Sonntag, 30. Juni 2013

Löchrige Tarnung für Kronzeugen: Jetzt jagt ihn Mafia

Als Insider lieferte er der Republik Österreich Drogenbosse und kiloweise Heroin und Koks zur Beschlagnahmung. Dann, sagt er, versagten Zeugenschutz und deutscher Geheimdienst. Nun ist er auf der Flucht. Ein Blick ins Innere der Schwerstkriminalität.

Seit 2005 ist Adrian Krasniqi* auf der Flucht vor der Mafia / Bild: Polizei

Adrian Krasniqi* hat gesungen. Oder ausgepackt, wie es in Kriminalromanen auch manchmal heißt. Und zwar im ganz großen Stil. Was Krasniqi den Behörden diktierte, steht in keinem Buch mit fiktiver Handlung. Das Wissen des Mannes, der viele Jahre in Kärnten lebte, ist feinsäuberlich in Prozess- und Ermittlungsakten österreichischer und tschechischer Behörden dokumentiert. Wissen, das gleich mehrere international agierende Drogenbosse hinter Gitter brachte, zur Beschlagnahmung Dutzender Kilogramm Heroin und Kokain führte, und damit wohl auch so manches Leben rettete.

Seither fürchtet Krasniqi um sein eigenes. Was vor acht Jahren als Schlussstrich unter eine Karriere als Schwerkrimineller gedacht war, war in Wahrheit der Startschuss zu einem Leben auf der Flucht. „Alles, was in der Zwischenzeit passierte, ist meine behördlich organisierte Enttarnung“, sagt er heute. Ein schwerer Vorwurf.


Goldgrube Balkanroute

Die Republik Österreich versprach ihm einst für seine Kooperation Zeugenschutz und eine neue Identität. Tatsächlich erwecken die Rechercheergebnisse der „Presse am Sonntag“ den Eindruck, dass dabei einiges schief gelaufen ist. So steht es in Papieren aus den geheimen Führungsakten des Bundeskriminalamts (BK) in Wien und des kooperierenden Landeskriminalamts Rheinland-Pfalz. So steht es in als „Verschlusssache“ deklarierten Schriftverkehren zwischen eben diesem LKA und dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND). Heute droht Krasniqi die Abschiebung in sein Geburtsland, die Republik Kosovo. Ein kleines Land am Balkan, in dem bis heute Mitglieder jener Organisation leben, die seinen Kopf wollen. Aber alles der Reihe nach.


Mit dem Zerfall Jugoslawiens hatte die berüchtigte Balkanroute, über die Heroin aus der Türkei und Afghanistan bis heute in rauen Mengen nach Europa kommt, an zusätzlicher Attraktivität gewonnen. Gleichzeitig wollte das Geschäft mit dem Vertrieb von Kokain, das in den dunklen Bäuchen von Frachtschiffen in den Häfen Belgiens und der Niederlande aus Südamerika anlandete, bedient werden. Ein Geschäft, bei dem Adrian Krasniqi an einer der Schnittstellen saß. Er, der als Gastarbeiter nach Österreich gekommen war, war Zwischenhändler, Vertreter und Vermittler in einem, Klagenfurt auf Grund seiner Lage gleich hinter der EU-Außengrenze ein guter Standort. Neben seiner Muttersprache spricht er Deutsch, Türkisch, Italienisch, Rumänisch und mehrere slawische Sprachen. Eine Qualifikation, die nicht nur seriöse Arbeitgeber schätzen, sondern auch internationale Drogensyndikate. Sein Talent als Kommunikator über alle Sprachbarrieren hinweg brachten ihm im Laufe seines Lebens acht Jahre Strafhaft ein. Bis er sich dazu entschloss die Seiten zu wechseln und mit den Behörden zu kooperieren. Ein Kronzeuge wie aus dem Bilderbuch.


Im Helikopter zum Drogenbunker

Dankbarkeit erwartet er sich bis heute dafür nicht. „Ich habe selbst genug angestellt“, sagt er. Allerdings ging er damals noch davon aus, dass sich jene Behörden, die ohne seine Hilfe die Bosse niemals ins Gefängnis gebracht hätten, auch an Absprachen halten, sein Leben nicht gefährden. Eine Hoffnung, die sich aus seiner Sicht als Trugschluss erwies. Dabei begann die Zusammenarbeit durchaus im gedeihlichen Einvernehmen.

Der Eintritt in das Zeugenschutzprogramm des Bundeskriminalamts geschah im Lärm der Rotoren eines Helikopters. Bei Nacht und Nebel verschwand Krasniqi aus seiner Zelle und flog wie ein prominenter Stargast aus Hollywood in Richtung Tschechien. Zweck der Reise war jedoch kein Urlaub. Es gab auch keinen Roten Teppich. Er verriet den Behörden das Versteck eines Zwischenlagers für Heroin. Dabei war dort in jener Nacht vergleichsweise wenig Stoff gebunkert. Immerhin, es reichte für die Sicherstellung von 140 Kilogramm Heroin und die Festnahme von 30 Personen.

Auch sonst hingen die Ermittler aufmerksam an den Lippen ihres Informanten aus dem innersten Kreis der organisierten Kriminalität. In langen Einvernahmen erzählte er von Kurierfahrten zwischen Klagenfurt und Wien, bei denen er an guten Tagen 13 Kilogramm Koks im Fußraum seines Autos hatte. Er nannte die Namen von Lieferanten und Abnehmern, erzählte von Verhandlungen in bekannten Wiener Hotels und Geldübergaben in Bars am Graben. Und von einem Leben als abgebrühter Halunke im Stile eines Westernschurken: Einmal kam es nach einem geplatzten Deal in Budapest kurz vor der österreichischen Grenze zu einer wilden Schießerei auf einer ungarischen Autobahn. Die Drogenfahnder müssen geschmunzelt haben, als er davon berichtete, wie er die Einschusslöcher – um nicht übermäßig aufzufallen – mit Aufklebern von der Tankstelle überklebte (siehe folgendes Faksimile).


 
Dokumente eines Lebens als Gangster: In langen Verhören erzählte
Adrian Krasniqi* über sein kriminelles Treiben und – vor allem –
seine Partner und Auftraggeber.


Der BND half ausPolizei und Staatsanwaltschaft waren die Schilderungen, die zu zahlreichen Verurteilungen führten, einiges wert. Sie versprachen ihm eine neue Identität mit EU-Papieren. Das behauptet zumindest Krasniqi, der nur unter Erfüllung dieser Bedingung auch vor Gericht gegen die Drogenbarone aussagen wollte und heute mit einem kosovarischen Pass um sein Leben fürchtet.
Der seinerzeitige Ankläger bestreitet ein derartiges Angebot jedoch vehement. Entsprechende Papiere seien nicht einmal „vage in Aussicht gestellt“ worden. Und auch das Innenministerium sagt heute: „Eine solche Absprache gab es allein schon deshalb nicht, weil das Ministerium gar nicht die Möglichkeit zur Durchführung hatte.“

Versucht hat man es trotzdem. Krasniqis Führungsbeamtin H. bemühte sich laut Akt um die österreichische Staatsbürgerschaft für ihren Klienten, scheiterte jedoch an seinem langen Vorstrafenregister. Schließlich bat man Kollegen aus Deutschland, die hochgradig gefährdete Schutzperson auf Kosten Wiens nach Rheinland-Pfalz zu übernehmen, damit diese dort und mit neuer Identität ein neues Leben beginnen könne. Ein im länderübergreifend arbeitenden Zeugenschutz durchaus üblicher Vorgang.

Bemerkenswert dabei ist, dass das zuständige LKA in Mainz offenbar sehr wohl darüber Bescheid wusste, dass für Krasniqi EU-Papiere vorgesehen waren. In einer als „Verschlusssache“ geführten Korrespondenz ersucht der leitende Kriminaldirektor W. des Zeugenschutzdezernats nämlich den Bundesnachrichtendienst, entsprechende Dokumente anzufertigen (siehe folgendes Faksimile).


 
Gefährliche Papiere: Die deutsche Polizei „bestellt“ für die Schutzperson
 beim BND unter der Anleitung Wiens Papiere aus „Alt-EU-Staaten“
 
 
Dazu muss man wissen, dass das LKA Rheinland-Pfalz formal nur so etwas wie der verlängerte Arm des Wiener Bundeskriminalamts war. Das BK war die bestimmende Instanz, „insbesondere für die Entscheidung, ob und in welchem Umfang eine Schutzperson mit Personaldokumenten ausgestattet wird“, heißt es in einem später angefertigten Papier des LKA.
Und tatsächlich, was in Österreich laut offizieller Stellungnahme unmöglich ist und deshalb auch nicht angeboten worden sei, brachten die „Geheimen“ vom BND zustande. Krasniqi erhielt einen italienischen Personalausweis mit neuem Namen, einen deutschen Führerschein, Versicherungskarte und Steuernummer. Kopien der Dokumente befinden sich in den Rechercheunterlagen der „PamS“. Alles gut?



Mit "Cobra" im Gerichtssaal

Zunächst schon. Zusätzlich zur neuen Identität gab es regelmäßige Betreuung durch Beamte des Zeugenschutzes und monatlich 500 Euro Unterstützung. Krasniqi schaffte sogar den Einstieg ins Berufsleben. Zwischendurch flog er unter einer weiteren Identität und einem von den Behörden nur für den Flug übergebenen österreichischen Reisepass zu Prozessterminen. Alles streng geheim, teilweise unter Personenschutz der Spezialeinheit „Cobra“.


Es kehrte eine Art Alltag ein. Bis der ehemalige Drogenschmuggler einen Strafbescheid wegen einer geringfügigen Geschwindigkeitsübertretung bekam. Plötzlich bemerkte er, dass die vom BND angefertigten Papiere insgesamt drei unterschiedliche Geburtsorte auswiesen. Wien, Rom und eine Stadt im Kosovo. Seine ganze Legende drohte aufzufliegen. Und dann kam die Angst.

Schwere Panikattacken brachten den einst so robusten Schwerkriminellen in psychiatrische Behandlung. Seinem Arzt erschienen die Probleme derart real, dass sich dieser mit dem ehemaligen Innenminister von Rheinland-Pfalz und dem damaligen Präsidenten des angeschlossenen LKA traf. In dem Gespräch sei abermals über neue, vor allem aber „saubere EU-Papiere“ gesprochen worden.


Niemand zuständig

Und wieder wollen die Angesprochenen nichts davon wissen. Auch vor Gericht nicht, mit dessen Hilfe der Mann auf der Flucht endlich zu sicheren Papieren kommen wollte. Ohne Erfolg. Zwar stellte die Justiz des Landes Rheinland-Pfalz fest, dass die misslungenen Papiere eine mitunter „erhebliche“ Gefahr für Krasniqis Leben darstellen könnten (siehe folgendes Faksimile), verwies jedoch gleichzeitig darauf, dass die deutschen Behörden eigentlich die falschen Ansprechpartner seien. Verantwortlich für die ganze Affäre zeichne nämlich ausschließlich die Abteilung für Zeugenschutz im Bundeskriminalamt in Wien.
 

 
Ein Gericht hielt fest, dass die vom BND angefertigten Papiere das
Leben von Adrian Krasniqi* erheblich gefährdeten
 
 
Dort jedoch war man auf den Schutzbefohlenen nicht mehr gut zu sprechen. Das kann man zwischen den Zeilen mehrerer Aktenstücke deutlich herauslesen. Vor dem Eintritt in das seit 1998 bestehende Zeugenschutzprogramm unterzeichnet jeder Teilnehmer einen Vertrag, der unter anderem zur Geheimhaltung verpflichtet. Ein ehemalige Leiter der verschwiegenen Abteilung sprach in einer Festschrift einmal von „hoher Konspirativität“ als wesentliches, weil zum Schutz der handelnden Personen notwendiges Merkmal. Das betrifft auch die Beamten, die Deck-, oder besser, Arbeitsnamen führen dürfen, um ihre wahre Identität und damit ihr Privatleben vom Beruf trennen zu können. Und gegen diese systematisierte Vertraulichkeit hatte Krasniqi mit seinen Beschwerden verstoßen.

Einfach war er nie. In einem Dokument, das am ehesten einer Art Persönlichkeitsprofil nahekommt, wird er als schwierig und extrovertiert beschrieben. Teure Anzüge schätze er genauso wie ausschweifende Beziehungen zu Frauen. Sein Lebensstil sei aufwendig, und: „Hinzu kamen Fahrzeuge der Oberklasse, zuletzt ein gepanzertes Fahrzeug, Daimler 320 E.“


Das Ultimatum

Seine Kontaktbeamtin entschied sich schließlich dazu, ihrem Schutzbefohlenen im Tausch gegen die BND-Papiere neue Dokumente anzubieten. Allerdings nicht im Einvernehmen, sondern ultimativ und schriftlich. Sollte er nicht zustimmen, würde das BK das Zeugenschutzprogramm beenden und er, Krasniqi, die Papiere aus seiner Zeit als Drogenschieber wieder erhalten. Doch Krasniqi lehnte – zunächst – ab. Grund: Das Angebot bestand aus einem kosovarischen Pass.

Bis heute leben dort Mitglieder jener Organisation, die die wegen Krasniqis Aussagen verurteilten Bosse rächen wollen. Das sieht sogar das BK so, das dem Beschützten vor einigen Jahren aus Sicherheitsgründen dringend davon abriet, den todkranken Vater in der Balkanrepublik zu besuchen. Warum ihm Führungsbeamtin H. schließlich doch einen Pass dieses Landes verpasste? „Weil die rechtlichen Rahmenbedingungen kein anderes Dokument zuließen“, so eine aktuelle Stellungnahme des Innenministeriums.

Krasniqi beugte sich schließlich dem Druck, akzeptierte den Pass aus dem Kosovo und verließ die Obhut der Behörden. „Das Vertrauen war zerstört.“ Verliert er nun seine Arbeit, droht ihm die Abschiebung in seine Heimat. Dort, so seine Befürchtung, sei es für seine Gefährder mit „besten Beziehungen zu den Behörden“ ein Leichtes, über seinen Reisepass seine wahre Identität festzustellen.