Montag, 17. Juni 2013

Don Panizza bietet der Mafia die Stirn

Seit Jahren steht Giacomo Panizza in Kalabrien unter Polizeischutz. Der Priester lässt sich bei seiner Arbeit mit Behinderten nicht von der ’Ndrangheta einschüchtern. In Bern schilderte er, was ihn antreibt.

«Wer sich den Mafiosi beugt, entgeht der Angst nicht»: Priester Giacomo Panizza.


Ein Traum wiederholt sich, von einem unbekannten Mann, der von zwei Killern verfolgt und getötet wird. Sobald sie weg sind, beugt sich Don Panizza über den Toten – und schaudert, als er sich selbst erkennt.

Don Panizza, ein hagerer, energisch wirkender Priester, macht in seinem Vortrag in der Berner Pfarrei St. Marien wie auch im Gespräch kein Geheimnis daraus, dass er Angst hat: «Mehr, als man sich vorstellen kann.» Die Familie Torcasio, ein gefürchteter Clan der kalabrischen Mafia ’Ndrangheta, hat ihn gewarnt, in einer Sprache, die nicht nur aus Worten besteht. Regelmäßig senden sie ihm ihre makabren Botschaften: Bomben explodieren am Weihnachtsabend, an Ostern wird geschossen.


Clan-Boss Pietro Torcasio


Der Tod könnte jederzeit kommen, was allerdings auch für die Mafiosi gilt. Viele Mitglieder der Familie Torcasio sind in den vergangenen Jahren gestorben, sie haben sich gegenseitig umgebracht oder sind in erbitterten Kämpfen mit anderen Familien gefallen.


Man schämte sich für Behinderte

Es war im Jahr 1976, als der junge Geistliche mit einer Vergangenheit als Stahlarbeiter und einem Blick wie Terence Hill aus dem norditalienischen Brescia in den Süden zog, um mit schwerbehinderten Menschen zu arbeiten: «Im Süden gab es damals nichts, gar nichts; man schämte sich, einen Behinderten oder einen Geisteskranken zu Hause zu haben. Die Krankheit wurde als Schuld erlebt, eine für den Mittelmeerraum typische Mentalität, die zu Vernachlässigung und Ausgrenzung führte.»

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Seit mehr als dreißig Jahren lebt der 66-Jährige nun in Lamezia Terme, einer 70'000-Seelen-Stadt in Kalabrien. Unter der Bezeichnung «Progetto Sud» hat er eine Reihe von erfolgreichen Initiativen lanciert. Dabei handelt es sich um kleine Werkstätten, in denen Behinderte Arbeiten für lokale Firmen erledigen oder Gegenstände produzieren, die dann an Märkten verkauft werden. Aber nicht nur: Geistig Behinderte werden zum Beispiel für repetitive Arbeiten ausgebildet; «den Müll», erzählt Don Panizza sichtlich amüsiert, «können sie peinlich genau sortieren».




Mit seinen 150 festen Arbeitsplätzen und den üppigen Subventionen ist Progetto Sud für die lokalen Verhältnisse eine wirtschaftliche Größe; nur das Spital und die Gemeinde stellen in Lamezia Terme mehr Leute ein. Da erstaunt es nicht, dass die ’Ndrangheta ihr Augenmerk schon bald auf die Institution gerichtet und von Don Panizza Geld verlangt hat. Die Politik habe damals wenig geholfen, sagt er, und an das Schweigen der Kirche erinnert er sich mit unverhohlener Wut: «Die Kirche hat lange Zeit bestritten, dass es die Mafia überhaupt gibt. Es musste viel Blut fliessen, bis man zur Einsicht kam – eine Schande.»


Die Mafiosi als Nachbarn

2002 spitzte sich die Lage zu. Im Kampf gegen die Mafia wurden Immobilien beschlagnahmt und anderweitig verwendet. Dabei ergab sich auch für Don Panizza und seine Organisation die Chance, in ein großes Gebäude umzuziehen. «Dieses Gebäude war ursprünglich als Sitz für die Stadtpolizei vorgesehen, doch diese inszenierte einen Streik, es wurde nichts daraus.» Als er die Schlüssel bekam und das angeblich konfiszierte Haus betrat, war er nicht vorbereitet auf die Szene, die sich ihm bot: Die Mafiosi waren immer noch da. «Sogar die Wäsche war draußen zum Trocknen aufgehängt, sodass jeder sehen konnte, dass die Familie stärker ist als der Staat; eine einschüchternde Botschaft auch für die Bevölkerung.» Schließlich zogen die Mafiosi zwar weg, nachdem sie alles im Haus zerstört hatten. Aber nicht weit: Das beschlagnahmte Gebäude war Teil eines Komplexes, in dem schon andere Familienmitglieder lebten.

Die Entscheidung, trotzdem zu bleiben, hat Don Panizza nicht allein getroffen: «Gerade die behinderten Menschen zeigten einen Mut, die bei sogenannt ‹Normalen› selten anzutreffen ist», erzählt er mit Stolz. Seitdem sind auch sie ins Visier der Mafia geraten: Die Bremsen von Transportwagen wurden sabotiert, nur ein glücklicher Zufall hat verhindert, dass niemand deswegen gestorben ist. Don Panizza selbst steht seit über zehn Jahren unter Polizeischutz. Seine Geschichte wurde 2010 vom Schriftsteller Roberto Saviano («Gomorrha») in einer erfolgreichen, von Berlusconis Partei bekämpften TV-Sendung der ganzen Nation bekannt gemacht. Jede seiner Bewegungen wird überwacht, und falls zweimal dasselbe Motorrad seinen Weg kreuzt, muss er sofort die Polizei alarmieren: «Nicht ich habe die Mafia gesucht», sagt er, «sondern sie mich.»


Bedrohung auch für die Schweiz

Wieso nicht einfach weggehen? Auf diese offensichtlich grobe Frage reagiert der sonst so geduldige Don Panizza irritiert. Nur für einen Augenblick allerdings, dann antwortet er mit jenem sanften Lächeln, das man üblicherweise nur für Kinder bereithält – oder für Menschen, die nichts von der Welt verstanden haben: «Wer sich vor den Mafiosi beugt, entgeht der Angst nicht. Die einzige Wahl, die einem bleibt, ist jene zwischen einer Angst, die ehrenhaft ist, und einer, die es nicht ist.»
Inzwischen ist die Präsenz der Mafia auch in der Schweiz belegt.

Das Land bietet optimale Bedingungen für die Geldwäscherei, und mit dem Geld kommen die Familien. Ob dies der Grund für seine Reise in die Schweiz sei? Nein, sagt Don Panizza, «ich habe nur auf eine höfliche Einladung reagiert.» Aber man solle aufmerksam bleiben hierzulande, denn mit der Ndrangheta lassen sich keine Geschäfte machen: Man fängt als Partner an, und bald ist man nur noch Opfer. So bringt der alles andere als weltfremde Priester die ’Ndrangheta-Philosophie auf den Punkt: «Cumandare è meglio ca futtere» (Herrschen ist besser als ficken). Und fügt dann scheinheilig hinzu: «Aber das kann man vielleicht nicht in der Zeitung schreiben?»