Mittwoch, 17. Juli 2013

Blutiger Camorra-Konflikt in Neapel

Im Norden Neapels ringen Banden um die Vorherrschaft im Drogengeschäft. Das kostete seit 2012 alleine in den Wohnblocks von Scampia 45 Menschen das Leben.

Häuser der Schlümpfe heißen diese heruntergekommenen Wohnblocks in Scampia, einem Vorort von Neapel. Der nette Namen bezieht sich auf die einst blaue Farbe der Gebäude. Heute tobt hier ein Drogenkrieg
   

Im Norden Neapels spielt sich einer der brutalsten Camorra-Konflikte seit Jahren ab. Am Sonntagmorgen ermordeten Killer in Scampia den 42 Jahre alten Raffaele Abete, Bruder eines inhaftierten Clanchefs. Mit drei Schüssen in den Schädel streckten ihn die Mörder vor der "Caffetteria Zeus" nieder. Von den Tätern fehlt jede Spur, doch ihr Motiv ist für die Ermittler eindeutig: Dem Mann wurde zum Verhängnis, der Bruder des Camorra-Bosses Arcangelo Abete zu sein. "Krieg in Scampia", schreibt die Zeitung "La Repubblica".
    
Harmlosere Namen sind für diese Schauplätze des Schreckens kaum denkbar: Wegen ihrer einst blauen Farbe nennen sich die heruntergekommenen Wohnblöcke "Case dei Puffi", Häuser der Schlümpfe. Und die riesigen Hochhausruinen, in denen immer noch Tausende Familien leben, heißen "Le Vele", die Segel.

Jetzt spielt sich am Rand dieser tristen Gebäude ein heftiger Camorra-Konflikt ab. Etwa 80 Clans gibt es in Neapel, unter einigen von ihnen ist ein blutiger Streit um die Vorherrschaft im "größten Drogensupermarkt Europas" neu entbrannt. So nennen Insider den trostlosen Distrikt im Norden der Stadt. In und um Neapel sind die heruntergekommenen Betonburgen von Scampia berüchtigt, auch im Film "Gomorra" sind sie zu sehen. Drogensüchtige und Dealer versorgen sich hier mit Stoff. Bis zu 500 Kriminelle teilen sich das Geschäft mit Kokain, Heroin, Tabletten und Haschisch. Die Drogen gelangen über Spanien hierher. Auf bis zu 100 Millionen Euro schätzen Staatsanwälte den illegalen Jahresumsatz.

Dieser enorme Profit ist der Grund für den neuen Konflikt, in dem sich in erster Linie die Clanfamilien Abete-Abbinante-Notturno und Menetta-Magnetti-Petriccione bekriegen. Die Tötung Abetes sei die Rache für einen anderen Mord gewesen, behauptet die Polizei. Am 23. August starb Gaetano Marino im Kugelhagel, als er an der Strandpromenade von Terracina, einer Kleinstadt zwischen Neapel und Rom, in sein Auto einsteigen wollte. Die Exekution erfolgte mitten am Tag, Touristen liefen auf der Straße. Auch Marino ist der Bruder eines gefürchteten Bosses im Norden Neapels, Gennaro Marino.

Seit 2011 sind laut Polizei 35 der insgesamt 67 Morde in Neapel auf die Auseinandersetzung in Scampia zurückzuführen. Seit März 2012 forderte der Konflikt sieben Tote. Polizei und Carabinieri sind seit dem Mord an Marino auf 200 Mann verstärkt worden, das jüngste Attentat konnten sie dennoch nicht verhindern. Immerhin ist der Drogenhandel nun erschwert. Innenministerin Anna Maria Cancellieri sagte: "Offensichtlich hat dieser Aufwand nicht genügt, wir werden mehr tun müssen." Nun wird über einen Einsatz des Militärs spekuliert.

Die tief verwurzelten Probleme des Viertels werden jedoch auch Soldaten nicht aus der Welt schaffen können. Der heutige Konflikt ist die Fortsetzung der "Fehde von Secondigliano", bei der zwischen 2004 und 2005 mehr als 89 Menschen ums Leben kamen. Eine Gruppe, die sogenannten Abspalter hatte sich damals gewaltsam vom Di-Lauro-Clan getrennt. Sie kontrollierten seither die Drogenumschlagplätze in Scampia, vor allem in den "Case dei Puffi" und den "Vele", die seit Jahren de facto rechtsfreier Raum sind. Wie in einer Burg haben die Clans Wachposten an jeder Ecke postiert, die das Territorium kontrollieren. Nun ist innerhalb der Abspalter ein neuer Machtkampf entbrannt.

Der Verfall in Scampia begann 1980 nach einem schweren Erdbeben in Kampanien. Tausende Obdachlose fanden in den Wohnblöcken Unterschlupf. Nie wurde eine entsprechende Infrastruktur geschaffen, auch Arbeit gibt es für die heute 80 000 Bewohner kaum, die Rede ist von bis zu 75 Prozent Arbeitslosigkeit. Nur ein Fünftel der in den "Vele" lebenden Familien hat einen regulären Mietvertrag. Die anderen leben in besetzten Wohnungen, viele haben sich eigenhändig an die Strom- und Wasserversorgung angeschlossen. Die Camorra, die die soziale Misslage für sich nutzt, kontrolliert auch den illegalen Wohnungsmarkt. Don Fulvio D’Angelo war hier jahrelang Seelsorger. Der Priester sagt: "In vielen Jahren habe ich nicht die Spur einer Idee gesehen, wie diese Gegend wirtschaftlich und sozial gefördert werden kann."