Dienstag, 21. Januar 2014

Ein Berliner auf der Flucht vor Schutzgelderpressern

Michael Schaller hat sein Weddinger Geschäft geschlossen. Nicht nur weil bei ihm acht Mal eingebrochen wurde, sondern auch weil er bedroht wurde. Heute Abend spricht er im Fernsehen darüber.



Zwei Mal waren sie bei ihm in seinem Feinkostladen in Gesundbrunnen, kräftige Männer, die ihm andeuteten, dass sie Geld von ihm wollten. Beide Male ließ sich Michael Schaller nicht einschüchtern. Beim dritten Mal kam dann ein Anruf mit unterdrückter Nummer: "Wir brauchen 120 Euro, mach die klar", sagte eine unbekannte Stimme. "Ich schick den großen Bruder vorbei."

er der große Bruder war, wusste Schaller nicht und wollte es auch nicht wissen. Er sagte nur: "Ich habe keine 120 Euro und ich leihe niemandem Geld, den ich nur vom Telefon kenne." Dann hat er aufgelegt und dachte kurz: "Oh mein Gott, was passiert da?"

Michael Schaller gehörte ein italienisches Feinkost-Geschäft inmitten von Döner-Buden und Orient-Shops in Gesundbrunnen, einem der Viertel im nördlichen Teil des Bezirks Mitte. Der 39-Jährige bot einen Mittagstisch an und Fremdsprachenkurse in Türkisch, Englisch und Französisch. "Feinkost und Fremdsprachen" hieß der Laden – der kürzlich umziehen musste, weil der Inhaber nicht mehr daran glauben wollte, dass sich wirklich etwas ändert im Kiez.

Trotzdem geht Michael Schaller jetzt mit seinen Schutzgelderfahrungen an die Öffentlichkeit, weil er möchte, dass sich etwas ändert. An diesen Dienstag (21. Januar 2014) wird er in der Sendung "Menschen bei Maischberger" (ARD, 22.45 Uhr) auftreten und noch einmal von dem Telefonanruf und der Zeit danach erzählen.
Das wirklich Schlimme begann nämlich erst danach.

 Es war im März 2013, an einem Sonnabendabend, Schaller saß noch am Computer in einem hinteren Raum des Ladens, der schon geschlossen war. Dann hörte er, dass jemand an der Tür rüttelte, die aber abgeschlossen war – zwei Pflastersteine flogen durch die Fensterscheibe. "Man konnte erkennen, dass da noch jemand arbeitet", sagt er, "das war der größte Schock für mich." Vier Wochen lang habe er anschließend Albträume gehabt, dass er mit Pflastersteinen beworfen werde. "Wirklich keine schöne Zeit." Da wurde ihm klar, dass er wegziehen musste.


Verteidigung mit Spielzeugpistole

Längst hatte er zu diesem Zeitpunkt die Polizei eingeschaltet. Immerhin war bei ihm schon acht Mal eingebrochen worden. Einmal, im Februar 2012, waren es zehn Jugendliche, die bei ihm einbrechen wollten. Er hörte noch einen der Einbrecher rufen: "Schaut, dass ihr alles mitnehmt, aber auf jeden Fall die Espressomaschine!" Das war sein teuerstes Inventar.

Er sah dann, dass drei Jugendliche versuchten, die Scheibe seines Ladens einzudrücken. "Ich ging mit einer Spielzeugpistole auf sie los", sagt Schaller, "die sind dann geflüchtet." Er sei immer zufrieden gewesen mit der Arbeit der Polizeibeamten. Dabei wurde ihm auch klar, dass er offenbar nicht der einzige Ladenbesitzer mit diesem Problem sei. "Die Polizei ist sehr interessiert, solche Dinge aufzuklären."

Insgesamt erfasst die Berliner Polizei nur ein geringes Aufkommen von organisierter Kriminalität, wenn in diesem Bereich auch von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist. In der Kriminalstatistik tauchen nur wenige Schutzgelderpressungen auf. 2012 registrierte die Polizei 13 Fälle, im Jahr zuvor waren es 23. Die Aufklärungsquote lag 2012 bei 46 Prozent (2011: 65 Prozent). Meist ging es um Forderungen von 4000 bis 5000 Euro pro Monat, in Einzelfällen auch um bis zu 20.000 Euro. Wer mit Schutzgeldforderungen konfrontiert ist, kann sich auch beim Verein "Mafia? Nein danke!" melden.

Michael Schaller war zudem aufgefallen, dass bei ihm als Deutschen mehr eingebrochen wurde als bei türkischen Kollegen. Als er darüber mit Journalisten gesprochen hat, wurde er in sozialen Netzwerken beschimpft. "Es ist nicht so geworden, wie ich es mir erträumt hatte", sagt er, "aber ich probiere es jetzt noch mal." Er hat mit seinem neuen Standort auch auf Wedding gesetzt – allerdings näher zum Prenzlauer Berg. Sein Geschäft, das nach wie vor Sprachkurse und Feinkost aus Italien anbietet, befindet sich jetzt auf der Weddinger Seite des Mauerparks, nahe der Bernauer Straße. "Hier bleiben sogar meine Stühle vor der Tür an derselben Stelle stehen, wo ich sie morgens hinstelle."


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