Montag, 30. September 2013

Die Psyche der Mafia

Auf der Couch von Professor Girolamo Lo Verso weinen sich Mafia-Frauen aus und planen Kinder von Mafiosi die Flucht vor der Familie.


Wer wissen will, wie man Mafioso wird, wovon Mafiosi träumen und wie lange sie im Bett können, der sollte abends, wenn die Abendsonne vom Meer her Palermo in ein warmes Licht taucht, im „Giardino Inglese", dem Englischen Garten der Stadt, spazieren gehen. Denn um diese Zeit läuft der italienische Psychologieprofessor Giorlamo Lo Verso für gewöhnlich von seinem Büro im Viale Marchese di Villabianca zu seiner Wohnung in der Nähe des Hafens. Sie können Professore Lo Verso ganz einfach erkennen: Es wird jener Mann im Park sein, der am gemächlichsten läuft.

Denn wenn Giorlamo Lo Verso seinen Lieblingspark durchquert braucht er für diese Strecke ungefähr das dreifache eines normalen Fußgängers und das 20-fache der Motorino, die neben dem Park die Straße entlang brummen. Professore Lo Verso hat keinen Gehfehler, der ihn am Laufen hindern könnte, im Gegenteil, der 61-jährige ist sportlich und ein begeisterter Taucher. Er hat einfach zu viel zu besprechen für den kurzen Nachhauseweg. Heute Abend muss er aus zwei Gründen langsam gehen. Einerseits scheint sein Besucher überhaupt keine Ahnung von der Mafia zu haben; und zum zweiten muss er mit seiner Assistentin Emanuela Coppola noch den morgigen Abend besprechen, an dem er wieder mal ein neues Buch vorstellt. Es dürfte in etwa sein 38. sein. Keiner weiß in Italien besser als der „Professore" Girolamo Lo Verso wie Mafiosi ticken und wie man überhaupt zu einem wird.

„Als Mafioso wirst du geboren, aber du wirst auch dazu gemacht. Vor allem dein Onkel wird eine große Bedeutung darin haben, dich zum Mafioso zu machen. Vielleicht wird dein Vater erschossen, während du noch ein Kind bist, dann weißt du, dass du ihn irgendwann rächen musst. Mit zehn Jahren schaut deine Familie, ob du talentiert bist. Talentiert sein heißt, dass du andere Kinder verprügeln können musst, dass du wenig Angst hast. Mit elf Jahren könnte es sein, dass dir jemand einen Stock in die Hand drückt, auf ein Kind deutet und dich auffordert, es zu verprügeln. Mit 14 sagen sie dir, nimm diese Pistole und erschieß den Hund da drüben. Ein paar Jahre später wirst du zu einem Mord mitgenommen und aufgefordert, nach dem Mord noch auf den Toten zu schießen. Und irgendwann nach all den Stufen bist du zum Killer geworden."

Girolamo Lo Verso hatte das Glück, zwar in Palermo, aber nicht in die Mafia hineingeboren zu werden. Als Kleinkind lebte er in Bergamo, in Norditalien, von wo aus Sizilien für einen verrückten Teil Afrikas gehalten wird. Dann ging die Familie zurück nach Palermo. „Ich bin ausreichend Sizilianer um die Mafia von innen heraus zu verstehen ", sagt der Professor während uns ein gebrechlicher alter Mann mit Gehstock spielend überholt, „aber gleichzeitig bin ich auch ein Norditaliener, der von außen auf die Mafia schaut und den nötigen Abstand hat." In Palermo lernte er erst Lesen und Schreiben, dann die Psychologie und die Liebe, nun mit seiner zweiten Frau Giuseppina Ustica, Giusi genannt, 20 Jahre jünger als er. „Sie hat mir geholfen, ein Mann zu bleiben, der das Leben genießen kann."

„Lieben und Mafioso sein, das schließt sich aus. Mafiosi sind fast asexuell. Sie haben Quickies von höchstens 40 Sekunden und die auch nur, um Babies zu machen. Es geht nicht um Nähe, es geht darum, neue Menschen zu produzieren, die genauso sind wie sie selbst. Auch mit Prostituierten ist es nicht anders. Einmal hat mir ein Mann erzählt, der für die Mafia arbeitete aber zu keiner Mafia-Familie gehörte, er sei mal mit Mafiosi in einen Nachtclub gegangen, doch für die Frauen habe sich keiner der Männer interessiert. Stattdessen hätten sie beiseite gestanden und Pläne besprochen. Auf sizilianisch sagt man ‚Cumannari è megghiu di futtiri', ‚Kommandieren ist besser als ficken'", das ist ein Sprichwort. Für das System Mafia ist die Bannung körperlicher und seelischer Verbundenheit von großer Bedeutung.
 
Wer liebt und geliebt wird, würde nicht mehr wie eine Maschine handeln, sondern wie ein Mensch. Das wäre das Ende der Mafia." Auf dem Weg nach Hause, langsamer als ein Entenmarsch, biegt Girolamo Lo Verso in ein Restaurant ein, „Capricci di Sicilia". Die Chefin begrüßt ihn mit „Ciao Professore" und weist ihm einen Platz an. „Ciao Professore": Die Leute in seinem Viertel wissen, dass Lo Verso nicht nur über Klinische Psychologie forscht und Gruppentherapien leitet, sie wissen, dass er ein prominenter Mafia-Gegner ist. „Könnten Sie jemanden offen fragen, ob er Schutzgeld bezahlt?", „Nein", sagt Girolamo Lo Verso, „das geht nicht. Und wenn, würde er sagen: Ich zahle nicht." Tatsächlich zahlten in manchen Vierteln alle, aber es fühlt sich nicht als Schutzgeld an. Die Erpresser kommen und „bitten" um den gewöhnlichen Beitrag für das Fest des Stadtheiligen oder zur Unterstützung einer Familie, deren Männer im Gefängnis sitzen. Einige Läden und Unternehmer haben sich aufgelehnt und zum Verein „Addiopizzo", „Auf Wiedersehen, Schutzgeld" zusammengeschlossen.

„Nur verbunden lässt sich die Mafia besiegen", meint Lo Verso. Er fühlt sich als Teil des Netzes: „Wer nicht weiß, wie die Mafia denkt, kann sie auch nicht bekämpfen", sagt er. Nicht nur Polizisten, die verschlüsselte Telefonate, oder Richter in gepanzerten Autos stehen im Krieg gegen die Mafia, auch Gemüsehändler oder Psychologen. Kürzlich hat er 4000 Psychologen aus ganz Süditalien angeschrieben, die Camorra-Frauen oder ’Nrangheta-Opfer als Patienten haben. Er will herausfinden, ob die organisierte Kriminalität überall die gleichen psychologischen Phänomene hinterlässt: Wegschauen, Angst, Misstrauen.

„Wenn du ein Mafioso bist, gilt für dich der Satz: Der Tod lauert hinter der Tür. Als Mafioso kannst du nicht vertrauen. Wenn wir die Mafia untersuchen, untersuchen wir sie als fundamentalistisches System wie Al Quaida. Es gibt kein Ich, es gibt keine Subjektivitiät, es gibt nur das Wir. ‚Cosa Nostra' heißt ja auch ‚Unsere Sache', nicht ‚Meine Sache', es geht nicht um mich oder dich, du wirst als Individuum aufgelöst, du bist nicht etwas, du gehörst zu etwas. Das ist allen Fundamentalismen gemeinsam. Der andere ist egal, der Mafioso sieht ihn nicht als Menschen der leiden oder trauern kann - denn er ist selbst unfähig dazu.."

Hätte Girolamo Lo Verso nicht in den Siebziger Jahren in Trapani an der westlichen Spitze Siziliens gelebt, wer weiß, vielleicht wäre er ein durchschnittlicher Professor geworden, mehr dem Elfenbeinturm seines Fachs verbunden, als dem Land, auf dem er lebt. Doch in Trapani lernte er Giovanni Falcone kennen, den berühmten Anti-Mafia-Richter. „Giovanni war die Revolution in Person", erinnert sich Lo Verso an den alten Freund, „er sprach mit Mafiosi nicht als Verbrecher, sondern er nahm sie so, wie sie sich selbst sehen: als Ehrenmänner, als Generäle, als Auserwählte." Die Freundschaft endete jäh. Am 23. Mai 1992 sprengte die Mafia Giovanni Falcone in die Luft, mit 500 Kilogramm Sprengstoff. Seitdem hängt ein Foto von ihm im Arbeitszimmer des „Professore", seitdem arbeitet er sich im Hirn der Mafia vorwärts. Die Polizei half ihm dabei, indem sie Mafiosi

verhaftete und so dem Professor Verhörprotokolle und Zeugenaussagen lieferte. Seine Mitarbeiter interviewten Killer, die zehn, 20 oder gar 50 Menschen erschossen oder erwürgt haben, sie sprachen mit jungen Söhnen aus Mafia-Familien, mit Pfarrern und mit den Frauen der Mafiosi, mit ihren Liebhaberinnen und ihren Töchtern. Vor allem besuchte er „pentiti", jene ex-Mafiosi, die bereit waren, gegen die Mafia auszusagen und vom Staat versteckt werden. „pentito" kommt von „pentirsi" und heißt „bereuen", aber öfter steht „pentito" für: Ich packe aus, weil ich dann leichtere Haftbedingungen bekomme und mich an alten Feinden oder Kumpanen rächen kann.

„Wenn ich zu einem Interview mit einem Pentito nach Rom flog, wurde ich x-mal im Kreis gefahren, damit ich nichts mehr wiedererkennen würde. Dann kam ich in einen unmöblierten Raum, wo der ehemalige Killer saß. Ich fragte dann, ob er bereuen würde, er sagte nein. Ich fragte, ob er schlecht träumen würde, er sagte wieder nein. Ich dachte, das gibt es doch nicht, zumindest unbewusst müssen diese Bilder doch nach oben dringen. So etwas habe ich noch nie erlebt. Aber Töten ist für sie bürokratische Routine, ein Killer begreift sich als ausführender Arm der ganzen Organisation, der nicht in Frage stellen darf, was oben beschlossen wurde. Sie sagen über Menschen, die sie ermorden sollen, es seien lebende Tote. Sie können sich wie Gott fühlen, die entscheiden ob ein Mensch noch einmal den Sonnenschein des nächsten Tages sieht oder eben nicht. Aber im Gefängnis entdecken sie dann plötzlich ihre Subjektivität. Sie sind alleine. Aus Maschinen werden Menschen. Einmal sagte mir einer, er fühle sich elend, elend wie ein Hund. Er hatte unzählige Menschen erwürgt oder erschossen. Aber er tat mir leid."

Während Girolamo Lo Verso im Restaurant „Capricci di Sicilia" die ungewöhnlichen sizilianischen Nudeln mit den Semmelbröseln und den Fenchelsamen isst, schiebt sich jener eigenartige Abendverkehr durch die Straßen, den es nur in südlichen Ländern gibt, und der im Umherirren sein eigentliches Ziel zu haben scheint. Junge Männer düsen auf Motorrollern herum, die meisten ohne Helm. Wenn es 5000 Mafiosi aus Mafia-Familien gibt, dazu noch das zehnfache an Fußsoldaten und dann noch alle, die Schutzgeld bezahlen, dann müssen sie doch hier gerade vorbeifahren, vielleicht die Jungs hier auf diesem Roller dort? Der Professore winkt ab: „Es gibt keine besonderen Merkmale", meint er, und seine Assistentin Emanuela erzählt, „du siehst es ihnen nicht an, du merkst es erst, wenn du dich selbst anders verhältst als sie es gewohnt sind. Dann reagieren sie".

Einmal sei sie zu einem psychologischen Interview in ein entlegenes Dorf gefahren, in dem eine Mafia-Familie das Sagen hat: „In ein paar Minuten wusste das ganze Dorf von uns. Dann kam ein Mann und fragte: Was macht ihr hier? Und ich sagte: Wir sind zu Besuch. Und er fragte nochmal: Was macht ihr hier?" „Als Mafioso ist für dich das eigene Viertel die Basis deiner Macht und deines Selbstbewusstseins. Auch deine Kinder bekommen die gleiche Ehrerbietung wie du. Wenn du als Kind eines Mafioso in eine Bar gehst und dir ein Eis holst, dann musst du oft nicht zahlen. Wenn du Billard spielen gehst, lassen sie dich kostenlos spielen. Wenn es im Laden eine Schlange gibt, dann bist du erster. Umso härter ist es aber dann, wenn dein Vater verhaftet wird und er sich entscheidet, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Dann endet der Respekt brüsk, dann bist du nicht mehr der kleine König oder die kleine Königin, dann wirst du gejagt, dann lebst du unter dem Schutz der Polizei und alle Freundschaften von früher sind Geschichte. Manchmal sterben die Angehörigen auch. Von einem, der mit der Justiz zusammenarbeitete, ermordete die Mafia 27 Angehörige."

Die alte Gewohnheit, zu befehlen und gehört zu werden, können Menschen aus Mafia-Familien selbst in Therapiegesprächen nicht ablegen. Sie haben einen Kontrollzwang. „Sie kontrollieren die Sitzungen", sagt Lo Verso, „sie sagen, wir sehen uns nächsten Samstag um neun Uhr morgens und dann gehen sie." Sie müssen das Sagen haben, im Gespräch, im Land. Bis heute haben sie es. Die Mafia hat sich immer angepasst, trotz aller mal halbherzigen, mal energischen Versuche, sie zu zerstören: Mit der Globalisierung ist sie selbst globaler geworden und legt ihr Geld in aller Welt in Firmenbeteiligungen oder Immobilien an. Um weniger angreifbar zu sein, von außen wie durch Verräter, legen die Clans immer mehr Wert auf Blutsverwandtschaft. Selbst die an sich gute Nachricht, dass es seit 2007 in Palermo sehr wenige Morde gab, gibt Anlass zur Sorge: Fühlt sie sich vielleicht besonders stark, besonders geschlossen, wenn sie nicht untereinander tötet? Muss sie nicht mehr töten, weil ihr Mythos schon genug einschüchtert? Junge, gebildete Leute aus Palermo wandern aus. Die Kinder von Mafiosi sind in ihrer Welt gefangen. „Sie werden dazu gezwungen, so zu sein wie der Vater, der Großvater oder der Onkel." Sie träumen nur von der Freiheit.

Girolamo Lo Verso tritt den Heimweg vom „Capricci di Sicilia" an, wie immer ruhig und gemächlich. Mit einem Bussi links und einem rechts verabschiedet er sich von seiner Assistentin und wünscht buona notte. Ob er denn keine Angst hat, alleine und nachts durch die Straßen zu gehen? „Der Mafia sind unsere Forschungen egal, das wissen wir", meint er, „ich habe keine Angst." Nur wenn er mit den Händlern rede, mit den Frauen und Kindern aus Mafia-Familien, dann werde er etwas nervös. „Sie übertragen mir die Angst, die sie selbst haben." Danach beruhigt er sich wieder und macht sich wieder daran, das Hirn der Mafia auszuleuchten. Bis man sie versteht. Und sie besiegen kann.

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