Montag, 30. September 2013

Die Psyche der Mafia

Auf der Couch von Professor Girolamo Lo Verso weinen sich Mafia-Frauen aus und planen Kinder von Mafiosi die Flucht vor der Familie.


Wer wissen will, wie man Mafioso wird, wovon Mafiosi träumen und wie lange sie im Bett können, der sollte abends, wenn die Abendsonne vom Meer her Palermo in ein warmes Licht taucht, im „Giardino Inglese", dem Englischen Garten der Stadt, spazieren gehen. Denn um diese Zeit läuft der italienische Psychologieprofessor Giorlamo Lo Verso für gewöhnlich von seinem Büro im Viale Marchese di Villabianca zu seiner Wohnung in der Nähe des Hafens. Sie können Professore Lo Verso ganz einfach erkennen: Es wird jener Mann im Park sein, der am gemächlichsten läuft.

Denn wenn Giorlamo Lo Verso seinen Lieblingspark durchquert braucht er für diese Strecke ungefähr das dreifache eines normalen Fußgängers und das 20-fache der Motorino, die neben dem Park die Straße entlang brummen. Professore Lo Verso hat keinen Gehfehler, der ihn am Laufen hindern könnte, im Gegenteil, der 61-jährige ist sportlich und ein begeisterter Taucher. Er hat einfach zu viel zu besprechen für den kurzen Nachhauseweg. Heute Abend muss er aus zwei Gründen langsam gehen. Einerseits scheint sein Besucher überhaupt keine Ahnung von der Mafia zu haben; und zum zweiten muss er mit seiner Assistentin Emanuela Coppola noch den morgigen Abend besprechen, an dem er wieder mal ein neues Buch vorstellt. Es dürfte in etwa sein 38. sein. Keiner weiß in Italien besser als der „Professore" Girolamo Lo Verso wie Mafiosi ticken und wie man überhaupt zu einem wird.

„Als Mafioso wirst du geboren, aber du wirst auch dazu gemacht. Vor allem dein Onkel wird eine große Bedeutung darin haben, dich zum Mafioso zu machen. Vielleicht wird dein Vater erschossen, während du noch ein Kind bist, dann weißt du, dass du ihn irgendwann rächen musst. Mit zehn Jahren schaut deine Familie, ob du talentiert bist. Talentiert sein heißt, dass du andere Kinder verprügeln können musst, dass du wenig Angst hast. Mit elf Jahren könnte es sein, dass dir jemand einen Stock in die Hand drückt, auf ein Kind deutet und dich auffordert, es zu verprügeln. Mit 14 sagen sie dir, nimm diese Pistole und erschieß den Hund da drüben. Ein paar Jahre später wirst du zu einem Mord mitgenommen und aufgefordert, nach dem Mord noch auf den Toten zu schießen. Und irgendwann nach all den Stufen bist du zum Killer geworden."

Girolamo Lo Verso hatte das Glück, zwar in Palermo, aber nicht in die Mafia hineingeboren zu werden. Als Kleinkind lebte er in Bergamo, in Norditalien, von wo aus Sizilien für einen verrückten Teil Afrikas gehalten wird. Dann ging die Familie zurück nach Palermo. „Ich bin ausreichend Sizilianer um die Mafia von innen heraus zu verstehen ", sagt der Professor während uns ein gebrechlicher alter Mann mit Gehstock spielend überholt, „aber gleichzeitig bin ich auch ein Norditaliener, der von außen auf die Mafia schaut und den nötigen Abstand hat." In Palermo lernte er erst Lesen und Schreiben, dann die Psychologie und die Liebe, nun mit seiner zweiten Frau Giuseppina Ustica, Giusi genannt, 20 Jahre jünger als er. „Sie hat mir geholfen, ein Mann zu bleiben, der das Leben genießen kann."

„Lieben und Mafioso sein, das schließt sich aus. Mafiosi sind fast asexuell. Sie haben Quickies von höchstens 40 Sekunden und die auch nur, um Babies zu machen. Es geht nicht um Nähe, es geht darum, neue Menschen zu produzieren, die genauso sind wie sie selbst. Auch mit Prostituierten ist es nicht anders. Einmal hat mir ein Mann erzählt, der für die Mafia arbeitete aber zu keiner Mafia-Familie gehörte, er sei mal mit Mafiosi in einen Nachtclub gegangen, doch für die Frauen habe sich keiner der Männer interessiert. Stattdessen hätten sie beiseite gestanden und Pläne besprochen. Auf sizilianisch sagt man ‚Cumannari è megghiu di futtiri', ‚Kommandieren ist besser als ficken'", das ist ein Sprichwort. Für das System Mafia ist die Bannung körperlicher und seelischer Verbundenheit von großer Bedeutung.
 
Wer liebt und geliebt wird, würde nicht mehr wie eine Maschine handeln, sondern wie ein Mensch. Das wäre das Ende der Mafia." Auf dem Weg nach Hause, langsamer als ein Entenmarsch, biegt Girolamo Lo Verso in ein Restaurant ein, „Capricci di Sicilia". Die Chefin begrüßt ihn mit „Ciao Professore" und weist ihm einen Platz an. „Ciao Professore": Die Leute in seinem Viertel wissen, dass Lo Verso nicht nur über Klinische Psychologie forscht und Gruppentherapien leitet, sie wissen, dass er ein prominenter Mafia-Gegner ist. „Könnten Sie jemanden offen fragen, ob er Schutzgeld bezahlt?", „Nein", sagt Girolamo Lo Verso, „das geht nicht. Und wenn, würde er sagen: Ich zahle nicht." Tatsächlich zahlten in manchen Vierteln alle, aber es fühlt sich nicht als Schutzgeld an. Die Erpresser kommen und „bitten" um den gewöhnlichen Beitrag für das Fest des Stadtheiligen oder zur Unterstützung einer Familie, deren Männer im Gefängnis sitzen. Einige Läden und Unternehmer haben sich aufgelehnt und zum Verein „Addiopizzo", „Auf Wiedersehen, Schutzgeld" zusammengeschlossen.

„Nur verbunden lässt sich die Mafia besiegen", meint Lo Verso. Er fühlt sich als Teil des Netzes: „Wer nicht weiß, wie die Mafia denkt, kann sie auch nicht bekämpfen", sagt er. Nicht nur Polizisten, die verschlüsselte Telefonate, oder Richter in gepanzerten Autos stehen im Krieg gegen die Mafia, auch Gemüsehändler oder Psychologen. Kürzlich hat er 4000 Psychologen aus ganz Süditalien angeschrieben, die Camorra-Frauen oder ’Nrangheta-Opfer als Patienten haben. Er will herausfinden, ob die organisierte Kriminalität überall die gleichen psychologischen Phänomene hinterlässt: Wegschauen, Angst, Misstrauen.

„Wenn du ein Mafioso bist, gilt für dich der Satz: Der Tod lauert hinter der Tür. Als Mafioso kannst du nicht vertrauen. Wenn wir die Mafia untersuchen, untersuchen wir sie als fundamentalistisches System wie Al Quaida. Es gibt kein Ich, es gibt keine Subjektivitiät, es gibt nur das Wir. ‚Cosa Nostra' heißt ja auch ‚Unsere Sache', nicht ‚Meine Sache', es geht nicht um mich oder dich, du wirst als Individuum aufgelöst, du bist nicht etwas, du gehörst zu etwas. Das ist allen Fundamentalismen gemeinsam. Der andere ist egal, der Mafioso sieht ihn nicht als Menschen der leiden oder trauern kann - denn er ist selbst unfähig dazu.."

Hätte Girolamo Lo Verso nicht in den Siebziger Jahren in Trapani an der westlichen Spitze Siziliens gelebt, wer weiß, vielleicht wäre er ein durchschnittlicher Professor geworden, mehr dem Elfenbeinturm seines Fachs verbunden, als dem Land, auf dem er lebt. Doch in Trapani lernte er Giovanni Falcone kennen, den berühmten Anti-Mafia-Richter. „Giovanni war die Revolution in Person", erinnert sich Lo Verso an den alten Freund, „er sprach mit Mafiosi nicht als Verbrecher, sondern er nahm sie so, wie sie sich selbst sehen: als Ehrenmänner, als Generäle, als Auserwählte." Die Freundschaft endete jäh. Am 23. Mai 1992 sprengte die Mafia Giovanni Falcone in die Luft, mit 500 Kilogramm Sprengstoff. Seitdem hängt ein Foto von ihm im Arbeitszimmer des „Professore", seitdem arbeitet er sich im Hirn der Mafia vorwärts. Die Polizei half ihm dabei, indem sie Mafiosi

verhaftete und so dem Professor Verhörprotokolle und Zeugenaussagen lieferte. Seine Mitarbeiter interviewten Killer, die zehn, 20 oder gar 50 Menschen erschossen oder erwürgt haben, sie sprachen mit jungen Söhnen aus Mafia-Familien, mit Pfarrern und mit den Frauen der Mafiosi, mit ihren Liebhaberinnen und ihren Töchtern. Vor allem besuchte er „pentiti", jene ex-Mafiosi, die bereit waren, gegen die Mafia auszusagen und vom Staat versteckt werden. „pentito" kommt von „pentirsi" und heißt „bereuen", aber öfter steht „pentito" für: Ich packe aus, weil ich dann leichtere Haftbedingungen bekomme und mich an alten Feinden oder Kumpanen rächen kann.

„Wenn ich zu einem Interview mit einem Pentito nach Rom flog, wurde ich x-mal im Kreis gefahren, damit ich nichts mehr wiedererkennen würde. Dann kam ich in einen unmöblierten Raum, wo der ehemalige Killer saß. Ich fragte dann, ob er bereuen würde, er sagte nein. Ich fragte, ob er schlecht träumen würde, er sagte wieder nein. Ich dachte, das gibt es doch nicht, zumindest unbewusst müssen diese Bilder doch nach oben dringen. So etwas habe ich noch nie erlebt. Aber Töten ist für sie bürokratische Routine, ein Killer begreift sich als ausführender Arm der ganzen Organisation, der nicht in Frage stellen darf, was oben beschlossen wurde. Sie sagen über Menschen, die sie ermorden sollen, es seien lebende Tote. Sie können sich wie Gott fühlen, die entscheiden ob ein Mensch noch einmal den Sonnenschein des nächsten Tages sieht oder eben nicht. Aber im Gefängnis entdecken sie dann plötzlich ihre Subjektivität. Sie sind alleine. Aus Maschinen werden Menschen. Einmal sagte mir einer, er fühle sich elend, elend wie ein Hund. Er hatte unzählige Menschen erwürgt oder erschossen. Aber er tat mir leid."

Während Girolamo Lo Verso im Restaurant „Capricci di Sicilia" die ungewöhnlichen sizilianischen Nudeln mit den Semmelbröseln und den Fenchelsamen isst, schiebt sich jener eigenartige Abendverkehr durch die Straßen, den es nur in südlichen Ländern gibt, und der im Umherirren sein eigentliches Ziel zu haben scheint. Junge Männer düsen auf Motorrollern herum, die meisten ohne Helm. Wenn es 5000 Mafiosi aus Mafia-Familien gibt, dazu noch das zehnfache an Fußsoldaten und dann noch alle, die Schutzgeld bezahlen, dann müssen sie doch hier gerade vorbeifahren, vielleicht die Jungs hier auf diesem Roller dort? Der Professore winkt ab: „Es gibt keine besonderen Merkmale", meint er, und seine Assistentin Emanuela erzählt, „du siehst es ihnen nicht an, du merkst es erst, wenn du dich selbst anders verhältst als sie es gewohnt sind. Dann reagieren sie".

Einmal sei sie zu einem psychologischen Interview in ein entlegenes Dorf gefahren, in dem eine Mafia-Familie das Sagen hat: „In ein paar Minuten wusste das ganze Dorf von uns. Dann kam ein Mann und fragte: Was macht ihr hier? Und ich sagte: Wir sind zu Besuch. Und er fragte nochmal: Was macht ihr hier?" „Als Mafioso ist für dich das eigene Viertel die Basis deiner Macht und deines Selbstbewusstseins. Auch deine Kinder bekommen die gleiche Ehrerbietung wie du. Wenn du als Kind eines Mafioso in eine Bar gehst und dir ein Eis holst, dann musst du oft nicht zahlen. Wenn du Billard spielen gehst, lassen sie dich kostenlos spielen. Wenn es im Laden eine Schlange gibt, dann bist du erster. Umso härter ist es aber dann, wenn dein Vater verhaftet wird und er sich entscheidet, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Dann endet der Respekt brüsk, dann bist du nicht mehr der kleine König oder die kleine Königin, dann wirst du gejagt, dann lebst du unter dem Schutz der Polizei und alle Freundschaften von früher sind Geschichte. Manchmal sterben die Angehörigen auch. Von einem, der mit der Justiz zusammenarbeitete, ermordete die Mafia 27 Angehörige."

Die alte Gewohnheit, zu befehlen und gehört zu werden, können Menschen aus Mafia-Familien selbst in Therapiegesprächen nicht ablegen. Sie haben einen Kontrollzwang. „Sie kontrollieren die Sitzungen", sagt Lo Verso, „sie sagen, wir sehen uns nächsten Samstag um neun Uhr morgens und dann gehen sie." Sie müssen das Sagen haben, im Gespräch, im Land. Bis heute haben sie es. Die Mafia hat sich immer angepasst, trotz aller mal halbherzigen, mal energischen Versuche, sie zu zerstören: Mit der Globalisierung ist sie selbst globaler geworden und legt ihr Geld in aller Welt in Firmenbeteiligungen oder Immobilien an. Um weniger angreifbar zu sein, von außen wie durch Verräter, legen die Clans immer mehr Wert auf Blutsverwandtschaft. Selbst die an sich gute Nachricht, dass es seit 2007 in Palermo sehr wenige Morde gab, gibt Anlass zur Sorge: Fühlt sie sich vielleicht besonders stark, besonders geschlossen, wenn sie nicht untereinander tötet? Muss sie nicht mehr töten, weil ihr Mythos schon genug einschüchtert? Junge, gebildete Leute aus Palermo wandern aus. Die Kinder von Mafiosi sind in ihrer Welt gefangen. „Sie werden dazu gezwungen, so zu sein wie der Vater, der Großvater oder der Onkel." Sie träumen nur von der Freiheit.

Girolamo Lo Verso tritt den Heimweg vom „Capricci di Sicilia" an, wie immer ruhig und gemächlich. Mit einem Bussi links und einem rechts verabschiedet er sich von seiner Assistentin und wünscht buona notte. Ob er denn keine Angst hat, alleine und nachts durch die Straßen zu gehen? „Der Mafia sind unsere Forschungen egal, das wissen wir", meint er, „ich habe keine Angst." Nur wenn er mit den Händlern rede, mit den Frauen und Kindern aus Mafia-Familien, dann werde er etwas nervös. „Sie übertragen mir die Angst, die sie selbst haben." Danach beruhigt er sich wieder und macht sich wieder daran, das Hirn der Mafia auszuleuchten. Bis man sie versteht. Und sie besiegen kann.

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Die neuen Trends der Mafia

Durch die Allianz zwischen sizilianischer und albanischer Mafia ist in den vergangenen Jahren das weltweit größte Drogenkartell im Herzen Europas entstanden.

Vertreter des italienischen Mazarella-Klans werden nach neuesten Informationen der Anti-Mafia-Einheit in Agrigento bei ihrer Ankunft in Tirana in Regierungsfahrzeugen abgeholt. Ein ehemaliger Innenminister wiederum arbeitet direkt für den albanischen Mafia-Klan Dibra. Und zwei Leibwächter des Ex-Außenministers wurden, nachdem er für sie ein Visum für Italien beantragt hatte, mit fünfzig Kilo Heroin im Gepäck in Italien festgenommen.

Hier im Hotel Coronado / San Diego wurden die Koks-Flüge eingefädelt

Bis vor wenigen Monaten starteten nachts auf dem Flughafen in Tirana Flugzeuge, die nirgendwo registriert waren. Kontrolliert wurden sie schon gar nicht, weil die Polizei dort in den  Drogen- und Menschenhandel direkt verstrickt ist, so die Erkenntnisse deutscher Polizeibeamte, die in Albanien die dortige Polizei ausbilden.

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Sonntag, 29. September 2013

der moderne Mafioso ist gefährlicher als jeder Politiker


In den letzten zwanzig Jahren begann sich in den Beziehungen zwischen Mafia und öffentlichen Ämtern eine Trendwende abzuzeichnen: Es sind nicht mehr die Bosse, die auf Politiker angewiesen sind, um sich bereichern zu können, sondern es sind nun einzelne Strömungen innerhalb der Parteien und ihre Wahlkandidaten, die sich mit Mafiageldern finanzieren lassen. Die schnell erworbenen Riesensummen aus dem Drogenhandel ermöglichen der Mafia, politische Macht zu kaufen; etwa in Form von Lizenzen für legitime Aktivitäten, mit denen sie ihre Einnahmequellen tarnen kann. Wählergunst ist bekanntlich wie Geld: «Non olet»; und Parteien und Kandidaten befleißigen sich im Wahlfieber, ohne allzu zimperlich zu sein, ihren jeweiligen Listen Stimmen zu verschaffen. Alle Parteien haben deshalb im geheimen Schulden bei der Mafia, auch wenn einige weniger tief in ihrer Schuld stehen als andere.

 

Früher pflegten sich zum Beispiel die Wahlsieger bei ihren mafiosen Helfershelfern zu bedanken, indem sie sie in bekannte Trattorien einluden, wo dann in aller Öffentlichkeit fröhliche Gelage gefeiert wurden. In den letzten Jahren setzten die durch Unterstützung der Mafia gewählten Parlamentarier alles daran, sich nicht in kompromittierender Gesellschaft blicken zu lassen; sie verlegen selbst ihren Wohnsitz nach Rom, obwohl sie dadurch in Kauf nehmen müssen, ihre Wählerschaft zu vernachlässigen; und die Parteien reagieren indigniert, sobald ihnen «Kontiguität», d. h. Nähe, nachgesagt wird.

 

Ein Mafiaboss, der sich während der Wahlkampagne für eine Liste und innerhalb dieser für einen einzelnen Kandidaten einsetzt, tut dies weder aus ideologischen Gründen noch aus freundschaftlichen Gefühlen, sondern aus pragmatischem Kalkül: Er kann mit pünktlichen Gegenleistungen der Partei rechnen, die auf diese Art mit ihm und seiner Organisation verquickt bleibt. Die Initiative zur Aufnahme von Beziehungen mit der Mafia geht seitens der Politiker indessen nie von nationaler Ebene aus. Ohne dass die Partei davon Kenntnis hatte, war es stets Sache der Fraktionschefs und der lokalen Parteifunktionäre, den Umfang der politischen Tätigkeiten für ihre Wahlbereiche festzulegen, ihren - leiblichen - Söhnen sowie ihren «Patenkindern», das heißt ihren Schützlingen, Stellen zu verschaffen, die Vergabe öffentlicher Gelder und all die anderen Dinge zu kontrollieren, die der instinkthaften und brutalen Solidarität unter den Angehörigen der «Ehrenwerten Gesellschaft» förderlich sind.

 

Auf diesem Boden gedeiht die verfilzte Zusammenarbeit zwischen Mafia, Führungsklasse, mafiosen Unternehmern, Finanz- und Geschäftskreisen, Wahlkandidaten und Wählern. Um die Stimmen dieser Wähler zu kaufen, geben einzelne Parlamentarier während einer Wahlkampagne das Zehnfache der Summe aus, welche die ins Parlament Gewählten als Gehalt für eine ganze Legislaturperiode erhalten. Rund 20 000 Stimmen kaufte die Mafia beispielsweise bei den letzten sizilianischen Regionalwahlen im Juni dieses Jahren allein in Catania den von ihr unterstützten Politikern. Bezahlt wurde mit Geld (bis zu 200 000 Lire pro Stimme), Baubewilligungen, vorzeitigen Pensionierungen, Theaterabonnementen und Diensten des ältesten Gewerbes - das übliche Spiel, das diesmal durch eine Telefonabhöraktion ans Licht kam.

 

So kommt es, dass sich politische Führungskräfte, Minister, Staatssekretäre plötzlich in ein Netz von «hilfsbereiten Freunden» verstrickt finden und anfangen, Briefe und Briefchen an andere einflussreiche Amtspersonen zu schreiben, an Präfekten, Polizeichefs, Richter, Bürgermeister und Carabinieri-Befehlshaber - Briefe und Briefchen, die Anlass geben zu eifrigen und mühseligen Recherchen seitens der Begünstigten sowie deren Gegner mit dem Ziel, je nachdem entweder die kompromittierenden Dokumente zu zerstören oder aber mit ihrer Hilfe die politischen Feinde öffentlich in Misskredit zu bringen. Diese «Jagd nach Beweisstücken» hat Mitglieder des sizilianischen Antimafia-Pools dazu bewogen, aus den Archiven der parlamentarischen Kommission, die sich mit der Mafia befasst, Hunderte solcher Dokumente zu entwenden und sie nach und nach dem stets skandalhungrigen Pressewesen zu verfüttern.

Die Praktiken der Wett-Mafia

Nach der Verhaftung eines Paten in Singapur werden immer mehr Details bekannt.

Folgende Geschichte ist tatsächlich passiert: Am 18. September 2001 spielt Fenerbahçe in der Champions League gegen Barcelona. Der Favorit aus Spanien erzielt durch Saviola in der 66. Minute das 3:0. In Asien zuckt in diesem Moment einer der großen Wettpaten zusammen. Er hat drei Millionen Euro auf das Spiel gesetzt, und Barcelona hat soeben die Wette zerstört. Vier Minuten später geht das Licht aus im Şükrü-Saracoğlu-Stadion.

Wäre das Spiel abgebrochen worden, hätte Tan Seet Eng, auch Dan Tan genannt, im fernen Singapur zumindest seinen Einsatz zurückbekommen. Doch die Türken hatten ein Notstromaggregat und konnten nach 20 Minuten das Spiel fortsetzen.

„Ich habe vier Stadiontechniker gehabt“, erklärt Dan Tan in einem Chat mit Journalisten des Spiegel, die im Frühjahr dieses Jahres den Wett-Paten online kontaktieren konnten. Er hätte es nicht erzählen müssen: Sein im Frühjahr 2011 verhafteter Komplize Wilson Raj Perumal hatte schon ein umfangreiches Geständnis abgelegt und erzählte den Behörden auch Details aus Istanbul.


Der Wett-Guru Dan Tan


Nach der Verhaftung von Perumal wurde die Schlinge um Dan Tans Hals immer enger. Denn der 48-Jährige hat nicht nur Flutlicht sabotiert. Diese Woche wurde Dan Tan in Singapur verhaftet.
In den mehr als hunderttausend Seiten dicken Ermittlungsakten ist das Geschäftsmodell seiner Organisation dokumentiert. Dan Tan soll an der Manipulation von mehr als 300 Spielen beteiligt gewesen sein. Vorwiegend in Italien, aber auch in Finnland, Ungarn, Österreich und in Südamerika sowie Afrika. In Italien und Ungarn sollen es alleine 60 Partien gewesen sein.

Dan Tan habe Geld von Kunden für Wetten bekommen. Dieses habe er bei Wettanbietern investiert. Ein Teil davon wurde für die Bestechung von Spielern und Referees gebraucht. Für die Abwicklung der fixierten Spiele waren Mitarbeiter vor Ort zuständig. Diese sogenannten Runner kontaktierten und bezahlten Spieler. Im Chat mit dem Spiegel schrieb Dan Tan vor seiner Verhaftung, dass manche bis zu 800.000 Euro bekommen hätten. Eine Summe, die Klubfunktionären Unbehagen bereitet: Bei solchen Beträgen könnten auch Profis in den Top-Ligen schwach werden.

Und das sind sie auch geworden. Vor allem in Italien. „Wir haben sie zu nichts gezwungen. Sie stellten sich gerne zur Verfügung“, sagte ein inhaftierter Komplize. Für die Organisation war es ein gutes Geschäft: Üblicherweise belief sich der Gewinn pro Spiel auf 500.000 bis 1,5 Millionen Euro. Den Rekord habe Dan Tan in der Serie A mit 15 Millionen Euro in einer einzigen Partie ergaunert. Sein Vermögen wird auf 200 Millionen Euro geschätzt.


Der Geldtransport
 
Das Geld für die Bestechung kam bis 2009 per Überweisung. Nachdem die Bochumer Staatsanwaltschaft den in Berlin tätigen Ante Sapina verhaftet hatte, wurde Dan Tan vorsichtig: Die nächsten zwei Jahre wurde Bargeld in 26 Flügen von Singapur nach Mailand gebracht. Am 4. November 2001 beobachteten italienische Ermittler einen Komplizen Dan Tans, der mit einem neun Kilo schweren Koffer in Mailand ankam, drei Stunden im Sheraton-Hotel blieb und danach mit einem acht Kilo schweren Koffer wieder Richtung Singapur eincheckte.

Mit der Verhaftung der Dan-Tan-Führungsspitze ist Interpol ein Schlag gegen die Wett-Mafia gelungen. Allerdings wiesen laut der Monitoring-Firma Sportradar fast ein Prozent aller europäischen Fußball-Spiele 2012 auffällige Quoten-Veränderungen auf. Es wäre blauäugig zu glauben, dass Dan Tans Team dafür alleine verantwortlich war.

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Samstag, 28. September 2013

Drogen-Mafia tötete Hamburger Ehepaar

Hamburg-Schnelsen – Neue Spur im Doppelmord-Fall in Polen. Das Ehepaar aus Hamburg-Schnelsen wurde offenbar von der italienischen Drogen-Mafia hingerichtet!




Spaziergänger fanden am 19. Mai vergangenen Jahres auf einer Grünfläche in Warschau das ermordete Hamburger Ehepaar Silke G. († 62) und Peter H. († 61), die von Süditalien kommen durch Deutschland nach Polen weiter fuhren. Die Camper wurden erschossen. Jetzt wurde bekannt: Ermittler entdeckten nach aufwendigen Analysen im Wohnmobil der Hamburger Spuren von Kokain und Amphetaminen. „Wir können positive Drogentests bestätigen, die italienischer Herkunft sein müssen“, so die Staatsanwaltschaft Warschau.

Die Behörde klärt jetzt, wie die Drogen-Spuren in das Wohnmobil kamen. Vermutung: Das Hamburger Pärchen wurde unwissentlich als Rauschgift-Kuriere missbraucht. Die polnische Polizei geht davon aus, dass die Täter aus den Kreisen der sizilianischen Drogen-Mafia stammen.

Carsten Rinio, Sprecher der Staatsanwaltschaft: „Dass Spuren von Betäubungsmitteln gefunden wurden, ist den deutschen Behörden bekannt. Es gibt aber keine Hinweise darauf, dass die Opfer etwas mit den Drogen zu tun hatten. Wie die Rauschgift-Reste in das Fahrzeug kamen, ist unklar.“

Die Killer benutzten ein kleineres Kaliber – 6,35 Millimeter. Die Kugeln tauchen in keiner Datenbank auf. Auf das Wohnmobil (Neupreis 35 000 Euro) oder Bargeld hatten es die Täter nicht abgesehen, sie ließen es stehen.

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Donnerstag, 26. September 2013

Big-Boss Matteo Messina Denaro - der Diabolische...


Matteo Messina Denaro belegt Platz fünf auf der Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher der Welt. Anfang der 90-er Jahre tauchte er unter, lebt aber höchstwahrscheinlich auf Sizilien in der Nähe von Trapani im Westen der Insel. Es ist bekannt, dass es die Macht der Mafia-Bosse nicht einschränkt, wenn sie versteckt leben müssen.
 
 
 
 
Obwohl er seit mehr als 20 Jahren gesucht wird, und er immer wieder Inder Öffentlichkeit auftaucht, rauschende Feste feiert und ein Heer von Freundinnen unterhält, gibt es kein jüngeres Fahndungsbild, an dem man sich orientieren könnte. Seit 2002 ist er in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt.
 
Mit der Karriere von Messina Denaro innerhalb der Cosa Nostra hat sich auch das Machtzentrum der Mafia aus dem zentralsizilianischen Corleone nach Trapani verlagert. Das ist einer der Gründe, die Nicastri, ein Strohmann des Big-Bosses, und sein Vermögen verdächtig gemacht haben. Nicastri lebt in Alcamo, das zur Provinz Trapani gehört. Er machte eine sehr schnelle und leichte Karriere vom einfachen Elektriker zum millionenschweren Unternehmer. In wenigen Jahren hatte er ein Firmenimperium aufgebaut, das bis in den Norden Italiens nach Mailand und sogar ins Ausland reicht.
 
"Das allein ist ein Indiz für uns Fahnder", erklärt DIA-Chef De Felice. "In der sizilianischen Realität funktioniert das folgendermaßen: In einer Gegend, wo ein mächtiger Mafia-Boss wie Messina Denaro lebt und herrscht, ist es völlig unmöglich, eine größere wirtschaftliche Aktivität ohne die vorherige Zustimmung und die direkte Beteiligung der herrschenden Mafia-Organisation zu betreiben." Ohne den "Dominus", wie die Fahnder den Boss in der Fachsprache nennen, geht gar nichts.
Der 50-jährige Matteo Messina Denaro ist Amtserbe der Mafia-Bosse Salvatore Riina und Bernardo Provenzano und nicht nur berühmt für seine elegante Kleidung. Er liebt Armani, Versace, Rolex und Porsche. Bekannt und gefürchtet ist er allerdings wegen seiner Skrupellosigkeit und der brutalen Morde, die er begangen hat und die ihm neben dem Respekt innerhalb der Mafia auch den Spitznamen "Diabolik" einbrachten.
Wie viele Morde genau auf sein Konto gehen, weiß niemand. Als gesicherte Erkenntnis gilt, dass er die Frau eines Gegners erwürgte sowie vier Männer erhängte und danach in Säure auflöste. "Mit meinen Opfern könnte ich einen Friedhof aufmachen", prahlte Messina Denaro einmal vor Komplizen. Und damit könnte er nicht ganz Unrecht haben...

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Mittwoch, 25. September 2013

Carabinieri und Finanzpolizei beschlagnahmen Mafia-Besitz von 700 Millionen Euro

Italienische Behörden haben Besitztümer im Wert von mehr als 700 Millionen Euro beschlagnahmt. Die Güter gehörten dem Geschäftsmann Giuseppe Grigoli, einem Vertrauten der sizilianischen Mafia. Er sitzt eine langjährige Haftstrafe ab.


Giuseppe Grigoli

Bei Ermittlungen gegen die Mafia in Sizilien haben die italienischen Behörden Güter im Wert von mehr als 700 Millionen Euro aus dem Besitz eines Vertrauten der Cosa Nostra beschlagnahmt. Es handle sich um eine der größten derartigen Aktionen seit Beginn der Ermittlungen gegen die Cosa Nostra in Sizilien, teilte die Polizei mit.

Demnach wurden zwölf Firmen, darunter vor allem Supermärkte und Lebensmittelläden, 220 Wohnungen und Häuser sowie 133 Grundstücke beschlagnahmt. Laut Polizei gehörte der gesamte Besitz dem inhaftierten Geschäftsmann Giuseppe Grigoli.




Der auch "König der Supermärkte" genannte Grigoli steuerte nach Angaben der Anti-Mafia-Ermittler in Palermo seine Geschäfte vom Gefängnis aus. Der 64-Jährige sitzt eine zwölfjährige Haftstrafe wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung ab. Grigoli soll enge Verbindungen zu Matteo Messina Denaro haben, dem wichtigsten aller Cosa-Nostra-Bosse. Er wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt, ist jedoch seit 18 Jahren flüchtig. Offenbar genießt dieser Mann Schutz von ganz oben, so wird gemutmaßt, denn es scheint sehr fragwürdig, sich so lange ohne politische Hilfe an der Macht innerhalb der Mafia zu halten.

In Mailand hat die Polizei acht Personen festgenommen, die Geld der Mafia in der Lombardei investierten. Dort wurden edelste Villen am Lago Maggiore erworben und aufwendig saniert.

Auch für die Tochter und den Schwiegersohn des skandalumwitterten Mafioso Vittorio Mangano, der Beziehungen zum ehemaligen Premier Silvio Berlusconi unterhielt, klickten die Handschellen.
Italiens stellvertretender Innenminister Filippo Bubbico sprach von einem "brillanten Einsatz". Die Strategie der Justiz, die Mafia an ihrem Geldbeutel zu treffen, erweise sich als erfolgreich und müsse fortgesetzt werden.

Das dürfte allerdings nicht so einfach sein, wie es sich sagt. Matteo Messina Denaro, der derzeit mächtigste Boss der Cosa Nostra soll angeblich über ein Bar-Vermögen von mehr als 20 Milliarden Euro verfügen können und dieses Geld auf Hunderte anonymen Auslandskonten - vorwiegend in Steueroasen gebunkert haben.


Vittorio Mangano beim Verhör in der Staatsanwaltschaft Palermo


In einem weiteren Einsatz gegen die Cosa Nostra nahm die italienische Polizei am Dienstagmorgen acht Verdächtige fest. Bei der Aktion in der norditalienischen Lombardei wurden auch die Tochter und der Schwiegersohn von Vittorio Mangano festgenommen, einem seit 2000 verschwundenen Vertrauensmann der Cosa Nostra in Mailand. Er soll vor allem in den siebziger Jahren Geschäfte mit der sizilianischen Mafia gemacht haben. Mangano soll auch Kontakte zum späteren Regierungschef Silvio Berlusconi gehabt haben.

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Dienstag, 24. September 2013

Das zweite Leben konfiszierter Mafia-Güter

Wenig Transparenz beim Wiederverwertungsprozess nach der Beschlagnahmung in Italien.

In Italien sind in den letzten Jahren Güter der Mafia im Wert von mehreren Milliarden Euro konfisziert worden. Diese Besitztümer müssen für soziale Zwecke genutzt werden. Was damit tatsächlich geschieht, wird aber nicht immer dokumentiert.


beschlagnahmtes Anwesen von Camorra-Boss Michele Zaza


Im schmalen, siebenstöckigen Palazzo im Herzen Roms feiern die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der gemeinnützigen Anti-Mafia-Gruppe «Libera» den Beginn des Frühlings auf besondere Art. Seit der Gründung der Organisation 1995 wird jedes Jahr Ende März in mehreren italienischen Städten der «Tag des Gedenkens und des Einsatzes» für die unschuldigen Opfer der Mafia begangen. Alleine im süditalienischen Potenza kamen kürzlich Zehntausende von Personen für dieses Ereignis zusammen.




In den gleichen Räumen des «Libera»-Hauptsitzes, wo heute landesweite Kampagnen gegen das organisierte Verbrechen auf die Beine gestellt werden, fanden vor nicht allzu langer Zeit noch Geschäftstreffen zwischen hochkarätigen Exponenten der neapolitanischen Camorra statt. Das Gebäude unweit der Piazza Venezia gehörte einst dem prominenten Camorra-Boss Michele Zaza, ehe es die Justizbehörden 1994 in beschlagnahmten.


17 Millionen Euro Bargeld im Keller von Camorra-Boss Michele Zaza!



«Mafia-freies Land»

Vor genau 15 Jahren trat in Italien das Gesetz zur Wiederverwertung von konfiszierten Mafia-Gütern für soziale Zwecke in Kraft. Das Dekret sieht vor, dass auf kriminelle Weise erlangte Besitztümer an Genossenschaften, Verbände, Gemeinden, Provinzen oder Regionen verteilt werden, die das Kapital für die Verwirklichung von gemeinnützigen Tätigkeiten, neuen Arbeitsplätzen und öffentlichen Diensten wiederverwerten. Mit dieser Vorlage begann ein neuer Abschnitt im Kampf gegen das organisierte Verbrechen.

Nach jahrzehntelanger Arbeit und mehreren Verzögerungen ist die Justiz seither befugt, bei Verdacht auf Angehörigkeit oder Verbindungen zur Mafia Güter zu beschlagnahmen, die danach sinnvoll umgewandelt und der Zivilgesellschaft zurückgegeben werden.

Laut der Agenzia Nazionale Beni Sequestrati e Confiscati (ANBSC), welche 2010 ausschließlich für die Verwaltung der konfiszierten Vermögen gegründet wurde, sind seit der Einführung des Gesetzes dem organisierten Verbrechen landesweit rund 11 150 Güter – darunter Palazzi, Wohnungen, Ferienresidenzen, Unternehmen und Bauland – weggenommen worden. Dabei wurden vor allem die Mitglieder der drei grossen Verbrechersyndikate getroffen. Die meisten Güter, knapp 5000, wurden bisher von der Justiz bei der sizilianischen Cosa Nostra konfisziert. Seit 1996 sind jeweils knapp 1700 beziehungsweise 1550 Besitztümer der Bosse der Camorra in Kampanien und jener der kalabrischen 'Ndrangheta beschlagnahmt worden.

Nach Sizilien, Kampanien und Kalabrien kamen die Justizbehörden nicht etwa in Apulien, wo die vergleichsweise weniger einflussreiche Sacra Corona Unita agiert, sondern in der Lombardei am häufigsten zum Einsatz. In der Region um Mailand gewinnen die kriminellen Vereinigungen Süditaliens seit geraumer Zeit immer mehr Macht und Einfluss.

Der genaue Wert der konfiszierten Güter lässt sich laut «Libera» nur schwer festlegen. Verschiedene Studien über die finanziellen Mittel der Mafia schätzen diesen allein in den vergangenen zwei Jahren auf mehrere Milliarden Euro. Beim beschlagnahmten Kapital handelt es sich meist um Immobilien, die anschließend in Einrichtungen wie beispielsweise Jugendtreffs oder Kulturgesellschaften umgewandelt werden. Solche Strukturen sind dann prominenten Mafia-Opfern wie dem sizilianischen Aktivisten Giuseppe Impastato oder dem Richter Giovanni Falcone gewidmet.

Auf Sizilien sind in den letzten Jahren auf Grundstücken, die ehemals im Besitz der Clans waren, zahlreiche landwirtschaftliche Genossenschaften entstanden. Dort werden unter dem Etikett «Libera Terra» («Mafia-freies Land») nach biologischen Kriterien etwa Olivenöl, Zitronen oder Wein produziert. Dank solchen Projekten haben viele Jugendliche nicht nur die Möglichkeit, in ihrer Region zu bleiben und einer legalen Tätigkeit nachzugehen; mit ihrer Arbeit auf konfisziertem Land tragen sie auch zur Verbreitung einer Anti-Mafia-Kultur bei.


Nicht nur Erfolge

Obschon der italienische Staat und die Zivilgesellschaft in den vergangenen Jahren wichtige Erfolge im Kampf gegen das organisierte Verbrechen feiern durften, gibt es in dieser Hinsicht vor allem im Süden noch immer große Herausforderungen. Auf Sizilien bestimmen die Clans der Cosa Nostra nach wie vor fast jeden Bereich, vom Agrar- und Lebensmittelgeschäft über Dienstleistungen bis zu Auftragserteilungen der öffentlichen Hand. Auch im Immobilien- und Finanzsektor halten die Bosse die Fäden in der Hand. Laut dem palermitanischen Händlerverband «SOS Impresa» hat die Ausbreitung und Kontrolle der Mafia schwerwiegende Folgen für die Unternehmer der Region. Jeden Tag werden in diesem Zusammenhang 1300 Delikte verübt, wobei Händler meist Opfer von Erpressung werden.

Für die Mafia-Bosse ist ihr akkumuliertes Kapital nicht nur finanziell wertvoll. Reichtum wird auch als Beweis von Macht zur Schau gestellt. Aus diesem Grund ist das Gesetz zur Konfiszierung von Mafia-Gütern für soziale Zwecke juristisch wie auch kulturell von Bedeutung. Kommt es zur Beschlagnahme durch die Behörden, so muss in der Regel auch mit einer scharfen Reaktion der Mafia-Bosse gerechnet werden. Konfiszierte Güter wie Immobilien oder Land werden im Auftrag der Clans beschädigt, damit sie danach nicht mehr an die Öffentlichkeit zurückgegeben werden können. Vergeltungsmaßnahmen beschränken sich jedoch nicht auf Sabotagen oder Vandalismus. Auch Mitarbeiter der landwirtschaftlichen Genossenschaften auf Sizilien und in Kalabrien werden zu Zielscheiben der Mafia. Wegen ihres Einsatzes müssen sie mit Angriffen rechnen oder erhalten Morddrohungen.

Die Vorlage zur Konfiszierung und gemeinnützigen Verwendung der Mafia-Schätze stößt auf Grenzen. Als problematisch erweist sich vor allem die Dauer der verschiedenen Prozeduren. Wird das Gesetz angewendet, so kann es vom Tag der Beschlagnahmung an zwischen sieben und zehn Jahren dauern, bis die Güter der Öffentlichkeit zurückgegeben werden können. Dabei verlieren Immobilien, die Witterungs- und anderen Umwelteinflüssen ausgesetzt sind, an Wert. Zusätzliche Finanzmittel für die Wartung oder Renovierung der Güter fehlen, andere Faktoren wie bestehende Hypotheken oder Verschuldung behindern eine Wiederverwertung der Liegenschaften.


Mangelnde Transparenz

Eine weitere Schwierigkeit stellt die wenig transparente Zuteilung der konfiszierten Besitztümer dar. Aus einer jüngst von «Libera» veröffentlichten Studie über beschlagnahmte Güter in der Region Latium ging beispielsweise hervor, dass mehrere Immobilien zwar zugeteilt wurden, aber noch immer leer standen. Andere erwiesen sich als besetzt, wobei unklar blieb, wer sie brauchte und zu welchen Zwecken. Alleine in der Stadt Rom wird laut dem Bericht derzeit ein Viertel der 135 zugeteilten Güter nicht für gemeinnützige Projekte, sondern auf andere Weise verwendet. Im gleichen Zusammenhang besteht das Risiko, dass Besitztümer nach der Konfiszierung über einen Strohmann wieder in den Besitz der Bosse kommen.

Vor diesen Herausforderungen steht in erster Linie die Agentur für die Verwaltung der beschlagnahmten Güter, die selber jedoch nicht über genügend Personal verfügt, um ihre Aufgabe zu bewältigen. Derzeit sind in den beiden Sitzen der ANBSC in Reggio Calabria und Rom zusammen lediglich 30 Mitarbeiter im Einsatz, die für das gesamte nationale Gebiet zuständig sind. Der Präfekt Mario Morcone, der die Agentur leitet, hat in den vergangenen Monaten mehrmals zusätzliches Dienstpersonal und Ressourcen gefordert. Bisher sind seine Appelle auf taube Ohren gestoßen.

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Mafia-Killer in Badehose verhaftet!

Jetzt sieht er die Sonne Italiens wieder nur noch durch Gitterstäbe – hier wird gerade ein Mafia-Killer verhaftet!

Massimiliano Sestito (42) war wegen Mordes an einem Polizisten zu 30 Jahren Haft verurteilt worden, kam im August auf Bewährung raus aus dem Knast. Das 'Ndrangheta-Mitglied meldete sich aber nicht wie angeordnet regelmäßig bei der Polizei in der Nähe von Rom – er machte sich lieber aus dem Staub! Man fragt sich natürlich, weshalb ein Serienkiller der Mafia auf Bewährung frei herumlaufen darf und sich am Strand mit Freunden vergnügt, wenn er noch 27 Jahre in Haft einsitzen müsste.



Massimiliano Sestito (42) sitzt gefesselt am Strand von Centola (Süditalien)


Die Ermittler bekamen einen Tipp, observierten den Mörder – und schnappten jetzt am Strand von Centola (Süditalien) zu! Schwerbewaffnete Polizisten verhafteten den verdutzten Mafioso und einen Komplizen beim Sonnenbaden!


Centola


Zuerst versuchte er sich noch rauszureden, die Polizisten hätten den Falschen erwischt, zeigte sogar einen gefälschten Ausweis – ohne Erfolg! Die Handschellen klickten, Sestito kauerte geschlagen in seinen Badehosen auf dem Strandtuch – während ein Polizist ein Foto machte, das später im Netz landet.


nessun dorma - keiner schlafe!

Jugendliche aus Kalabrien betreiben einen Radiosender gegen die ‘Ndrangheta

Eine Gruppe Jugendlicher aus Reggio Calabria hat ein Webradio gegründet, das allein den Problemen der organisierten Kriminalität gewidmet ist. Wie die berühmte Arie aus Tourandot heißt der Sender »Nessun Dorma«.
 
»Nessun Dorma!« (Keiner schlafe!) ist ein Imperativ und allen Freunden des Belcanto als Arie aus der Oper Turandot von Giacomo Puccini bekannt. Aber jetzt ist »Nessun Dorma« auch ein Radiosender: Der erste internationale Sender gegen die ‘Ndrangheta, die mächtige Verbrecherorganisation aus Kalabrien.
 
Einen schöneren Namen hätten sich die jungen Frauen und Männer, die in Reggio Calabria den ersten Sender gegen die ‘Ndrangheta auf die Beine stellen, kaum wählen können, denn er sagt viel über das Projekt aus. »Keiner schlafe!« ist eine Aufforderung, die sich ganz klar an alle Bürger richtet. Es heißt so viel wie: »Vor dem Phänomen der organisierten Kriminalität darf niemand die Augen verschließen, weil man sich sonst mitschuldig macht.« Und wenn man bedenkt, dass die letzte Zeile der Arie »All’alba vincerò«, lautet, was »Im Morgengrauen werde ich siegen« heißt, dann sieht man darin auch das Stückchen Hoffnung, das man gerade in Kalabrien so dringend braucht.
 
Vor etwa 20 Jahren war die ‘Ndrangheta, die kriminelle Organisation, die ihren »Stammsitz« an der italienischen Stiefelspitze hat, eigentlich nur Insidern und Experten bekannt. Die internationale Aufmerksamkeit fokussierte sich auf »Cosa Nostra«, also die sizilianische Mafia. Mit der Zeit ist aber klar geworden, dass die ‘Ndrangheta genau so mächtig und womöglich noch schwerer zu bekämpfen ist.
 
Das hat natürlich viele Gründe, liegt aber unter anderem auch daran, dass anders als bei »Cosa Nostra« die verschiedenen Clans (sie heißen ‘Ndrine) immer aus Blutsverwandten bestehen: Kronzeugen gibt es bei Prozessen gegen die ‘Ndrangheta nie und nie plaudert jemand die internen Strukturen aus. Diese Verbrecherorganisation kontrolliert inzwischen einen Großteil des internationalen Drogenhandels und hat sich auf alle Kontinente ausgebreitet, was auch in Deutschland spätestens seit dem Massaker 2007 in Duisburg bekannt ist. Nach jüngsten Schätzungen hat die ‘Ndrangheta einen Jahresumsatz von über 50 Milliarden Euro und über 50 000 »Beschäftigte«.
 
Rechnet man alle mafiosen Gruppen zusammen, erzielen sie in ihrer Gesamtheit laut letzten Schätzungen 200 Milliarden pro Jahr. Das übertrifft den EU-Staatshaushalt um über 40%,
 
In Kalabrien selbst kontrolliert sie praktisch jeden Stein in jedem noch so entlegenen Dorf und der Hafen von Gioia Tauro gilt als einer der wichtigsten Drogenumschlagplätze der Welt. Die Atmosphäre in der süditalienischen Region ist drückend und selbst Polizei und Justiz haben hier einen schweren Stand. Ein ziviler Widerstand, wie es ihn in Sizilien seit Jahren gibt, ist in Kalabrien fast unbekannt.
 
 
Gioia Tauro
 
Umso mutiger ist das Projekt mit dem Internetradio »Nessun Dorma«. Es wird auch von der EU finanziert und wurde von der »Beobachtungsstation zum Phänomen ›‘Ndrangheta‹« ins Leben gerufen. Aber die Hauptpersonen sind die Jugendlichen, die jetzt in einem Schnellkurs darauf vorbereitet werden, den Sender technisch und redaktionell selbstständig zu leiten. Ab November werden sie Reportagen, Berichte, Analysen und Nachrichten bringen, die sich mit allen Facetten der ‘Ndrangheta befassen, mit den internationalen Geldflüssen ebenso wie mit der kulturellen Hegemonie, die die Organisation auf weite Teile der Region ausübt, mit den Verbindungen zu anderen Banden wie Cosa Nostra ebenso wie mit den Ermittlungserfolgen und Prozessen. Aber natürlich gibt es auch viel Musik und auch für diesen Teil kommen die jungen Redakteure alle aus der Region.
 
Solidarität und Unterstützung bekommt »Nessun Dorma« aus dem benachbarten Sizilien und den verschiedenen Sendern, die dort seit Jahren gegen die Mafia kämpfen. Aber auch Oberstaatsanwalt Federico Cafiero de Raho wollte unbedingt dabei sein, als das Projekt letzte Woche der Presse vorgestellt wurde und sagte: »Es ist an der Zeit, dass jemand erzählt, wie Kalabrien wirklich ist. Und Italien muss endlich lernen, dass diese Region kein Fremdkörper, sondern Teil des Landes ist!«
 
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Montag, 23. September 2013

In den Fängen der Camorra

Bei der Ausschreibung für die Errichtung von Lärmschutzwänden entlang der A22 soll die Camorra ihre Finger im Spiel haben. Die Opposition will deshalb eine außerordentliche Regionalratssitzung einberufen. Ein Artikel der Tageszeitung „Il Trentino“ über die Brennerautobahn hat landesweit für Aufsehen gesorgt.

Demnach führt die Polizei zurzeit eine Reihe von Kontrollen durch. Ihr Verdacht: Bei der Ausschreibung für die Errichtung einer Reihe von Lärmschutzwänden in der Gemeinde Bussolengo soll getrickst worden sein – und dabei soll niemand geringeres als die Camorra maßgeblich involviert gewesen sein.

Laut dem „Trentino“ ging die Gesellschaft P.T.A.M. mit Sitz in Castellammare di Stabia (Sizilien) im Dezember als Sieger aus dem Wettbewerb hervor – mit einem bemerkenswerten Abschlag von 40 Prozent. Der Gesellschaft werden jedoch enge Kontakte zur Camorra nachgesagt, weshalb italienweit gegen sie ermittelt wird.





Die Trentiner Polizei wurde stutzig, nachdem die Gesellschaft den Auftrag für die Errichtung der Lärmschutzwände für läppische 3 Millionen Euro übernehmen wollte. Die A22 hatte die Arbeitskosten zuvor noch auf 5 Millionen Euro geschätzt.

Außerdem berichtet der „Trentino“ von zwei Zeugen, die ausgesagt hätten, dass die Firma mit dem Clan D’Alessandro zusammenarbeite. Dieser Clan gilt als eine höchst gefährliche Unterorganisation der Camorra.

Der Bericht hat nun auch die Landespolitik aufgeschreckt. „Da die Region Mehrheitseigentümer der Brennerautobahn ist, fordern wir unverzüglich Aufklärung in dieser Sache“, erklärt der Freiheitliche Roland Tinkhauser.

Eine Gruppe von 15 Abgeordneten will deshalb eine außerordentlichen Regionalratssitzung einberufen lassen. Die Sache gehöre ausdiskutiert, meint Tinkhauser. In dieselbe Scherbe schlägt die Lega-Abgeordnete Franca Penasa: „Die Region kann nicht so tun, als würde sie von den Ermittlungen nichts mitbekommen. Sie muss Aufklärung in diese besorgniserregende Geschichte bringen.“

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Sonntag, 22. September 2013

Mafiaboss in Utrecht gefasst

Seine Familie war in Mafiamorde in Duisburg verwickelt, er selbst wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt: Mafia-Verbrecher Francesco Nirta ist nach jahrelanger Flucht von der niederländischen Polizei gefasst worden. Mit dem 'Ndrangheta-Boss wurden noch vier weitere lang gesuchte Mafiosi festgesetzt. (Ich habe darüber berichtet)



Dieses Foto von Francesco Nirta veröffentlichte die italienische Polizei nach seiner Festnahme.
Mafiaboss mit Verbindungen nach Duisburg in Utrecht gefasst

Der seit Jahren gesuchte italienische Mafiaboss Francesco Nirta ist in Nieuwegein bei  Utrecht festgenommen worden. Er stand auf der Liste der zehn gefährlichsten flüchtigen Verbrecher Italiens, wie Medien des Landes am Samstag berichteten. Die niederländische Justiz bestätigte die Festnahme des 39-Jährigen. Er sei auf ein Gesuch der italienischen Behörden in einer Wohnung gefasst worden.

Nirtas Familie soll den Berichten zufolge in die Mafiamorde von Duisburg im August 2007 verwickelt gewesen sein. Damals wurden sechs Italiener auf offener Straße erschossen. Für die Morde verantwortlich gemacht wurde der Nirta-Strangio-Clan, dem auch der nun verhaftete
Francesco angehört. Auslöser für die Morde von Duisburg war eine alte Familienfehde zweier rivalisierender Clans. Francesco Nirta selbst soll jedoch nicht an den Morden beteiligt gewesen.





Mit Nirta wurden nach Angaben aus den Niederlanden vier weitere Männer verhaftet. Die Polizei fand 40 Kilo Kokain und mehrere tausend Euro Bargeld in der Wohnung und in einem Auto der Verdächtigen.

"Die Operation ist ein weiterer Schlag gegen die 'Ndrangheta", sagte Marco Minniti, Sekretär in der Regierung von Ministerpräsident Enrico Letta. "Die Festnahme von Francesco Nirta, einem der zehn
gefährlichsten Flüchtigen, zeigt, dass der Kampf gegen die organisierte Kriminalität eine der absoluten Prioritäten der Regierung ist, die mit Kraft und Einsatz vorangetrieben wird."


Samstag, 21. September 2013

'Ndrangheta-Boss Francesco Nirta in den Niederlanden festgenommen

Der Boss der kalabrischen 'Ndrangheta, Francesco Nirta, ist am Freitagabend in den Niederlanden festgenommen worden. Wie italienische Medien berichteten, wurde der 39-Jährige in einem Vorort von Utrecht gefasst.


 Francesco Nirta,

Der seit Jahren gesuchte Süditaliener zählt zu den zehn gefährlichsten Kriminellen Italiens und war bereits wegen eines Mordes zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden. Francesco Nirta ist Angehöriger von Mafiosi, die in das Blutbad im deutschen Duisburg im Jahr 2007 verwickelt waren.




Am 15. August 2007 hatten zwei Killer sechs Mitglieder eines rivalisierenden Clans der 'Ndrangheta vor einem Restaurant erschossen. Hintergrund der Bluttat war ein seit Jahren tobender Kampf zwischen den beiden Familienclans Nirta-Strangio und Pelle-Vottari, der in Kalabrien bereits zu mehreren Tötungsdelikten geführt hatte.

Nach den tödlichen Schüssen in Duisburg gelang den Schützen die Flucht nach Gent in Belgien, wo sie ihren gemieteten Wagen stehen ließen und untertauchten.

Im November 2008 fassten die Ermittler schließlich den seit mehr als zehn Jahren gesuchten Mafia-Boss Giuseppe Nirta - in Amsterdam.

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Mafioso beim Sonnenbad festgenommen

21.09.13

Beim Sonnenbaden am Strand ist ein gesuchter Mafioso in Italien von der Polizei aufgespürt worden. Der 42-Jährige genoss gemeinsam mit einem Freund in Badehose die Sonne, als er den Beamten ins Netz ging, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Polizeibeamte erkannten den Verbrecher am Strand von Palinuro in Süditalien und nahmen ihn fest.

Der Mann war im August bei einem Freigang entkommen und seitdem auf der Flucht. Das Mitglied der Organisation 'Ndrangheta war unter anderem wegen Mordes, Mitgliedschaft in kriminellen Vereinigungen und Drogenhandels gesucht worden. Anfang der 90er Jahre war das Clan-Mitglied für den Mord an einem Polizisten verurteilt worden.


Mafioso beim Sonnenbad festgenommen

21.09.13

Beim Sonnenbaden am Strand ist ein gesuchter Mafioso in Italien von der Polizei aufgespürt worden. Der 42-Jährige genoss gemeinsam mit einem Freund in Badehose die Sonne, als er den Beamten ins Netz ging, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Polizeibeamte erkannten den Verbrecher am Strand von Palinuro in Süditalien und nahmen ihn fest.

Der Mann war im August bei einem Freigang entkommen und seitdem auf der Flucht. Das Mitglied der Organisation 'Ndrangheta war unter anderem wegen Mordes, Mitgliedschaft in kriminellen Vereinigungen und Drogenhandels gesucht worden. Anfang der 90er Jahre war das Clan-Mitglied für den Mord an einem Polizisten verurteilt worden.

Neapel und die Camorra: Macht, die zum Himmel stinkt

Die Camorra dirigiert nach wie vor den Süden Italiens - etwa über Müll und Mozzarella. Die Neapolitaner können den Mafia-Aktivitäten sogar Positives abgewinnen und orten ein europäisches Problem.




Neapel eilt ein nicht gerader schmeichelhafter Ruf voraus: In der italienischen Millionenstadt soll es stinken. Nicht nach Pizza oder Pasta, sondern nach Müll. Seit Jahren kämpft die Metropole am Vesuv mit Bergen von nicht entsorgten Abfällen. Der Kampf scheint jedoch gewonnen: Von Müll merkt man heute in der Innenstadt kaum noch etwas. Bis vor wenigen Monaten war dies anders: "Es gab Zeiten, da konnten wir in bestimmten Vierteln nicht einmal das Fenster öffnen", erzählt Giuliana Gugliotti. Die 28-Jährige arbeitet als Freie Journalistin in Neapel. "Das Problem ist deswegen aber noch lange nicht gelöst. In bestimmten ländlichen Gegenden um Neapel gibt es immer noch illegale Müllhalden, gesteuert einzig und allein von der Camorra."  


Abfälle werden in Zwentendorf entsorgt

Die Camorra ist die neapolitanische Form der Mafia. Die Organisation hat Neapel und sein Umland nach wie vor fest im Griff. Und das auch dank des Mülls. Gugliotti: "Es ist eigentlich ganz einfach: Die Stadt konnte die Abfälle irgendwann nicht mehr entsorgen. Und wenn, dann zu einem hohen Preis. Da sprang eben die Camorra in die Bresche." Die Camorra hat die Abfälle auf eigene Faust beseitigt - freilich gegen Bezahlung. Nach dem Wie fragt man besser nicht. Inzwischen findet übrigens auch die Stadt selbst neue Wege, um das Müllproblem nicht wieder akut werden zu lassen: Vor Kurzem wurde bekannt, dass 90.000 Tonnen in der Verwertungsanlage Zwentendorf entsorgt werden.


Immer mehr Frauen an der Spitze der Mafia

Der Müll-Handel ist dennoch ein Paradebeispiel für den Wandel der Mafia. Den Mafioso im Zeichen Marlon Brandos mit grauem Haar und gedämpfter Stimme gibt es kaum noch. Der Präsident des lokalen Berufungsgerichts, Antonio Bonajuto, berichtet etwa, dass oft Frauen an der Spitze der Camorra stehen. Sie würden die Organisation kontrollieren, während ihre Männer festgenommen werden oder sich auf der Flucht befinden.

Dazu passen die kuriosen Polizeimeldungen um jüngste Verhaftungen ranghoher Camorra-Mitglieder. Ein Mafia-Boss wurde aus dem Lagerraum einer Bar nur mit einem Pyjama bekleidet abgeführt. Ein anderer Camorra-Chef wurde vor wenigen Tagen im Strandurlaub überwältigt. Der Verhaftete ist erst 35 Jahre alt.

Doch noch stärker als das Rollenbild der Camorra-Bosse hat sich deren Betätigungsfeld geändert. Neben den Müll-Geschäften gehören etwa der Lebensmittelhandel zu den Betätigungsfeldern. Sogar von einer "Agrar-" oder "Agro-Mafia" ist die Rede. 


Die Camorra hilft, wo der Staat versagt

Die Einheimischen sehen in dieser Entwicklung sogar Positives. Nicht nur beim Müll-Problem greife die Camorra den Neapolitanern da unter die Arme, wo öffentliche Einrichtungen versagen. Eine junge Neapolitanerin, die lieber anonym bleiben möchte, erzählt: "Meinem Onkel wurde von einer Bande der Laden ausgeräumt. Die Polizei konnte nicht helfen, also hat er sich an die Camorra gewandt. Nach drei Tagen war das Diebesgut wieder da."

Corrado Palazzo sieht das Mafia-Problem anders. Der 78-Jährige hat jahrzehntelang in Neapel als Carabiniere gearbeitet. "Die Camorra ist ein massives Problem, das darf man nicht schönreden. Doch ein Großteil der Kriminalität ist auf Zuwanderung zurückzuführen. Immer mehr Kriminelle kommen aus Ostländern." Dieses Problem müsse auf EU-Ebene bekämpft werden, "um den an sich guten Austausch zwischen den Ländern besser zu steuern".  


"Um Neapel zu verstehen, braucht es Jahre"

Für die lokale Polizei sei die Situation indes nicht einfach: "Man braucht viel Fingerspitzengefühl. Das können Auswärtige oft nur schwer verstehen. Um ein Gespür für die neapolitanische Seele zu kriegen, braucht man Jahre."

Freitag, 20. September 2013

Neue 'Ndrangheta-Anklage in der Schweiz

Die Bundesanwaltschaft (BA) hat beim Bundesstrafgericht erneut Anklage gegen 13 mutmaßliche Mitglieder der 'Ndrangheta erhoben. Eine erste Anklage in dieser Sache hatten die Richter in Bellinzona vor eineinhalb Jahren wegen Verfahrensfehlern zurückgeschickt.

Der Fall ist unter dem Namen «Quatur» öffentlich bekannt. Die 13 Angeschuldigten sollen im Rahmen einer kriminellen Organisation seit 1994 vor allem im Rauschgift- und Waffenschmuggel tätig gewesen sein, die auf der Achse Zürich-Tessin-Italien operiert habe.


Weitere Befragungen durchgeführt

Eine ersten Anklage der BA hatte das Bundesstrafgericht im Februar 2012 zurückgeschickt. Die Richter in Bellinzona waren zum Schluss gekommen, dass Teilnahmerechte der Verteidigung bei der Einvernahme von Belastungszeugen verletzt worden seien. Es seien weitere Untersuchungshandlungen der BA erforderlich.

Wie die BA am Freitag nun mitteilte, hat sie erneut Anklage beim Bundesstrafgericht erhoben. Nach der Rückweisung habe sie zahlreiche Personenbefragungen sowie Schlusseinvernahmen der Beschuldigten durchgeführt. Das Resultat der vorgenommenen Beweisergänzungen habe die ursprünglich erhobenen Vorwürfe bestätigt.


Verbindung zum Ferrazzo-Clan

Den 13 Beschuldigten lastet die BA Beteiligung beziehungsweise Unterstützung einer kriminellen Organisation, qualifizierte Geldwäscherei , Betäubungsmitteldelikte, Verstöße gegen das Kriegsmaterialgesetz und weiterer Delikte an.

Unter den Beschuldigten befindet sich auch der mutmaßliche Chef des 'Ndrangheta-Ablegers. Der in der Schweiz eingebürgerte Mann stammt aus dem italienischen Mesoraca, wo der 'Ndrangheta-Clan Ferrazzo seine Hochburg hat. Der Mann ist in der Schweiz einschlägig vorbestraft.


Mesoraca



Untersuchung seit 2002

Die Strafuntersuchung war Ende 2002 nach einem Informationsersuchen der Antimafia-Behörde in Rom ausgelöst worden. Involviert waren neben der Bundesanwaltschaft die Bundeskriminalpolizei sowie die Strafverfolgungsbehörden aus Zürich, dem Tessin und Italiens.
Im gleichen Zusammenhang wurden 2011 und 2012 bereits zwei Schweizer und zwei Italiener wegen qualifizierten Drogendelikten, Geldwäscherei und weiteren Delikten verurteilt. Die Sanktionen bewegen sich zwischen Geldstrafen und bedingten Haftstrafen.
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Donnerstag, 19. September 2013

Dienstag, 10. September 2013

Berlusconi kämpft mit allen Mitteln

Gestern begann der Senat in Rom mit den Beratungen darüber, ob Silvio Berlusconi aus der Kammer ausgeschlossen wird. Heute gegen 20 Uhr soll die Entscheidung über den Ausschluss Berlusconis gefallen sein. Die Anwälte des früheren italienischen Ministerpräsidenten übersandten dem zuständigen Senatsausschuss am Wochenende eine gut 30 Seiten lange Beschwerdeschrift, mit der Berlusconi vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg gegen den drohenden Verlust seines Sitzes klagt. Berlusconi will nicht aus der Politik ausscheiden. Neben Hausarrest droht dem Politiker zudem ein Niedergang seiner Partei und der Verlust der Anteile seiner Familie am Mediaset-Konzern.
 
 
Silvio Berlusconi wirbt an einem Kampagnenstand seiner Partei in Rom für eine Justizreform
 
In Italien wundert es kaum jemanden, dass Berlusconi offenbar ernsthaft darauf hofft, Straßburg könnte Italiens Justiz zur Revision des Steuerbetrugsurteils gegen ihn veranlassen, obwohl alle Richter in allen drei Instanzen von seiner Schuld überzeugt waren. In Italien genießt das Rechtssystem wenig Vertrauen, und Vorurteile gegen „Magistrati“ sind weit verbreitet. So hält es etwa ein Drittel der Italiener für möglich, dass politisch „linke Richter“ den konservativen Politiker mundtot machen wollen. Darauf setzt Berlusconi. Kaum Verständnis hat die Nation aber dafür, dass seine Partei „Volk der Freiheit“ (PdL) die Koalition mit den Sozialdemokraten vom Partito Democratico (PD) unter Enrico Letta stürzen will, wenn der „Cavaliere“ mit den Stimmen des PD aus dem Senat geworfen werden sollte.


Ein ausgeklügeltes System mit Briefkastenfirmen

Am 1. August war Berlusconi vom Obersten Gericht in Rom zu vier Jahren Haft wegen Steuerbetrugs verurteilt worden. Wegen einer früheren Amnestieregelung wurden ihm drei Jahre davon erlassen. Die höchste Instanz bestätigte das Strafmaß der ersten und zweiten Instanz in Mailand, wies allerdings die zusätzlich von der zweiten Instanz verhängte Strafe zurück, Berlusconi für fünf Jahre das Recht zu entziehen, aktiv am politischen Leben teilzunehmen. Diese Zeitspanne sei zu lang, urteilte Rom. Noch steht nicht fest, welche Zeit der Politikabstinenz die Richter Berlusconi verordnen. Aber der Senat hat schon jetzt eine Handhabe gegen Berlusconi. Unter Ministerpräsident Mario Monti war - auch mit den Stimmen von Berlusconis PdL - ein Antikorruptionsgesetz verabschiedet worden, das jedem Politiker, der rechtswirksam zu mehr als zwei Jahren Haft verurteilt wird, das Recht auf ein Mandat entzieht. Heute wettert Berlusconi, das Gesetz sei in seinem Fall nicht anwendbar, da sein vermeintlicher Steuerbetrug zehn Jahre zurückliege, also zu einer Zeit geschehen sei, als das Gesetz noch nicht gegolten habe. Nur wenige Juristen in Italien teilen diese Rechtsauffassung; aber darunter ist immerhin ein PD-Parlamentarier.

Mittlerweile liegt die Begründung des Urteils vor. Sie weist im Detail nach, wie Berlusconi vor seinem Eintritt in die Politik in seinem Unternehmen ein ausgeklügeltes System mit Hilfe ausländischer Briefkastenfirmen ersann, um beim Handel mit Filmrechten Steuern zu hinterziehen. Das System wurde auch nach Berlusconis Ausscheiden aus dem operativen Geschäft und zu seiner Amtszeit als Ministerpräsident fortgeführt. Die Richter wiesen nach, dass er von dem Betrug gewusst haben musste, auch wenn seine Anwälte das Gegenteil beteuern. Jeder konnte dieser Tage das 200 Seiten lange Urteil im Internet nachlesen; aber es blieb bei der allgemeinen Skepsis der Italiener gegen die Richter und ihren Spruch.


„Sonnenauf und -untergang“ für die PdL

Sollte Berlusconi tatsächlich ein Jahr unter Hausarrest gestellt oder Sozialdienst tun müssen - eine aus Altersgründen gemilderte Form der Haftstrafe - könnte er dies nutzen, um sich zum Märtyrer zu stilisieren. Schon jetzt hat seine Bewegung den PD als stärkste Partei in Umfragen knapp überholt. Aber dieser Vorsprung ließe sich nur weiter ausbauen, wenn Berlusconi in der Politik aktiv bleiben kann. Ohne seine Auftritte im Fernsehen würde seine Partei vermutlich untergehen, wie die Vergangenheit gezeigt hat: Im November 2011 war Berlusconi unter dem Druck von Staatspräsident Giorgio Napolitano und der EU nicht nur von seinem Amt als Regierungschef zurück getreten. Er hatte offiziell auch die Parteiführung an einen „Erben“ weitergereicht, seinen damaligen Justizminister und PdL-Generalsekretär Angelino Alfano.


Angelino Alfano

Aber dem heute 42 Jahre alten Vizeministerpräsidenten gelang es in Montis Amtszeit nicht, die Partei geschlossen hinter sich zu bringen. Deshalb kehrte Berlusconi Ende 2012 in die Politik zurück und setzte vorgezogene Wahlen durch. Nach drei Monaten Wahlkampf errangen Berlusconi und seine Bewegung die zweithöchste Anzahl der Stimmen mit nur einem halben Prozentpunkt Rückstand hinter dem PD. Als Berlusconi Anfang 2013 aus gesundheitlichen Gründen und weil ihm viele lokale Bündnisse nicht passten, am kommunalen Wahlkampf nicht teilnahm, verlor sein PdL wieder.

Eine junge Berlusconi-Unterstützerin brachte es im Abgeordnetenhaus auf den Punkt: Berlusconi bleibe „Sonnenaufgang und -untergang“ für die Partei. Noch hält der 1936 geborene Politiker trotz Altersschwäche alle Zügel in seiner Bewegung in der Hand. Ob der Milliardär dabei sein Geld einsetzt oder nur sein welkendes Charisma, sei dahingestellt. Sollte der „Cavaliere“ abtreten, könnte auch eine Umbenennung in „Forza Italia“, wie Berlusconi sie plant, seiner Partei nicht mehr helfen. So hieß seine Bewegung bis 2009, bevor sie ein Bündnis mit den Neofaschisten einging. Schon ist ein luxuriöses Büro angemietet, sind neue Möbel für „Forza Italia“ bestellt.


Berlusconi setzt auf Zeit

Sollte Berlusconi mit seinem Senatssitz seine Immunität verlieren, könnte seine Familie auch ihren Konzern einbüßen. Die Justiz kann Unternehmen konfiszieren und quasi kalt enteignen, wenn gegen den Eigentümer ein Verfahren läuft. So geschieht es gerade mit Europas größtem Stahlwerk Ilva im apulischen Taranto, das die Staatsanwälte wegen zu hoher Emissionswerte und daraus folgender möglicher Gesundheitsschäden schließen wollen, während die Politik dies wegen des drohenden Verlusts von tausend Arbeitsplätzen zu verhindern sucht. Die Staatsanwaltschaft hat angeordnet, dass in dem Werk noch vor einem rechtskräftigen Urteil Güter im Wert von 1,2 Milliarden Euro beschlagnahmt werden, weil der Verdacht bestehe, dass die Eigentümerfamilie Gelder aus dem Konzern in Steueroasen transferiert habe.


Stahlwerk Ilva in Taranto

Ähnlich könnten die Richter auch im Fall Berlusconis argumentieren. Italiens Justiz kann zudem Eigentum konfiszieren, wenn der Verdacht besteht, der Besitzer stehe im Kontakt mit der Mafia. Staatsanwälte in Palermo bemühen sich seit Jahren, Berlusconi solche Kontakte nachzuweisen. Bislang gelang das nur bei seinem einst engen Mitarbeiter, dem früheren Senator Marcello Dell’Utri, der wegen Kontakten zur Mafia rechtskräftig verurteilt wurde. Dem Berufungsgericht zufolge agierte dell’Utri „als Vermittler eines Paktes zwischen Berlusconi und der Mafia“. Demnach musste der „Cavaliere“ von 1974 bis 1992 hohe Schutzgelder an die Cosa Nostra zahlen.

Italiens Präsident Napolitano hat an Berlusconis staatsmännische Vernunft appelliert, das Land in der anhaltenden Rezession nicht in die dritte Regierungskrise in drei Jahren zu stürzen. Im Falle eines PdL-Ausstieg aus der Koalition will der Präsident versuchen, für Letta ohne Wahlen eine neue Mehrheit zu finden. Gelänge das, wäre Berlusconi politisch isoliert. Vielleicht ist darum die Drohung des Koalitionsbruchs nicht so ernst zu nehmen, wie sie klingt. Wohl aber setzt Berlusconi mit seinem Gang nach Straßburg auf Zeit. Er will, wie es in PdL-Kresen heißt, seinen PD-Partner zermürben, der im Senat bisher einheitlich für die Aufhebung der Immunität des Cavaliere stimmen will. Berlusconi würde gerne die dem PdL näher stehenden Christdemokraten im PD gegen die Sozialisten in der Partei ausspielen. Für Berlusconi wäre es eine Genugtuung, über seine eigene Krise auch den traditionell vielstimmigen PD zu lähmen.

Sonntag, 8. September 2013

Abkehr der Mafia vom Mord-Image

Unter starkem Druck der Verfolger wechselt Italiens Mafia die Strategie. Spektakuläre Anschläge auf Richter und Staatsanwälte sind verpönt. Untereinander jedoch kämpfen die Clans weiter mit allen Mitteln.






Vor 21 Jahren tötete die sizilianische Mafia in Palermo die Richter Giovanni Falcone (53) und Paolo Borsellino (52) mit spektakulären Attentaten. Für das Attentat auf Falcone und seine Frau wurde die Autobahn bei Palermo am 23. Mai 1992 in die Luft gesprengt.

Paolo Borsellino, Falcones Freund und Amtsnachfolger, wurde knapp zwei Monate später Opfer einer Autobombe, die vor dem Wohnhaus seiner Mutter in Palermo gezündet wurde. Die Explosion des unscheinbaren Fiat 127 riss fünf Mitglieder seiner Eskorte mit in den Tod, darunter die erste Frau, die in Italien Mafia-Ermittler beschützen sollte. Der italienische Staat reagierte auf die demonstrativen Hinrichtungen der beiden Mafia-Jäger mit einem verschärften Kampf gegen das organisierte Verbrechen.

Seither passten sich die Clans allerdings den veränderten Bedingungen an. Die Zahl der Morde und spektakulären Attentate auf Richter und Staatsanwälte ist drastisch zurückgegangen. Offensichtlich gilt inzwischen die Devise, möglichst wenig die Aufmerksamkeit der Ermittlungsbehörden zu wecken, um ungestört einem immer breiteren Spektrum krimineller Aktivitäten nachgehen zu können.

Weniger Blutvergießen und eine breite internationale Vernetzung garantieren weiterhin hohe Profite durch Schutzgelderpressung, Drogenhandel, aber auch mit Betrug im Rahmen öffentlicher Großaufträge, bei denen auch EU-Mittel in dunkle Kanäle geleitet werden.

Auch Internetbetrug und illegale Börsengeschäfte zählen mittlerweile zum neuen Mafia-Spektrum. Gewinne aus den gesetzwidrigen Aktivitäten werden vermehrt in legale Wirtschaftszweige investiert und so reingewaschen. Roberto Scarpinato, Oberstaatsanwalt aus Palermo, nennt die neuen Mafiabosse "Generation der Weißkragen".

Während die unterschiedlichen Mafia-Clans sich mittlerweile mit ihren inszenierten Machtdemonstrationen aus den Augen der Öffentlichkeit zurückzogen, breiteten sie sich gleichzeitig vom unterentwickelten Süden Italiens zunächst in den industrialisierten Norden und mittlerweile über Deutschland und die Schweiz bis in die USA, nach Kanada, Südamerika und Australien aus und vernetzen sich weltweit mit illegalen Organisationen.

Trotz aller Fortschritte bei der Bekämpfung der Clans stellte das Innenministerium in seinem letzten Bericht an das Parlament über Polizeiaktivitäten 2011 fest: "Das organisierte Verbrechen mafiösen Typs stellt im nationalen Verbrecherszenario weiterhin eine erhebliche Bedrohung dar."
Denn die Clans üben noch immer auf äußerst wirksame und durchaus gewalttätige Weise die Kontrolle über die eigenen Territorien aus. Gleichzeitig pflegen sie gute Verbindungen in Bereiche der legalen Wirtschaft sowie zur Politik insbesondere in lokalen und regionalen Verwaltungen. Schleichend passt sich die Mafia dem Bericht zufolge der Zivilgesellschaft und der Welt der Unternehmer an.

Untereinander bekämpfen sich die Clans bei Konflikten um die Vormacht in einzelnen kriminellen Geschäftsbereichen und Territorien wie eh und je auch mit blutigen Mitteln. Auch veranstaltet die mächtige kalabresische Ndrangheta weiter traditionelle Treffen zur Ernennung neuer Anführer etwa an Marienheiligtümern.

Das Geld aus Drogen-, Waffen- und Menschenhandel, Schutzgelderpressung und dem lukrativen Geschäft mit der Verklappung von Giftmüll investieren die Mafia-Familien jedoch nicht nur in Spielsalons in Italien und italienischen Restaurants etwa in Deutschland. In der hoch industrialisierten Lombardei unterwanderten sie nach einem Bericht der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission bereits vor Jahren erfolgreich Unternehmen und öffentliche Verwaltungen.

Im Unterschied zum scheinbar gut funktionierenden Norden schöpfen die Clans im Süden vor allem bei öffentlichen Aufträgen einen so großen Teil der Mittel ab, dass Infrastrukturprojekte auch nach mehreren Jahrzehnten unvollendet bleiben. Ob beim Kauf und Transport von Baumaterialien oder durch lukrative Stellen für Vertraute verdienen die Clans seit dreißig Jahren an der unvollendeten Autobahn, die durch Süditalien bis nach Reggio Calabria führen soll, ebenso wie an der Verbindung zwischen Palermo und Messina auf Sizilien.

Während in den Zeitungen über Anti-Mafia-Razzien mit jeweils dutzenden Verhaftungen weniger regelmäßig berichtet wird, sorgen mittlerweile andererseits Absetzungen ganzer Stadträte auch in Mittelitalien für Schlagzeilen. Denn neben dem internationalen Drogenhandel ist die Kontrolle öffentlicher Aufträge eines der traditionell lukrativsten Geschäfte. Und der Fluss öffentlicher Gelder lässt sich am leichtesten steuern, wenn Stadträte mit eigenen Leuten besetzt sind.

Doch italienische Clans sind nicht die einzigen Mafia-Organisationen, die in Italien trotz Wirtschaftskrise weiterhin florieren. Den Bereich der Geldwäsche haben den Ermittlern zufolge russische Banden erobert. Die Bereiche Drogen- und Menschenhandel dominieren nigerianische Gruppen, die als besonders aggressiv gelten. Die europäische Polizeibehörde Europol zählte in ihrem jüngsten Bericht vom vergangenen Juni 2600 Mafia-Organisationen auf dem EU-Territorium.

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"Nur der Markt für Drogen blüht"

Ohne konsequente Bekämpfung der Mafia gibt es keinen wirtschaftlichen Fortschritt in Italien. Das sagt in einem ausführlichen Gespräch mit Claudio M. Mancini der oberste Mafia-Jäger, Staatsanwalt Franco Roberti.


Franco Roberti, Procuratore



MANCINI:
Signore Roberti, im jüngsten Bericht des italienischen Innenministeriums über Polizeiaktivitäten für öffentliche Sicherheit werden wichtige Fortschritte bei der Verfolgung der Spitzen der Mafia erwähnt. Sinkt die Macht der Clans?

 
FRANCO ROBERTI:
Ich glaube, ja. Andererseits haben die kriminellen Vereinigungen als Reaktion auf ihre effektivere Bekämpfung die eigenen Vorgehensweisen geändert. In Italien haben wir zum Beispiel eine starke Gesetzgebung gegen illegale Vermögen. In den letzten Jahren haben wir viele große Vermögen beschlagnahmt. Aber was tut die Mafia in solchen Fällen? Sie umgeht das Land, in dem eine starke Gesetzgebung existiert und verschiebt ihre Vermögen in andere Länder.

 

MANCINI:
Welches sind die Hauptgeschäftsfelder der Mafia-Clans? Haben sie sich in den letzten Jahren verändert?

 
ROBERTI:
Das Hauptfeld der Mafia-Clans sind seit jeher Erpressungen und Aufträge der öffentlichen Hand. Derzeit gestalten sich Erpressungen von Unternehmern wegen der Wirtschaftskrise schwierig. Die Unternehmer haben kein Geld, infolgedessen ist der Markt der Erpressungen und der öffentlichen Aufträge geschrumpft. Viele Mafia-Organisationen, die den Drogenhandel fast aufgegeben hatten, sind wieder zu diesen Aktivitäten zurückgekehrt. So sind wir mit einem wachsenden Drogenhandel und infolgedessen sinkenden Preisen konfrontiert. Der einzig blühende Markt ist derzeit der der Drogen!

 
MANCINI:
Ist die Gesetzgebung zur effektiven Bekämpfung der Mafia ausreichend oder besteht Verbesserungsbedarf?

 
ROBERTI:
Alles ist verbesserungsfähig. Es ist aber vor allem eine Frage der Organisation und der Prioritäten. Die Bekämpfung des organisierten Verbrechens muss in Italien zu einer Priorität werden. Wenn es ein Hauptanliegen ist, gibt es keine Grenzen für Ausgaben. Dann muss man mehr Mittel einsetzen, mehr für die Polizeikräfte ausgeben, um dafür zu sorgen, dass die Justizmaschinerie funktioniert. Dieses Land hat sich bislang noch nie dafür entschieden, die Justiz funktionieren zu lassen. Wenn man die Justiz als Last ansieht, die es zu tragen gilt, gibt man immer weniger dafür aus. Ohne funktionierende Justiz wird es keine echte Wirtschaftsentwicklung geben. Die Firmen, die sich in Zeiten der Krise von der Mafia finanzieren lassen, machen den anderen Unternehmen, die kein Mafia-Geld erhalten und keinen Zugang zu Bankkrediten haben, unlautere Konkurrenz. Diese Unternehmen gehen ein und lassen die Arbeitslosigkeit steigen. Wer geht nie pleite? Das Mafia-Unternehmen. Der Kampf gegen die Mafia ist die Voraussetzung für wirtschaftlichen Fortschritt.

 
MANCINI:
Bei der internationalen Verfolgung von Mafia-Clans kam es oft zu Spannungen zwischen deutschen und italienischen Ermittlern. Sind die Schwierigkeiten überwunden?

 
ROBERTI:
Die internationale Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des organisierten Verbrechens hat sich seit dem Massaker von Duisburg entscheidend verbessert. Bis dahin gab es seitens der deutschen Behörden kaum Bereitschaft, die Präsenz der Mafia auf ihrem Territorium anzuerkennen. Mittlerweile gibt es erhebliche Fortschritte, denn Duisburg hat die Gegenwart vor allem der besonders aggressiven, reichen und gefährlichen kalabresischen Mafia in Deutschland erwiesen. Heute gibt es ein Abkommen zwischen meiner Behörde, der nationalen Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft, und dem Bundeskriminalamt, das die Identifizierung mafiöser Familien in Deutschland mit den jeweiligen Geschäftsbereichen ermöglicht. Seither haben die Ermittlungen in mehreren Teilen Deutschlands Ergebnisse gezeitigt, vor allem was die Ndrangheta angeht. Bis vor wenigen Jahren war es praktisch unmöglich, von Italien aus in Deutschland Abhörmaßnahmen durchzuführen. Damals waren die deutschen Behörden sehr rigide, das hat sich geändert.


MANCINI:
Kann man angesichts der internationalen Vernetzung und neuen technologischen Möglichkeiten für kriminelle Aktivitäten noch zwischen Mafia und anderen Formen von organisiertem Verbrechen unterscheiden?

 
ROBERTI:
Die Grenzen sind fließend. Der letzte Europol-Bericht nennt 2600 Mafia-Organisationen auf dem Territorium der EU. Darin heißt es auch, dass die italienischen Organisationen nach wie vor die stärksten sind. Die traditionellen italienischen Mafia-Clans haben offenbar Schule gemacht. Sie sind für Verbrecherbanden aus anderen Ländern ein Modell. Viele Organisationen handeln in Europa wie die Mafia, auch wenn sie sich aus anderen Ethnien rekrutieren.

 
Info Staatsanwalt Franco Roberti (61) wurde im Juli vom Obersten Richterrat zum Chef der italienischen Anti-Mafia-Behörde gewählt.