Samstag, 6. Juli 2013

Deutschland - Schlaraffenland für die Mafia

Die Mafia weitet in Deutschland ihren Einfluss auf Wirtschaft und Politik aus. Das geht nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung aus einem geheimen Bericht des Bundeskriminalamtes hervor. Vor allem in Stuttgart sind die Clans bestens verdrahtet.


Bosse der 'Ndrangheta in Stuttgart
 

Brennt der heilige Bartholomäus im hintersten Winkel Kalabriens, geht ein neues Licht auf im organisierten Verbrechen. Die Alten in der 'ndrangheta legen Wert auf Tradition. Neuen Mitgliedern ritzen sie ein Kreuz auf den Daumen. Danach verbrennt der Clanchef ein Heiligenbildchen und streut die Asche auf den wunden Daumen, der wiederum von allen Anwesenden mit dem Schwur geküsst wird, die geheime Gesellschaft niemals zu verraten.

einer der seltenen Aufzeichnungen über das Aufmahme- Ritual der 'ndrangheta


Was nach einem folkloristischen Ritual anachronistischer Figuren aussieht, ist Teil der Erfolgsgeschichte eines hochmodernen Syndikats, das seine Arme in Deutschland wie eine Krake durch immer neue Türen schiebt. Das geht aus einem als geheim eingestuften Bericht („VS - nur für den internen Dienstgebrauch“) des Bundeskriminalamts hervor, der dieser Zeitung vorliegt. In der 236 Seiten umfassenden Analyse warnt das BKA vor der 'ndrangheta in Deutschland, die ihren Einfluss in Wirtschaft und Politik ausgedehnt habe. Die Rede ist von einem deutlichen „Qualitätssprung“.


Killer der Mafia halten sich gern in Deutschland auf

Zu den Stärken der Organisation gehört die innere Solidarität ihrer Clans, in denen Ämter und Ränge ebenso streng festgelegt sind wie die Aufteilung der Gewinne und des Einkommens. Insgesamt soll es in der Region Kalabrien mehr als 230 Familienverbünde mit rund 8.000 Mitgliedern geben, die weitreichende Kontakte zu in Deutschland lebenden Italienern pflegen. So fließen erkleckliche Gewinne aus kriminellen Geschäften von Deutschland nach Italien in die Kassen von Clans, die laut dem BKA-Bericht einen bestimmten Prozentsatz davon an das Mutterhaus in San Luca abgeben.

Das BKA berichtet in dem internen Papier von 41 international und 46 national gesuchten 'ndrangheta-Leuten, die in der Zeit zwischen 1997 und 2011 in der Bundesrepublik aufgespürt worden seien. „Dabei stellte sich heraus, dass sich Führungspersönlichkeiten einzelner Clans und auch Killer der Mafia in Deutschland aufhalten“, heißt es in dem Geheimdossier. Spätestens das Attentat von Duisburg, bei dem am 15. August 2007 zu vorgerückter Stunde sechs Italiener aus Kalabrien in der Innenstadt vor der Pizzeria Da Bruno mit Kopfschüssen hingerichtet worden sind, macht nach Ansicht des BKA deutlich, „über welches Machtpotential die 'ndrangheta in Deutschland verfügt“.


Stuttgart ist seit Jahrzehnten eine Hochburg der Mafia

Dabei war dieses Massaker eher untypisch für die Organisation, die ansonsten eher im Stillen wirkt und lieber durch Vordertüren geht statt durch Hinterausgänge. Als besonders gutes Pflaster erweist sich dabei offenbar die Gegend um das prosperierende Stuttgart. Dort werde die Mafia gefährlich unterschätzt. Stuttgart ist seit Jahrzehnten eine Hochburg der Mafia in Deutschland, speziell zweier Clans der kalabrischen 'ndrangheta, die auch die umliegenden Orte wie Waiblingen, Ludwigsburg, Esslingen und Fellbach als ihr ur-eigenes Terrain betrachten. Die Mafia kam im Gefolge der italienischen Gastarbeiter und ist inzwischen bis in höchste Gesellschaftsspitzen vorgedrungen. Heute macht sie in Stuttgart ihre Geschäfte in der Bauindustrie, im Immobilienhandel, in der Gastronomie.

Italienische Ermittler bestätigen diesen Befund. „Im süddeutschen Raum ist die Region Stuttgart in fester Hand kalabrischer Gruppierungen von Cirò, insbesondere des Clans von Farao“, sagt Roberto Scarpinato, leitender Oberstaatsanwalt der Abteilung Mafia-Bekämpfung in Palermo. Im vertraulichen BKA-Bericht sind für ganz Deutschland mehr als 750 mutmaßliche Gewährsmänner aufgelistet, die im Verdacht stehen, für die 'ndrangheta zu arbeiten. Auffällig viele von ihnen wohnen in der Region Stuttgart.


Oettinger in pikantem Untersuchungsausschuss im Landtag

Einer der im Bericht genannten Namen ist den Beamten zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität bestens bekannt. Es handelt sich um einen italienischen Promi-Wirt aus Stuttgart-Weilimdorf, der 1993 in die Schlagzeilen geriet, weil man ihn der Geldwäsche im großen Stil bezichtigte. Der Fall bekam dadurch besondere Brisanz, dass der Wirt häufiger einen Gast hatte, den er gern als „mein Minister“ bezeichnet hat. Gemeint ist der damalige CDU-Fraktionschef im Landtag und heutige EU-Kommissar Günther Oettinger, der gern und oft seinen Feierabend im Weilimdorfer Restaurant ausklingen ließ. Da Fahnder das Telefon des Lokals über Monate abhörten, wurde auf diese Weise so manches auf Tonbändern konserviert, was der italophile Christliche Demokrat zu vorgerückter Stunde über politische Freunde und Feinde zu erzählen wusste. Die Sache mündete in einen für Oettinger pikanten Untersuchungsausschuss im baden-württembergischen Landtag.


Günther Oettinger

Schon damals wurde im Auftrag des baden-württembergischen Justizministeriums ein Geheimdossier zur lokalen Mafiaszene angefertigt. Darin beschrieben die Ermittler, wie Jugoslawen und Italiener um die Vorherrschaft in der Stuttgarter Zockerszene streiten. Ein Jugoslawe kam dabei ums Leben. Die Polizei konnte drei Täter ermitteln, die später zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Auffällig war für die Beamten, dass alle Täter und sonstigen Verdächtigen aus Cirò stammten, jenem 5000 Einwohner zählenden Städtchen aus dem kalabrischen Hinterland.


„Stamm-Kunde Oettinger sagt Ade“

Trotz dieser Erkenntnisse blieb die kriminelle Parallelwelt weitgehend unbehelligt. Zwar wurde der überwachte Pizzabäcker später wegen Steuerhinterziehung zu 21 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung und Rückzahlung der Steuerschuld von 1,3 Millionen Mark verurteilt und aufgrund einer internationalen Ausschreibung italienischer Behörden wegen Mitgliedschaft „in einer kriminellen Vereinigung nach Art der Mafia“ in Deutschland festgenommen. In seiner Heimat kam der ausgelieferte Wirt jedoch bald wieder frei, was er gebührend im Weilimdorfer Ristorante feierte. Seine landsmannschaftliche Karriere hat dies eher beflügelt. Das BKA geht in seiner Analyse davon aus, dass der Gastwirt durch seinen Freispruch intern aufgestiegen sei. Er soll eine „gehobene Stellung innerhalb des Clans Greco und auch des Clans Farao“ haben und für die „finanziellen Aspekte“ verantwortlich sein.

Gleich hinter ihm ist in der BKA-Verschlusssache ein mutmaßlicher Vertrauter aufgeführt, der ebenfalls als Gastronom in Stuttgart angesiedelt ist. Es handelt sich dabei um einen bisher kriminalpolizeilich unbescholtenen Mann, der in jüngster Zeit zweimal in Erscheinung trat. Am 30. Dezember 2009 zeigte ihn die „Bild“-Zeitung groß auf einem Foto neben dem damaligen Ministerpräsidenten Oettinger, der vor seinem Wechsel als EU-Kommissar nach Brüssel stand. „Stamm-Kunde Oettinger sagt Ade“, titelte das Blatt in dicken Lettern und zitierte den Wirt namentlich mit den Worten: „Schade, ein Freund geht.“


Das Wort „Mafia“ wurde nicht ein einziges Mal verwendet

In der vergangenen Woche hat den „Freund“ des damaligen Ministerpräsidenten ein weiteres Mal das Licht der Öffentlichkeit gestreift, und zwar in einer heiklen Angelegenheit. Sein Name tauchte bei einer Verhandlung im Stuttgarter Landgericht auf. Dort befasst sich die Justiz zurzeit mit dem versuchten Mord an dem Stuttgarter Herrenausstatter Felix W. Der Modemacher mit exquisiten Geschäften in Stuttgart, Zürich und München, der auch als Projektentwickler von Immobilien auftritt, war im November 2009 von Maskierten überfallen und mit zwei Schüssen niedergestreckt worden. Der Mann überlebte diesen Anschlag nur mit Glück. Vier Italiener müssen sich dafür jetzt vor dem Landgericht verantworten.

Wie sich bei den umfangreichen Ermittlungen der Stuttgarter Kriminalpolizei herausstellte, waren zwei der Tatverdächtigen ausgerechnet bei jenem italienischen Gastronomen beschäftigt, der sich öffentlichkeitswirksam als „Freund“ des Ministerpräsidenten bezeichnet hat. Die beiden Italiener arbeiteten für den Capo am Umbau eines Restaurants. Die polizeiliche Vernehmung des Gastwirts wurde vor Gericht in Abwesenheit des Wirts zwar kurz erörtert, allerdings ohne auf mögliche Hintergründe einzugehen. Das Wort „Mafia“ tauchte bei dieser Gelegenheit kein einziges Mal auf. Dabei hatte die Stuttgarter Kriminalpolizei, die den mutmaßlichen Tätern vor allem durch überwachte Handys auf die Spur kam, genau darauf abgezielt.


Gut organisierten Machenschaften italienischer Clans werden mindestens fahrlässig unterschätzt

„Die Gesamtumstände deuten darauf hin, dass im Hintergrund mafiöse Strukturen für die Tat mitverantwortlich waren“, heißt es im Ermittlungsbericht. Zwei der vier Beschuldigten könnten „Pentolante“ sein - tatkräftige Männer, die im Auftrag anreisen, ein Problem zu lösen. Weil sich die vier Angeklagten bei den Vernehmungen bemühten, ihre Komplizen nicht zu belasten, geht die Polizei laut dem Ermittlungsbericht davon aus, „dass sie sich an das Gesetz des Schweigens halten“.

Ein interessanter Lesestoff, könnte man meinen. Doch über die Mafia redet keiner bei der öffentlichen Aufarbeitung des Mordversuchs vor den Schranken der Justiz. Für Petra Reski, die gerade ein neues Buch mit dem Titel „Von Kamen nach Corleone - Die Mafia in Deutschland“ veröffentlicht hat, passt das ins Bild. Die Journalistin beklagt, dass die gut organisierten Machenschaften italienischer Clans in Deutschland totgeschwiegen oder mindestens fahrlässig unterschätzt werden. Ein ganzes Kapitel ihres neuen Buchs hat sie Stuttgart gewidmet. Wie selbstverständlich sich die kalabrischen Mafiosi dort bewegen, lege nicht zuletzt die Wahlfälschungsaffäre um den römischen Senator Nicola di Girolamo nahe, der zwischenzeitlich als mutmaßlicher Protagonist eines gigantischen Geldwäscheskandals der 'ndrangheta in Italien festgenommen worden ist.


An die Organisation kamen die deutschen Fahnder nicht heran

Besonders gute Drähte hatte der Senator nach Stuttgart. Der politisch unbekannte Di Girolamo, der meist in Brüssel residierte, hatte im Jahr 2008 bei der Parlamentswahl als Auslandsitaliener kandidiert und auf Anhieb mehr als 25 000 Stimmen eingefahren. Die meisten waren nach Ansicht römischer Fahnder von der 'ndrangheta gekauft - besonders viele davon in der Region Stuttgart. Die Sammelstelle für die gefälschten italienischen Wählerstimmen befand sich nach Erkenntnissen der italienischen Staatsanwälte in einem Inter- Mailand-Fanclub bei Stuttgart.

Die 'ndrangheta treibt ihre Wurzeln in Deutschland aus, ohne dabei entschieden gestört zu werden. „Bezogen auf das Investitionsverhalten und die Geldflüsse der Clans werden die Hinweise immer deutlicher, dass in Deutschland Investitionen in großer Höhe vorgenommen werden, hauptsächlich im Gastronomie- und Hotelgewerbe“, heißt es im BKA-Bericht. Gemessen an der Dimension bleibt die Polizei diesem Treiben in der 'ndrangheta-Hochburg Stuttgart gegenüber auffällig gelassen. Bislang gelang es den deutschen Fahndern meist nur, einzelnen Mafiosi konkrete Delikte nachzuweisen. An die Organisation dahinter kamen sie nicht heran.


„Sei still. Kein Wort über Große, und Mächtige!“

Für Manfred Klumpp, Landesvorsitzender des Bundes deutscher Kriminalbeamter, ist das kaum verwunderlich. „Statt Mafia heißt das große polizeiliche Thema derzeit in Baden-Württemberg Stuttgart 21“, sagt er gallig und ergänzt: „In Sachen Mafia verfügt die baden-württembergische Polizei bisher nur über stumpfe Schwerter!“ Anders als in Italien sei die Zugehörigkeit zur Mafia in Deutschland kein Delikt. „Wer uns den Zugriff auf Telefon- und Internet-Verbindungsdaten verbietet, wie jüngst das Bundesverfassungsgericht, erstickt erfolgreiche Mafia-Ermittlungen schon im Keim. Auch bei Geldwäscheverdacht sind wir machtlos, solange es nicht wie in Italien die sogenannte Beweislastumkehr gibt“, sagt Klumpp. „Man muss sich schon die Frage stellen, ob diese stumpfen Schwerter vielleicht nicht doch auch politisch gewollt sind, wenn dazu noch immer mehr Personal bei der Polizei abgebaut wird.“

Stumpfe Schwerter? Politisch gewollt? Während sich die Mafia kommod in Deutschland einrichtet, schneiden deutsche Fahnder in Italien aufschlussreiche Telefongespräche mit - und schweigen. Bei den Ermittlungen zum Mordversuch an Felix W. hörten Beamte ein Gespräch zwischen der Ehefrau eines soeben in Brescia festgenommenen Tatverdächtigen und dem Bruder eines zuvor in Deutschland verhafteten Italieners ab. Dabei wurde die Dame eindringlich ermahnt: „Sei still. Kein Wort um jenen Großen, Mächtigen!“ Wer dieser Mann ist, bleibt wohl im Dunkeln wie das Geschäft der 'ndrangheta in Deutschland.