Freitag, 15. Februar 2013

LKA-Papier: Mafiakrieg droht

von Jürgen Roth und Rainer Nübel

Jahrelang haben das Landeskriminalamt Baden-Württemberg (LKA) und das Innenministerium in Stuttgart das Mafiaproblem im Land heruntergespielt. Jetzt zeigt ein internes LKA-Papier die krasse Realität: In ganz Baden-Württemberg leben zahlreiche Mitglieder und Kontaktleute vorrangig der gefährlichen kalabrischen 'Ndrangheta. Es drohen demnach sogar blutige Kriege zwischen einzelnen Clans – in Singen haben Ermittlungen 2007 einen Auftragsmord vereitelt.




Jetzt durchbricht das interne LKA-Papier die Omertà – und dokumentiert eine innenpolitisch brisante Situation: Laut diesem Lagebild haben mindestens elf verschiedene 'Ndrangheta-Clans Dependancen, Mitglieder und Kontaktleute in Baden-Württemberg. Von Stuttgart bis an den Bodensee, von Karlsruhe bis Ulm. Immer wieder werden in den LKA-Unterlagen die kriminellen Aktivitäten der verschiedenen kalabrischen Mafiagruppierungen aufgezählt: Drogenhandel, Waffenhandel, Schutzgelderpressung, Bestechung.

Die Geldwäsche wird nicht erwähnt

Was dabei auffällt: ein weiterer gravierender Deliktbereich, den das Bundeskriminalamt (BKA) in seinem aktuellen 'Ndrangheta-Bericht zu denselben Clans aufführt, wird von den Stuttgarter Ermittlern merkwürdigerweise nicht genannt: Geldwäsche. Dabei ist gerade die 'Ndrangheta darin höchst aktiv. Jährlich macht die kalabrische Mafia-Organisation mit ihren kriminellen Geschäften weltweit einen geschätzten Umsatz von mehr als 40 Milliarden Euro. Keine Erwähnung findet in dem LKA-Dossier auch, dass die 'Ndrangheta enge Bündnisse mit türkischen und kolumbianischen Drogenkartellen eingegangen ist.

Mehrere Clans kämpfen um die Vorherrschaft

Die Gefahr, dass sich ein Mafiakrieg mitten in Baden-Württemberg abspielen könnte, gilt offenbar auch und besonders für den Raum Stuttgart. Dort hat sich seit mehr als zwanzig Jahren vorrangig der mächtige Farao-Clan aus dem Raum Crotone nördlich von Cantanzaro festgesetzt. Sein Boss, Giuseppe Farao, hatte sich wiederholt in Stuttgart aufgehalten, bis er Mitte der 90er-Jahre in Italien verhaftet und später wegen mehrfachen Mordes zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Diesem Clan soll laut dem aktuellen 'Ndrangheta-Bericht des Bundeskriminalamts nach wie vor ein kalabrischer Gastronom angehören, der in früheren Jahren vorrangig mit baden-württembergischen CDU-Politikern in regem Kontakt gestanden hatte und auf der Karriereleiter der 'Ndrangheta sogar aufgestiegen sein soll. Laut Erkenntnissen des BKA soll er zudem über Kontakte zur sizilianischen Cosa Nostra verfügen. Davon ist im Lagebericht des Stuttgarter Landeskriminalamts seltsamerweise keine Rede. Auch nicht davon, dass der Name dieses Mannes in italienischen Ermittlungsunterlagen zu einem 2008 von 'Ndrangheta-Leuten begangenen Wahlbetrug in Stuttgart aufgeführt wird.

Wohl aber schildern die LKA-Ermittler, dass Kalabrier aus der Provinz Crotone, die sich vor Jahrzehnten im Großraum Stuttgart angesiedelt haben und teilweise in der dritten Generation hier leben, über Kontakte zu Personen mit 'Ndrangheta-Bezügen verfügen. Neben dem Farao-Clan, der sich mit anderen Clans verbündet hat, dominiert in der Region Crotone eine zweite mafiöse Gruppe: der Clan Grande Aracri. Zwischen beiden Gruppen tobt inzwischen ein blutiger Kampf um die Vormachtstellung in Crotone, wie im Lagebild des Stuttgarter Landeskriminalamts geschildert wird: "So wurde am 28. 9. 2008 der Schwiegersohn des Giuseppe Farao in der Nähe von Mailand ermordet." Sein Leichnam sei auf dem Grab des im Juli 2008 erschossenen Chefs einer mit dem Farao-Clan verbündeten 'Ndrangheta-Gruppe abgelegt worden. "Vertreter der verfeindeten Clans", so das LKA, "wurden bisher im Großraum Stuttgart und im Regierungsbezirk Karlsruhe festgestellt."

"Behörden reden das Problem klein bis zu Unkenntlichkeit"

Eines zeigt der vertrauliche Bericht freilich eindeutig: Die bisherige Politik des Verharmlosens und des Wegredens des Mafiaproblems in Baden-Württemberg ist desavouiert. Und nicht mehr aufrechtzuerhalten. Wie bisher gemauert und abgewiegelt wurde, hat jetzt übrigens auch der "Spiegel"-Redakteur Andreas Ulrich in einem gerade erschienenen Buch über die 'Ndrangheta ("Metastasen") eindrucksvoll beschrieben: "Die deutschen Behörden hüten sich geradezu davor, gegen die italienische Mafia zu ermitteln. Sie reden das Phänomen klein bis zur Unkenntlichkeit." Und an anderer Stelle: "Auf Nachfragen reagiert das Landeskriminalamt in Stuttgart allerdings sehr zugeknöpft und versucht jeden Eindruck zu zerstreuen, es gebe in Baden-Württemberg ein Mafiaproblem."