Sonntag, 29. September 2013

der moderne Mafioso ist gefährlicher als jeder Politiker


In den letzten zwanzig Jahren begann sich in den Beziehungen zwischen Mafia und öffentlichen Ämtern eine Trendwende abzuzeichnen: Es sind nicht mehr die Bosse, die auf Politiker angewiesen sind, um sich bereichern zu können, sondern es sind nun einzelne Strömungen innerhalb der Parteien und ihre Wahlkandidaten, die sich mit Mafiageldern finanzieren lassen. Die schnell erworbenen Riesensummen aus dem Drogenhandel ermöglichen der Mafia, politische Macht zu kaufen; etwa in Form von Lizenzen für legitime Aktivitäten, mit denen sie ihre Einnahmequellen tarnen kann. Wählergunst ist bekanntlich wie Geld: «Non olet»; und Parteien und Kandidaten befleißigen sich im Wahlfieber, ohne allzu zimperlich zu sein, ihren jeweiligen Listen Stimmen zu verschaffen. Alle Parteien haben deshalb im geheimen Schulden bei der Mafia, auch wenn einige weniger tief in ihrer Schuld stehen als andere.

 

Früher pflegten sich zum Beispiel die Wahlsieger bei ihren mafiosen Helfershelfern zu bedanken, indem sie sie in bekannte Trattorien einluden, wo dann in aller Öffentlichkeit fröhliche Gelage gefeiert wurden. In den letzten Jahren setzten die durch Unterstützung der Mafia gewählten Parlamentarier alles daran, sich nicht in kompromittierender Gesellschaft blicken zu lassen; sie verlegen selbst ihren Wohnsitz nach Rom, obwohl sie dadurch in Kauf nehmen müssen, ihre Wählerschaft zu vernachlässigen; und die Parteien reagieren indigniert, sobald ihnen «Kontiguität», d. h. Nähe, nachgesagt wird.

 

Ein Mafiaboss, der sich während der Wahlkampagne für eine Liste und innerhalb dieser für einen einzelnen Kandidaten einsetzt, tut dies weder aus ideologischen Gründen noch aus freundschaftlichen Gefühlen, sondern aus pragmatischem Kalkül: Er kann mit pünktlichen Gegenleistungen der Partei rechnen, die auf diese Art mit ihm und seiner Organisation verquickt bleibt. Die Initiative zur Aufnahme von Beziehungen mit der Mafia geht seitens der Politiker indessen nie von nationaler Ebene aus. Ohne dass die Partei davon Kenntnis hatte, war es stets Sache der Fraktionschefs und der lokalen Parteifunktionäre, den Umfang der politischen Tätigkeiten für ihre Wahlbereiche festzulegen, ihren - leiblichen - Söhnen sowie ihren «Patenkindern», das heißt ihren Schützlingen, Stellen zu verschaffen, die Vergabe öffentlicher Gelder und all die anderen Dinge zu kontrollieren, die der instinkthaften und brutalen Solidarität unter den Angehörigen der «Ehrenwerten Gesellschaft» förderlich sind.

 

Auf diesem Boden gedeiht die verfilzte Zusammenarbeit zwischen Mafia, Führungsklasse, mafiosen Unternehmern, Finanz- und Geschäftskreisen, Wahlkandidaten und Wählern. Um die Stimmen dieser Wähler zu kaufen, geben einzelne Parlamentarier während einer Wahlkampagne das Zehnfache der Summe aus, welche die ins Parlament Gewählten als Gehalt für eine ganze Legislaturperiode erhalten. Rund 20 000 Stimmen kaufte die Mafia beispielsweise bei den letzten sizilianischen Regionalwahlen im Juni dieses Jahren allein in Catania den von ihr unterstützten Politikern. Bezahlt wurde mit Geld (bis zu 200 000 Lire pro Stimme), Baubewilligungen, vorzeitigen Pensionierungen, Theaterabonnementen und Diensten des ältesten Gewerbes - das übliche Spiel, das diesmal durch eine Telefonabhöraktion ans Licht kam.

 

So kommt es, dass sich politische Führungskräfte, Minister, Staatssekretäre plötzlich in ein Netz von «hilfsbereiten Freunden» verstrickt finden und anfangen, Briefe und Briefchen an andere einflussreiche Amtspersonen zu schreiben, an Präfekten, Polizeichefs, Richter, Bürgermeister und Carabinieri-Befehlshaber - Briefe und Briefchen, die Anlass geben zu eifrigen und mühseligen Recherchen seitens der Begünstigten sowie deren Gegner mit dem Ziel, je nachdem entweder die kompromittierenden Dokumente zu zerstören oder aber mit ihrer Hilfe die politischen Feinde öffentlich in Misskredit zu bringen. Diese «Jagd nach Beweisstücken» hat Mitglieder des sizilianischen Antimafia-Pools dazu bewogen, aus den Archiven der parlamentarischen Kommission, die sich mit der Mafia befasst, Hunderte solcher Dokumente zu entwenden und sie nach und nach dem stets skandalhungrigen Pressewesen zu verfüttern.