im Alter zwischen 55 und 99 Jahren durch den Enkeltrick. Die Schadenssumme aus den bekannten Taten beträgt laut BDK jährlich rund zehn Millionen Euro. "Die Clan-Mitglieder gehen keiner offiziellen Arbeit nach, leben aber in Polen unbehelligt in Villen und fahren Ferrari- und McLaren-Sportwagen", so Schulz.

Ein wesentlicher Baustein für den Nachweis der Enkeltrick-Tat und oftmals einzige Spur ist die Auswertung von Telekommunikationsdaten. Durch den Wegfall der Vorratsdatenspeicherung ist diese Beweisführung aber nur noch erschwert oder gar nicht mehr möglich.

"Als bei der Tätergruppe Anfang 2010 bekannt wurde, dass bei uns keine Telekommunikationsdaten mehr aufgezeichnet werden, haben sie ihre Anrufe nicht mehr von Polen aus, sondern direkt aus Deutschland getätigt", sagte BDK-Chef Schulz.

Der Clan ist riesig. Die entstandenen Lücken durch die Festnahmen werden schnell von anderen Familienmitgliedern gefüllt werden, die weiter ihrem mehr als lukrativen kriminellen Geschäft nachgehen werden. "Wir müssen den Ermittlungsdruck aufrechterhalten. Dafür brauchen wir aber die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen und mehr gut ausgebildete und qualifizierte Ermittler. Es sind mehrere Fälle bekannt, wo ältere Menschen, nachdem sie Opfer der Enkeltricktäter geworden sind, aus Scham Selbstmord begangen haben. Trotzdem werden uns seitens der Politik bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen. Man fragt sich, warum", so Schulz.
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(ich habe darüber berichtet: http://mancini-books.blogspot.de/2013/12/millionenbetrug-die-enkeltrick-mafia.html)
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Schweiz bedroht - Mafia, Cyberangriffe und Migration

Die größte Bedrohung kommt für die Schweizer aus dem Internet. Wirtschaftlich und politisch wünschen sie sich mehr Autonomie.




Für relativ wahrscheinlich halten die Schweizer eine Bedrohung durch einen Cyber-Angriff, beispielsweise von der Mafia oder ausländischen Geheimdiensten. Dahinter rangieren die Bedrohung durch Verbrechen, organisierte Kriminalität, insbesondere durch die Mafia und die 'Ndrangheta sowie durch Migration. Bei der Einschätzung der Bedrohung durch Migration vermuten die Autoren einen Einfluss des Abstimmungskampfes über die Masseneinwanderungsinitiative.


Keine Angst vor militärischem Angriff

Mit Abstand am geringsten schätzen die Befragten die Wahrscheinlichkeit einer Bedrohung der Bevölkerung durch einen militärischen Angriff ein. Lediglich 3 Prozent erachten einen solchen als wahrscheinlich.

Wieder stärker gefordert werden in diesem Jahr laut der Studie sowohl eine wirtschaftliche und politische als auch eine verteidigungspolitische Autonomie. Vier von fünf Befragten sind der Ansicht, dass die Schweiz wirtschaftlich und politisch möglichst unabhängig von anderen Staaten bleiben sollte. Einen Beitritt zur EU befürworten wie im Vorjahr lediglich 17 Prozent. 34 Prozent wünschen sich eine politische Annäherung an die EU, 2 Prozent weniger als im Vorjahr.


81 Prozent wollen Annäherung an EU

Breit akzeptiert wird dagegen eine wirtschaftliche Annäherung an die EU: 81 Prozent möchten, dass die Schweiz die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der EU verstärkt, ein Prozent mehr als im Vorjahr.

Die militärische Autonomie ist umstrittener, wird aber stärker gefordert als in früheren Jahren: 52 Prozent sind der Meinung, dass sich die Schweiz nur auf ihre eigene Landesverteidigung verlassen sollte. 70 Prozent wünschen eine intensivere Vermittlung der Schweiz bei Konflikten.

Die jährlich erscheinenden Sicherheitsstudien erstellt die Militärakademie an der ETH Zürich in Zusammenarbeit mit dem Center for Security Studies der ETH. Sie stützen sich auf repräsentative Befragungen der Stimmbevölkerung. Die diesjährige Datenerhebung fand im Januar bei 1200 Stimmberechtigten in allen drei Sprachregionen durch das Meinungsforschungsinstitut ISOPUBLIC statt. (SDA)

Mittwoch, 28. Mai 2014

Drogen-Mafia schmuggelt Amphetamine

Diese Tüten sind zwei Mio. Euro wert!

129 Kilogramm in Sporttaschen versteckt. Drogen auf spanischem Lkw transportiert. Es ist die bundesweit größte sichergestellte Menge dieser synthetischen Droge in den vergangenen fünf Jahren, teilten Staatsanwaltschaft Trier und der Zoll am Mittwoch mit. Der Stoff war in Sporttaschen auf einem spanischen Lastwagen versteckt. Der 55 Jahre alte Lkw-Fahrer wurde verhaftet. 

Umringt von Mitgliedern eine Spezialeinheit des Zolls präsentiert Wolfgang Schmitz, Pressesprecher des Zollkriminalamts, den Amphetamin-Fund. Auf dem Tisch: Die bunten Sporttaschen, in denen der Stoff versteckt war


Der Lastwagen war auf der A64, nahe der Grenze zu Luxemburg unterwegs, als die Zollfahnder zuschlugen, berichtet die Rheinzeitung Bei der Durchsuchung fielen den Ermittlern sechs rot-blaue Sporttaschen auf. Darin verstaut: Plastiktüten mit der weißen Droge!



Der Fund – riesig! 129 Kilo Amphetamin haben laut den Ermittlern einen Straßenverkaufswert von fast zwei Millionen Euro! Das Rauschgift sei nach ersten Ermittlungen für den südeuropäischen Markt bestimmt gewesen.


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http://www.bild.de/news/inland/drogen/129-kilo-amphetamin-sichergestellt-groesster-rauschgiftfund-36171688.bild.html


Der Kampf gegen die Mafia im Tessin

Die kalabresische Mafia nützt die Schweiz als Hinterland. Der aktuelle Fedpol-Bericht zeigt, wie von hier Gelder durch Immobilien-Deals gewaschen und feindliche Firmen-Übernahmen inszeniert werden.


Gregorio Bellocco (links): Sein 'Ndrangheta-Clan ist regelmässiger Gast der Justiz.


Der Jahresbericht des Bundesamtes für Polizei (Fedpol) macht deutlich, wie breit sein Tätigkeitsgebiet ist: Organisierte Kriminalität, Wirtschaftskriminalität, Geldwäscherei, Drogenhandel oder Menschenhandel sind die Schwerpunkte.


Eine konkrete Bedrohung für die Schweiz geht demnach von den italienischen Mafiaclans aus, die auch in der Schweiz aktiv sind. Offen ausgetragene Gewalt ist gemäß dem Bericht zwar eher selten, umso lieber bedienen sich die Gangster des Finanzplatzes, investieren in Handels- und Dienstleistungsgesellschaften, insbesondere im Finanz- und Immobilienbereich, sowie im Gastronomiesektor und nutzen die Schweiz als ruhiges Hinterland.

Ein aufgeführter Fall erklärt, was das Fedpol darunter versteht. Im November 2012 wurden in Italien rund zwanzig Haftbefehle gegen Personen vollstreckt, die mit dem Bellocco-Clan der kalabrischen Mafia 'Ndrangheta verbandelt waren. Auch in der Schweiz kam es zu Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Die involvierten Personen wurden der Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung, des illegalen Waffenbesitzes und bewaffneter Raubüberfälle verdächtigt.


Ein Botschafter in der Schweiz

Unter ihnen befanden sich der Anführer des Bellocco-Clans, mehrere seiner Familienmitglieder und der für die Lombardei und das Piemont verantwortliche kalabrische Vertrauensmann des Clans, Carlo Antonio Longo.

Der lebte ab 2008 bis zu seiner Verhaftung mit seiner Familie im Tessin, wo er die Immobiliengesellschaft Helvicorp Realinvest mit Sitz in Cadempino führte. Kaum in der Schweiz angekommen, machte sich Longo sofort ans Investieren. Er kaufte ein Grundstück in Caslano für 400'000 Franken, danach interessierte er sich in Rovio für eine Immobilie, die ihm 130'000 Franken Wert war. Später kaufte er in Capolago ein weiteres Haus für 340'000 Franken. Longo behauptet, selbst nur 5000 Franken Bruttolohn pro Monat zu verdienen und wohnte in Carona, später in Montagnola in einer Wohnung, für die er monatlich 3000 Franken Miete bezahlte.

Longo stand in direktem Kontakt zum Clan-Oberhaupt Domenico Bellocco, dessen Sohn Giuseppe Bellocco bereits 2007 gefasst wurde und seither im Gefängnis sitzt.
Die italienische Staatsanwaltschaft verdächtigte Longo, für die Bellocco-'Ndrangethisti Geldwäsche zu betreiben. Darauf arbeitete die Fedpol mit den Italienern zusammen und hörte Carlo Antonio Longo ab, was aus dem Verdacht den Justizbehörden Gewissheit gab.


Call-Center im Visier

Die von der Fedpol und der italienischen Polizei gemeinsam geführten Ermittlungen ergaben weitere Hinweise auf kriminelle Geschäfte. So fanden die Justizbehörden heraus, dass sich der Bellocco-Clan das Callcenter Blue Call Srl unter den Nagel riss, das in Kalabrien und Piemont bis zu 1000 Mitarbeiter beschäftigte und später in Future Srl. und Alveberg Srl. aufgeteilt wurde. Ursprünglich wollte sich das Unternehmen mit der Verbindung zum Bellocco-Clan gegen eine andere Mafiagruppierung schützen, die das Unternehmen infiltriert hatte. Für den Schutz erhielt der Bellocco-Clan im Gegenzug Unternehmensanteile, die vom im Tessin lebenden Vertrauensmann Longo vermittelt wurden.

Später gelang es dem Clan, das ganze Unternehmen an sich zu reissen. Die Inhaber wurden mit Drohungen, Einschüchterung und Gewalt dazu gebracht, alle ihre Anteile an Blue Call einer Firma zu überschreiben, die im Auftrag des Bellocco-Clans extra zu diesem Zweck gegründet wurde.

Auch aufgrund zahlreicher Ermittlungen im Umfeld italienischer Mafiaclans, die in der Schweiz Stützpunkte errichten, intensivieren die Schweizer Polizeibehörden die Zusammenarbeit mit ihren italienischen Kollegen. Heute informierte das Bundesamt für Polizei über ein entsprechend ausgeweitetes Abkommen mit Italien.
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