Montag, 3. Juni 2013

Der literarische Pate

 

Interview von Brigitte Gaiser

Der Wahl-Kronberger Claudio Michele Mancini ist mit Mafia-Romanen erfolgreich.


Der gewaltsame Tod seines Vaters war der Impuls für ihn, seine schriftstellerische Leidenschaft in neue Bahnen zu lenken. Mittlerweile ist der in Kronberg lebende Claudio Michele Mancini zum Bestseller-Autor geworden – durch schockierende und spannende Romane aus dem Mafia-Milieu – ein Milieu, das er bestens kennt.


 
Seit einigen Jahren lebt er in Kronberg, Claudio Michele Mancini. Die Liebe hat ihn hierher gebracht, nachdem er sein offizielles Berufsleben als Dozent in Berkeley und später als Unternehmensberater in Frankreich, Italien, Deutschland und den USA beendet hatte.

Natürlich möchte man wissen, was einen Geschäftsmann zum Schriftsteller macht. Die erste spontane Antwort darauf: "Der gewaltsame Tod meines Vaters, mein Gerechtigkeitssinn und die Leidenschaft fürs Schreiben." Seine Herkunft, Lebenserfahrung und seine Tätigkeit als Arbeits- und Wirtschaftspsychologe erwiesen sich, ohne dass er es damals ahnte, als ideale Lehrmeister für den erfolgreichen Weg zum Schriftsteller. "Und wie haben Sie das literarische Schreiben als die in diesem Metier notwendige Voraussetzung gelernt?" Nach kurzem Nachdenken meint er: "Ich habe immer viel gelesen. Schreiben konnte ich dann einfach." Bescheiden fügt er an: "Vielleicht habe ich auch ein bisschen Talent."

Er will sensibilisieren



Gerechtigkeitssinn als hauptsächliches Motiv bedarf einer Erklärung. Mancini ist der Sohn einer aus Nazi-Deutschland geflohenen Mutter und eines sizilianischen Vaters. Er wuchs in der Provinz Verbania am Lago Maggiore auf und machte 1964 an einer Klosterschule sein Abitur. Seine Ferien verbrachte er oft "bei Freunden" auf Sizilien. "Ich bin im unmittelbaren Umfeld der Mafia aufgewachsen", sagt er. Die traditionelle Mafia, die anders als die heute weltweit agierenden kriminellen Vereinigungen, welche mit Drogenhandel, Schutzgelderpressung und Prostitution ein gigantisches "Geldrad" drehen, war in Sizilien schon Anfang des 19. Jahrhunderts aus den Strukturen korrupter Statthalter der Großgrundbesitzer, den Gabelloti, hervorgegangen. Auch heute organisieren sie sich noch in sogenannten Familien, weiten jedoch ihre hierarchischen Machtstrukturen mit atemberaubender Geschwindigkeit auf ganz Europa aus, indem sie die engen Kontakte zu Wirtschaft und Politik nutzen.

Nach seinem Studium der Psychologie in München lernte Mancini durch seinen Beruf die Praktiken in der Wirtschaft kennen und meint: "Da gibt es wirklich rein gar nichts, was zur optimalen Kapitalanhäufung unterlassen wird, im Gegenteil. Auch ein Grund, weshalb ich mit meinen Büchern nicht nur unterhalten, sondern Leser für die unvorstellbaren Machenschaften sensibilisieren will." Sein ganzes Leben lang hat er sich schon mit der Mafia beschäftigt und hat viele Freunde unter den Carabinieri, Richtern und Staatsanwälten. Darum kennt er die großen Fälle, kennt die gesamten Verflechtungen, gegen die ein fast aussichtsloser Kampf gekämpft wird, und er weiß, was in der Gesellschaft gespielt wird.

Ein Jahr Recherche



"Die Vorarbeit für ein Buch kostet mich meistens ein ganzes Jahr, ein spannendes Jahr, aber auch ein Jahr angefüllt mit planvoller Arbeit", erzählt Mancini, "denn wenn die Recherche nicht auf allen Ebenen stimmt, wird nichts daraus." Er legt die Handlung fest, immer nach tatsächlichen Vorkommnissen, verfremdet, um Probleme zu vermeiden, die agierende Personen. Er muss darauf achten, dass diese in den Romanen nicht erkannt werden.


Claudio Michele Mancini

Daneben ist ein Hauptanliegen, immer so viel preiszugeben, dass der Leser in die verschiedenen Ebenen des Geschehens gut eingeführt wird, die Spannung erlebt, dass dabei aber auf keinen Fall irgendjemand in Gefahr gebracht wird. Denn, so Mancini, "die Mafia goutiert zwar Aufmerksamkeit als Aufwertung ihrer Macht, reagiert aber auch sehr schnell empfindlich, vergisst nichts und die Rache kann erst sehr viel später kommen".
 
 

Mafia 3.0

 
Die Recherche bedeutet für Mancini, sich mit den finsteren Seiten der Gesellschaft und negativen Charakteren zu beschäftigen. "Es ist schon so, dass jede Recherche einen weiteren Glauben an das Gute im Menschen kosten könnte, aber zum einen erfinde ich in meinen Romanen zu den finsteren Gestalten auch Gegenspieler und zum anderen habe ich meine großartige Frau an der Seite, mit der ich mir den Druck von der Seele lachen kann."
In seinem neuesten Werk "La Nera" beschreibt Mancini das Psychogramm einer jungen Frau, die in einen der mächtigsten sizilianischen Familienclans einheiratet und zu einer gefürchteten Patin wird. Zur Zeit schreibt Mancini an einem neuen Fall. Arbeitstitel: "Il Bastardo".