Sonntag, 9. Februar 2014

Neapel im Würgegriff der Camorra

„Siehe Neapel und stirb!“ hat Goethe  einst geschrieben und bezog sich damit auf die atemberaubende Schönheit der Stadt am Mittelmeer zu ihren goldenen Zeiten. Die Redensart gilt noch heute, nur hat sich ihre Bedeutung ein wenig verändert.

Die Camorra, eine der drei großen Mafia-Organisationen Italiens, herrscht über Neapel und die umliegende Region Kampanien seit Jahrzehnten und hat sich mit Einschüchterung und Mord ihren Weg an die Spitze gebahnt. Leichen sind allerdings nicht das einzige, was sie vergräbt. Die Camorra kann auch gigantische Profite aus der Entsorgung einer unermesslichen Menge von Müll schlagen—unter anderem auch giftigem Abfall, den sie im regionalen Umland, aber auch Süditalien vergräbt, da Politiker und ganze Städte unter ihrem Einfluss stehen.





Die italienische Umweltorganisation Legambiente gibt an, dass die Mafiosi der Camorra seit 1991 an die 10 Millionen Tonnen Abfall weggeworfen, verbrannt und vergraben haben. Ein Großteil des Mülls kommt aus Fabriken im Norden, die entweder aktiv Komplizen der Deals sind oder wohlwollend wegschauen, während sie versuchen die offiziellen Entsorgungskosten abzustottern.

„Monnezza“—Abfall auf neapolitanisch—ist, wie Mafia-Informanten sagen, inzwischen wahrhaftig Gold wert. Unterdessen ist eine Region, die einst für ihr fruchtbares Ackerland und ihr wunderschönes Lanschaftspanorama bekannt war, nun auch berüchtigt für das Verbrennen von Schutthaufen, für mutierte Schafe und ihre ungewöhnlich hohe Krebsrate.

Nachdem sich in den Straßen Neapels im Jahr 2007 die Müllberge aufgetürmt haben, gab es nicht nur Massenproteste, eine globale Berichterstattung und eine Klage gegen Italien durch die europäische Kommission, sondern auch einen von Präsident Silvio Berlusconi höchstpersönlich vorgestellten Plan zum Bau von Verbrennungsanlagen gegen den Müllnotstand.

Die Gerlando Familie, die in der Vice Dokumentation „Toxic: Neapel“ porträtiert wurde, sind Bauern, die ursprünglich aus Neapel kommen und inzwischen weit südlich von Kampanien wohnen, nachdem ihre Schafe missgebildete und deformierte Nachkommen zur Welt brachten. 


Aber das hochtrabende Vorhaben brachte selbst nur weitere Umweltprobleme hervor. Selbst der Bischhof von Neapel verweigerte sich, das Projekt zu segnen — mehr aus Sitte, als aus Protest. Und auch sonst wurde seither relativ wenig gegen das Problem der Abfallentsorgung getan. Wie die Times berichtete ist die Krebsrate in der gesamten Region in der Zwischenzeit nur noch weiter angestiegen.

Der Schleier der Geheimhaltung, der die Mafia umgibt, hat auch dazu geführt, dass das Ausmaß der Umweltprobleme in Neapel schwer zu bemessen ist. Details über die Abfall-Aktivitäten der Mafia sind nur in kleiner Dosis durch die Abtrünnigen der Mafia ans Licht gekommen. Aus einer mittlerweile berühmten Aussage von Carmine Schiavone, der gestand an mehr als 50 Morden beteiligt gewesen zu sein, ist bekannt, dass „Millionen Tonnen“ von giftigen Müll aus so weit entfernten Gebieten wie Deutschland importiert wurden.

Die Operationen, so sagte der ehemalige Schatzmeister des Casalesi Clans aus, fanden im Schutz der Nacht statt und wurden von Mafiosi in militärischen Polizeiuniformen bewacht. Er führte die Beamten sogar zu bestimmten Deponien, bei denen er sich Sorgen macht, dass die Menschen, die dort leben, „innerhalb von 20 Jahren an Krebs sterben könnten.“

Die Warnungen von Schiavone wurden jedoch weitgehend ignoriert. Laut einem Bericht vom Spiegel, waren viele Beamte, die einige der höchsten Ämter in der italienischen Regierung bekleiden, in die Machenschaften verwickelt. Seine vollständige Aussage wurde von Rom bis zum Oktober 2012 geheim gehalten—fünfzehn Jahre nach der Tat beugte sich das Parlament dem öffentlichen Druck und hob die Einstufung des Dokumentes als geheim auf.

100.000 Bürger protestierten im November in Neapel.


Wissenschaftliche Studien halfen schließlich bei der Aufklärung. Ein Gutachten von der US-Marine, die eine Basis in Neapel betreibt, hat 2008 beispielsweise eine gravierende Wasserverschmutzung und „inakzeptable Risiken“ aufgedeckt. Alle in der Region stationierten Amerikaner wurden aufgefordert, nur noch abgefülltes Wasser zum Trinken, zur Zubereitung von Speisen und zum Zähneputzen zu verwenden. Die Anzahl der Tumore bei neapolitanischen Männern ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten um 47 Prozent gestiegen. Die Region Kampanien hat die höchste Unfruchtbarkeitsrate Italiens und steht auch an der traurigen Spitze der landesweiten Statistik der schwersten Autismus-Fälle.

Auch Lungenkarzinome treten in der Region um Neapel wesentlich häufiger auf, sogar bei Nichtrauchern. Dr. Alfredo Mazza, ein Kardiologe, der den Anstieg der lokalen Krebsfälle im Jahr 2004 in einer Studie in der medizinischen Zeitschrift The Lancet veröffentlich hat, erzählte der Times: „Es ist unmöglich, alles zu bereinigen. Das Gebiet ist zu groß.“ Und er fügte hinzu: „Wir leben auf einer Bombe.“

Gefährdet sind aber nicht nur die Neapolitaner selbst. Diese Region—Heimat von rund 500.000 Menschen—ist auch eines der Herkunftsgebiet von Italiens berühmtem Büffelmozzarella und Olivenöl. Im Jahr 2008 prüften örtliche Gesundheitsbehörden Proben von Büffelmilch aus Betrieben nördlich von Neapel und fanden hohe Konzentrationen von Dioxin—ein unangenehmes chemisches Nebenprodukte, dass in giftigen PCB-Verbindungen und im Agent Orange Entlaubungsmittel zu finden ist, aber auch beim versuchten Attentat auf den ukrainischen Präsidenten 2004 eingesetzt wurde.

Die auf die Studienergebnisse folgende Gesundheitspanik war ein harter Schlag für die Käseindustrie der Region, die für rund 20.000 dringend benötigte Arbeitsplätze verantwortlich ist, und eine ernüchternde Erinnerung daran, dass die Bauern in der Region unwissentlich Land bewässern und Tiere auf Feldern füttern, welches durch Giftmüll kontaminiert ist.

Sergio Costa, Neapels bester Umweltpolizist, hat darauf bestanden, dass die Produktion von Käse sorgfältig kontrolliert werden muss. So sind in den letzten Jahren keine weiteren Fälle von Kontamination mehr entdeckt worden — aber die Überprüfung von Produkten und kontaminierten Grundwasserleitungen wird dennoch fortgesetzt.





In einem Interview hat Costa eine Liste von Stoffen herausgegeben, die in höheren Werten als zugelassen, in 13 Bewässerungsbrunnen von Ackerfeldern gefunden wurden:  Arsen, Cadmium, Zinn, Beryllium und andere Metalle; sowie Tetrachlorid und weitere Chemikalien, die als industrielle Lösungsmittel verwendet werden. Die Camorra, sagte er, haben „ihr eigenes Hoheitsgebiet vergiftet—sie haben ihr eigenes Blut vergiftet.“

Inzwischen hat sich die Gefahr von vergrabenen, giftigen Abfällen, zusammen mit dem Mafia-Einfluss auf die Abfallindustrie, weit über die Grenzen Neapels hinaus ausgebreitet. Nachdem sie kaum noch Platz haben, den Giftmüll zu entsorgen—dank dem zunehmenden polizeilichen und öffentlichen Druck — verschifft die Camorra nun angeblich ihre Giftmülltransporte nach Osteuropa und auf den Balkan.

Franco Roberti, der die Mafia in Neapel überwacht hat und jetzt den landesweiten Kampf gegen das organisierte Verbrechen anführt, sagt, dass die Giftmüllablagerung auch um Florenz, der touristenfreundlichen Hauptstadt der Toskana, entdeckt wurde.

Außerdem hat die jahrzehntelange Kooperation der Camorra mit der chinesischen Mafia bei der Herstellung und dem Verkauf von gefälschter Designer-Kleidung, inzwischen wohl auch das Feld der Abfallwirtschaft erreicht: Überprüfungen haben in den letzten Jahren Frachtschiffe voll von Abfällen entdeckt, darunter auch giftige Materialien und Krankenhausmüll, die nach China und Hong Kong verschifft werden.





Aber der Druck auf die Camorra steigt. Inzwischen setzten sich die Anwohner immer mutiger zur Wehr, auch wenn der Preis im Kampf gegen die Mafia hoch bleibt, und die meisten derjenigen, die Informationen über die Mafia preisgeben schlicht Attentaten zum Opfer fallen. Im November gingen mehr als 100.000 Menschen auf die Straßen Neapels, um gegen den von der Mafia geführten „Biozid“ ihrer Region zu protestieren, nachdem eine Untersuchung gefährliche Mengen von Arsen, Blei und anderen schädlichen Materialien im umliegenden Ackerland aufgedeckt hat. Ende vergangenen Monats begann die Polizei eine beispiellose Razzia gegen die Camorra, bei der ein 250 Millionen Euro Betriebsvermögen beschlagnahmt wurden, darunter 27 Pizzerien, Cafés und andere Lokale in Rom.

Ob die Bemühungen um die Umwelt, die strafrechtlichen Ermittlungen und die öffentlichen Proteste in Neapel dazu beigetragen haben, dass in Italien nachhaltig aufgeräumt wird, oder nicht, muss sich noch zeigen. Die Aktionen machen aber jetzt schon deutlich, dass die Auswirkungen von organisierter Kriminalität noch tiefer und hässlicher sind, als lediglich Gewalt und Erpressung. Die Macht der Mafia auf ihr Land reicht so weit und ist so stark, dass ihre Effekte vielleicht sogar die Mafia selbst überleben könnten.


Optimistischere Zeitgenossen wiederum spekulieren, dass die Umweltprobleme in Neapel die Camorra dazu inspirieren könnten, ihr langjähriges Know-How in der Abfallwirtschaft und im Controlling öffentlicher Aufträge dafür zu nutzen, sich in einer neuen wachsenden Industrie zu engagieren und das Chaos aufzuräumen, dass sie selbst verschuldet hat.
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