Sonntag, 17. November 2013

Ist der Papst tatsächlich im Visier der Mafia?

Hat sich Papst Franziskus mit seiner klaren Positionierung für eine „Kirche der Armen“ und gegen Korruption schon Feinde gemacht, die ihm nach dem Leben trachten?

Erstmals stammen entsprechende Vermutungen nicht von Verschwörungstheoretikern, die ein paar Vatikan-Krimis zu viel gelesen haben. Sondern von einem ausgewiesenen Experten für Organisierte Kriminalität, der sich in den Verstrickungen von Staat, Mafia und Kirche bestens auskennt: Vom italienischen Staatsanwalt Nicola Gratteri (55), der selbst schon auf der Todesliste der ’Ndrangheta, der kalabrischen Variante der Mafia, gestanden haben soll.



Gratteri behauptet nicht, dass die Mafia bereits konkrete Anschlagspläne verfolgt!
Doch in einem Interview mit der Zeitung „Il Fatto Quotidiano“, spricht er von „Überlegungen“ der Bosse, die „gefährlich sein könnten“:

„Wenn sie eine Möglichkeit sehen, dem Papst ein Bein zu stellen, werden sie dies tun.“

Grund dafür ist der „richtige Weg“, den Papst Franziskus aus Sicht des Mafia-Jägers zu Beginn seines Pontifikats eingeschlagen hat: „Er hat sofort wichtige Signale ausgesandt, trägt ein Kruzifix aus Eisen, wendet sich gegen Luxus. Er ist konsequent und glaubwürdig, setzt auf die totale Reinigung.“
 
So habe der Papst mit der Demontage wirtschaftlicher Machtzentren im Vatikan begonnen. Das können aufmerksame Vatikan-Beobachter nur bestätigen: Wer wollte, konnte gerade in den letzten Wochen anhand unauffälliger Personalentscheidungen erkennen, wie ernst es dem Argentinier mit seinem Kulturbruch ist.


Nicht ganz zufällig stellte Franziskus das Thema Korruption zuletzt mehrfach in den Mittelpunkt seiner Predigten.

Wer sich bestechen lasse, der „Göttin Schmiergeld“ huldige, „verliert seine Würde“, so der Papst. Ein hoher Kurienvertreter: „Die Zeichen, die Franziskus aussendet, sind inzwischen von vielen verstanden worden.“

Das mache allerdings auch jene Mafiosi der alten Generation nervös, deren Macht und Reichtum bislang an der Kirche hingen, meint der Staatsanwalt. Dies seien etwa Geldwäscher, die sich bislang trotz Mitwisserschaft von hohen Prälaten sicher fühlen konnten.

Der Buch-Autor („Acqua Santissama“, „heiligstes Wasser“) nennt haarsträubende Beispiele für Verflechtungen von Kirche und Mafia. So habe der Bischof von Locri (Kalabrien) Gemeindemitglieder geduldet, die mit Tausenden Morden in Verbindung gebracht werden. Doch erst, als Mafiosi Obstbäume aus Kirchenbesitz vernichteten, soll er sie im Zorn exkommuniziert haben.
Die Schwierigkeit im Umgang der Geistlichen mit den Drogenbossen und Killerbanden: 88 Prozent der Mafiosi bezeichnen sich bei einer Knast-Umfrage als tief religiös. Und das, obwohl der emeritierte Papst Benedikt XVI. gegen die Organisierte Kriminalität als „Straße des Todes“ gewettert hatte, die nicht mit christlichem Glauben vereinbar sei.

Das Beseitigen von Menschen, die nicht mit ihnen kooperieren, betrachten Mafia-Killer nach Worten des Staatsanwalts jedoch nicht als Sünde, sondern als aufgezwungene Pflicht. In den meisten Fällen würden sie nach dieser kruden Logik sogar beten, bevor sie ihre Feinde töten. Ein Hinterhalt in einem kalabrischen Dorf ist eine Sache, der Petersplatz in Rom eine andere.


Kooperation mit der Mafia

Die Mafia, die durch Investitionen und Geldwäsche «die wahre Macht» besitze, sei durch die «stillschweigende Duldung der Kirche» reich geworden, so Mafia-Ankläger Gratteri weiter. Gratteri wirft Priestern und Bischöfen in Süditalien vor, mit den Verbrechen zu kooperieren, indem sie sich etwa durch persönlichen Umgang mit ihnen legitimierten.

Verstärkend für die Verbindung wirke die «glühende religiöse Ergebenheit» der Mafiosi, sagte Gatteri dem «Guardian» zufolge. Es gebe in den Mafia-Clans «kein Ritual der Zusammengehörigkeit, das nicht die Religion heraufbeschwört», so der Mafia-Ankläger.

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