Sonntag, 5. Mai 2013

Warum ist die Mafia so mächtig?

Innerhalb jeder Organisation gibt es Gruppen, die in gewissen Momenten und auf unterschiedlichen Gebieten stärker sind als die anderen. Die kalabrische ’Ndrangheta ist sicherlich eine der mächtigsten Mafia-Organisationen der Welt, in deren Innerem jene Clans den Ton angeben, die auf dem Gebirgszug des Aspromonte beheimatet sind, in San Luca, Africo und Platì. In der neapolitanischen Camorra sind die Clans aus Casal di Principe, aus Secondigliano und aus der Kleinstadt Marano di Napoli besonders stark, auf Sizilien haben nach wie vor die Gruppen aus Palermo und Catania eine Vormachtstellung. Apulien ist heute zweigeteilt – im Norden herrschen die Clans der Camorra, im Süden die ’ndrine (Familien) der ’Ndrangheta.

Die apulische Sacra Corona Unita gilt als jüngste Mafia-Organisation Italiens, nach einer Zeit der Auflösung hat sie sich komplett neu formiert. Die Banden in meinem Land mögen unterschiedlich strukturiert sein, aber eines haben alle Mafia-Organisationen gemeinsam: Sie sterben nie ganz aus. In einem großen Verband kann es vielleicht vorkommen, dass eine Familie ausgelöscht wird, aber niemals die Organisation selbst.

In den vergangenen Jahren hat sich der Eindruck verstärkt, die sizilianische Mafia Cosa Nostra sei geschwächt, während die ’Ndrangheta eine immer stärkere Position einnehme. Das liegt vor allem daran, dass das Augenmerk und der ganze Einsatz der Staatsmacht sich nach den spektakulären Mafia-Morden an den Richtern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino auf Cosa Nostra richteten. Im Gegensatz zu anderen Organisationen hat die sizilianische Mafia stets direkt die staatlichen Institutionen attackiert, weil sie sich selbst als Gegenstaat begreift. Wer aber einen prominenten Richter oder Staatsanwalt ermordet, erregt sogar internationale Aufmerksamkeit, auf jeden Fall provoziert er eine starke Reaktion des Staates. ’Ndrangheta und Camorra operieren deshalb ganz anders.


Wenn etwas schiefläuft, dann ist die ’Ndrangheta auf dem Plan

Die ’Ndrangheta beherrscht eine äußerst isolierte Region. Man kann ihr Herrschaftsgebiet in Kalabrien nur mit dem Auto erreichen, und selbst das ist ziemlich schwierig. Nicht zuletzt deshalb, weil die ’Ndrangheta seit mehr als 40 Jahren den Ausbau der Autobahn von Salerno nach Reggio Calabria verhindert. Die Geschichte dieser Autobahn verliert sich in den schwarzen Löchern der italienischen Politik und in den nebulösen Beziehungen zwischen Politikern, Unternehmern und Organisierter Kriminalität.

In jedem Fall führt die Isolierung Kalabriens und der vollkommene Ausfall jeglicher Investitionen, die nicht an den zaghaften Tourismus der Sommermonate gebunden sind, dazu, dass dieser Landstrich der ’Ndrangheta nahezu uneingeschränkt zur Verfügung steht. Und gerade die Tatsache, dass dieses Herrschaftsgebiet so arm und rückständig ist, hat die ’Ndrangheta reich und mächtig gemacht.

Ich selbst bin in einer Gegend aufgewachsen, in der die Camorra Jahresumsätze im zweistelligen Milliardenbereich erzielte. Und doch waren die Straßen bei uns löchrig und unsicher, und nach einem einzigen Regenguss funktionierte die Kanalisation nicht mehr. Es gab keine Kindergärten und keine Fußballplätze, es gab überhaupt gar nichts. Oft habe ich mich gefragt, warum die Mafia nicht ein Prozent ihrer riesigen Gewinne in ihr Herrschaftsgebiet investiert. Einfach, um ihr eigenes Reich ein wenig lebenswerter, weniger verzweifelt zu machen. Aber das ist eine naive Frage, denn wenn es wirklich so etwas wie Lebensqualität geben würde, dann könnten die Menschen mehr verlangen.

Heute kann ein Boss für 2.500 Euro einen Mord in Auftrag geben, manchmal auch für sehr viel weniger. Wenn aber die Menschen in meiner Heimat eine funktionierende Umgebung, so etwas wie Freizeitgestaltung, kurzum ein einfacheres Leben hätten, dann wäre es ziemlich schwierig, einen Killer zu finden, der für diesen Preis ein derart großes Risiko eingehen würde. Ein noch so bescheidener Wohlstand würde dazu führen, dass man die Bedingungen der Organisation nicht mehr widerspruchslos akzeptiert. Ganz abgesehen davon, dass man mit einer Investition in das Allgemeinwohl auch die eigenen oder auch nur potenziellen Feinde füttern würde.

Gewinnbringender ist es, einem Gefolgsmann großzügig Geld zu schenken, wenn dessen Kind gerade Probleme hat. Lieber deinen Leuten etwas geben als allen, das gilt auch in Kalabrien, und das ist die wahre Stärke der Mafia: Sie lassen ihr Territorium im Elend verkommen, und sie setzen dort das Gesetz des Schweigens durch, die Diktatur absoluter Zurückhaltung, die Regel des einfachen Lebens und des Verzichts. Man könnte sich fragen, wie derart rückständige Männer illegale Weltunternehmen dirigieren können. Aus dieser Frage spricht die Naivität derer, die das System der Mafia nicht kennen.

Die ’Ndrangheta hat beste Kontakte nach Südamerika, weil sie mit ihrer Zuverlässigkeit das Vertrauen der Drogenhändler erobern konnte. Die Regeln aus dem Aspromonte gelten in der ganzen Welt, in Australien und Neuseeland wie in Kanada und Europa, weil bei Problemen innerhalb eines Geschäfts mit der ’Ndrangheta immer die Männer des Aspromonte gefragt sind. Wenn eine Tonne Kokain schlechter bezahlt wird oder gar nicht, wenn dieses Kokain beschlagnahmt wird, wenn überhaupt irgendetwas schiefläuft, dann sind die Männer der ’Ndrangheta auf dem Plan – in Italien oder sonst wo auf der Welt. Wer mit der ’Ndrangheta ein Geschäft macht, der weiß, dass die ’Ndrangheta auch die Probleme löst. Immer.

Gleichzeitig sind die ’Ndranghetisti in ihrem isolierten Herrschaftsgebiet so gut wie unauffindbar. Und die ’Ndrangheta baut auf die Blutsverwandtschaft, das macht sie gewissermaßen zur aristokratischsten aller Mafia-Organisationen. Die Camorra hingegen ist absolut »bürgerlich«, bei ihr kann auch Karriere machen, wer kein Sohn eines Camorrista ist. Deshalb verfügt die Camorra, die vor allem mit öffentlichen Bauaufträgen reich geworden ist, über unendlich viel mehr Gefolgsleute als die ’Ndrangheta. Die genaue Zahl ist naturgemäß schwer zu schätzen, aber ich weiß, dass die Camorra über ihre »Soldaten« hinaus auf rund 100.000 Menschen zählen kann, Minderjährige eingerechnet. Die ’Ndrangheta kommt wahrscheinlich nur auf die Hälfte.


Aber diese Zahlen sagen wenig aus. Vor allem fußt eine Organisation auf eisernen Regeln und auf Respekt. Ich verstehe nicht, wie sich die Idee verbreiten konnte, Mafia habe etwas mit Chaos und Unordnung zu tun und die Mafiosi seien lebenslustige und etwas anarchische Klischee-Italiener. Dabei können Mafia-Männer vielleicht aussehen wie in der Fernsehserie Sopranos , ihre Macht aber erhalten sie mit strengster Disziplin und Opferbereitschaft. Was den Kalabriern erlaubt, in Deutschland so stark zu werden, ist die Tatsache, dass die Deutschen nie eine eigene Mafia hervorgebracht haben. Viele Deutsche arbeiten mit den Italienern zusammen, aber sie schaffen es nicht, sich selbst zu organisieren, weil ihnen dazu die kulturelle, familiäre und religiöse Struktur fehlt.

Versucht euch doch einmal vorzustellen, was es für einen Deutschen bedeutet, zehn Jahre lang versteckt in einem unterirdischen Bunker zu leben. Diese Art von Opfer hat für jemanden, der aus einer nicht vollkommen verzweifelten Gegend kommt, gar keinen Sinn. Die deutschen Drogenhändler sind schwach, sie reden sofort, sie knicken viel früher ein als die Italiener. Vielleicht kann man mit ihnen Drogen- oder Waffengeschäfte machen, aber eine Organisation aufbauen, das können sie nicht. Sie können nur auf einer individuellen Ebene kriminell sein, das auch durchaus erfolgreich, wenn ich etwa den Haschisch-Markt in Berlin betrachte. Den kontrollieren die Deutschen gemeinsam mit Marokkanern und Nigerianern.

Aber das heißt noch lange nicht, dass die Deutschen mit den weltumspannenden italienischen Organisationen konkurrieren könnten, ebenso wenig übrigens wie die Spanier oder die Franzosen. Das liegt jenseits der kulturellen Unterschiede auch daran, dass man in Deutschland oder in Frankreich ein würdiges Leben führen kann, ohne deshalb gleich »lebenslänglich« riskieren zu müssen. Ein Junge aus Platì aber weiß, dass er, wenn er nach oben will, eine lebenslängliche Freiheitsstrafe in Kauf nehmen muss. Er rechnet damit, ein ’Ndranghetista zu werden, der tötet, der aber auch selbst getötet werden kann. Wenn er diesen Weg nicht gehen will, wird er höchstens Bauarbeiter, bestenfalls verlässt er sein Land. Woanders stellt man sich vor, dass Süditaliener lange und intensiv überlegen, bevor sie sich zum Eintritt in die Mafia entscheiden. Aber in Kampanien oder Kalabrien werden die Risiken hingenommen, weil den Mafiosi nahezu unbegrenzte Macht verheißen wird.

Um zu erklären, wie das aussieht, möchte ich eine kleine Geschichte erzählen: Wenn ein Boss zum Friseur geht, hat derjenige, der gerade bedient wird, sofort aufzuspringen und dem Boss seinen Platz anzubieten. Das scheint absurd, ist aber enorm wichtig. In Rom, in Mailand oder in Berlin würde der Boss warten wie alle anderen. In Platì oder in Casal di Principe aber beharrt er auf dieser Respektsbezeugung. Denn dieser beflissen geräumte Stuhl beim Friseur bedeutet, dass man alles für ihn tun würde, auch morden, dass der Boss auf totale Unterwerfung zählen kann, dass von den Steinen bis zu den Menschen alles ihm gehört. Nun rebellierte aber in dem von der Camorra beherrschten Ort Crispano ein Friseur gegen dieses ungeschriebene Gesetz.

In seinen Salon trat der Boss Antonio Cennamo ein, genannt ’o Malomm, der Böse. Sofort sprang ein Kunde, der gerade rasiert wurde, auf und setzte sich mit dem Rasierschaum im Gesicht zu den Wartenden. Aber der Friseur hinderte Antonio Cennamo daran, seinen Platz einzunehmen, und beschimpfte seine Kundschaft: »Ihr seid nur eine Herde von feigen Schafen. Wenn Herr Cennamo bedient werden will, soll er warten wie alle anderen.« Der Boss lachte nur und verließ das Geschäft, einige Kunden taten es ihm gleich. Kurz darauf wurde der Friseursalon abgebrannt. Der mutige Friseur aber wurde nicht nur schlimm verprügelt, man zwang ihn auch, sich bei ’o Malomm zu entschuldigen. Er musste sich dafür entschuldigen, geboren worden zu sein. Er suchte um Verzeihung dafür, dass er auf der Welt ist!

Man weiß nicht, ob man über diese Geschichte lachen oder weinen soll, aber in gewissen Gegenden Italiens ist das der Stoff für religiöse Legenden.