Samstag, 6. Juli 2013

Italiens Visitenkarte in der Welt ist hoffnungslos vergilbt

achdem die Unesco Italien unlängst ein Ultimatum für die Erhaltung und Instandsetzung vom Pompeji gestellt hat, kommt wenigstens verbal Bewegung in die verfahrene Lage der wichtigsten archäologischen Stätte weltweit: Bis zum 31.Dezember dieses Jahres gibt die Weltgemeinschaft den italienischen Behörden noch Zeit, endlich den zur Rettung Pompejis ausgearbeiteten Aktionsplan von 2012 umzusetzen. Sollte bis dahin keine Besserung des sichtbaren Verfalls und der Verwahrlosung eingetreten sein, wird die Unesco im Februar 2014 darüber entscheiden, Pompeji den Titel des Weltkulturerbes zu entziehen.



„Das Thema Pompeji besorgt mich tief“, hat nun der italienische Kulturminister Massimo Bray in einem Interview mit dem „Corriere della sera“ verlauten lassen.

Erst am Donnerstag der letzten Woche hatte ein wilder Streik des Personals wieder einmal für eine Schließung von Pompeji gesorgt und bei angereisten Touristen Verbitterung und Empörung ausgelöst. Bray, der die antike Stadt zu Füßen des Vesuvs als „unsere Visitenkarte in der Welt“ bezeichnete, wollte sich zu den landesweiten Protestmaßnahmen von Angestellten seines Ministeriums nicht weiter äußern und rief lieber private Geldgeber dazu auf, sich an der Rettung Pompejis zu beteiligen. Mit dem Unternehmer Pietro Salini, der zwanzig Millionen Euro aus eigener Tasche beisteuern möchte, will sich der Minister baldmöglichst treffen.

Skandalöse Eingriffe

Massimo Bray wies darauf hin, dass die riesige Grabungsstätte (von der noch immer etwa zwei Fünftel unter der Verschüttung des Vesuvausbruchs im Jahre 79 nach Christus ruhen) in den vergangenen fünf Jahren auf knapp sechzig Prozent der staatlichen Zuschüsse verzichten musste. Die neunzig Millionen Euro, die 2013 für Bewachung, museale Aufbereitung, Instandhaltung und weitere Grabungen zur Verfügung gestellt wurden, reichten vorne und hinten nicht. Immerhin seien dreiundzwanzig neue Stellen besetzt worden, davon allein vierzehn mit Archäologen.
Über Personalmangel bei Bewachung und Rettung des heiklen Grabungsmaterials aus der Römerzeit war immer wieder geklagt worden. Doch darüber hinaus berichten italienische Medien über skandalöse Eingriffe, etwa die Anbringung einer Klimaanlage direkt an unschätzbaren römischen Fresken.

Camorra zapft Subsidien an

Der „große Aktionsplan für Pompeji“, der nun 105 Millionen Euro Sonderzulagen aus dem Topf für den armen Süden Italiens vorsieht, ist indes gleich ins Stocken geraten. Immer wieder werden Gerüchte laut, dass die organisierte Kriminalität - die Camorra ist rund um die heillos verwahrloste Agglomeration Pompeji besonders stark - ihre Hände auf die Subsidien zu legen vermag. Nach den ersten fünf Ausschreibungen für Instandsetzungen konnte man nur zwei Baustellen freigeben; der Rest liegt wie üblich im verwaltungsjuristischen Prozedere still. Minister Bray selbst räumte ein, es gebe „Probleme mit der Transparenz“. Aber bis 2014 müssten wenigstens neununddreißig dringende Arbeiten auf der Hälfte der Gesamtfläche angegangen werden. Sollte das in den Monaten nach den Sommerferien gelingen, hätte man das Bautempo in der Tat verneunzehnfacht.

In der Debatte hat sich nun auch der Regionspräsident Kampaniens, Stefano Caldoro, lautstark zu Wort gemeldet und ohne konkrete Vorschläge eine „Änderung der Mentalität“ eingefordert. Der Politiker aus Berlusconis Lager, der im Frühjahr mit einer Videobitte an Angela Merkel, sich gefälligst um Kampaniens Slums zu kümmern, für Schlagzeilen gesorgt hatte, trifft wieder den Kern des Problems: Es müsse noch sehr viel mehr Geld nach Kampanien fließen, nicht nur nach Pompeji, sondern auch in die anderen Welterbestätten und in den Ausbau des Hafens von Neapel.

Auf dessen Gelände hatte die Camorra jüngst das sündhaft teure Wissenschaftszentrum und Technikmuseum komplett abgebrannt. Ein Monitum Caldoros gilt jetzt den Rettungsarbeiten für Pompeji: Sie dürften die Rechte des arbeitenden Personals und den reibungslosen touristischen Betrieb, an dem schließlich Arbeitsplätze hingen, nicht schädigen.