Montag, 22. Juli 2013

Weltweiter Organhandel der Mafia

Das System des Organhandels mit seinen teilweise mafiösen Strukturen ist nur schwer zu durchschauen. Sicher ist: Die Reichen profitieren davon, dass die Armen ihr Leben riskieren.

Wiru ist 12 Jahre alt und lebt in einem kleinen Dorf in Indien. Dort, drei Stunden südlich von Delhi, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man als Kind gekauft wird. 2500 Rupien hat Wiru gekostet, etwa 38 Euro, seither arbeitet er in einer Fabrik und klebt gefälschte Gucci-Taschen zusammen. 200 pro Tag muss er schaffen, sonst bekommt er Ärger mit seinem Besitzer. "Wenn ich groß bin, werde ich reich", sagt Wiru, "dann verkaufe ich eine meiner Nieren und muss nicht mehr hier arbeiten." Sein Vater, den er seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat, habe das auch so gemacht.



Eine Niere kostet in Indien und Afrika nur etwa 1000 Dollar.

Tatsächlich hat sich in den Slums der großen Städte in Indien herumgesprochen, dass es eine Möglichkeit gibt, der Armut zu entrinnen. Rund 55.000 Rupien, etwa 800 Euro, ist eine Niere auf dem Schwarzmarkt wert, für viele Inder ein Vermögen. Zwar hat das Land den Handel mit menschlichen Organen untersagt und vor einigen Jahren wurde das Strafmaß von zwei auf fünf Jahre Gefängnis erhöht, aber eine abschreckende Wirkung hat das kaum. Das Geschäft ist zu lukrativ und das Risiko, erwischt zu werden, nicht groß. Zumal sich der Spender nur als Freund des Empfängers ausgeben und das Geld, das bezahlt wird, als Geschenk deklarieren muss. Insofern ist die Befragung durch eine offizielle Regierungskommission zu den Motiven der Spende meist nur eine Farce.


Nieren sind in Indien besonders günstig

Schon im Jahr 2003 wies die Anthropologin Nancy Scheper-Hughes in der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" darauf hin, dass sich der Transplantationstourismus in den armen Ländern zu einem regelrechten Wirtschaftsfaktor entwickle und immer und überall in die gleiche Richtung gehe: Von Süden nach Norden, von Osten nach Westen, von arm nach reich, von dunkler Hautfarbe zu heller.

Eine indische und afrikanische Niere kostet etwa 1000 Dollar, eine Niere aus Rumänien oder Moldawien etwa 2700 Dollar, eine türkische Niere bis zu 10.000 Dollar, in den USA können Nierenhändler 30.000 Dollar an einer Transaktion verdienen - manchmal auch das Zehnfache.

Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gingen im Jahr 2007 davon aus, dass weltweit etwa fünf Prozent aller Transplantationen über den Schwarzmarkt versorgt würden und in manchen Ländern diese Praxis sogar vorherrschend sei. Das bedeutet bis zu 20.000 Nieren weltweit jährlich - bei steigender Nachfrage, weil die Menschen immer älter werden. Derzeit warten in Deutschland 8000 schwerkranke Menschen auf eine neue Niere,  40.000 in Europa. 2011 wurden in der Bundesrepublik 2850 Nieren auf offiziellem Weg transplantiert.


Organhandel-Mafia

In der aktuellen Ausgabe des Magazins "Der Spiegel" wird ein Fall dokumentiert, bei dem ein deutscher Fabrikant die Niere einer russischen Emigrantin bekam. Anders gesagt: die Geschichte darüber, wie reiche Kranke auf Kosten von Armen ihr Leben verlängern können. "Das sind mafiöse Strukturen", sagt der Spiegel-Redakteur Steffen Winter. "Der Arzt, der in unserem Fall die Operation durchgeführt hat, ist in mehreren Ländern der Welt aktiv, hat schon 4000 Nieren transplantiert und wird mit internationalem Haftbefehl gesucht."


Ärzte verpflanzen weltweit Organe aus dem Organhandel.
Viele Ärzte werden bereits mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Der Handel mit Organen, das skrupellose Ausnutzen von Hoffnung auf der einen und Ausweglosigkeit auf der anderen Seite, ist ein Milliardengeschäft. Die Organisation "Organs Watch" beschreibt den typischen Empfänger zum Beispiel in den USA, in Israel, Saudi Arabien oder Australien als 48,1 Jahre alt, männlich, Jahreseinkommen 53.000 Dollar. Der typische Spender kommt aus Indien, China, Moldavien oder Brasilien, ist 28,9 Jahre alt, männlich und hat ein Jahreseinkommen von 480 Dollar.

Ärzte jetten durch die Welt und verpflanzen überall dort Organe, wo dies ohne große Kontrolle möglich ist. Wenn schließlich, so die Ergebnisse der Spiegel-Recherche, ein Krankenhaus irgendwo in Südafrika oder Brasilien nach einigen Tagen auffliegt, weichen die Chirurgen in das nächste Land aus. Derzeit sind vor allem Kliniken auf Zypern und in Kasachstan beliebt.


Authentischer Roman über Organhandel der Mafia