Donnerstag, 31. Oktober 2013

Mafia-Krieg in Mailand: Prominenter Boss erschossen

In Mailand scheint eine Fehde unter rivalisierenden Mafia-Clans um die Kontrolle krimineller Geschäfte ausgebrochen zu sein. In der Nacht auf Donnerstag wurde in Quarto Oggiaro unweit von Mailand der Boss Pasquale Tatone erschossen.


Boss Pasquale Tatone


Ein Unbekannter feuerte Gewehrschüsse auf ihn, als Tatone nach einem Abend in einem Lokal in sein Auto einsteigen wollte. Der Clan Tatone kontrolliert laut den Ermittlern das Drogengeschäft im Großraum Mailands.



Erst am Sonntag waren Tatones Bruder Emanuele und dessen Mitarbeiter Paolo Simone in ihrem Auto in Quarto Oggiaro erschossen worden, einem Mailänder Stadtrandviertel, in dem die Familie Tatone das Drogengeschäft kontrolliert. Die Ermittler befürchten, dass dieser Mord zu blutigen Reaktionen in kriminellen Mailänder Kreisen führen könnte.

Mittwoch, 30. Oktober 2013

17 Mafiosi nach Hinweisen verhaftet

Auf der Grundlage von Hinweisen einer inzwischen getöteten Informantin hat die italienische Polizei am Dienstag 17 mutmaßliche Mafiosi der 'Ndrangheta verhaftet.

Ihnen würden unter anderem Mord, unerlaubter Waffenbesitz und Drogenhandel vorgeworfen, teilte die Polizei mit. Die Festnahmen erfolgten demnach in verschiedenen Regionen des Landes, von Kalabrien im Süden bis zur Lombardei im Norden.
 
 
 
 
Zu den Verhaftungen führten laut Polizei Aussagen der im Jahr 2009 im Alter von 35 Jahren getöteten Informantin Lea Garofalo. Sie habe den Behörden Hinweise zu den blutigen Machenschaften der 'Ndrangheta und insbesondere zu sieben Morden in den Jahren 1989 bis 2007 gegeben.
 
Lea Garafolo kurz vor ihrer Ermordung
 
 
Garofalo war nach ihrer Aussage zwar in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden, ihr früherer Lebensgefährte Carlo Cosco lockte sie aber unter Ausnutzung der gemeinsamen Tochter aus ihrer Deckung und tötete sie. Er lud sie in den Kofferaum seines Fahrzeuges und begrub sie in einer Kalkgrube. Erst im vergangenen Jahr wurde Garofalos Leichnam gefunden. Dass der Leichnam dennoch weitgehend erhalten geblieben war, ist einem Zufall zu verdanken.
 
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Wie die Mafia am Bau in NRW mitverdient

 
Von Dortmund aus wusch Rosario P. Schwarzgeld für Firmen und organisierte Schwarzarbeit. Die Ermittler glauben: im Auftrag der Cosa Nostra. Der Fall zeigt, wie die Mafia mutmaßlich von vielen Bauvorhaben im Lande profitiert. Etwa in Dortmund, Hagen, Hamm, Witten, Krefeld, Schwerte, Essen, Hilden.



Die Zentrale der Baumafia in Dortmund lag bis vor wenigen Wochen unscheinbar in einem Wettbüro mit dicht verklebten Fenstern, direkt neben einer Apotheke in Dortmund-Hörde, nur zwei Steinwürfe vom Phoenixsee entfernt. Hier traf sich Rosario P. mit seinen Kunden, um fingierte Rechnungen zu übergeben oder Schwarzgeld zu waschen.
Hier wurden Bücher manipuliert und Baukolonnen verschoben. Hier gingen Millionen Euro über den Tisch, die von Bauprojekten in der Gemeinde abgezwackt wurden. Rosario P. strich davon exakt 462.892,87 Euro als Geldwäscherlohn ein. Das geht aus den Ermittlungsakten der Kölner Staatsanwaltschaft hervor, die derzeit ein Netz der Baumafia in NRW mit über 20 Beteiligten durchleuchtet.

Polizei ermittelt gegen italienische Bau-Mafia, hier unter anderem auch in Pizzerien in Köln.
In etlichen Städten hatten die Clans ihre Finger im Spiel. In Dortmund, Hagen, Hamm, Witten, Krefeld, Schwerte, Essen, Hilden. Ihre Chefs saßen in Dortmund und in Köln-Kalk. Die Staatsanwaltschaft schätzt den Schaden, den die Baumafia alleine in diesen Fällen verursacht hat, auf rund 30 Millionen Euro.

Gegen die Haupttäter Rosario P. mit Aktionsgebiet Dortmund und Gabriele S. aus Köln wurde vor wenigen Tagen Anklage vor dem Landgericht Köln erhoben. Mit einem Beginn des Prozesses wird Anfang kommenden Jahres gerechnet.


Ein Job mit „gutem Gehalt bei wenig Arbeit“

Das System der Gruppe war so einfach wie bestechend. Gelenkt von den Clanchefs in Dortmund und Köln betrieben sie Strohfirmen für Baugeschäfte. Als Geschäftsführer setzten sie Leute ein, denen sie ein gutes Gehalt bei wenig Arbeit versprachen. Meist sozial schwache Menschen aus ihren sizilianischen Heimatorten. Die Baumafia verkaufte über ihre Strohfirmen vor allem Rechnungen.

Das bedeutet: Käufer der Rechnungen beglichen diese per Bankzahlung an die Baumafia und hefteten die Papiere in ihren Büchern für das Finanzamt ab. Alles sah sauber aus. Tatsächlich aber standen den Rechnungen keine Leistungen gegenüber. Und die Baumafia gab den Firmen das Geld in bar zurück – minus einer Gebühr von rund 10 Prozent. Dieses Geld behielt die Baumafia dafür, dass sie die Summen über ihre Bücher laufen ließ und so wusch.

Die normalen Firmen konnten das so gewaschene Geld in Millionenhöhe als Schwarzgeld anhäufen. Sie bezahlten damit Schwarzarbeiter, bestachen Entscheidungsträger auf dem Bau oder verprassten es. Der Verbleib der Schwarzgelder ist in den meisten Fällen ungeklärt, erklärt die Staatsanwaltschaft.

In Dortmund gründete Rosario P. mit zwei weiteren Partnern eine solche Geldwäsche-Firma, wie aus den Akten hervorgeht.Scheinrechnungen mit Millionenumsätzen verschoben. Rosario P. selbst stammt aus Riesi in Sizilien. Einer Stadt, die von der Cosa Nostra beherrscht wird. Rosario P. sagt, er arbeite im Ruhrgebiet als Maurer. Tatsächlich aber verschiebt der mehrfach vorbestrafte Sizilianer Scheinrechnungen mit Millionenumsätzen.

Die Eintragung in die Handwerksrolle übernimmt auf dem Papier zunächst der Betriebsleiter Krzysztof P. gegen „Gefälligkeitszahlungen“, wie die Ermittler notieren. Strohmann wird der Italiener Fabrizzio R. Er Dieser richtet eine Tarnadresse in Hagen ein. In einem leeren Ladenlokal stellt er einen Computer und ein Fax auf den Boden und hängt einen kleinen Zettel an den Briefkasten: „R. Bauunternehmung.“ Das Fenster ist mit einem gelben Vorhang verhängt.

Dann beginnen die Geschäfte: Per Handy werden Schwarzarbeiter vermittelt, die Ermittler schneiden mit. Über einen Schwarzgeldkunden, eine bekannte Dortmunder Firma, werden Malocher zum Studentenwerk der Uni Dortmund geschickt, zu Baustellen von Supermärkten oder Privathäusern. Es gebe „Arbeit ohne Ende“, sagt Rosario P. Das Geld wird über Scheinrechnungen abgewickelt und in bar zurückgegeben.

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Eine Kleinstadt in den Fängen der Mafia

Italiens organisierte Kriminalität expandiert in den Norden. Symbol dafür: Sedriano – die erste Gemeinde in der Lombardei, deren Regierung wegen Infiltration durch die 'Ndrangheta zurücktreten muss.


Im 11.000-Seelen-Örtchen Sedriano ist für gewöhnlich nicht viel los – Reporter deckten allerdings eine mutmaßliche Zusammenarbeit des Bürgermeisters mit der kalabrischen 'Ndrangheta auf


Für einen Journalisten ist Sedriano eigentlich die Höchststrafe. In der Stadt mit 11.000 Einwohnern im Westen Mailands geschieht nichts. Was für die meisten Grund genug ist, einen weiten Bogen um den Ort zu machen, ist für Ersilio Mattioni, 40, Ansporn. Mattioni ist in der Pressewelt als Hitzkopf verschrien. Er hat eine flotte Feder und eckt gern an.
 
Im Oktober 2011 wird er Chefredakteur der frisch geborenen Lokalzeitung "Altomilanese" mit Sitz in Magenta. Tombolas, Verkehrskreisel und Dorffeste interessieren Mattioni nicht. Er will dunkle Machenschaften aufklären und schickt seine Redakteurin Ester Castano nach Sedriano. Er gibt der 23-Jährigen folgendes mit auf den Weg: "Dort geschieht nichts? Da schauen wir doch mal nach."
 
Castano wird schnell fündig. Bereits in der zweiten Ausgabe von "Altomilanese" enthüllt sie den ersten vermeintlichen Skandal. "7000 Euro für den Anwaltfreund des Bürgermeisters", titelt Castano. Es ist eine vertrackte Geschichte. Im Mai 2011 kürt Sedrianos Bürgermeister Alfredo Celeste kreative Frauen der Gemeinde. Als Stargast lädt er Nicole Minetti ein. Die gelernte Zahnhygienikerin ist für die Staatsanwaltschaft Mailand eine der Mitorganisatoren der berüchtigten Bunga-Bunga-Parties, auf denen sich der damalige Premier Silvio Berlusconi mit jungen Frauen vergnügt haben soll.
 
 
Nicole Minetti
 
Gegen die Anwesenheit von Minetti protestiert eine Gruppe in Sedriano, darunter eine pensionierte Lehrerin und eine Nonne. Die beiden Damen beschweren sich später in einem öffentlichen Brief, von den Ordnungskräften zur Teilnahme an der Preisverleihung genötigt worden zu sein. Gegen den Brief unternimmt Bürgermeister Celeste rechtliche Schritte. Er bezahlt dem Anwalt der Gemeinde 7000 Euro. Später verklagt Celeste "Altomilanese". "Danach häuften sich die Merkwürdigkeiten", sagt Chefredakteur Mattioni. Seine Zeitung nimmt die Fährte auf, es beginnt ein Kleinkrieg mit dem Bürgermeister.
 
Wurde der Bürgermeister bestochen?

Fast genau zwei Jahre später stehen die Merkwürdigkeiten in einem anderen Licht. Sedriano ist ein Thema in den großen Nachrichtensendungen und in ganz Italien bekannt. Die Regierung von Ministerpräsident Enrico Letta entschied am 15. Oktober, die Stadt unter ein Kommissariat zu stellen. Die Regierung von Bürgermeister Celeste musste zurücktreten, weil sie angeblich Kontakte zur kalabrischen 'Ndrangheta unterhielt.
 
Bei Celeste soll ein gewisser Eugenio Costantino ein- und ausgegangen sein. Die Staatsanwaltschaft Mailand hält ihn für einen Abgesandten der 'Ndrangheta. Costantino soll dem ehemaligen Mailänder Stadtrat Domenico Zambetti mit Stimmenkäufen ins Amt geholfen und dafür Gegenleistungen verlangt haben. Im Oktober 2012 musste Zambetti dafür ins Gefängnis. Bürgermeister Celeste ist laut den Ermittlern ein weiterer Politiker, der von Costantino bestochen wurde.
 
Sedriano ist ein Präzedenzfall. Es ist die erste Gemeinde in der Lombardei, die nun unter der Kuratel Roms steht. Seit Anfang der 90er-Jahre wurden mehr als 200 Stadtregierungen wegen angeblicher Verstrickungen mit der organisierten Kriminalität aufgelöst – allerdings fast ausschließlich in Süditalien. Im Norden waren es nur fünf, beschränkt auf Ligurien und Piemont. Sedriano reiht sich als Nummer sechs in die traurige Liste ein.
 
Mafia und 'Ndrangheta sind nahezu unsichtbar

Das ist eine Schmach für die Lombardei, die sich aufgrund ihrer Wirtschaftskraft für das Aushängeschild Italiens hält. Die sizilianische Mafia und die kalabrische 'Ndrangheta sind auf Expansionskurs und infiltrieren immer stärker den Norden des Landes. Im unternehmerischen Herz des Landes gelingt es ihnen, das schmutzige Geld aus Drogen- und Waffengeschäften sowie Erpressungen reinzuwaschen. Sie beteiligen sich an öffentlichen Ausschreibungen, kaufen Land und Immobilien auf.
 
Die Krise stellt für sie eine Chance dar. Im Gegensatz zur ehrlichen Konkurrenz, die sich schwer tut, an Kredite zu kommen und unter einer Steuer- und Abgabenlast ächzt, schwimmen Mafia und 'Ndrangheta im Geld. So können sie ihre Wettbewerber locker ausstechen. Der Anti-Mafia-Organisation Libera zufolge wurden in der Lombardei bisher 13.000 Vermögenswerte und 963 Immobilien der organisierten Kriminalität konfisziert.
 
 
Domenico Zambetti
 
 
 

In der Öffentlichkeit wird darüber bislang geschwiegen. "Ich glaube, dass der Norden sich noch hartnäckig gegen die Idee wehrt, dass Mafia und Konsorten nicht nur präsent, sondern inzwischen hier fest verwurzelt sind", sagt Roberto Galullo, Mafiaexperte der Zeitung "Il Sole 24 Ore".
Die Weigerung der Öffentlichkeit, sich mit dem Phänomen Mafia auseinanderzusetzen, mag einem einfachen Problem geschuldet sein: Mafia und 'Ndrangheta sind nahezu unsichtbar. Werden ihre Vertreter in Filmen gerne als ungehobelte Raufbolde mit Sonnenbrillen dargestellt, so tragen sie heutzutage häufig edle Anzüge und haben an Spitzen-Universitäten studiert. Anstelle der Metropolen bevorzugen sie die Provinz. Dort schaut keiner so genau hin, wer den Bürgermeister regelmäßig besucht. Es wird nicht wie im Kino geballert, sondern diskret zu Mittag gegessen.
 
Castano hat ein Faible für Kriminalgeschichten

Sedriano fällt in dieses Raster. Die Stadt liegt an der Autobahn Mailand–Turin, im sogenannten "Hinterland". Die Bahnstation findet sich im drei Kilometer entfernten Nachbarort Vittuone. Bürgermeister Celeste ist im Hauptberuf Religionslehrer. Im Umgang mit den Bürgern ist er freundlich und schnell beim Du.
 
Politik ist seine Leidenschaft, schon in den 80er-Jahren war er Bürgermeister. Man sagt ihm Ambitionen nach, die nationale Bühne Rom soll ihn locken. Celeste denkt groß. Er verfolgt einen ehrgeizigen Plan rund um die Villa Colombo, einem Prachtbau in der Stadt. Damit Sedriano die Villa kaufen kann, sollen Ackerflächen in Bauland umgewandelt werden und Hunderte neue Wohnungen entstehen. Wer an dem Projekt mitwirkt, kann gut verdienen.
 
Auftritt Eugenio Costantino, groß gewachsen und mit langer Haarmähne. Er ist Eigentümer eines Ladens für Goldankäufe. Er gehört den Christdemokraten an, genauer gesagt der "Democrazia Cristiana per le Autonomie". Bei den Wahlen 2009 verhalf sein Netzwerk Celeste zum Bürgermeisteramt. Augenscheinlich tut er das nicht völlig uneigennützig. Die Tochter Costantinos, Teresa, steht auf der Liste Celestes und zieht in das Gemeindeparlament ein. Viel politische Erfahrung hat die junge Dame nicht. In ihrem Lebenslauf gibt sie an, in der Mailänder Oper, im Teatro alla Scala, ein Praktikum gemacht zu haben.
 
Dieses Netzwerk wird durch die Lokalzeitung "Altomilanese" gestört. Jungredakteurin Castano hat einen Faible für Kriminalgeschichten. Die Studentin der Literaturwissenschaften schreibt für die Internetseite "Stampo Antimafioso", die sich mit Mafiaverbrechen in der Lombardei beschäftigt. Stundenlang sitzt Castano im Mailänder Gericht und folgt Prozessen.
 
Das Gelernte wendet sie in Sedriano an. Sie wittert überall das Übel. Sie berichtet über unbezahlte Wasser- und Gasrechnungen, über die Müllabfuhr, die nicht ausrückt, und über ein neues Einkaufszentrum, das bei den Händlern vor Ort Angst auslöst. Sie lauert Polizisten auf und befragt sie zu belegten Behindertenparkplätzen. Ab und zu schreibt sie über mysteriöse Schusswechsel, brennende Autos und Ungereimtheiten bei den Plänen rund um die Villa Colombo.
 
Ein Umschlag mit Patronenhülse in der Redaktion

Bürgermeister Celeste fühlt sich von ihr bedrängt. Er wendet sich an die Polizei und erwirkt, dass sich Castano ihm nicht mehr nähern darf. In der Redaktion geht ein anonymer Brief ein. In dem Umschlag befinden sich eine Patronenhülse und ein Zettel mit drei Wörtern: "Hört auf damit".
Dass Castano einen guten Riecher hat, zeigt sich im Herbst 2012.
 
 
Bürgermeister von Sedriano - Signore Celeste
 
 
Die Staatsanwaltschaft Mailand erwirkt Hausarrest gegen Celeste. Sie wirft ihm vor, sich von dem mutmaßlichen 'Ndrangheta-Emissär Costantino bestochen haben zu lassen. Er habe Celeste für einige Gefälligkeiten einen Senatorenposten in Rom angeboten, behaupten die Ermittler. Celeste weist alle Anschuldigungen zurück und kehrt wieder ins Rathaus zurück. Erst als eine Kommission den Fall untersucht und Italiens Innenminister Angelino Alfano die Zwangsverwaltung über die Stadt verhängt, muss er weichen.
 
Geschlagen gibt sich Celeste jedoch immer noch nicht. Am Telefon schimpft er über die Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren sei. "Absurd" seien die Vorwürfe, Sedriano sei anstandslos sauber. Costantino habe er nur für einen Christdemokraten gehalten. Einen Senatorenposten in Rom? Aufgrund des Wahlrechts könne da niemand mit Stimmenkauf helfen. Er werde vor das Verwaltungsgericht ziehen, kündigt er an. "Meine politische Karriere ist vorbei", sagt Celeste. Jetzt gehe es um seine Würde – und die will er verteidigen.
 
 
 

Montag, 28. Oktober 2013

Auftragsmord der Mafia in Velletri

Federico Di Meo wurde am Morgen des 24. September 2013 vor einem Supermarkt wenige Kilometer vor den Toren von Velletri regelrecht hingerichtet.


Federico Di Meo
 
Nach Ermittlungen der Polizei scheint es, dass ein Mann in dessen Haus angerufen hatte, weil er sich entschuldigen wollte. Als er auf die Straße trat, erwarteten ihn die Killer. Die beiden Mörder gaben von einem Motorrad aus sieben Schüsse ab und sind danach mit ihrer Enduro geflohen. Die Eltern des Opfers sind Besitzer eines Obst-Shop in Cisterna. Nun fahndet die Polizei mit Hilfe von Überwachungskameras auf den umliegenden Straßen nach Fotos der beiden Mörder.

Was steckt hinter dem Tod von Federico Di Meo, das fragen sie die Carabinieri. Spielschulden?  War es eine Abrechnung?  Steckte der junge Mann in Schwierigkeiten, weil er einem Drogenring angehörte?
Bereits vor zwei Jahren wurde der damals fünfzehnjährige Sohn der Familie auf abscheuliche Art und Weise hingerichtet. Man schnitt ihm die Zunge heraus und hängte ihn an einen Baum im Garten der Eltern.

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Der Pate von Solingen

In Deutschland scheint die italienische Mafia weit weg. Dass sie es nicht ist, zeigt das ausgezeichnete Radio-Feature „Kaufen statt töten“. Auf den Spuren der Cosa Nostra führt es vom Ruhrgebiet nach Sizilien - und wieder zurück.



Drogen und Heiligenbilder: Das Bild stammt aus der Nähe von Neapel. Experten sagen, dass die Mafia Geld aus kriminellen Geschäften bevorzugt in Deutschland wäscht.

Ein knappes Jahr Recherche im Ruhrgebiet und auf Sizilien - dann steht der Gesuchte plötzlich da, einfach so, mitten in Solingen. Und es ist keine angenehme Begegnung. Denn Francesco K., wie Christian Blees und Alessandro Alviani den Mann aus Sizilien in ihrem Radio-Feature über Mafia-Netzwerke in Deutschland nennen, handelt nicht nur illegal mit Waffen.

Er trägt auch meistens eine bei sich. In Italien wurde er wegen Drogenhandels zu 21 Jahren Haft verurteilt und ist doch auf freiem Fuß. K. pflegt engste Beziehungen zur Cosa Nostra; in Solingen und Umgebung hat er ein kleines Familienimperium aus Gastronomie, Elektrohandel und anderen Unternehmen aufgebaut. Der Verdacht, das dieses dazu dient, Geld aus kriminellen Geschäften zu waschen, ist erdrückend.

An diesem Tag im Mai 2013 ist viel los in Ohligs. Das Dürpelfest läuft. Und auf den Straßen feiern Tausende eine Party. Auf den Bühnen in der Fußgängerzone spielen Bands – doch einem Besucher ist an diesem Abend mit einem Mal gar nicht mehr zum Feiern zumute.
 
Der Besucher ist Hörfunkjournalist der ARD und hat in der zurückliegenden Zeit einem Mann hinterherrecherchiert, der einer der Paten der italienischen Drogenmafia sein soll. Der Radioreporter und ein Kollege vermuten, dass der Mann eine zentrale Figur dieses schwerkriminellen Milieus ist. In den Monaten zuvor haben die Journalisten bereits mit vielen Kennern der Szene gesprochen, haben sich in Italien mit Fahndern, Staatsanwälten und Zeugen getroffen, die aus Angst anonym bleiben wollen.
 
Christian Blees - Journalist
 
Immer wieder tauchte bei den Gesprächen der Name Solingen auf. Und jetzt, an diesem Abend im Mai, will sich der Radiomann einmal selbst ein Bild von der Szene in der Klingenstadt verschaffen, als plötzlich der mutmaßliche Mafioso vor ihm steht. Der Reporter beobachtet ein Lokal und eine Spielhölle, die der Mafia bisweilen als Drogenumschlagplätze dienen sollen. Da wird er von dem Verdächtigen angesprochen. "Mit misstrauischem Blick fragt er mich schroff und in akzentfreiem Deutsch, ob ich jemand suchen würde", erinnert sich der Journalist.
 
Der Reporter hat an besagtem Maitag mit einer Ausrede den Rückzug angetreten. Doch damit ist die Geschichte nicht am Ende. In ihrem Hörfunkbericht behaupten die Autoren Christian Blees und Alessandro Alviani, dass die Klingenstadt eine Mafia-Hochburg ist.
 
Tatsächlich ist der Mann, der im Zentrum der Recherchen steht, kein unbeschriebenes Blatt. Er wurde in Italien wegen Drogenhandels zu 21 Jahren Haft verurteilt, lebt aber inzwischen in Solingen. Das bestätigt auch die deutsche Polizei. Sie wisse, dass sich besagter Sizilianer inzwischen in der Klingenstadt aufhalte, sagt ein Sprecher. Man halte alles im Blick. Das Urteil sei allerdings noch nicht rechtskräftig. Und außerdem seien andere deutsche Behörden und die italienischen Kollegen zuständig.
 
Deren Vorwürfe wiegen schwer. Nach Recherchen der ARD-Journalisten soll der Sizilianer mit Wohnsitz Solingen schon in den 90ern von der Klingenstadt aus seine Drogengeschäfte betrieben haben. Heute, so die Vermutung, könnte der Mann mit Familienangehörigen und Komplizen über Strohmänner eine Reihe von kleinen Firmen betreiben, in denen das illegale Geld aus den Drogengeschäften "gewaschen" wird.
 
"Einträge in Unternehmensdatenbanken und Handelsregistern zeigen, dass sich die Familie im Raum Solingen offenbar ein kleines Firmenimperium aufgebaut hat", heißt es in der Radioreportage. Unter anderem sollen eine Leuchtenfirma, eine Schreinerei, ein Lebensmittelladen sowie Betriebe aus dem Kfz- und Baugewerbe zu der "Unternehmensgruppe" gehören.
 
Der Verdacht: Die Firmen haben einen Jahresumsatz von unter 500 000 Euro, so dass sie in Deutschland nicht der Buchhaltungspflicht unterliegen – ideale "Waschanlagen" also, um Geld aus schmutzigen Geschäften "sauber" zu bekommen. Eine Masche, die längst auch auf dem Schirm deutscher Ermittler ist. Die Autoren des Radiofeatures berichten davon, "im Zuge einer umfangreichen Polizei-Razzia gegen die italienische Baumafia" sei auch schon "ein Solinger Unternehmen durchsucht" worden.
 
Tatsächlich setzten die Ermittler unter Federführung von Kölner Polizei und Staatsanwaltschaft zu einem Schlag gegen die "Baumafia" an, der auch eine Firma in Solingen traf. Damals durchsuchten 400 Beamte in ganz NRW Wohnungen und Geschäftsräume. Der Vorwurf: Die Beschuldigten sollen Scheinfirmen gegründet haben, um Schwarzarbeit und Steuerstraftaten zu vertuschen.
 
In Solingen wurden seinerzeit vor allem Akten beschlagnahmt. Der Betroffene sei nur als Zeuge vernommen worden, sagte damals ein Sprecher der Kölner Polizei unserer Zeitung. An anderen Orten, an denen die Razzia stattfand, stießen die Fahnder hingegen auch auf Drogen.

„Kaufen statt töten“, so der Titel des knapp einstündigen Features, lässt Mafia-Experten, Ermittler und einen bedrohten italienischen Geschäftsmann davon erzählen, dass die italienische Mafia in Deutschland nur scheinbar weit weg ist. Davon, dass vor allem Cosa Nostra, Camorra und ’Ndrangheta Deutschland als Wirtschaftsstandort entdeckt haben, an dem sich bestens Geld investieren und damit legalisieren lässt - Experten gehen von Milliarden Euro pro Jahr aus.


Die deutsche Polizei kann nichts machen

Die Camorra-Morde von Duisburg 2007 waren vor diesem Hintergrund eher eine Art Betriebsunfall, denn normalerweise agiert die Mafia hierzulande lautlos. Wir erfahren, dass ihr traditionelles Geschäft, die Schutzgelderpressung, mitnichten tot ist, dass sich Unternehmen, die klein genug sind, um von der Buchführungspflicht befreit zu sein, bestens zur Geldwäsche eignen, und hören, dass den deutschen Behörden bei ihren Ermittlungen viel engere Grenzen gesetzt sind als den italienischen.
Dafür wird in Italien ein Gerichtsurteil erst in dritter Instanz rechtskräftig. Was bedeutet, dass ein in erster Instanz Verurteilter - wie dieser ominöse Francesco K. - freikommt, wenn nach dem ersten Urteil das Verfahren nicht fristgerecht weitergeht.

Das alles ist an sich schon erstaunlich genug, doch die bemerkenswerteste Geschichte des Features, das bewusst nüchtern daherkommt, statt Spannung aufzubauen, ist eine andere: Nämlich die, wie vergleichsweise leicht es ist, ein Netzwerk organisierter Kriminalität sichtbar zu machen - und dass die deutsche Polizei doch nichts machen kann. Die Begegnung mit K., dem Mann, bei dem die Fäden zusammenlaufen, dauert nur Sekunden. „Suchen Sie jemanden?“, fragt er den Rechercheur vor seiner Pizzeria im Vorbeigehen. Und lässt ihn wie paralysiert zurück.

(siehe auch Artikel zuvor)
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Wieder schlägt die Mafia zu...

In einem Auto am Stadtrand von Marsala in der Provinz Trapani wurde vorgestern die Leiche eines Mannes gefunden. Bei dem Opfer handelt es sich um den 67jährigen  Baldassarre Marino. Ganz offensichtlich wurde er von seinen Mördern in einen Hinterhalt gelockt und erschossen.


Baldassarre Marino

 
Marino war der Inhaber einer Betonfabrik. Die Polizei untersucht den Vorfall. Neben dem Auto, in dem das Opfer gefunden wurde, fanden die Ermittler einen in Papier eingewickelten Fisch, ein deutliches Erkennungszeichen der Mafia. Das Opfer wurde durch mindestens 25 Schüsse in Beine und Körper getroffen. Scheinbar wollte das Opfer zuerst fliehen, als es den Hinterhalt bemerkte. Angeschossen schleppte er sich noch etwa Hundert Meter weiter, als ihn seine Häscher buchstäblich massakrierten.

Das Opfer allerdings war Polizeibekannt und durch Geldwäsche und Mord mehrfach angeklagt, jedoch nie für diese Taten nie verurteilt worden. Carabinieri sind davon überzeugt, dass Baldassarre Marino Mitglied der Cosa Nostra war. Allerdings hatte Baldassare Marino mehrere Vorstrafen wegen Drogenbesitz. Im Jahr 1995 wurde er für den Anbau von Cannabis verhaftet und später freigesprochen. Kurz zuvor war schon dessen Bruder Marino mit einer Schrotflinte eliminiert worden.

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Sonntag, 27. Oktober 2013

Das große Mafia-Feature / Kaufen statt töten

Von Christian Blees und Alessandro Alviani
 
Ab 23. Oktober im Radio und zum Herunterladen!
 
Die italienische Mafia ist längst in der deutschen Gesellschaft verankert. Durch die Morde von Duisburg im August 2007, bei denen sechs Menschen ums Leben kamen, wurde dies weiten Kreisen der Bevölkerung erstmals bewusst. Doch weil neue Gewalttaten ausblieben, war es mit der allgemeinen Aufmerksamkeit schnell wieder vorbei. So konnte die Bundesrepublik in den vergangenen Jahren unbemerkt zu einem Paradies für Geldwäscher werden. "80 Prozent der Gewinne gehen nach Deutschland", schätzt der italienische Staatsanwalt Raffaele Mazzotta. Eisdielen, Pizzerien und Maklerbüros waschen Millionenbeträge und deutsche Strohmänner arbeiten in seriös erscheinenden Unternehmen.
 
Das Feature begibt sich auf Spurensuche und zeigt, wie die Mafia hierzulande im Verborgenen agiert.

Freitag, 25. Oktober 2013

Killerkommandos der Camorra in Scampia verhaftet / VIDEO der Carabinieri

Leser mögen sich beim Betrachten der Videos nicht durch die Musikuntermalung irritieren lassen. Sie entspricht der Stimmungs-Ohnmacht in diesem Milieu.

Männer bewachen mit Waffen die Haustür, in der ihre Bosse diskutieren und verhandeln. Kids stehen mit gezogenen Waffen Wache vor einem Hochhaus oder auf einer Terrasse . Unwirkliche Bilder, die nicht aus Syrien stammen oder gar aus einem Bürgerkrieg zerrütteter Länderr wie Irak oder Afghanistan. Wir sind hier in  in Neapel, in Scampia und Secondigliano, Bezirke, die von den mächtigen Picciotti- Vannella- und Grassi-Clans kontrolliert werden.

Für die Polizei der Provinz von Neapel sind diese Camorristi im Fokus, sie stehen im Krieg mit Drogenhändlern, gedungenen Killern, gefährlichen Mördern und Schlägertrupps. Mörder, die blutig durch die Straßen nördlich von Neapel ziehen und töten, sobald sich jemand der Tür nähert, die sie bewachen. Es gibt keine Hoffnung für Menschen in der Nachbarschaft, vielmehr ist das für sie Normalität.





Der Staat hat gehandelt. Diese Männer landeten im Gefängnis aufgrund von geheimen oder gut  versteckten Videoüberwachungssystemen. Diese Enklaven der Camorra wurden unter äußerst mühsamen und zum Teil unter sehr gefährlichen Bedingungen installiert, um kriegführende Clans zu infiltrieren. In dieser Nacht wurden 14 Personen verhaftet. Sie werden Gelegenheit haben, im Gefängnis für eine lange Zeit zu reflektieren ...

Richter Dino Flori hat die vorläufige Festnahmen bereits bestätigt. Die Waffen wurden beschlagnahmt und werden nun darauf untersucht, damit Morde begangen wurden und unter welchen Umständen sie in die Hände der Täter gelangt sind. Am Montag kommen die Minister Annamaria Cancellieri und Paola Severino nach Neapel, um eine Bestandsaufnahme aufzunehmen, wie weit der Kampf gegen die Camorra und der Justiz die Fähigkeit gediehen ist.

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Camorra-Clan ausgehoben / VIDEO

Im Rahmen einer Großfahndung in Mondragone wurde gegen 9 Camorristi Haftbefehl erlassen. Ihnen werden Morde, Erpressung , Drogenhandel, Einschüchterung mit Schäden, Geldwäsche und Waffenhandel vorgeworfen. Die Überwachung des Camorra-Clans begann bereits im Oktober 2011 und führte durch Lauschangriffe und direkte Kontrollen jetzt endlich zum Erfolg. Abhörprotokolle, wichtige Indizien und Kamera-Aufzeichnungen konnten hinzugezogen werden, um die Täter ihrer schweren Straftaten zu überführen.  

In den letzten beiden Jahren terrorisierten schwer bewaffnete Täter die Stadt Mondragon in der Provinz Caserta. Sie waren Mitglieder eines gefährlichen Camorra-Clans, die stets mit schweren Motorrädern überfallartig über sich gegen Schutzgeld-Erpressungen wehrende Firmen-Inhaber, Restaurantbesitzer, oder Geschäftsführer von Ladengeschäften herfielen, sie ausraubten oder einfach umbrachten.





 
Der Schwerpunkt allerdings lag im Drogengeschäft und Waffenschmuggel. Als mehrere bewaffnete Täter abermals eine "Strafexpeditionen" in der Gemeinde Mondragone durchführten, schlug die Anti-Mafia-Einheit DIA zu.  Die Täter drangen in eine Bar ein, feuerten dort mehrere Schüsse ab und zerstörten das Inventar.

Bei Hausdurchsuchungen fanden die Beamten Maschinengewehre, Schrotflinten, Pistolen - sowie diverse Munition. Außerdem wurde eine Bargeldsumme von 1,5 Millionen Euro beschlagnahmt.

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Bruder des Camorra-Bosses "Sandokan" verhaftet

Italienische Sicherheitskräfte haben am Donnerstag den prominenten Camorra-Chef Antonio Schiavone verhaftet. Der Bruder des als "Sandokan" bekannten Bosses Francesco Schiavone gilt als "Pate" des einflussreichen Clans Casalesi, der die illegalen Geschäfte im Großraum Neapel kontrolliert. Der Kriminelle wurde unweit seiner Wohnung in Giugliano bei Neapel festgenommen, teilte die Polizei mit.


Antonio Schiavone

Er wird eines Mordes im Jahr 1991 im Rahmen einer Fehde zwischen rivalisierenden Camorra-Clans beschuldigt. Vier Söhne von "Sandokan" befinden sich bereits wegen verschiedenen Delikten hinter Gittern. Einem Sohn Schiavones, Nicola, wird unter anderem dreifacher Mord vorgeworfen. Die Polizei bezeichnete die Verhaftung Antonio Schiavones als schwerer Schlag für den Casalesi-Clan.

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Schiesserei unter Mafia-Frauen forderte drei Tote


Rom - Bei einer Schießerei zwischen Frauen zweier verfeindeter Mafia-Clans sind in Italien drei Menschen ums Leben gekommen. Zu dem Feuergefecht sei es bei Lauro nördlich von Neapel gekommen, wie italienische Medien berichteten

Von zwei Autos aus hätten die Frauen gestern Abend während einer wilden Verfolgungsjagd durch das Dorf aufeinander geschossen. Passanten seien in Panik geraten und hätten sich in Sicherheit gebracht, hieß es.

«Die Szenen erinnerten an einen Gangsterfilm über das Chicago der 20er Jahre», schreibt die «La Stampa». Neben einer 16-Jährigen seien auch zwei Frauen im Alter von 51 und 53 Jahren getötet worden.





Die drei Frauen gehörten der Familie Cava an, die sich seit gut 20 Jahren mit der verfeindeten Familie Graziano einen blutigen Kampf um die Kontrolle über das Gebiet um Lauro liefere. Beide Familien gehören der Camorra an, der Mafia-Organisation im Umland von Neapel.

Vier weitere Frauen seien verletzt worden, teilte die Polizei mit; Außerdem erlitt Clanoberhaupt Luigi Salvatore Graziano Verletzungen.

Es war noch unklar, wer das Feuergefecht begonnen hat. Es stehe jedoch außer Frage, dass es sich um eine Schießerei unter Frauen gehandelt habe, hieß es. Nach dem «Ehrenkodex» der Mafia eröffneten Männer niemals das Feuer auf Frauen.
 
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Im Bett mit dem Tod

Die Macht der Mafia erstreckt sich auch auf Liebe und Sex. Die Frauen der Bosse leben nach einem archaischen Ehrenkodex. Wer ihn verletzt, dem droht ein schreckliches Schicksal.


Veronica Carotenuto im Polizeiauto. Sie wurde verhaftet, da sie als führendes Mitglied des neapolitanischen Clans Terracciano-Artistico-Orefice gilt.


Im Land des Verbrechens Frau zu sein ist heikel. Es gelten vertrackte Regeln, eherne Bräuche, unlösbare Bande. Dort, wo die Mafia regiert, sind Frauen einem starren, unverbrüchlichen Verhaltenskodex unterworfen, der sie zu einem riskanten Balanceakt zwischen Fortschrittlichkeit und Tradition, zwischen moralischen Zwängen und grenzenloser Kaltschnäuzigkeit in Geschäftsdingen nötigt. Sie dürfen Mordaufträge erteilen, aber keinesfalls fremdgehen oder ihren Mann verlassen. Sie dürfen nach Belieben in ganze Branchen investieren, aber sich bloß nicht schminken, wenn ihr Mann hinter Gittern ist.

Während der Mafiaprozesse sieht man die Frauen häufig dicht zusammengedrängt im Zuschauerraum sitzen und den Angeklagten in ihren Stahlkäfigen Kusshände zuwerfen oder ihnen zuwinken. Es sind deren Ehefrauen, auch wenn sie aussehen wie deren Mütter. Sich gut zu kleiden, Nagellack und Make-up zu tragen, während der Ehemann sitzt, bedeutet, dass man es für andere tut. Sich die Haare zu färben kommt einem Untreuegeständnis gleich. Die Frau existiert nur des Mannes halber. Ohne ihn ist sie ein lebloses Ding. Eine halbe Sache.


Deshalb ihre Nachlässigkeit, kaum ist der Mann im Gefängnis. Es ist ein Zeichen der Treue, zumindest bei einigen Clans des kampanischen Hinterlandes, bei Teilen der ’Ndrangheta (der kalabrischen Mafia) sowie bei einigen Familien der Cosa Nostra (Sizilien). Ist sie dagegen schick zurechtgemacht, adrett und geschminkt, dann ist ihr Mann nicht weit und frei. Er befiehlt. Und seine Frau trägt dies zur Schau: Ihr Aussehen ist Ausdruck seiner Macht. Oft allerdings sind es gerade die bis zur Unsichtbarkeit ungepflegten Frauen der inhaftierten Bosse, die stellvertretend das Sagen haben.

Im Land des Verbrechens teilen alle Frauen ein ähnliches Schicksal, egal, ob ihre Geschichte tragisch verläuft oder es ihnen gelingt, sich in einem leidlich normalen Leben über Wasser zu halten. Meistens kennen sich Mann und Frau von Kindheit an und heiraten zwischen zwanzig und fünfundzwanzig. Es ist einfach üblich, das Mädchen zu ehelichen, das man schon von klein auf kennt, es ist die sicherste Gewähr für ihre Jungfräulichkeit.

Der Mann allerdings darf Gespielinnen haben, nur Ausländerinnen müssen es sein, das haben die Frauen in den vergangenen Jahren durchsetzen können: Russen, Polinnen, Rumäninnen, Moldawierinnen – in ihren Augen Frauen zweiter Klasse und nicht in der Lage, eine Familie zu gründen, Kinder richtig zu erziehen. Ein Verhältnis mit einer Italienerin oder gar mit einer Frau aus dem eigenen Dorf hingegen würde alles untergraben und gehört bestraft.


»Niemals unter einer Frau liegen«, lautet eine Mafia-Lebensregel

Bei der Erziehung ist Sexualität ein prägendes Element. »Niemals unter einer Frau«, lautet die Maxime. Wer beim Sex unten liegt, lässt sich auch sonst unterbuttern. »Niemals Oralverkehr.« Sich als Mann oral befriedigen zu lassen, ist in Ordnung, es bei einer Frau zu tun, »hündisch«. »Werde niemals jemandes Hund«, lautet eine alte Parole, an die sich bis heute ein Großteil selbst der jüngeren Gefolgschaft hält. Außerhalb Italiens herrschen noch strengere Gesetze.

Oraler Sex ist grundsätzlich verboten, den After einer Frau zu berühren und Analverkehr zu haben ebenso. All das gilt als schmutzig, als schwul. Sex muss etwas Kraftvolles, Männliches und vor allem Sauberes sein. Ohne Küsse. Die Zunge braucht man zum Trinken, für etwas anderes gibt ein echter Kerl sie nicht her.

Die Anhänger der Clans sind geradezu besessen davon, ihre Männlichkeit zu beweisen, und so wird die strenge Einhaltung dieses Sexualkodexes zu einer rituellen Demonstration ihrer Macht. Er gilt in fast allen Hoheitsgebieten der ’Ndrangheta, der Camorra (Neapel), der Mafia und der »Sacra corona unita« (Apulien) und ist fraglos mehr als das schlichte Indiz einer chauvinistischen Kultur. Kaum etwas macht deutlicher, wie allgegenwärtig die eisernen Regeln von Zugehörigkeit, Hierarchie, Macht und Territorialgewalt sind. Es ist eine Herrschaft über Leben und Tod, die auf Töten und Getötetwerden ruht – und wehe dem, der glaubt, er könne sich darüber hinwegsetzen.

Die Kontrolle des Geschlechtslebens spielt dabei eine fundamentale Rolle. Selbst beim Flirten markiert man sein Revier. Kommt man einer Frau näher, läuft man Gefahr, in feindliches Gebiet vorzudringen. 1994 wagte es Antonio Magliulo aus Casal di Principe, mit einem Mädchen anzubandeln, das mit einem Mann des Casalesi-Clans verschwägert und mit einem anderen Mitglied verlobt war. Magliulo überhäufte die junge Frau mit Geschenken, und da er offenbar ahnte, dass sie über den zukünftigen Gatten nicht überglücklich war, ließ er nicht locker: Pralinen am Valentinstag, eine Fuchsstola zu Weihnachten, an normalen Tagen passte er sie vor ihrem Arbeitsplatz ab.


Antonio Magliulo


Eines Sommertages bestellten ihn ein paar Männer des Casalesi-Clans zu einer Aussprache. Sie ließen ihn gar nicht erst zu Wort kommen, sondern zogen ihm einen mit Nägeln gespickten Knüppel über den Schädel, fesselten ihn und fingen an, ihm Sand in Mund und Nase zu stopfen. Je mehr er hinunterschluckte, um nach Luft zu schnappen, desto mehr würgten sie ihm rein. Schließlich betonierte ihm der Brei aus Sand und Speichel die Kehle zu, und er erstickte. Er wurde hingerichtet, weil er sich an ein Mädchen herangemacht hatte, das mit einem führenden Mitglied verwandt und bereits versprochen war.


Sieben Jahre lang muss eine Witwe enthaltsam bleiben

Flirten, sich treffen, eine Nacht miteinander verbringen bedeutet Stress, Risiko, Verantwortung. Valentino Galati war neunzehn, als er am 26. Dezember 2006 in Filadelfia, in der Provinz Vibo Valentia, verschwand. Valentino stand dem ’Ndrina genannten örtlichen Familienclan nahe. Er trat der ’Ndrangheta bei und arbeitete für den Boss Rocco Anello. Als dieser wegen organisierter Erpressung im Knast landet (beim Bau eines kleinen Gleisabschnittes hatte ihm jedes beteiligte Unternehmen 50 Euro pro Kilometer zahlen müssen), ist seine Frau Angela Bartucca verstärkt auf die Unterstützung durch die ’Ndrina angewiesen. Einkaufen, putzen, die Kinder zur Schule bringen. Valentino wird bevorzugt in Anspruch genommen.

Rocco Anello

Leise und fast selbstverständlich entwickelt sich zwischen den beiden eine Beziehung. Ihn zu bestrafen ist unumgänglich, und als er eines Tages wie vom Erdboden verschluckt ist, wundert sich niemand im Dorf. Er hatte eine Affäre mit der Frau des Bosses, also musste er mit dem Leben bezahlen. In den Zeitungen erschien Angela Bartucca als eine Art Femme fatale, deren Verführungskünste sogar die Angst vor dem Tod vergessen lassen. Eine Frau, deren Liebe einem Todesurteil gleichkommt. Doch danach sieht sie gar nicht aus. Ihr Bild zeigt ein nettes Mädchen, dessen einzige Schuld darin bestand, Spaß haben zu wollen.

Ist der Mann hinter Gittern, bedeutet das für die Mafiafrauen totale Enthaltsamkeit. Nur wenn ein älterer Boss mit einer jungen Frau verheiratet ist und eine lange Haftstrafe verbüßen muss, kann er ihr gestatten, sich eine Art Ersatzmann zu nehmen. Vorzugsweise ist dies der Dorfpfarrer oder, wenn der nicht verfügbar ist, ein Bruder, Cousin oder sonst irgendein Verwandter. Niemals ein Mitglied, das nicht blutsverwandt ist und dem die Beziehung womöglich derart zu Kopf steigt, dass er den Gatten von seinem Platz verdrängt.

Viele Frauen, selbst die ganz jungen, sind schwarz gekleidet, und das fast andauernd. Trauer um einen ermordeten Mann. Trauer um einen ermordeten Bruder, Neffen, Nachbarn. Trauer, weil der Mann einer Arbeitskollegin, der Sohn eines entfernten Verwandten umgebracht wurde. Und so gibt es immer einen Grund, Trauer anzulegen. Darunter trägt man Rot. Die alten Frauen trugen rote Mieder, um an das Blut zu mahnen, das gerächt werden musste, die jungen tragen rote Dessous. Es ist die stetige Erinnerung an das Blut, das im Schmerz lebendig bleibt, und das Schwarz bringt die erschreckend intime Farbe der Rache noch stärker zum Leuchten.

Im Land des Verbrechens Witwe zu werden bedeutet, seine Identität als Frau fast gänzlich zu verlieren und nur noch als Mutter zu existieren. Möchte eine Witwe wieder heiraten, braucht sie dazu die Erlaubnis ihrer Söhne. Sie darf nur einen Mann ehelichen, der innerhalb der Mafiahierarchie mit dem Verstorbenen mindestens gleichauf ist, und das ohnehin erst nach sieben Jahren sexueller Enthaltsamkeit und strenger Einhaltung der Trauer. Die Witwenzeit entspricht der Dauer, die die Seele nach ländlichem Glauben für ihre Reise ins Jenseits braucht.

Man wartet, bis sie dort angekommen ist, damit sie nicht mit ansehen muss, wie sie mit einem anderen »betrogen« wird. Der charismatische Boss von San Cipriano d’Aversa, Antonio Bardellino, wollte die Witwen von diesen mittelalterlichen Zwängen und dem oktroyierten Schmerz befreien. Viele im Dorf hören Don Antonio noch sagen: »Ins Paradies braucht man sieben Jahre, aber wir wollen woandershin, und da ist man wesentlich flotter, nämlich in einer Nacht.« Doch dann wurde Bardellino ermordet, der Schiavone-Clan kam an die Macht, und es galten wieder die alten Regeln.


Antonio Bardellino

Im August 1993 wurde Paola Stroffolino mit einem Liebhaber ertappt. Sie war die Frau des einflussreichen Bosses Alberto Beneduce, eines der Ersten, der die Küste um Caserta direkt mit Koks und Heroin versorgte. Nach seiner Ermordung hatte sie sich nicht an die sieben Jahre Witwenzeit gehalten. Der Clan entschied, ihr ungebührliches Verhalten nicht durchgehen zu lassen. So wurde für die Bestrafung ein enger Freund angeheuert. Unter dem Vorwand, mit ihnen den ersten Mozzarella des Sommers verkosten zu wollen, lud er das Pärchen in einen Gutshof nach Villa Literno ein.

Die beiden wurden mit einem einzigen Kopfschuss hingerichtet. Mehr war für zwei Verräter und Ehrbesudeler nicht drin. Dann wurden die Leichen in einen tiefen Brunnen geworfen. Die Witwe eines Bosses ist unantastbar, doch wenn ein anderer Mann sie befleckt, ist es mit ihrem Status dahin. Die Kronzeugen erklärten vor Gericht: »Bei uns ist ficken schlimmer als morden. Besser, man bringt die Frau eines Bosses um. Da hat man zumindest die Chance, begnadigt zu werden, aber wenn man sie fickt, ist man tot.« Sich lieben, miteinander schlafen, sich küssen, beschenken, einander zulächeln, des anderen Hand berühren, eine Frau verführen oder von ihr verführt werden kann ein fataler Schritt sein. Der gefährlichste überhaupt. Der letzte. Wo Unerbittlichkeit Gesetz ist, werden Gefühle und Leidenschaft, die sich an keinerlei Regeln halten, mehr als alles andere mit dem Tod bezahlt.

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Dienstag, 22. Oktober 2013

Ein Paradies für Ratten in Palermo

Die Camorra entsorgt in der fruchtbaren Ebene vor Neapel seit Jahrzehnten illegal Giftmüll. Tausende von Hektar sind auf Dauer verseucht.
Man kennt die Müllberge aus Neapel und anderen italienischen Städten, zurzeit versinkt Palermo im Müll. Vetternwirtschaft, Korruption, auch die Mafia haben das Müllproblem Italiens mit verursacht. Sogar Gift- und radioaktive Abfälle wurden achtlos entsorgt.




 
Viale Strasburgo, nördliche Vorstadt der sizilianischen Hauptstadt Palermo. Riesige Müllhaufen zieren den Straßenrand.

"Schauen sie sich das an, widerlich ist das, ein Paradies für Ratten. Der Bürgermeister sollte sich das mal ansehen. Ich jedenfalls schäme mich, ein Bürger von Palermo zu sein."

Irgendwann kommt dann endlich ein Lastwagen, begleitet von einem Schaufelbagger. Anders sind die Berge gar nicht zu beseitigen.

"Wir haben leider Probleme in unserer Müllkippe, nach und nach kriegen wir das schon wieder in Ordnung, und dann wird auch die Müllabfuhr wieder funktionieren."

Das bekommen die Bürger seit Jahren alle paar Wochen zu hören. Die Müllabfuhr in Sizilien hat in den vergangenen zehn Jahren kaum funktioniert. Die bisherigen Müllunternehmen in den Provinzen waren eher eine Brutstätte für Vetternwirtschaft, in der unzählige Mitarbeiter angestellt wurden, die einen Schuldenberg von einer Milliarde Euro verursachten, statt die Müllberge zu beseitigen. Ab Ende September sind nun wieder die einzelnen Gemeinden für die Müllabfuhr verantwortlich, doch die sind darauf vollkommen unvorbereitet. Das Müllchaos in Palermo und anderen Städten ist vorprogrammiert. Verhältnisse, die man bisher nur von Neapel gewöhnt war. Dort ist wenigstens mittlerweile wenigstens die Innenstadt wieder sauber - nach Jahren des Müllchaos. Der Verdienst zahlreicher Müllpolizisten.

"Leider müssen wir immer wieder feststellen, dass sich die Leute einfach nicht an die Vorschriften halten, sie stellen den Müll verbotenerweise raus."

Damit er nicht den ganzen Tag auf der Straße liegt, darf normaler Müll nur abends zwischen 20 und 22 Uhr in die Müllcontainer gebracht werden. Wer zur Unzeit erwischt wird, zahlt 160 Euro Strafe. Am eigentlichen Problem Neapels, dem Giftmüll vor den Toren der Stadt am Vulkan, ändern solche gesalzenen Strafen nichts. Seit Jahren kämpft der mutige Priester Don Maurizio Patriciello gegen die Camorra, die Giftmüll verklappt oder abfackelt und die Umwelt vergiftet.

"Schon seit langer Zeit können wir nachts keine Fenster mehr öffnen. Erst gestern Abend gab es hier einen Großbrand, schwarzer, stinkender Rauch stieg auf, der in den Lungen sticht. Bei uns sterben die Menschen häufiger an Krebs und Leukämie als sonst irgendwo. Letzte Woche habe ich eine Mutter von sieben Kindern beerdigt, nur 50 Jahre alt. Und im Nachbarort habe ich die Trauerfeier für Mariella zelebriert. Sie war erst 28."


Maurizio Patriciello
Die Camorra entsorgt in der fruchtbaren Ebene vor Neapel seit Jahrzehnten illegal Giftmüll. Tausende von Hektar sind auf Dauer verseucht. Wegen der Luft-und Wasserverschmutzung haben Neapels Vororte die höchsten Krebsraten in ganz Europa. Wir haben unser eigenes Land vergiftet, sagt Carmine Schiavone, ein abtrünniger Boss der Camorra, der jüngst in einem aufsehenerregenden Interview erklärte:


Carmine Schiavone

"Wir haben in die bis 18 Meter tiefen Sandgruben nördlich von Neapel unzählige Lastwagenladungen Giftmüll gekippt. Sogar radioaktives Material in Bleibehältern, die in der zwischen längst nicht mehr dicht sein dürften. Kein Wunder, dass die Leute alle an Krebs sterben."

Jahrzehnte lang haben Scheinfirmen der Mafia für billiges Geld die Beseitigung von Giftmüll besorgt. Vorzugsweise aus Norditalien und sogar aus dem Ausland.

"Firmen aus Pisa haben wir bedient und aus Verona, mit Ware sogar aus Deutschland, Österreich und Frankreich haben wir die Sandgruben nördlich von Neapel befüllt."

Seit vergangener Woche berät eine eigene Kommission des römischen Parlamentes über Lösungen der gigantischen Umweltverseuchung. Für viele Menschen, die tagtäglich mit dem Gift leben müssen, kommt die aber viel zu spät.

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Montag, 21. Oktober 2013

„Agro-Mafia“ verdient sich goldene Nase

Rom - Die in der italienischen Landwirtschaft und auf dem Ernährungssektor tätige „Agro-Mafia“ verdient sich mitten in der tiefen Krise des Landes eine goldene Nase. Um zwölf Prozent auf etwa 14 Milliarden Euro steigt der Gesamtumsatz im Bereich Lebensmittel, den das organisierte Verbrechen in diesem Jahr verglichen mit 2011 machen dürfte. Das geht aus einer am Samstag veröffentlichten Bilanz des Agrarverbandes Coldiretti hervor.


Italiens Wirtschaft liegt am Boden. Doch ein Zweig entgeht der Rezession:
Die „Agro-Mafia“ verdient auch in Krisenzeiten.

Damit kommt nahezu ein Siebentel des Umsatzes der Branche durch illegale Geschäfte herein. Die Clans profitieren dabei von den Folgen der Rezession in der krisengeschüttelten Wirtschaft. Betrug und Erpressung, falsche Etikettierungen und illegale Schlachtungen gehören zu den Methoden der vor allem im Süden des Landes aktiven „Agro-Mafia“.

Jetzt lenkt ein Einsatz der neapolitanischen Polizei erneut die Aufmerksamkeit auf die gesundheitsgefährdeten Geschäfte der Camorra: In sogenanntem Billigbrot fanden die Fahnder Holz, Reste von Nägeln und Farbe. Auch die hygienischen Bedingungen in den Bäckereien sollen prekär gewesen sein. So hätten einige Öfen im Freien in der Nähe von Nutztieren gestanden.




Insgesamt 17 illegale Bäckereien, die das Brot unter anderem an Supermärkte und Restaurants verkauften, seien geschlossen worden, berichtete "Il Mattino". Gegen 50 Tatverdächtige wird wegen Gesundheitsgefährdung und Verstoßes gegen Verkaufsbestimmungen ermittelt. Es wurden Bußgelder in Höhe von 40.000 Euro verhängt. Von den Kontrollen betroffen waren sowohl Straßenhändler, die ihre Ware unverpackt im dichtesten Verkehr anbieten, als auch die Produzenten des Brots, Zwischenhändler und Ladenbesitzer.

Es ist eine bekannte Methode der italienischen "Agro-Mafia", in ihren Bäckereien das Brot etwa durch die Beigabe von Holz kostengünstig zu strecken. Die beschlagnahmte Ware soll jetzt an den lokalen Zoo und Hundezwinger der Stadt abgegeben werden.
 
Die Untersuchung geht auch davon aus, dass in Italien rund 5000 Lokale und Restaurants in der Hand des organisierten Verbrechens sind, überwiegend über Strohmänner. Auch in Rom erregen immer wieder Berichte über immer stärker zunehmende kriminelle Elemente in der Gastronomie der Hauptstadt Aufsehen.
 
Dort kam es am Samstag indes zu einer Großdemonstration gegen die Sparpolitik. Zehntausende Menschen haben sich auf dem Platz vor der Lateranbasilika für einen Massenprotest versammelt. Die Demonstranten trugen Transparenten mit Slogans gegen die Arbeitslosigkeit und die soziale Ausgrenzung. „Wir haben Recht auf eine Zukunft“, war auf den Transparenten einiger Studentengruppen zu lesen. Italien ist mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 40 Prozent belastet. An der Protestkundgebung beteiligten sich auch Anarchisten und Umweltaktivisten, die sich gegen den Bau der Bahn-Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Turin und Lyon einsetzen.
 
Schärfste Sicherheitsvorkehrungen wurden im Vorfeld der Demonstration ergriffen. Am Samstag wurden in Rom neun Anarchisten, darunter einige Ausländer, festgenommen. Die Festnahmen erfolgten bei Kontrollen unweit des Wirtschaftsministeriums. Die Anarchisten mussten die Stadt verlassen, wie italienische Medien berichteten. Bei Kontrollen vor der Demonstration wurden Autos beschlagnahmt, in denen Ketten und Knüppeln gefunden wurden. Schon am Freitag waren fünf französische Anarchisten festgenommen und in ihre Heimat abgeschoben worden.

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Donnerstag, 17. Oktober 2013

Mafia-Jäger fassen Camorra-Boss

Spanischen und italienischen Mafia-Jägern ist ein Schlag gegen die neapolitanische Camorra geglückt: Sie nahmen in Andalusien den seit Jahren gesuchten Giuseppe Polverino fest. Der 53-Jährige war Herr über ein milliardenschweres illegales Imperium.

Der einflussreiche Mafia-Boss Giuseppe Polverino ist den Fahndern in Spanien ins Netz gegangen. Bei einem gemeinsamen Einsatz der italienischen Carabinieri und der spanischen Guardia Civil sei der 53-jährige Italiener am Dienstagabend in Jerez de la Frontera im Südwesten Spaniens gefasst worden, teilte die italienische Polizei am Mittwoch mit. Er habe einen gefälschten Personalausweis gezeigt, sei aber anhand seiner Fingerabdrücke identifiziert worden.



Giuseppe Polverino

Polverino war im Jahr 2006 untergetaucht und stand auf der Liste der gefährlichsten Kriminellen Italiens. Sein Clan ist im Raum Neapel ansässig, hat aber auch ein ausgedehntes Einflussgebiet in Norditalien und Spanien. Nach Angaben des Carabinieri-Sprechers verdiente der Polverino-Clan sein Geld vor allem mit dem Haschisch-Schmuggel von Spanien nach Italien. "Sie kontrollierten das Geschäft", sagte der Sprecher. Gemeinsam mit Polverino wurde ein weiterer Anführer seines Clans festgenommen.

 Im Mai vergangenen Jahres hatte die italienische Polizei Vermögen des Mafia-Clans im Gesamtwert von einer Milliarde Euro beschlagnahmt, darunter Bauunternehmen, Ländereien, Fleischereien und Bäckereien sowie Bankkonten, Luxusvillen und Autos.

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Balotelli sorgt in Neapel für nächsten Mafia-Eklat

Der italienische Skandal-Stürmer Mario Balotelli kommt nicht aus den Negativ-Schlagzeilen heraus. Im Anschluss an das Qualifikationsspiel zur Fußball-WM 2014 gegen Armenien (2:2) am Dienstag rastete der 23-Jährige Medienberichten zufolge am Flughafen von Neapel aus und geriet dabei mit einem Fan aneinander.




Spieler der Squadra Azzurra, die nach der Begegnung nach Mailand zurückfliegen wollten, trafen zu spät am Flughafen ein. Die Privatmaschine konnte nicht mehr starten, was Balotelli in Rage versetzte. Teamkollegen mussten angeblich eingreifen, um Balotelli von dem Fan zu trennen, der den Ausraster mit einer Fotokamera festhielt. Zeugen, die die Szene gefilmt hatten, sollen überzeugt worden sein, die Aufnahmen zu löschen.

Balotelli, der unbedingt noch am selben Abend Neapel verlassen wollte, ließ sich zum römischen Flughafen Fiumicino fahren. Auch von hier aus konnte er jedoch nicht nach Mailand zurückkehren und musste so in der italienischen Hauptstadt die Nacht verbringen.

Seit Tagen steht Balotelli im Kreuzfeuer der Kritik. Der Profi vom AC Mailand hatte sich am Wochenende per Twitter dagegen gewehrt, von der Gazzetta dello Sport als Symbol im Kampf gegen die Mafia bezeichnet zu werden. Dafür war er auch von Politikern scharf attackiert worden. Der Trainer der italienischen Nationalmannschaft, Cesare Prandelli, hatte daraufhin ein Twitter- und Facebook-Verbot für die Stars der Squadra Azzurra während der WM-Endrunde in Brasilien verhängt. Bei seiner Ankunft in Neapel hatte Balotelli außerdem einen Kameramann angegriffen.

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Mittwoch, 16. Oktober 2013

Camorra richtet Kronzeugen hin

Michele Orsi hatte mit der italienischen Justiz zusammengearbeitet. Dies wurde dem ehemaligen Mafioso nun zum Verhängnis - Camorra-Mitglieder haben den 47-Jährigen in Casal di Principe erschossen.

Im süditalienischen Casal di Principe ist der Mafia-Kronzeuge Michele Orsi auf offener Straße in dem Ort nahe Neapel erschossen worden. Italienischen Medienberichten zufolge war der 47-Jährige auf dem Weg in eine Bar im Zentrum, als ihn zwei unbekannte Männer mit mehreren Pistolenschüssen niederstreckten.




Michele Orsi, ein Unternehmer, hatte sich als ehemaliger Mafioso zur Zusammenarbeit mit der italienischen Justiz bereiterklärt und den Kriminalbeamten geholfen, die Tätigkeiten der Camorra im Rahmen des Müllskandals in Neapel aufzudecken.

Nach Informationen der Internetausgabe der italienischen Tageszeitung La Repubblica hätte Orsi, einer der ersten Kronzeugen der Verstrickung der Mafia in die Abfallwirtschaft, am Donnerstag noch einmal in einem Prozess zum Müllnotstand ausgesagt. Das konnte die Camorra nun verhindern. Bei den Unbekannten soll es sich um engagierte Profikiller des Casalesi-Clans handeln, benannt nach ihrer Herkunft aus Casal di Principe. Die Gruppierung ist eine der mächtigsten kriminellen Organisationen in Kampanien und eine der womöglich reichsten in ganz Italien. Unter anderem kontrollieren die Casalesi die Abfallwirtschaft in der Region.

Der für Anti-Mafia-Angelegenheiten zuständige Staatsanwalt Franco Roberti hält die Ermordnung Orsis für einen "neuen Höhepunkt in der Strategie der Casalesi, Subjekte aus dem Weg zu räumen, die im Kampf gegen die Clans kollaborieren".

Wie es bei La Repubblica weiter heißt, versuchte die Camorra bereits in den vergangenen Wochen, Orsi einzuschüchtern. Unter anderem hatten Unbekannte mehrmals auf seine Wohnungstür geschossen. Nach Angaben seines Rechtsanwalts wurden aber die Forderungen, Personenschutz für Orsi bereitzustellen, von der Polizei ignoriert.

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Dienstag, 15. Oktober 2013

Die Mafia gewinnt immer.... Ein bedrückender Bericht über das Wesen der Cosa Nostra

Morde an Politikern, Bombenanschläge auf Polizeistationen - im italienischen Wahlkampf demonstriert die Mafia mit archaischer Brutalität ihre Macht. Abgeordnete und Bürgermeister sind ihr zu Diensten, im Süden kontrolliert die Verbrecherorganisation rund ein Drittel der Wählerstimmen.

Paolo Arena war tot, und der Gemeinderat von Misterbianco gedachte des ermordeten Vorsitzenden der Democrazia Cristiana mit schwülstigen Lobreden.

Ein "Wohltäter der Stadt" sei der Mann gewesen, der vor seinem eigenen Amt gemeuchelt worden war, sagte einer der Ratsherren. Als "Märtyrer im Kampf gegen die Mafia" pries Nino Drago, christdemokratischer Potentat aus der benachbarten Großstadt Catania, den Toten.

Doch dann erhob sich langsam Antonino Di Guardo, Linksdemokrat und Ex-Bürgermeister der sizilianischen Kleinstadt am Fuß des Ätna. "Heuchler", sprach er in die unbehagliche Stille, "ihr wisst genauso gut wie ich, wer Paolo Arena war. Er hat in den vergangenen zehn Jahren die Kultur der Mafia in Misterbianco ausgesät. Er war eng mit dem Boß Pulvirenti aus Catania befreundet. Er hat den Mafiosi Tür und Tor bei uns geöffnet."


Paolo Arena

Niemand widersprach. "Es war fast unheimlich", erinnert sich Di Guardo heute an die Reaktion auf seinen pietätlosen Nachruf. "Am schlimmsten aber war, dass auch hinterher niemand zu mir kam, um zu sagen, recht hast du. So stark ist die Angst bei uns." Seit jener Gemeinderatssitzung im vergangenen Oktober wird Di Guardo täglich von einer bewaffneten Polizeieskorte in sein Büro begleitet.

Als Vorsitzender der Democrazia Cristiana (DC) war Arena der mächtigste Mann in Misterbianco gewesen; er hatte die Ämter verteilt, auf die es ankommt. Der Bürgermeister war sein Vasall, desgleichen der Schuldezernent und der Polizeichef. Das Amt für Wirtschaftsentwicklung hatte sich Arena selbst genehmigt. Dort kontrollierte er die Geldströme aus Rom. In wenigen Jahren hatte Arena den Ort, ein gesichtsloses Konglomerat meist illegal gebauter Wohnhäuser an der Peripherie von Catania, mit Milliardenprojekten aus öffentlichen Mitteln beglückt. Eine Mülldeponie für 13 umliegende Gemeinden wurde eingerichtet, dazu ein Methangaswerk gebaut, das für eine Großstadt gereicht hätte. Dummerweise wurde nur irgendwie das Zuleitungsnetz nicht fertig, so dass die Bewohner nach wie vor frieren müssen und das Gaswerk inzwischen vergammelt.

Die meisten dieser Großaufträge gingen ohne Ausschreibungen an völlig unbekannte Unternehmen, hinter denen, wie Di Guardo schnell herausfand, die bekanntesten Baulöwen Catanias steckten, deren Kumpanei mit der Mafia gerichtsnotorisch ist.

Die neue Mittelschule dagegen, gebaut in der kurzen Amtszeit Di Guardos von Februar bis März , wurde kurz nach ihrer Eröffnung eines Nachts in Brand gesteckt. Der Schuldezernent, ein Günstling Arenas, heuerte daraufhin einen Wachdienst an. Auch eine Reinigungsfirma wurde beauftragt, beides Unternehmen der "Ehrenwerten Gesellschaft". Deshalb kamen auch keine Putzfrauen, sondern kräftige Kerle, die nach und nach elektrische Schreibmaschinen, Computer, Fotokopiermaschinen aus der Schule wegschleppten. Der Dezernent ließ Ersatz anschaffen - zum Dreifachen des üblichen Preises, wiederum bei "Freunden von Freunden", der Mafia.

Weil die Justiz untätig blieb, alarmierte Di Guardo die Tageszeitung La Repubblica. Zwei Monate später, im Dezember 1991, löste ein Dekret aus Rom den Gemeinderat von Misterbianco auf: wegen "Infiltration durch die Mafia".

Dass Italiens Innenminister Vincenzo Scotti seit September vergangenen Jahres über dieses machtvolle Rechtsmittel verfügt, wird von den Regierungsparteien gern als Beweis dafür angeführt, wie ernst es dem Staat nunmehr damit sei, die Wurzeln der Mafia in den Kommunen des Südens auszureißen. Aber in knapp sechs Monaten hat Christdemokrat Scotti nur 26 Gemeinderäte aufgelöst, in kleinen, unbedeutenden Orten. Hunderte, wenn nicht Tausende müssten es sein, meinen Fachleute.
"Zu lange haben wir geglaubt, dass die Mafia ein Übel sei, das von außen bekämpft werden könnte. Jetzt wissen wir: Die Mafia steckt im Staat selbst drin", sagt Gerardo Chiaromonte, Präsident der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission.


Vincenzo Scotti

Der Eifer des Innenministers, der selbst aus Neapel stammt, hat jetzt, kurz vor den Parlamentswahlen am 5. April, merklich nachgelassen. Vor allem müsste Scotti, wie Chiaromonte meint, "höher zielen" - auf die großen Städte wie Catania, Neapel, Tarent oder Reggio di Calabria. Dessen Bürgermeister zum Beispiel hat öffentlich zugegeben, dass mindestens 15 Prozent der Mitglieder seines Stadtrates Mafiosi sind.

In den Schattenzonen, in denen Politiker und Mafiosi zu Komplizen werden, geschehen Untaten, die sich eindeutiger Interpretation entziehen - zum Beispiel der Mord an Salvo Lima vorletzte Woche, eine unerhörte Machtdemonstration der Mafia mitten im Wahlkampf. Lima, 64, Europaabgeordneter und Ex-Bürgermeister von Palermo, galt als wichtigster Verbündeter der Cosa Nostra in Sizilien.
Dutzende Male war sein Name in Untersuchungsdossiers aufgetaucht. Schon 1976 wurde er in einem parlamentarischen Bericht als einer der Männer angeführt, die "verantwortlich für die Verseuchung des politischen Systems durch die Mächte der Mafia" seien.

In seiner Amtszeit als Bürgermeister hatte Lima die Altstadt der sizilianischen Hauptstadt systematisch Bodenspekulanten und Bauunternehmern ausgeliefert. Sein enger Freund Vito Ciancimino, Dezernent für öffentliche Arbeiten, wurde Anfang dieses Jahres zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt; er gehörte, wie das Gericht nachwies, dem berüchtigten Clan der Corleonesi an.
Lima dagegen, dem "Unberührbaren der Unberührbaren", Prokonsul des DC-Ministerpräsidenten Giulio Andreotti auf Sizilien, konnte nie etwas nachgewiesen werden. "Nur sehr wenige wissen, was hinter dem Mord an Lima steckt", sagte ein sizilianischer Sozialist. "Alle anderen können nur raten."
Gleichwohl verweigerten wichtige Politiker, darunter Staatspräsident Cossiga, Innenminister Scotti und der Präsident der Christdemokraten, Ciriaco De Mita, dem Ermordeten die Ehre des letzten Geleits.


Salvo (Savatore) Lima


In der verschlungenen Redeweise, in die er seine Wahrheiten zu verpacken pflegt, hat Cossiga inzwischen klargestellt, dass er den Mord an Lima nicht für einen terroristischen "Anschlag gegen den Staat" halte. Das Verbrechen zeige vielmehr "die Fingerabdrücke der Mafia" und spiele in jenem Milieu, in dem es um die "Verlagerung großer Mengen von Wählerstimmen" gehe.

Damit umschrieb der Präsident euphemistisch den An- und Verkauf von Stimmen, einen Handel, der Politiker und Mafiosi in Süditalien seit Jahrzehnten miteinander verbindet. Die Mafia in all ihren Erscheinungsformen - Camorra in und um Neapel, Cosa Nostra auf Sizilien, 'Ndrangheta in Kalabrien oder die Sacra Corona Apuliens - ist, so schrieb das Wirtschaftsmagazin Il Mondo, im Süden Italiens zur "vierten Partei" geworden.

Nach Berechnungen von Experten, die Il Mondo befragte, kontrolliert die Mafia dort etwa vier Millionen Stimmen, das entspricht 35 Prozent des Wählerpotentials. Lokale Politiker, aber auch Abgeordnete im römischen Parlament sichern sich mit ihrer Hilfe den Fortbestand ihrer Macht; die Gegenleistung besteht meist darin, dem organisierten Verbrechen öffentliche Aufträge zuzuschanzen und die Mafia bei ihren schmutzigen Geschäften mit Drogen und Waffen zu decken.

So ermittelt der Staatsanwalt von Palmi in Kalabrien, der Ende vergangenen Jahres 60 Verdächtige wegen Drogen- und Waffenhandels verhaftete, auch gegen den sozialistischen Parlamentsabgeordneten Sandro Principe. Im Rahmen desselben Ermittlungsverfahrens muss sich der Sozialist Sisinio Zito, Mitglied des Senats in Rom, ebenfalls peinliche Fragen stellen lassen.
Trotz dieser amtlich bescheinigten Zweifel an ihrer Ehrbarkeit sind die beiden für die Wahlen am 5. April wieder aufgestellt worden - ein grober Verstoß gegen die von allen Parteien im vergangenen Frühjahr getroffene Vereinbarung, keine Kandidaten zuzulassen, die im Verdacht der Mafia-Kumpanei stehen.
 
 
Sandro Principe


In manchen Regionen und Gemeinden braucht die Mafia die Politiker gar nicht zu kaufen, sie entsendet ihre eigenen Leute direkt in die politischen Gremien. Bei den Regionalwahlen von 1990 gelangten in der Provinz Reggio di Calabria 8 von 13 gerichtsbekannten Mafiosi ins Provinzparlament; 53 Camorristi wurden Abgeordnete in der Provinz Neapel und sind es heute noch.

Zwar hat ein Volksentscheid im vergangenen Juni das komplizierte System der sogenannten Vorzugsstimmen abgeschafft, das für die Mafia ein ideales Instrument zur Manipulation war. Doch gezinkte Computerprogramme ermöglichen heute die gleiche, wenn nicht noch bessere Kontrolle über die Wählerstimmen. Zugleich wird dreist nach altmodischer Art geschummelt, weil die Mafia ihre Kollaborateure auch unter den Wahlaufsehern hat.

Der Einfluss der Mafia auf die Kommunalpolitik ist schon im vorigen Jahrhundert beklagt worden. Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Organisation zu einem gleichsam offiziellen Verbündeten konservativer italienischer Politik.

Den Erhalt ihrer Dauerherrschaft seit 1948 mit wechselnden Bündnispartnern konnte die Democrazia Cristiana immer mit der Notwendigkeit des Abwehrkampfes gegen den Kommunismus begründen - nach außen gegen den Ostblock, nach innen gegen die bedrohlich wachsende Macht der KPI. Da brauchten potentielle Helfer kein polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen. Den lokalen Vertretern der Regierungsparteien im Süden wuchs zudem ein ungeahntes, verlockendes Machtpotential zu, als in Rom die Entscheidung fiel, Armut und Unterentwicklung im Mezzogiorno mit viel Geld und gigantischen Programmen zu bekämpfen.

Auf diese Weise entstand, so beschrieb es die Soziologin Gabriella Gribaudi, eine Schicht von "parasitären Mittelsmännern", die davon lebten, das staatliche Geld aus Rom zum Nutzen der Parteipolitik unter die Leute zu bringen. So konnte sich das symbiotische Verhältnis zwischen Kommunalpolitikern und der Mafia bestens entwickeln. Diese trieb mit den ihr eigenen Methoden - Einschüchterung und Gewalt - die Wähler weg von den "falschen" Parteien, also den Kommunisten, hin zu den "richtigen", den Christdemokraten und deren Verbündeten.

Das erprobte Verfahren wird im Süden auch am 5. April wieder funktionieren. Zu wichtig sind die Gelder des Staates inzwischen für das organisierte Verbrechen geworden. Eine Untersuchung des Forschungsinstituts Censis kam kürzlich zu dem alarmierenden Schluss, dass die Mafia inzwischen fast genauso viel an öffentlichen Aufträgen verdient wie am Rauschgifthandel. Drogen bringen gut 20 Prozent aller Einnahmen; kaum weniger holt sich die Mafia aus staatlichen Mitteln, so die Schätzung von Censis.

Das Institut glaubt, dass sich die Mafia jährlich 5 Milliarden Euro vom Staat verschafft. Fachleute aus der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission halten Zahlen zwischen 25 und 30 Milliarden Euro für wesentlich realistischer. So elementare Einrichtungen wie Kanalisation, Müllabfuhr oder Trinkwasserversorgung sind in vielen Städten in der Hand der Mafia. Einen nicht minder großen Teil ihrer Einnahmen treibt die Mafia direkt vom Bürger ein: 80 Prozent aller Geschäfte, Bars und Restaurants im Süden und an die 40 Prozent im Norden zahlen Schutzgelder. Auf umgerechnet 15 Milliarden Euro werden die Einkünfte der Verbrecher aus dieser Branche geschätzt: 3 Milliarden alleine in Deutschland. Europäischer Rekord.

Wer sich weigert zu zahlen, wird bedroht - mit nächtlichen Anrufen etwa, die den Kindern des Widerspenstigen ein Leben im Rollstuhl verheißen, oder einer toten Ratte im Schulranzen des Sohnes als Warnung. Geschäftsleute müssen damit rechnen, dass ihnen der Laden in Brand gesteckt wird. Die Mafia setzt nach Schätzung des Mailänder Fabrikanten Piero Bassetti inzwischen etwa 144 Milliarden Euro im Jahr um, das entspricht zwölf Prozent des italienischen Bruttosozialprodukts.
Die Zahl der Morde hat sich, entgegen dem westeuropäischen Trend, in Italien seit 1996 fast verdoppelt. Mehr als die Hälfte der fast 3.600 Morde in den letzten zwei Jahren (2011) werden Killern der Mafia angelastet.

Der Staat streckt die Waffen. Justizminister Claudio Martelli bekundete im Fernsehen Verständnis für eine Frau, die zur Verteidigung gegen Schutzgelderpresser eine Waffe gekauft hatte: "Besser Wilder Westen als die Herrschaft der Mafia." Regelmäßig, als wollte sie demonstrieren, wer in Italien wirklich das Sagen hat, setzt die Mafia blutige Zeichen ihrer archaischen Brutalität. Aus der Chronik der jüngsten Vergangenheit:

Ein vierjähriger Junge wird abgeknallt, weil er das Gesicht des Mannes gesehen hat, der seinen Vater ermordete. Einem verräterischen Mafioso wird mit einem Schlachtermesser der Kopf abgetrennt. Dann werfen die Killer das blutige Haupt mitten auf dem Rathausplatz in die Luft und halten wie beim Tontaubenschießen mit ihren Gewehren drauf.

Im August 1991 wird Libero Grassi ermordet, ein Unternehmer aus Palermo. Er hatte die Gangster, die ihn erpreßten, angezeigt und leichtsinnigerweise auf Polizeischutz verzichtet. Rosario Livatino, ein junger Ermittlungsrichter, der gegen die Clans der sizilianischen Küstenstadt Trapani ermittelte, stirbt durch Schüsse unter einer Autobahnbrücke. Antonio Scopelliti, Staatsanwalt, wird von Killern der 'Ndrangheta in Kalabrien ermordet.
 
 
Libero Grassi

Anfang Januar dieses Jahres exekutierte die 'Ndrangheta im kalabrischen Lamezia Terme den Kommissar Salvatore Aversa und seine Frau. Aversa hatte den Waffen- und Drogenhandel untersucht, der offensichtlich von einigen Dunkelmännern im Rathaus gedeckt wurde. Einen Tag bevor in Palermo der dubiose Salvo Lima starb, ermordete die Camorra in der Nähe von Neapel den integren Sebastiano Corrado, Gemeinderat der Linksdemokraten, der seit 1987 die Infiltration der Mafia in den Apparat des öffentlichen Gesundheitsdienstes angeprangert hatte. Vor dem Friseurladen, vor dem Corrado verblutete, legten Bürger Blumen nieder. Kommandos der Camorra räumten sie ab.

Dass die Komplizenschaft zwischen staatlichen Autoritäten und der Mafia die Macht des Kraken erhält, ist gut dokumentiert. "Mafia als Methode" heißt ein im vergangenen Jahr erschienenes Buch von Nicola Tranfaglia, das die stille Kollaboration zwischen den Mächten der Öffentlichkeit und denen der Unterwelt darlegt.

In der italienischen Politik, so meint Tranfaglia, sei das Erbe des absolutistischen Staates aus der Zeit der spanischen Herrschaft über Süditalien noch heute lebendig. Gesetze würden willkürlich und eigennützig angewandt, um Freunde zu belohnen und Feinde zu strafen. Dieses System kennt keine Bürger, die Rechte haben, sondern nur Untertanen, die Beziehungen pflegen müssen, um zum Zug zu kommen. Macht ist ein Regelkreis, in dem die Vergabe von Vergünstigungen mit Unterstützung bezahlt wird, die wiederum die Macht erhält.

Nur selten werden diese engen Verbindungen aktenkundig. Standesamtlich belegt ist zum Beispiel, dass Calogero Mannino, heute DC-Minister für die Entwicklung des Mezzogiorno, Trauzeuge des Gerardo Caruano war - dessen Vater ein Boss des berüchtigten Caruano-Clans ist.
 
 
Calogero Mannino

"Politik in unseren Breiten hat zwei Voraussetzungen", sagt der Kommunalpolitiker Nino Di Guardo, "die Macht zu versprechen und die Macht zu bedrohen."

Reihenweise wurden aufrechte Staatsvertreter, die sich dem Willen der Mafia nicht beugen mochten, umgebracht: Piersanti Mattarella zum Beispiel, Präsident der Region Sizilien, ein Christdemokrat, dem Sympathie für den historischen Kompromiß zwischen DC und KPI nachgesagt wurde; Michele Reina, DC-Vorsitzender der Provinz Palermo, der ähnlich dachte wie Mattarella; oder 1982 Carabinieri-General Carlo Alberto Dalla Chiesa, der die allzu einvernehmlichen Beziehungen zwischen Gangstern und Catanias größten Bauunternehmern störte.

Alle diese Delikte blieben ungeahndet. Unter den Politikern Siziliens gab es sicher etliche, denen der Tod dieser Männer nicht unwillkommen war. Die Justiz hat nie mehr als Scheinsiege im Kampf gegen das organisierte Verbrechen erringen können. Einer davon war der spektakuläre Mammutprozess von Palermo: Ein Trupp von jungen, engagierten Juristen hatte 1985 mit Hilfe von Überläufern, den "pentiti", nach jahrelangen Recherchen Anklage gegen 474 Mitglieder der sizilianischen Mafia erhoben.

1987 wurden 19 Bosse zu lebenslanger Haft, andere Angeklagte zu insgesamt 2665 Jahren verurteilt. Aber in den folgenden Jahren hob das Revisionsgericht unter dem erzkonservativen Richter Corrado Carnevale die meisten Urteile wieder auf. Das Team der kämpferischen Ermittlungsrichter wurde aufgelöst, die Verbrecher wurden in die Freiheit entlassen. Diejenigen, die in Haft bleiben mussten, verschönerten sich durch ärztliche Atteste ihren Aufenthalt in öffentlichen Krankenhäusern oder Sanatorien, aus denen sie ihre Geschäfte ungestört weitertreiben konnten.

Ein sensationelles Urteil des Obersten Kassationsgerichts hat freilich im Januar die seltsamen Entscheidungen des Richters Carnevale wieder aufgehoben - jetzt muss der Mammutprozess noch einmal von vorn geführt werden. Die Aussicht auf einen Sieg des Rechts ist gering. Die hoffnungslos unterbesetzte Justiz kann vermutlich nicht einmal die von der Strafprozessordnung festgelegten Fristen einhalten.

In einem Land, dessen größtes inneres Problem das organisierte Verbrechen geworden ist, muss sich die Justiz mit 0,7 Prozent des Etats zufriedengeben. Staatsanwälte tippen zuweilen eigenhändig ihre Anklageschriften auf altertümlichen Schreibmaschinen, weil Schreibkräfte fehlen. Da die Justiz ihre Aufgaben nicht bewältigen kann, muss sie Tausende Mafiosi freilassen, die bereits in erster oder zweiter Instanz verurteilt worden sind.

Während die Mafia ihre Verbrechen vervielfacht und hohe Wachstumsraten erzielt, wird immer weniger gegen sie ermittelt. 1986 wurden 2586 Verfahren eingeleitet, 1989 waren es nur noch 619. "Ihr Herren an der Macht", schrieb kürzlich der Kolumnist Giorgio Bocca, "vielleicht habt ihr es nicht gemerkt, aber die Zahlen sind eindeutig: Die Mafia gewinnt immer."

Die wirtschaftliche Not, die Arbeitslosigkeit im Süden, die über 20 Prozent beträgt, fünfmal soviel wie im Norden - dies alles schafft der Mafia eine Reservearmee, die mit jedem Jungen, der ohne Aussicht auf einen Job die Schule verlässt, weiter wächst. Firmen der Camorra errichteten die skandalös unzulänglichen Baracken, in denen Obdachlose nach dem Erdbeben von 1980 in den Regionen Kampanien und Basilikata jahrelang hausen mussten. Die Camorra, so ermittelte eine parlamentarische Untersuchungskommission, beherrschte auch den Tiefbau, die Zementproduktion, den Straßen- und den Wohnungsbau in den Erdbebenregionen.

Was dabei entstand, war überwiegend unbrauchbarer Schrott zu horrenden Preisen. Zugleich aber schuf die Mafia auf diese Weise Tausende von Arbeitsplätzen. Kein Wunder also, dass 1996 Bauarbeiter in Palermo auf die Straße gingen: "Wir wollen die Mafia, mit ihr haben wir Arbeit, ohne sie nicht", hieß es auf einem der Transparente.

Längst ist freilich das düstere italienische Drama nicht mehr auf die unterentwickelten Regionen des Südens beschränkt. Seit langem hat sich das organisierte Verbrechen auch im wohlhabenden Norden Italiens etabliert. Ein 1965 erlassenes Gesetz ermöglichte die Verbannung von Mafia-Bossen aus ihren südlichen Heimatgefilden - und verteilte sie derart wie Krebszellen über ganz Italien.
In allen großen Städten des Nordens, von Turin über Genua bis nach Mailand, sind heute die Verbrecherfamilien des Mezzogiorno vertreten. Wie im Süden haben sie ihre Territorien abgesteckt, Verbindungen zu den Mächtigen in Industrie und Handel geknüpft.

Zum Symbol für die Verflechtungen von Politik und Mafia im Norden ist der Prozeß über die "Duomo-Connection" geworden, der derzeit in Mailand läuft. Hohe Beamte der Stadt, so der wegen des Skandals bereits zurückgetretene Dezernent für Städtebau, der Sozialist Attilio Schemmari, müssen den Richtern erklären, welche Rolle sie bei der Erteilung von Baugenehmigungen an Mafia-Firmen gespielt haben.
 
 
Attilio Schemmari zusammen mit Silvio Berlusconi
 
 
Antonio Carollo, ein junger Mann aus altem Cosa-Nostra-Geschlecht, hatte sich ein ehrgeiziges Projekt ausgedacht: Wohnhäuser, Läden, Büros und Tennisplätze, eine schöne teure Anlage am Rand von Mailand, die viele heiße Dollar aus dem Drogenhandel verschlingen und somit waschen sollte. Die Carollos gelten als die Mailänder Vertreter des sizilianischen Corleone-Clans, der die Herstellung und die Verteilung von Heroin weltweit kontrolliert.

Auf welche Weise Carollo sich um die Baugenehmigung bemühte, ist Telefongesprächen zu entnehmen, die von der Polizei abgehört wurden. Städtebaudezernent "Schemmari hat 200 Millionen bekommen, ich habe sie ihm persönlich gegeben", versichert Carollo etwa einem Gesprächspartner. In einem anderen Telefongespräch erzählt er: "Jetzt habe ich Kontakt mit Pillitteri (dem Bürgermeister von Mailand), wir telefonieren täglich, um die Sache zu beschleunigen . . . Sie müssten jeden Tag unterschreiben."
 
 
 
Antonio Carollo
 

In der Tat wurde das Projekt 14 Tage nach den abgelauschten Gesprächen in einer nächtlichen Mammutsitzung vom Stadtrat bewilligt. Pillitteri schwört, niemals mit Carollo gesprochen zu haben; er ist inzwischen - aus anderen Gründen - zurückgetreten.

"Die Bereitschaft zur Korruption hat sich überall an der Basis der Kommunalverwaltung ausgebreitet", klagt Piero Bassetti, Präsident der Mailänder Handelskammer. "Damit entstehen die Mechanismen, durch die die Mafia eindringen kann. Wir müssen endlich reagieren, wir brauchen eine Revolte der Bürger, mit diesem Kainsmal können wir uns nicht in Europa sehen lassen."
Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass die Bürger sich tatsächlich auflehnen, dass ein zäher Widerstandskampf von unten gegen die Mafia beginnt.

Leoluca Orlando, 45, Ex-Bürgermeister von Palermo, hat die Bewegung La Rete (das Netz) gegründet, die inzwischen ganz Italien überzieht. Die Abwehr der Mafia ist einer der wichtigsten Programmpunkte. Bei den Regionalwahlen in Sizilien im vergangenen Juni gewann La Rete aus dem Stand sieben Prozent der Stimmen. Für die Parlamentswahlen am 5. April wird damit gerechnet, dass Orlandos Bewegung zur stärksten politischen Kraft in Palermo wird.
 
 
Leoluca Orlando

Zugleich haben Geschäftsleute angefangen, sich gegen den Terror der Schutzgeldeintreiber zu wehren. In Capo d'Orlando, einer Gemeinde an der Nordküste Siziliens, gründete ein Priester eine Vereinigung, unter deren Schutz sechs Geschäftsleute ihre Erpresser anzeigten.

Was bisher unter dem Gesetz der "omerta", des Schweigens aus Angst, fast undenkbar war: Öffentlich sagten sie vor Gericht gegen die Mafiosi aus. Weil auch die Justiz auf ihrer Seite war - nicht überall in Italien ist das selbstverständlich -, wurden die Gangster zu insgesamt 108 Jahren Gefängnis verurteilt. Dafür steckte die Mafia aus Rache Ende Februar das Polizeikommissariat im Nachbarort Tortorici in Brand.

Seit Dezember führt eine junge Bürgermeisterin, Rosa Stanisci, 31, Linksdemokratin, den Widerstand der Bürger in San Vito dei Normanni, einem kleinen apulischen Ort in der Nähe von Brindisi an. Mehr als 50 Bombenanschläge gegen Geschäfte waren verübt worden, Lastwagen mit Obst für den Markt wurden entführt und nur gegen hohes Lösegeld zurückgegeben. Nächtliche Anrufer drohten Zahlungsunwilligen, ihren Kindern Drogen in die Venen zu spritzen, die Mütter zu Krüppeln zu schießen.

Die Bürgermeisterin reiste nach Rom und forderte einen glaubwürdigen Einsatz des Staates, und sie erreichte tatsächlich, daß die Polizeikräfte des Ortes verstärkt wurden. Auch in San Vito entstand eine Schutzvereinigung der Geschäftsleute, die sich bemüht, Erpresser zu identifizieren - etwa indem sie nach telefonischen Drohungen die Stimmen vergleicht.

Die Verbrecher schlugen zurück: Nach einer großen Anti-Mafia-Versammlung in der Volksschule im Januar ging nachts eine Bombe in dem Gebäude hoch. Noch in der Nacht reparierten die Dorfbewohner die Schule und schickten ihre Kinder am nächsten Morgen wieder zum Unterricht. Bürgermeisterin Rosa Stanisci weiß: "Wir sind erst ganz am Anfang."

Selbst in Misterbianco regt sich Auflehnung, wenn auch noch ein alter Priester am 6. Januar, dem Dreikönigstag, während des Gottesdienstes den von Nino Di Guardo inspirierten Artikel der Repubblica über die Kungelei von Mafiosi und Politikern in seinem Weihrauchkessel verbrannte. Die ehrsame Stadt sei mit Dreck beworfen worden, ereiferte sich der Priester unter beifälligem Murmeln der Gemeinde.

Inzwischen hat es wieder zwei Tote gegeben, Opfer von Fehden innerhalb der Mafia. Vorigen Monat entführte ein Kommando der Cosa Nostra den jungen Arbeiter Giuseppe Torre. Und da strömten zum ersten mal in der Geschichte des geplagten Ortes spontan an die 4000 Bewohner zu einer Protestdemonstration zusammen.

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