Sonntag, 12. Januar 2014

Literatur im Mafialand / Mafiabücher in einer Mafiahochburg

Auch das gibt es: Ein Literaturfestival im kalabresischen Lamezia Terme


Bei einem Literaturfestival in Kalabrien trafen sich zum ersten Mal die Kenner der Mafia in einer Stadt, die nicht frei vom mafiösen Einfluss ist. Das Festivals präsentierte die umfassende Anti-Mafia-Literatur und wollte der Angst vor der Mafia eine Stimme geben.




Pietro Grasso schilderte lebhaft die Verhaftung eines gefährlichen Mafiabosses. Eine spannende Szene, die er in seinem Bestseller "Per non morire di mafia", "Um nicht durch die Mafia zu sterben", beschrieben hat. Grasso ist Italiens oberster Mafiajäger. Der prominente Untersuchungsrichter kam schwer bewacht nach Lamezia Terme. Er steht, wie so manche andere Gäste bei dem Festival, auf der Abschussliste der Bosse ganz oben.

"Ich stehe an der Spitze des staatlichen Kampfes gegen die Mafia. Also war es nur selbstverständlich, dass ich hierher komme. Dass Journalisten und andere Autoren über die Mafia berichten ist enorm wichtig. Dieses Festival sollte zu einer Informationsplattform für alle Mafiakenner werden. Das hier ist ein sehr wichtiger Beitrag zu unserem Kreuzzug gegen die Kriminalität."






Über 50 Staatsanwälte, Journalisten, Soziologen und Schriftsteller und rund 20.000 Besucher, vor allem junge Menschen, kamen in den kalabresischen Kurort, ins Herz jener süditalienischen Region, die Kennern der Mafia zufolge zu einem Großteil fest in der Hand der so genannten ’Ndrangheta ist, wie die organisierte Kriminalität in Kalabrien heißt.

Der wichtigste Themenschwerpunkt der geladen Sachbuchautoren: die immer schnellere Ausbreitung der Mafia, vor allem der kalabresischen, in ganz Italien. Inzwischen, berichteten Staatsanwälte und Journalisten, untersteht ein Großteil des Handels mit Obst und Gemüse in Mailand ganz den Bossen aus Kalabrien. In Rom besitzen sie circa .5000 Lokale, Hotels und Bars. Für den Festivalbesucher besonders interessant: Sie wurden mit den aktuelles Recherche-Ergebnissen zum Thema Mafia versorgt. So auch zu einem besonders heiklen Thema: der so genannte Umweltmafia. Ein Spezialgebiet, auf das sich verschiedene Autoren spezialisiert haben. 


In Süditalien finden sich den in Lamezia Terme präsenten Autoren zufolge rund 500 illegale Müllkippen, in denen hochgiftige Abfälle verkippt werden. Mit gesundheitlichen Folgen, die noch gar nicht abzusehen sind. Einige Autoren stellten ihre Thesen zum Fall Neapel vor - sind sie doch aufgrund ihrer Recherchen davon überzeugt, dass hinter dem aktuellen Mülldrama unter dem Vesuv die regionale Camorra steckt.





Das Anti-Mafia-Literaturfestival bestand vor allem aus – gut besuchten - Gesprächsrunden und Buchpräsentationen. Zum ersten Mal überhaupt trafen sich bei dieser Veranstaltung Italiens wichtigste Kenner der Bosse und ihrer Clans – in einer Stadt, die, wie viele andere in Kalabrien, nicht frei ist vom mafiösen Einfluss in Politik und Wirtschaft.

Das Ziel der Veranstaltung bringt Claudio La Camera, Direktor des Mafia-Museums in Reggio Calabria, auf den Punkt:

"Wir wollen der Angst vor der Mafia eine Stimme geben, was vor allem in Kalabrien enorm wichtig ist, weil die meisten Menschen angesichts der Mafia schweigen. Wir wollen vor allem junge Menschen zu erreichen. Das geht am Besten auf kreativem Weg. Mit Musik, Theater und eben auch mit Literatur."






Der Besucher des Festivals konnte nur staunen über die umfassende Anti-Mafia-Literatur, die es auf dem italienischen Buchmarkt gibt. Kurios: Das Thema Mafia wird in Italien fast ausschließlich in Form von Essays und Reportagen und so gut wie gar nicht in Form von Fiktion oder Lyrik behandelt. Der sizilianische Journalist und Autor Lirio Abbate weiß, warum das so ist:

"Die Mafia ist ja nicht nur wirtschaftlich aktiv, sondern omnipräsent, so verstrickt mit der Gesellschaft, dass diese Realität komplexer, spannender und erschreckender ist als jede Fiktion. Diese Wirklichkeit wollen wir mit unseren Büchern aufdecken und anklagen."

Anti-Mafia-Starautoren Roberto Saviano und Claudio Michele Mancini kamen nicht nach Lamezia Terme. Auch wenn es keine konkreten Drohungen seitens der Bosse gab: Man konnte, heißt es, für deren Sicherheit nicht hundertprozentig garantieren.






Claudio Michele Mancini - die großen Mafia-Stories