Montag, 17. Juni 2013

Über 130 Mafiosi in Haft

Die Rolle der Frau in der italienischen Mafia ist Gegenstand zahlreicher Studien, wobei immer häufiger von einem Wandel im traditionell männerdominierten organisierten Verbrechen die Rede ist. Mittlerweile dürfte, zumindest einem Medienbericht zufolge, aber selbst eine Frau an der Spitze eines Clans kein Tabu mehr sein.
 
Vor einer breiten Öffentlichkeit wurde das auch bei der ersten Seligsprechung eines Mafia-Opfers Ende Mai von Papst Franziskus angedeutet. Bei der Zeremonie zu Ehren des sizilianischen Priesters Pino Puglisi forderte er, dass sich nicht nur Mafiosi, sondern auch Mafia-Frauen bekehren sollten. Für das italienische Wochenmagazin „L’Espresso“ jedenfalls Anlass genug, um sich des Themas anzunehmen. Überraschendes Ergebnis der Recherche: Sei es in Sizilien, Kalabrien, Kampanien oder Apulien, „überall“ fänden sich zunehmend Frauen an der Spitze der Clans.

„Wir Brauchen mehr Tote“

Frauen seien demnach schon lange nicht mehr bloß „Wasserträgerinnen und einfache Botinnen ihrer Männer und Familien“, sondern übernähmen auch das Ruder, weswegen von der Zeitung bereits die „Stunde der Patinnen“ ausgerufen wurde. Die Mafia-Frauen sollen sich in der „kriminellen Hierarchie“ zudem nicht nur ganz nach oben emanzipiert haben, sie würden vielmehr noch kompromissloser ihre Interessen vertreten als ihre männlichen Pendants.

Darauf verwiesen den Angaben zufolge etwa die Aussagen eines reuigen Mitglieds der Camorra in Neapel, wonach eine als „Tragicatora“ (in etwa: die für Tragödien Sorgende) bekannte Clanchefin mit „Wir brauchen Tote“ immer wieder Morde in Auftrag gegeben haben soll. Für ihre Härte bekannt sei auch die im Mai verhaftete Ilenia Bellocco gewesen, die laut „Gazzetta del Sud“ nach der Festnahme ihres Ehemanns Giuseppe Pesce den berüchtigten Pesce-Clan im kalabrischen Rosarno angeführt haben soll.


Mafia-Cheffin Ilenia Bellocco


Die Karriere der 24-jährigen Bellocco - laut „L’Espresso“ die derzeit jüngste bekannte Clanchefin Italiens - gilt als beispielhaft für viele andere Frauen, die nach der Festnahme ihrer Ehemänner, Brüder und sonstigen Familienmitglieder die Führung gleich selbst übernommen hätten. Mit Verweis auf Aussagen geständiger Mafiosi sei die Zahl der „Patinnen“ stark steigend. Darauf verweise auch, dass bei Anti-Mafia-Razzien auch immer öfter für Frauen die Handschellen klicken. Rund 130 Frauen sollen bereits unter Mafia-Verdacht in italienischen Hochsicherheitsgefängnissen sitzen, so „L’Espresso“ weiter.

„Die Witwe der Camorra“

Darunter befindet sich auch die als „Witwe der Camorra“ bekannte Anna Mazza, die nach Angaben des Nachrichtenportals Nanopress die erste verhaftete Frau in einer Führungsrolle der neapolitanischen Mafia sein soll. Mit der wegen einer Liebesaffäre in Untreue geratenen Antonella Madonna alias „Lady Camorra“ gebe es mittlerweile auch eine erste reuige weibliche Camorra-Führungsperson, die sich für die Kooperation mit der Justiz entschieden hat.


Anna Mazza

„Keine große Rolle“

Dass sich neben „dem Stereotyp der Frau, die in der Mafia keine Rolle spielt“ immer mehr ein neues etabliert, „nämlich der ‚Donna-Boss“, stellte die römische Historikerin Ombretta Ingrasci laut der „Stuttgarter Zeitung“ bereits vor Jahren außer Frage. Als prominentes Beispiel wurde hier Giuseppina Nappa genannt, die im Namen ihres Ehemanns Francesco „Sandokan“ Schiavone die monatlichen Versorgungszahlungen für inhaftierte Mitglieder des Casalesi-Clans übernommen haben soll.
Die 2002 verhaftete Cinzia Lipari soll zudem das Vermögen vom „Boss der Bosse“ der Cosa Nostra, Bernando Provenzano, verwaltet haben. Ingraschi vertrat damals allerdings noch die Ansicht, dass Frauen „dem Reglement der Mafia zufolge nie formal aufgenommen“ würden, „und Boss dürften sie erst recht nicht werden“.


Giuseppina Nappa

Auch wenn Mafia ein weibliches Wort sei, spielen dort Frauen „keine große Rolle“, sagte der Zeitung zufolge auch die Politikerin Laura Garavini. Zu bedenken gab diese zudem, dass sich die Bedeutung der Frau auch zwischen den einzelnen Mafia-Organisationen deutlich unterscheiden würde. Weit weniger als in der modern organisierten kalabrischen `Ndrangheta hätten demnach Frauen in der archaischen Cosa Nostra in Sizilien zu sagen.