Mittwoch, 20. November 2013

Mafia-Spuren ins romantische Dörfchen

Ein deutscher Ex-Politiker erhielt in seinem Haus in Niederndorferberg Besuch vom Bundeskriminalamt. Wegen seiner Verbindungen zur süditalienischen Mafia.




Die beschauliche Gemeinde Niederndorferberg rückte am Dienstagvormittag ins Zentrum eines Wirtschaftskrimis. Genaugenommen war es das mit einer massiven Betonmauer umfasste Haus eines Ex-Politikers aus Bayern, dem die Ermittler aus zwei Staaten und drei Städten einen unerwarteten Besuch abstatteten. Der Grund für die Hausdurchsuchung: Verdacht der internationalen Geldwäsche. Und zwar mit Hilfe eines Windparks, den der Wahl-Tiroler in Zusammenarbeit mit einem süditalienischen ’Ndrangheta-Klan (Mafia) in Kalabrien errichtet hat.

Einst war der Verdächtige Rechtsanwalt und Stadtrat in Rosenheim mit Bürgermeister-Ambitionen. Bis er über ein Grundstücksgeschäft stolperte. Veruntreute Mandantengelder kosteten ihn die Zulassung als Anwalt.
 
Seither ist der heute 62-Jährige ein dubioser Geschäftsmann. Wie das Nachrichtenmagazin Spiegel berichtet, fasste der Ex-Stadtrat mit Wohnsitzen in Niederndorferberg, der Schweiz und San Marino bei einem Jagdausflug in Kalabrien den Entschluss, dort einen Windpark zu errichten. Das war vor etwa sechs Jahren.
 
Mit an Bord des Projekts ein Neffe des örtlichen ’Ndrangheta-Bosses – der 49-Jährige sollte dem Bayern für eine Beteiligung von zunächst zehn, später 15 Prozent die bürokratischen Stolpersteine aus dem Weg räumen.
 
Der frühere CSU-Politiker nahm auch zwei deutsche Geschäftsleute mit ins Boot. Die dänische Firma Scan-Energy errichtete die 48 Windmühlen, die HSH Nordbank aus Hamburg übernahm die Finanzierung. 225 Millionen Euro streckte das Geldinstitut vor. Der Plan: Der Geschäftsmann aus Niederndorferberg und seine Partner wollten die durchaus profitable Windenergie-Anlage nach der Errichtung sofort verkaufen und dann den Kredit zurückzahlen.
 
Die Staatsanwaltschaft Catanzaro in Süditalien hat den Plan allerdings durchkreuzt und die 48 Riesenwindräder beschlagnahmt. Auch die Erlöse aus dem Stromverkauf wurden eingefroren. Das war vor knapp eineinhalb Jahren. Seither fürchtet die Bank um ihre 225 Millionen.
 
Ein abgehörtes Telefongespräch zwischen ’Ndrangheta-Mitgliedern hat zu diesen Zwangsmaßnahmen geführt. Dabei ging es um 80 Millionen Euro, die der Mafia-Klan in den Windpark investieren wollte. Drogenverkaufserlöse, mutmaßen die Behörden.
 
Weiters vermutet die italienische Justiz, der Geschäftsmann aus Niederndorferberg und seine deutschen Partner hätten dem kalabrischen Klan bei der Geldwäsche in der Schweiz geholfen. Die zunächst zuständige Staatsanwaltschaft Kiel sah das anders, die Italiener beschwerten sich. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Osnabrück. Und die gab den Startschuss für eine staatenübergreifende Großrazzia bei den Geschäftspartnern der ’Ndrangheta. Etwa 200 Beamte durchsuchten am Dienstagvormittag Büros und Wohnungen der Verdächtigen. In Deutschland und San Marino ebenso wie in der Schweiz und Niederndorferberg. Auch die HSH Nordbank erhielt unerwarteten Besuch von deutschen Kriminalbeamten.
 
„Die Beschuldigten stehen im Verdacht, mittels ihrer Firmen in Deutschland, Italien, San Marino und der Schweiz inkriminierte Gelder einer ’Ndrangheta-Gruppierung gewaschen zu haben“, gab der Osnabrücker Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer nach den Hausdurchsuchungen am Dienstag bekannt: „Außerdem sollen sie Geschäftsanteile des Windparks für diese kriminelle Vereinigung übernommen haben, um so deren Beteiligung zu verschleiern.
 
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