Dienstag, 2. Juli 2013

Der Geruch der Gewalt

In Sizilien beherrscht die Mafia das Land - den Touristen bleibt dies verborgen. Nur allmählich setzen sich mutige Kaufleute zur Wehr.

 
 
 
Es gibt Enttäuschungen im Leben, die sitzen tief. Antonino Lo Bello zum Beispiel hatte jahrelang immer beim selben Bäcker eingekauft. Der Ingenieur brauchte nur um die Ecke ins Noce-Viertel zu gehen, um die schönsten mit Ricotta gefüllten Cannoli, duftende Mandelkekse, köstliche Brioches und natürlich das typisch sizilianische Brot mit Sesam zu finden.
 
Der Appetit ist ihm gehörig vergangen, als nach einer Polizeirazzia Unterlagen gefunden wurden, aus denen hervorging, dass seine Bäckerei nicht nur Pizzo (Schutzgeld) an die Cosa Nostra bezahlt hatte, so wie es in Palermo nach Aussagen der Justizbehörden rund 85 Prozent aller Geschäfte und Handelsbetriebe tun. Lo Bellos Bäckerei entrichtete das Pizzo in Naturalien, also in Form von Torten und Süßspeisen für die Feste der tonangebenden Mafiafamilie des Stadtteils.

Antonino Lo Bello, ein sozial engagierter Mann, hat daraufhin sofort den Bäcker gewechselt. Er fühlte sich getäuscht, "aber die Mafia kann man leider nicht sehen", sagt er. Ja, die Männer der Cosa Nostra tragen keine Uniformen, ihre Autos haben keine besonderen Kennzeichen und auf den Firmensitzen, die sie kontrollieren, wehen auch keine Fahnen.

Außerdem hat die Mafia nach den blutigen Anschlägen Anfang der neunziger Jahre, als Polizisten, Staatsanwälte und Untersuchungsrichter ermordet wurden und Bomben sogar in Rom, Florenz und Mailand explodierten, ihre Strategie geändert: Sie ist untergetaucht und macht ihre Geschäfte nun so geräuschlos wie möglich. Aber wenn man sich Mühe mache, sagt Lo Bello, dann könne man die Cosa Nostra an ihren Spuren erkennen.

Und weil der Ingenieur am Wasseramt der Stadt angestellt ist, erzählt er als Erstes von einem Palazzo an der Baida Micciulla nicht weit entfernt von den Katakomben der Kapuziner. Unter diesem Palazzo stößt man auf eine "Camera dello Scirocco" aus dem 16. Jahrhundert. Viele palermitanische Adelspaläste hatten diese segensreiche Einrichtung eines tiefgelegenen Raumes, durch den ein Wasserlauf geleitet wurde.


Quanate von Palermo




Mit einer geschickt regulierten Zirkulation der über dem Wasser abgekühlten Luft konnten dieser Raum sowie benachbarte Zimmer im Sommer wohltemperiert gehalten werden, während draußen der 40 Grad heiße Schirokko die Stadt zum Kochen brachte. Das Wasser floss dann in den "Qanat", das tausendjährige unterirdische Kanalsystem, das noch aus der arabischen Zeit von Palermo stammt.


Flucht im Kanal


Was das alles mit der Cosa Nostra zu tun hat? Nun, dieser Palazzo, so erzählt Antonino Lo Bello, war viele Jahre lang im Besitz eines Mafiabosses.

Als man den Mann in den neunziger Jahren festnehmen und verurteilen konnte, entdeckten die Ermittler, dass er in die Camera dello Scirocco und die teilweise trockengelegten Qanatkanäle Licht gelegt und diese als unterirdische Gänge zu einem Fluchtsystem ausgebaut hatte. Nach der Enteignung haben heute die Scouts, die Pfadfinder Palermos, ihren Sitz in diesem Palazzo.

Und wenn ein Besucher den arabischen Qanat besichtige, so der Ingenieur, lerne er nicht nur ein den meisten unbekanntes unterirdisches Palermo kennen, sondern erfährt auch, wie sich die Cosa Nostra immer wieder in den Nischen und Winkeln dieser Stadt einrichte.

Kann man die Mafia anderswo sehen?

Wenn man mit Deutschen spricht, die in Palermo leben, heißt es, man wisse zwar um die Mafia, lese auch hier und da in den Zeitungen etwas über sie, aber man sei noch nie in Berührung mit ihr gekommen, sie spiele im Alltag der Stadt keine spürbare Rolle.

Es lässt sich in Palermo, einer der schönsten Städte Südeuropas, wunderbar leben, ohne dass man von der organisierten Kriminalität gestört wird. Cosa Nostra, das ist eine andere Welt, eine andere Stadt.

Ist sie das wirklich? Natürlich kann man der Baustelle nicht ansehen, ob auf ihr mafiöse Unternehmen tätig sind. Wenn man in die Via Libertà, die lange und elegante Ausfallstraße von der Piazza Politeama Richtung Westen einbiegt, blickt man in die Vitrinen von Luxusgeschäften, passiert eine Bankfiliale nach der anderen, liest auf blankgeputzten Messingschildern die Namen von Rechtsanwälten und Ärzten und sieht hoch zu gepflegten Fassaden, die eher nach Mailand gehören als nach Palermo.

Dabei zählt die Stadt offiziell zu den ärmsten Orten Italiens. In Palermo kann man bei einem Spaziergang neben der Luxusstraße die heruntergekommene Gasse finden, das elegante Wohnhaus neben der Abrissbude, die gepflegte Parkanlage neben dem verdreckten Platz. Es wäre jedoch anmaßend, in jedem reichen Winkel der Stadt immer gleich ihre verbrecherische Seite zu vermuten.
 Aber man fragt sich schon, warum es in einer statistisch armen Stadt so viele Bankfilialen gibt.

Die Anti-Mafia-Bewegung hat andere Versammlungsorte. Zum Beispiel das Haus in der Via Notarbartolo im Westteil der Stadt, in dem der Untersuchungsrichter Giovanni Falcone und seine Frau Francesca Morvillo gewohnt hatten. Beide waren bei einem Attentat ums Leben gekommen, als am 23. Mai 1992 ein ganzes Autobahnstück zwischen dem Flughafen Punta Raisi und Palermo in die Luft gesprengt worden war.

Vor dem Haus in der Via Notarbartolo steht ein krummer Ficus, der sich lichtsuchend vom Gebäude wegdrängt. Der Stamm ist übersät mit Botschaften, Zetteln, Fotos, die an die beiden ermordeten Untersuchungsrichter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino erinnern. Jedes Jahr im Mai versammeln sich hier Demonstranten, um zu zeigen, dass sich eine Mehrheit der Palermitaner nicht mehr vom organisierten Verbrechen einschüchtern lassen möchte.

Mitten in der Altstadt kommt man indes in eine hübsch hergerichtete Gasse mit dem träumerischen Namen "Straße des Schnees auf dem Lorbeer" (Via della Neve all'Alloro). Bei der Hausnummer eins hat der Kulturmanager Michele Anselmi ein Café eingerichtet, in dem er kleine Ausstellungen, Literaturlesungen und Podiumsdiskussionen veranstaltet.


Auf den Spuren des Leoparden


Anselmi organisiert auch Touren durch Sizilien auf den Spuren von Giuseppe Tomasi di Lampedusa und seinem Weltbestseller "Il Gattopardo" ("Der Leopard"). Der Palazzo, in dem der Schriftsteller gelebt hat, liegt gleich um die Ecke.

Mit einem Glas Prosecco stößt Michele Anselmi darauf an, dass ihn die Cosa Nostra bislang mit Schutzgeldzahlungen in Frieden gelassen hat, wie übrigens auffallend viele sozial und politisch engagierte Einrichtungen auch. Und er präsentiert ein kleines Heft der Bewegung Addiopizzo (wörtlich: Schutzgeld ade), in dem seine Organisation, der "Parco letterario Tomasi di Lampedusa", ebenso verzeichnet ist, wie Hotels, Restaurants und Handwerksbetriebe aller Art. Rund 200 Unternehmen, die mutig öffentlich erklären, kein Schutzgeld zu bezahlen.

Auch Antonella Sgrillos Restaurant "Il mirto e la rosa" ist in diesem Verzeichnis zu finden. Antonella erzählt von Leuten aus ihrem Viertel, die nicht zur Polizei gingen, wenn ihnen etwas gestohlen wird, sondern zum Mafia-Boss, der es ihnen gegen Entgelt manchmal wiederbeschaffen könne.

Was Antonella enttäuscht, ist die Tatsache, dass es nur wenige Restaurants und Pizzerien auf der Liste von Addiopizzo gibt. Auch heute noch wagten es nur wenige, sich als Gegner der Mafia zu bekennen, sagt sie: "Die Leute haben Angst." Vielleicht nicht ganz zu Unrecht. Anfang August war der Lagerschuppen eines Eisenwarengeschäfts in Flammen aufgegangen, dessen Eigentümer, Rudolfo Guajana, sich zu Addiopizzo bekennt. Aber Guajana lässt sich nicht einschüchtern: "Ich zahle weiterhin keinen Pizzo!"

Auch Libera Dolci kennt keine Angst, obgleich sie sich bislang nicht der Addiopizzo-Bewegung angeschlossen hat. Das typisch sizilianische Misstrauen in organisierte, laut auftretende Gruppen reicht auch weit in Anti-Mafiakreise, wo viele es vorziehen, für sich zu bleiben. Die Tochter des als "Gandhi von Sizilien" verehrten Menschenrechtlers Danilo Dolci hat zusammen mit ihrem Mann gleich hinter dem normannischen Sommerschloss der Zisa einen kleinen Bed & Breakfast eröffnet.

Sie schützt sich vor der Mafia, indem sie in den Gassen gleich hinter der Piazza della Zisa soziale Hilfestellungen gibt und die Nachbarn in ihren baglio, ihren Hof, einlädt. Gemeinschaft, wenn sie überschaubar sei, mache stark. Und so habe auch noch niemand bei ihr den Pizzo eingefordert.

Das italienische Wort Pizzo bezeichnet sowohl kunstvoll gewebten Stoff, als auch Schutzgeldzahlungen. Addiopizzo begann vor drei Jahren mit einer Plakataktion, bei der neben einem Slip aus violettem Spitzenstoff zu lesen war: "Ein Volk, das den Pizzo bezahlt, ist ein Volk ohne Würde." Und klein über dem Slip stand: "Das ist der einzige Pizzo, den wir wollen."

Neben den 200 Ladenbesitzern, die öffentlich erklären, kein Schutzgeld zu zahlen, haben sich fast 10 000 Palermitaner eingeschrieben, die als kritische Konsumenten nur in Pizzo-freien Geschäften einkaufen wollen. Je mehr man die AntiMafia sehe, desto schwächer werde die Mafia. Denn auch die Touristen sollten wissen, wenn sie in einer Pizzeria essen, die Schutzgeld bezahlen muss, finanzieren sie indirekt die Cosa Nostra mit.

Für den Schriftsteller Roberto Alajmo, der ein Buch über Palermo geschrieben hat ("Palermo sehen und sterben") ist die Mafia vor allem ein Geruch - besser ein Gestank: "Es ist, als ob man in sein ungelüftetes Landhaus kommt und den Gestank von Verwesung wahrnimmt. Du weißt nicht genau wo, aber der Gestank sagt dir, dass irgendwo eine tote Maus liegt. Das ist für mich Mafia: der Gestank einer versteckten toten Maus."