Sonntag, 30. März 2014

Der Aufräumer des Papstes

Schwarze Konten, Geldwäsche, Mafia­kontakte: Jahrzehntelang stand die Vatikanbank unter Verdacht. Ein Schweizer hilft dem Pontifex, das zu ändern.


Mit einem Pass des Vatikans reist Jurist Brülhart rund um die Welt


Wenn René Brülhart auf dem Weg ins Büro durch den Vatikan geht, entbieten ihm italienische Gendarmen und Schweizer Gardisten den militärischen Gruß. Jeder der 900 Einwohner im Kirchenstaat kennt den 41-jährigen Freiburger.

Im kleinsten Staat der Welt arbeitet er an einer großen Aufgabe. Als Direktor der Finanzaufsicht soll der Jurist den Vatikan von schmutzigem Geld säubern. Dafür sorgen, dass die Vatikanbank – offiziell: Istituto per le Opere di Religione (IOR) – genau weiß, wer ihre Kunden sind. Und sicherstellen, dass nur noch Kleriker und deren Organisa­tionen ihre Gelder hinter den dicken Mauern der Kirchenbank bunkern. Also auch keine Ma­fiosi mehr.


Glasnost und Perestroika im Vatikan

Im Kirchenstaat herrschen Glasnost und Perestroika, Transparenz und Umbau. Wiederholt machten der Vatikan und seine Bank mit Finanzskandalen Schlagzeilen. 1982 zum Beispiel, als Roberto Calvi ermordet aufgefunden wurde.


René Brülhart aus Freiburg: «Wo es Veränderungen gibt, sind nicht immer alle glücklich»


Aufgeknüpft unter der Londoner Blackfriars Bridge, die Taschen voller Geldbündel und Steinen. Mit engen Kontakten zu Mafia und Vatikanbank galt Calvi als «Bankier Gottes». Im Januar wurde der Prälat Nunzio Scarano (62) angeklagt. Dem Topfunktionär der vatikanischen Vermögensverwaltung werden Geldwäscherei und Spendenbetrug vorgeworfen. Am Samstag wurde bekannt, dass zwei Ex-Chefs der Vatikanbank wegen Geldwäscherei vor Gericht müssen. Der Schweizer Brülhart soll dafür sorgen, dass solche Geschichten nicht mehr vorkommen. Kein einfacher Job in einem Umfeld von Intrigen und Machtkämpfen.

Papst Franziskus (77) hatte schon überlegt, die 127-jährige Vatikanbank ganz aufzugeben. Nicht alle Bischöfe und Kardinäle stehen hinter solch radikalen Reformideen. Entsprechend diplomatisch äußert sich Brülhart; überall lauern Fallen und Fettnäpfe. Er war kurz davor, den Bettel hinzuschmeißen. Er sagt dazu lediglich: «Wo es Veränderungen gibt, sind nicht immer alle glücklich.» Grundsätzlich aber sei die Unterstützung groß.


Die Vatikanbank



Kampf gegen Geldwäscherei

In eineinhalb Jahren hat er ­einiges erreicht. Der Europarat bescheinigte dem Kirchenstaat im Dezember wesentliche Fortschritte im Kampf gegen Geldwäscherei. Die Vatikanbank, die Brülhart beaufsichtigt, bereinigt tatsächlich ihre Kundenbeziehungen. Ihren Sitz hat die IOR im Turm Niccolò V., hinter sechs Meter dicken Mauern, gleich neben dem Papstpalast. Die Schalterhalle im ersten Stock prunkt mit Marmorböden.

Während Bankkunden ihre Geschäfte abwickeln, sitzen im 5. Stock Buchprüfer im Ex-Büro des Bankenchefs. An Bildschirmen überprüfen sie Konten und verdächtige Transaktionen.
2013 erhielt Brülharts Aufsichtsbehörde rund 200 Meldungen über verdächtige Gelder. 2012 waren es gerade mal sechs, 2011 nur eine einzige.


Brülhart ist Direktor der Finanzaufsicht im kleinsten Staat der Welt


Von vielen Kunden hat sich die Bank getrennt. Führte sie im November 2011 noch 20772 Kundenbeziehungen, waren es zuletzt nur noch 18900. «Das System beginnt zu greifen», sagt Brülhart. Seit er die Behörde leitet, hat sie spektakuläre Abkommen mit ausländischen Aufsichtsbehörden und Meldestellen für Geldwäscherei getroffen. Darunter mit den USA, Italien, Deutschland.

Brülhart ist viel unterwegs im Auftrag seiner Heiligkeit, auf Flug LX 1726 ist er Stammgast. Es ist die Swiss-Verbindung zwischen seinem Wohnort Zürich und Rom, wo ihn Antonio, sein Chauffeur, in ­einem kleinen Mazda abholt. Brülharts Büro im ersten Stock des Palazzo San Carlo ist eine Stunde vom Flughafen entfernt. In den Fluren hängen Bilder und Zeichnungen von Papst Franziskus und seinem Vorgänger Benedikt XVI.

Neben der Bürotür ein schlichtes Messingschild: «Direttore». Drinnen ziert ein Kreuz die Wand, auf dem Arbeitstisch stapeln sich Aktenmäppchen und Ordner.


Immer auf Achse

Drei bis vier Tage die Woche arbeitet Brülhart in Rom, residiert – wie der Papst – im Gästehaus Santa Marta. Die restliche Zeit verbringt er an Flughäfen, in Flugzeugen, an Konferenzen, reist mit ­einem offiziellen Pass des Kirchenstaats um die Welt.

«Der Vatikan ist eine globale Ins­titution. Man muss viel rausgehen und erklären, was wir machen und warum», sagt Brülhart. Internationale Zusammenarbeit sei wichtig. Bereits gehört der zuvor viel gescholtene Kirchenstaat zur Egmont-Gruppe, einer weltweiten Vereinigung von Meldestellen für Geldwäscherei. Bis vor wenigen Jahren war das völlig undenkbar.


Erstmals in seiner Geschichte hat der Vatikan sogar ein Rechtshilfegesuch an einen anderen Staat gestellt. Auch wenn Italien bis heute nicht darauf reagiert hat, ist dies als Zeichen einer neuen Ära zu  werten. Dazu passt, dass auf Brülharts Vatikanbank-Kreditkarte steht: «Tertium Millennium», drittes Jahrtausend.
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