Sonntag, 2. Februar 2014

Der Hinrichtungsbefehl des Toto Riina

"Tötet Nino Di Matteo": Diesen Hinrichtungsbefehl hat Mafia-Boss Totò Riina von seiner Gefängniszelle ausgegeben. Er gilt einem Staatsanwalt, der einem gefährlichen Verdacht nachgeht: Gab es in Italien einen Pakt zwischen Politik und Mafia?



Staatsanwalt Nino de Matteo unter schwerster Bewachung


Nino Di Matteo soll sterben. So will es Salvatore, genannt Totò Riina, einst "Boss der Bosse" der sizilianischen Cosa Nostra. Seit 1993 ist er im Gefängnis, zu zehnmal lebenslänglicher Haft verurteilt, aber noch immer gefährlich. Am 16. November flüsterte er beim Hofgang einem anderen Mafioso, Alberto Lorusso, von der in Apulien tätigen Sacra Corona Unita, zu, die Sache müsse jetzt erledigt werden, mit einem "großen Knall", denn sonst höre "dieser Di Matteo" nie auf.

Was "u curtu", der Kurze, wie er wegen seiner bescheidenen Körpergröße von 1,58 m daheim in Sizilien genannt wurde, nicht ahnte: Das Gespräch wurde mit einem Richtmikrofon abgehört. Lorusso wurde wenig später in eine andere Haftanstalt verlegt und stand fortan unter besonderer Aufsicht. Bei einer überraschenden Untersuchung seiner Zelle, Ende Dezember, fand sich ein brisantes Schreiben. Der Text ist verschlüsselt und bislang konnte nur wenig dechiffriert werden, darunter freilich das Wort "Attentat".


42 Bodyguards bewachen den Staatsanwalt

Daraufhin wurden in dieser Woche die Sicherheitsmaßnahmen für Staatsanwalt Nino Di Matteo noch einmal verschärft. 42 Carabinieri bewachen ihn nun rund um die Uhr, jeweils neun mit Maschinenpistolen bewaffnete Beamte stehen bereit, sobald er sein Büro verlässt. Er reist nur noch per Helikopter, denn längere Autofahrten gelten als viel zu gefährlich, selbst im gepanzerten Fahrzeug. Den Sicherheitsleuten ist klar, was Riinas "großer Knall" bedeutet: eine Bombe mit gewaltiger Sprengkraft.

Was den Mafia-Granden so aufregt, könnte auch die italienische Politik erschüttern. Denn Staatsanwalt Di Matteo ist Chefermittler und -Ankläger in einem Prozess, der im vorigen Mai begann und Licht in ein besonders dunkles Kapitel der italienischen Politik bringen soll:

- Hat der Staat in den neunziger Jahren mit der Mafia verhandelt? 

- Hat die Regierung den Bossen Hafterleichterungen für deren einsitzende Mitglieder versprochen, wenn die      Mafia im Gegenzug aufhört, Staatsdiener zu ermorden? 

- Hat das Führungspersonal der Sicherheitsbehörden auf höhere Weisung die mögliche Festnahme von          Mafia-Bossen vereitelt?

Gemeinsam vor Gericht: Mafiosi, Carabinieri und Politiker

Unter Anklage stehen Totò Riina und weitere Mafia-Bosse, drei hochdekorierte Carabinieri-Generäle und zwei bekannte Politiker. Der eine, Senator Marcello dell‘Utri, ist ein enger Freund und Helfer von Silvio Berlusconi, der andere ist der damalige christdemokratische Innenminister, spätere Senatspräsident und Vizepräsident des obersten Gerichtsrates, Nicola Mancino. Auf der über hundert Namen langen Zeugenliste steht auch der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano Es geht um den erklärten "Krieg" der Mafia gegen den Staat, Anfang der neunziger Jahre, als die Regierung erstmals ernsthaft gegen die Gangs vorgehen wollte. Der christdemokratische Politiker Salvatore Lima, die Staatsanwälte Giovanni Falcone, samt Ehefrau und drei Leibwächtern, und Paolo Borsellino nebst fünf Bodyguards wurden Opfer von Mafia-Bomben.

Der Staat, so die Staatsanwaltschaft, knickte ein und verhandelte mit Totò Riina. Der stellte, offenbar sogar schriftlich, klare Forderungen: Wenn ihr wollt, dass das Morden aufhört, wollen wir bessere Haftbedingungen - keine Einzelzelle mit Kontaktsperre für Mafia-Führungspersonal mehr - und weniger polizeiliche Fahndung.

Und, oh Wunder, bald darauf endete der Mafia-Terror plötzlich. Zwar ging die Sache für Oberboss Riina selbst schlecht aus. Seine Kumpel gaben ihn zur Verhaftung frei. Doch der neue Chef, Bernardo Provenzano, änderte den Kurs komplett. Geld verdienen, ohne zu morden, hieß jetzt die Devise, zumindest so wenig wie nötig. Provenzano konnte - im Gegenzug? - jahrelang ungestört "flüchtig" bleiben. Auch wenn eifrige Mafia-Fahnder ihn immer wieder aufstöberten, erfolgte der Zugriff erst viele Jahre später.

In jener Zeit begann auch die politische Karriere von Silvio Berlusconi, tatkräftig organisiert vom Sizilianer Marcello Dell'Utri. Der ist bereits wegen Unterstützung der Mafia zu sieben Jahren Haft verurteilt worden, wenn auch nicht in letzter Instanz, und steht auch in diesem Prozess unter Anklage. Er sei, glaubt die Staatsanwaltschaft, "der Verbindungsmann zwischen Berlusconi und den Mafia-Bossen" gewesen.