Mittwoch, 6. März 2013

Sex-Orgie und Mord im Vatikan?

Emanuela Orlandi, Tochter eines Vatikanbeamten, verschwand vor 30 Jahren.




Es gibt wohl kaum einen Kriminalfall, der die Italiener so lange beschäftigt wie das Verschwinden von Emanuela Orlandi, Tochter eines Vatikanbeamten, im Juni 1983. Seit damals gibt es immer wieder neue und zum Teil auch sehr abenteuerliche Theorien über den Vorfall. Und jetzt, wo die Staatsanwalt wieder einmal aktiv geworden ist, behaupten einige Beobachter sogar, der Rücktritt des deutschen Papstes Benedikt habe etwas mit dem unglaublichen Krimi zu tun.

Über das Verschwinden von Emanuela Orlandi, die damals 15 Jahre alt war, sind viele Bücher geschrieben worden. Und es gibt wohl auch kaum eine Geschichte, die so spannend ist und in die so viele eminente Protagonisten verwickelt sind: Staaten und Geheimdienste, Verbrecherorganisationen und die Kirche, hohe Geistliche und Drogenhändler. Ganz, ganz grob zusammengefasst, kann man die Geschichte folgendermaßen erzählen:



Emanuela Orlandi


Am 22. Juni 1983 wird Emanuela Orlandi zum letzten Mal gesehen: Sie kam vom Musikunterricht in einer kirchlichen Institution und wollte zu ihren Eltern, mit denen sie innerhalb des Vatikanstaates wohnte. Ziemlich bald sehen die Medien Verbindungen zwischen dem Verschwinden des Mädchens und dem Attentat 1981 auf Papst Wojtyla. In mehreren Telefonaten fordern die angeblichen Entführer des Mädchens ihren Austausch gegen den türkischen Faschisten Alì Agca, der auf den Papst geschossen hatte. Diese »türkische Spur« wird dann von dem ehemaligen Stasiagenten Günter Bohnsack dementiert.

Dann wird es einige Jahre relativ ruhig um den Fall Orlando. Zwar erhalten die Eltern immer wieder Anrufe von Menschen, die angeblich wissen, wo sich Emanuela aufhält, aber all diese Hinweise verlaufen im Nichts. Doch die Gerüchteküche bleibt nie kalt und geht vor allem in zwei Richtungen, die - wie sollte es in einem so verworrenen Krimi anders sein - auch noch miteinander verbunden sind.

Zum einen gibt es Hinweise darauf, dass Kardinal Paul Marcinkus, lange Jahre Vorsitzender der skandalumwitterten Vatikanbank IOR, in den Fall verwickelt ist. Der amerikanische Geistliche soll zumindest einige Anrufe, die die Familie Orlandi erreichten, getätigt haben. Sollte es tatsächlich möglich sein, dass man Emanuela entführt hat, um ihren Vater, der wie gesagt im Vatikan arbeitete oder über ihn einen bestimmten Teil der Kirchenhierarchie unter Druck zu setzen? Wollte jemand Marcinkus und seine Verbindungen zur italienischen Mafia auffliegen lassen?

Und dann taucht in den Untersuchungen der Staatsanwaltschaft plötzlich noch eine ganz andere Persönlichkeit auf: Der Drogenhändler und Anführer der damals mächtigsten Verbrecherbande von Rom, Renato De Pedis. Dieser hatte zweifellos hervorrage Beziehungen zu einigen Priestern (und auch zur Vatikanbank, über die er Drogengelder weißgewaschen haben soll). Und es ist seltsam, dass ein Mann, der Zeit seines Lebens im Gefängnis ein- und ausging, in der wunderbaren Basilika Sant‘Apollinare beigesetzt wurde. Wer schuldete »Renatino«, wie er in Verbrecherkreisen hieß, einen solchen Gefallen?

Nun verfolgt man folgende Spur: Emanuela Orlandi nahm an Sexorgien mit hohen Geistlichen teil. Bei einer solchen Veranstaltung »lief etwas schief«, und das Mädchen starb (oder wurde Zeugin eines Mordes). Der Vatikan rief De Pedis, um aufzuräumen.  Bei all dem, was in den letzten Jahren über Missbrauch in der katholischen Kirche bekannt wurde, erscheint dem Staatsanwalt diese Theorie durchaus verflogungswert.

Gerüchten nach soll Papst Josef Ratzinger versucht haben, vor allem in der Vatikanbank, aber auch im möglichen Missbrauchsfall von Emanuela Orlandi reinen Tisch zu machen und sei dabei gescheitert. Der »Fall Orlandi« ist noch nicht zu den Akten gelegt worden!