Montag, 1. Juli 2013

„Die Mafia ist raffinierter geworden“

Der sizilianische Unternehmer Antonello Montante kämpft schon seit Jahren gegen das organisierte Verbrechen in Italien. Sein jüngster Vorschlag, ein Anti-Mafia-Rating für „saubere“ Firmen, sorgt nun für Schlagzeilen.

Antonello Montante, sizilianischer Unternehmer und Spitzenfunktionär
des Industrieverbands Confindustria


Rom - Antonello Montante ist ein Mann der deutlichen Worte. „Eine Firma in Italien, die keinen Zugang zu Krediten bekommt, kann zweierlei tun“, sagt der Unternehmer aus der sizilianischen Stadt Caltanissetta, „entweder sie geht zur Mafia, die unendlich viel Geld hat, oder sie geht zu Wucherern.“ In beiden Fällen habe sie nichts davon: „Die Mafia kauft sein Unternehmen und der Wucherer legt es trocken.

Montante kämpft seit Jahren für die Legalität, gegen das organisierten Verbrechens, nicht nur in Sizilien. Der Chef von MSA (Mediterr Shock Absorbers), des einzigen italienischen Unternehmens, das  für den Weltmarkt Stoßdämpfer für Großunternehmen wie die Deutsche Bahn oder Bombardier produziert, ist als Vizepräsident des Industrieverbandes Confindustria oft in Rom. Jetzt hat er mit einem Vorschlag Schlagzeilen gemacht, der ein großes Echo in der Regierung Monti und bei den Parteien gefunden hat. „Wir brauchen ein Anti-Mafia-Rating“, sagt er, „so können wir unendlich viele Firmen retten und sie vom illegalen Markt in den legalen ziehen.“

Denn die Zeiten sind günstig für die Mafia. Seit Italien im vergangenen Jahr in die Finanzkrise taumelte, wird es immer schwieriger für die kleinen und mittleren Unternehmen, die das Rückgrat der italienischen Industrie bilden, sich bei den Banken Geld zu beschaffen. Viele geraten in finanzielle Nöte, weil auf der einen Seite ihre Kunden nicht pünktlich zahlen und sie auf der anderen ihre Kredite bedienen müssen. Und die Banken halten ihr Geld zusammen.
 
In die Lücke stößt die Organisierte Kriminalität, „das größte Unternehmen in Italien“, wie Montante sagt. Nach Zahlen der italienischen Notenbank haben Mafia, ’Ndrangheta und Camorra zusammen einen Umsatz von 180 Milliarden Euro – im Vergleich dazu hat der Energieriese Eni 120 Milliarden und die größte Bank des Landes, Unicredit, 92 Milliarden.   
 
Mit dem Anti-Mafia-Rating, einer besseren Bewertung für „saubere Unternehmen“, wäre der Zugang zu Krediten einfacher. Dafür müsste nach Montantes Plan eine Institution geschaffen werden, die die Unternehmen zertifiziert, samt einer Datenbank der „tugendhaften Firmen“. Mit dabei sieht er den Unternehmerverband Confindustria, den Bankenverband Abi und das Kartellamt. Die Regierung hat den Vorschlag aufgenommen, Applaus kommt auch von den Mafiajägern der Ermittlungsbehörden.
 
 
Die Mafia macht „unfaire Konkurrenz“
„Innenministerin Annamaria Cancellieri beruft in diesen Tagen die erste Runde ein, um meinen Vorschlag so schnell wie möglich umzusetzen “, berichtet Montante. Augenzwinkernd fügt er hinzu: „Den Staat kostet das nichts und die Unterstützung für den Vorschlag des Ratings ist groß, weil die Institutionen verstanden haben, dass es funktioniert.“  Und die Banken – die kämen langsam unter Zugzwang.   
 
Montante sieht seinen Vorschlag ganz praktisch, mit den Augen des  Geschäftsmannes: „Je mehr Unternehmen wir aus den Klauen der Mafia reißen, umso mehr sparen wir.“ Denn die Mafia mache „unfaire Konkurrenz“, was er täglich in Sizilien erlebt. Die von der Mafia beherrschten Unternehmen hätten keine Gewerkschaften, zahlten bei Lieferungen die Hälfte, die Polizei schaut weg, kurz „sie werden beschützt“.   
 
Ganz wichtig ist ihm, zu erklären, was sich in Italien in den vergangenen 20 Jahren geändert hat.  „Die Mafia ist raffinierter geworden, unsichtbarer, es ist eine Finanzmafia, die sich nach Norden ausgebreitet hat“, sagt der 49jährige, der am Ehrenkodex der sizilianischen Confindustria mitgearbeitet hat, in dem unter anderem festgelegt ist, dass Funktionäre des Industrieverbandes nach dem Ende ihres Mandats drei Jahre lang kein politisches Amt bekleiden dürfen, „um die Visibilität des Verbands nicht für persönliche Zwecke zu missbrauchen.“.
 
Die Infiltrierung der Mafia – und er meint immer auch die Camorra und die ’Ndrangheta - in der Lombardei, in Ligurien und auch in der Toskana  und anderen Regionen des Nordens hätten viele Ausländer, auch die Deutschen, noch nicht wahrgenommen. Aber dennoch: „Im Süden ist die Mafia im Moment schwerer zu bekämpfen, denn sie ist raffinierter und im Prozess der Veränderung.“ Die Präsenz des Staates in Sizilien hab die Insel gesäubert und das Terrain für neue Investitionen bereitet.